Sonntag, 27. Oktober 2024

Die invasive Art von Manuel Schmitt

Die invasive Art von Manuel Schmitt



Seiten: 304
Verlag: Knaur
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3426530481
Amazon: Amazon.de





Rating: 6/10


Inhalt:

Die Ozeane sterben. Die Fischbestände schwinden, und Wissenschaftler auf der ganzen Welt versuchen in beispiellosen Projekten, die drohende Katastrophe abzuwenden. Ein solches Projekt ist die Tiefseestation Bathos IV, deren Besatzung — die philippinische Geologin Mayari, die norwegische Biologin Svea und der amerikanische Ingenieur Mat — mehr über das Meeressterben herausfinden wollen. Beim Sichten der Drohnenaufnahmen stoßen sie auf eine ungewöhnliche Ansammlung von Quallen, deren pulsierendes Leuchten tausende Fische wie magisch anzieht. Gebannt von dem Schauspiel müssen die drei Aquanauten kurz darauf alles infrage stellen, was sie über das Meer und seine geheimnisvollen Bewohner zu wissen glaubten. Sind diese Quallen der Grund für das Meeressterben? Oder im Gegenteil, sind sie die Lösung? Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt … Im hochspannenden und actionreichen Science–Fiction-Thriller von Manuel Schmitt kämpfen drei junge Wissenschaftler um die Rettung der Ozeane und kommen einer Wahrheit auf die Spur, die auf dramatische Weise die Zukunft der Menschheit beeinflussen wird. Für Fans von Frank Schätzings »Der Schwarm« oder James Camerons »The Abyss«. Manuel Schmitt ist als SgtRumpel auf YouTube, Twitter und Facebook aktiv und hat mit dem phantastischen Roman »Godmode« sein Autorendebut gefeiert.

Review:

Manuel Schmitts "Die invasive Art" entführt den Leser in eine erschreckend realistische Zukunft, in der die Ozeane nahezu tot sind. Die Welt, die der Autor entwirft, ist düster und beklemmend, und das Ausmaß des Meeressterbens lässt einen nicht los. Schmitt, bekannt durch seine Arbeit als SgtRumpel auf YouTube und seine Hörspielproduktionen, verwebt gekonnt wissenschaftliche Fakten mit einem fesselnden Science-Fiction-Thriller. Die sorgfältige Recherche und der sachliche Ton in den wissenschaftlichen Erklärungen verleihen dem Buch eine Authentizität, die den Leser dazu bringt, die realen Bedrohungen unserer Zeit ernsthaft zu hinterfragen.

Die Geschichte folgt drei Wissenschaftlern – Mayari, Svea und Mat – die verzweifelt versuchen, das drohende Ende des maritimen Lebens zu verhindern. Der Roman gliedert sich in drei Teile, die jeweils durch Zeitsprünge getrennt und aus den Perspektiven der Protagonisten erzählt werden. Dabei bietet Schmitt eine vielschichtige Erzählung, die sowohl das persönliche Engagement der Figuren als auch die globalen Konsequenzen ihres Handelns beleuchtet.

Die Charaktere sind nachvollziehbar und wirken menschlich, auch wenn sie gelegentlich etwas flach bleiben. Vor allem in den ersten Kapiteln geht die Tiefe der Figuren ein wenig in den wissenschaftlichen Erklärungen und der ausgedehnten Exposition verloren. Doch die Handlung zieht in der zweiten Hälfte des Buches stark an und gipfelt in einem unerwarteten und kraftvollen Finale, das den Leser nachdenklich zurücklässt.

Ein Kritikpunkt ist die Diskrepanz zwischen dem, was der Klappentext verspricht, und der tatsächlichen Entwicklung der Geschichte. Wer eine Handlung erwartet, die sich stark auf mutierte Quallen oder eine neue Spezies konzentriert, könnte enttäuscht werden. Die Quallen spielen zwar eine zentrale Rolle, jedoch entwickelt sich die Geschichte in eine weitaus komplexere Richtung, als es zunächst den Anschein hat. Dies mag nicht jedem Leser gefallen, ist jedoch ein mutiger erzählerischer Schritt, der die Tiefe des Romans unterstreicht.

Insgesamt ist "Die invasive Art" ein beeindruckender und gut recherchierter Thriller, der aktuelle Themen wie Klimawandel, Überfischung und Umweltzerstörung aufgreift und dabei eine bedrückende, aber nicht hoffnungslose Zukunft zeichnet. Es ist eine klare Leseempfehlung für alle, die sich für Umweltfragen interessieren und gleichzeitig ein Faible für spannende, wissenschaftlich fundierte Science-Fiction haben. Auch wenn es einige Längen und kleinere Schwächen in der Charakterzeichnung gibt, überzeugt das Buch durch seine dringliche Botschaft und seine atmosphärische Dichte. Schmitt zeigt einmal mehr, dass er ein Meister darin ist, reale Bedrohungen in packende Geschichten zu verwandeln.

Mittwoch, 23. Oktober 2024

What a Way To Go von Bella Mackie

What a Way To Go von Bella Mackie 



Seiten: 448
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453275217
Amazon: Amazon.de







Rating: 7/10


Inhalt:

Mit jedem erdenklichen Pomp begeht Anthony Wistern – Self-Made-Millionär, Patriarch, Womanizer – seinen 60. Geburtstag. Doch zum Höhepunkt der Party findet er sich überraschend im Jenseits wieder. Von dort aus muss er beobachten, wie „seine Lieben“ die eine oder andere Krokodilsträne angesichts seines Todes hervorpressen, sich de facto allerdings nur für eines interessieren: das Erbe. Aber wie verdammt, ist er eigentlich gestorben? So einige Partygäste hätten sicher Grund gehabt, ihm die Lichter auszublasen: betrogene Geschäftspartner, sitzengelassene Geliebte, raffzahnige Familienmitglieder. Die Polizei scheint keinerlei Interesse an Ermittlungen zu hegen. Insofern ruht Anthonys ganze Hoffnung auf einer jungen True-Crime-Bloggerin, die mit erstaunlicher Zähigkeit Nachforschungen anstellt. Fragt sich nur, mit welcher Agenda …

Review:

Bella Mackies "What a Way to Go" ist eine bissige und schwarzhumorige Satire über eine Familie, die so dekadent und moralisch bankrott ist, dass man sich als Leser kaum von ihrem Abgrund abwenden kann. Der Roman beginnt mit dem plötzlichen Tod des Patriarchen Anthony Wistern, einem wohlhabenden CEO, der auf seiner pompösen 60. Geburtstagsfeier stirbt. Doch der Tod ist nur der Anfang: Anthony befindet sich in einer Art jenseitigem „Limbus“ und kann erst in die nächste Welt übertreten, wenn er herausgefunden hat, wie er gestorben ist. Diese übernatürliche Prämisse verleiht der Geschichte eine interessante Dimension und bietet den perfekten Rahmen, um die Absurdität und Skrupellosigkeit seiner Familie zu enthüllen.

Mackie setzt auf einen Erzählstil, der aus drei Perspektiven geschildert wird: Anthony, der unfreiwillige Geisterdetektiv, seine eiskalte Ehefrau Olivia und eine mysteriöse Ermittlerin, die als wahre Krimi-Besessene die Wahrheit hinter Anthonys Tod aufdecken will. Diese multiperspektivische Erzählweise verleiht dem Roman eine reizvolle Dynamik und eröffnet dem Leser spannende Einblicke in das zerrüttete Familienleben der Wisterns.

Die Figuren sind bewusst überzeichnet – und gerade das macht sie so unterhaltsam. Es gibt hier keine Sympathieträger, doch das ist das wahre Vergnügen des Romans: Alle Charaktere, von der gefühlskalten Olivia bis zu den egoistischen und unberechenbaren Kindern, sind in ihrer Selbstsucht und Oberflächlichkeit erschreckend, aber auch faszinierend. Besonders gut gelingt es Mackie, die hässliche Fratze von Macht und Reichtum offenzulegen. Die Wisterns verkörpern eine entgleiste Elite, die nur an sich selbst denkt, was der Autorin die Möglichkeit gibt, auf sehr komische, aber auch tiefgründige Weise mit Themen wie Gier, Privilegien und familiären Zerwürfnissen zu spielen.

Was "What a Way to Go" wirklich besonders macht, ist der scharfsinnige Humor, der jede Szene durchzieht. Mackie schafft es, ernste Themen wie Tod, Verrat und Familienkonflikte mit einer Leichtigkeit zu behandeln, die gleichzeitig schockiert und zum Lachen bringt. Diese Balance zwischen dunkler Komik und bitterer Tragik macht das Buch zu einem unterhaltsamen, aber auch nachdenklich stimmenden Leseerlebnis.

Trotz all seiner Stärken ist der Roman kein rasantes Thriller-Abenteuer. Das Tempo ist eher gemächlich, und die Spannung entwickelt sich langsam, was nicht jedem Leser gefallen dürfte. Doch wer die Geduld aufbringt, wird mit einer cleveren Handlung belohnt, die immer wieder unerwartete Wendungen nimmt und bis zum Ende fesselt.

"What a Way to Go" ist eine intelligente und böse Satire über das Leben in den oberen Schichten, über Familiengeheimnisse und die Lügen, die wir uns selbst erzählen. Bella Mackie zeigt uns eine Welt, in der kein Charakter ungeschoren davonkommt, und gerade das macht den Roman so herrlich vergnüglich. Wer schwarzen Humor, komplexe Figuren und einen Hauch Übernatürliches mag, wird dieses Buch mit Begeisterung lesen.

Samstag, 19. Oktober 2024

Cyberpunk 2077: No Coincidence von Rafał Kosik

Cyberpunk 2077: No Coincidence von Rafał Kosik



Seiten: 416
Verlag: Knaur HC
Sprache: Deutsch
ISBN-10:3426228122
Amazon: Amazon.de








Rating: 6/10


Inhalt:

Welcome to Night City! »Cyberpunk 2077: No Coincidence« ist der erste offizielle Roman aus der Welt des Games-Bestsellers »Cyberpunk 2077« Die ebenso glitzernde wie gefährliche Metropole Night City im Kalifornien des Jahres 2077: Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von sechs Fremden überfällt einen Konvoi, um einen geheimnisvollen Container der Firma Militech zu rauben. Keiner von ihnen ist freiwillig hier, sie alle wurden erpresst, sich an dem Überfall zu beteiligen – und sie haben nicht die leiseste Ahnung, wie weit der Einfluss ihres mysteriösen Auftraggebers reicht oder was sie da eigentlich gestohlen haben. Nur eines ist ihnen vollkommen klar: Wenn sie überleben wollen, müssen sie lernen, ihre Differenzen zu überwinden und zusammenzuarbeiten, bevor ihre nächste Mission beginnt … Coole Sprüche und heiße Action zeichnen den dystopischen Roman des polnischen Science-Fiction-Autors Rafal Kosik ebenso aus wie den Computerspiel-Hit mit Keanu Reeves in einer der Hauptrollen. »No Coincidence« ist ein großer Spaß für alle Fans des Games »Cyberpunk 2077« sowie der Netflix-Serie »Cyberpunk: Edgerunners«.

Review:

Es ist kein Geheimnis, dass die Qualität von Romanen, die auf Videospielen basieren, in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Cyberpunk 2077: No Coincidence ist ein Beispiel für diese Entwicklung und entführt uns in die vertraute, neongetränkte Dystopie von Night City, um eine packende Heist-Geschichte zu erzählen. Doch wie so oft bei Literatur, die tief in die Lore eines etablierten Universums eingebettet ist, stellt sich die Frage: Funktioniert der Roman eigenständig, oder bleibt er nur für Fans des Spiels reizvoll?  

Eine Welt für Eingeweihte

Kosiks Roman wirft seine Leser ohne Vorwarnung mitten in das komplexe Universum von Cyberpunk 2077. Die düsteren Straßen von Night City und die technologischen Abgründe der Zukunftsstadt werden zwar meisterhaft zum Leben erweckt, doch ohne Vorkenntnisse fühlt man sich schnell verloren. Wer das Spiel oder die Serie Edgerunners nicht kennt, wird von den zahlreichen Fachbegriffen, Charakteren und Lokationen regelrecht überrollt. Das Buch setzt einfach voraus, dass man bereits ein tieferes Verständnis von Cyberpunk-Themen und der speziellen Terminologie besitzt. Für eingefleischte Fans mag das ein Genuss sein – eine Rückkehr in eine vertraute Welt –, doch für Neulinge könnte es zu einer holprigen Leseerfahrung werden. Es fehlt an den kleinen, einführenden Momenten, die sonst einen neuen Leser an die Hand nehmen.

Ein verzwicktes, aber packendes Heist-Abenteuer

Die Handlung selbst folgt dem klassischen Schema einer Heist-Geschichte: Eine Gruppe von Außenseitern, jeder mit einzigartigen Fähigkeiten und einem dunklen Geheimnis, wird gezwungen, gemeinsam einen gefährlichen Job auszuführen. Was Kosik dabei gut gelingt, ist das Gefühl von Spannung und Chaos. Das geplante Verbrechen – der Überfall auf einen Militech-Konvoi – wird mit einem ständigen Wechsel der Perspektiven und einem unablässigen Erzähltempo vorangetrieben. Diese schnelle Abfolge von Szenenwechseln mag für einige Leser verwirrend wirken, doch sie spiegelt auf eindrucksvolle Weise die chaotische und unberechenbare Natur von Night City wider. Gleichzeitig ist diese Erzählweise eine zweischneidige Klinge: Einerseits hält sie die Spannung hoch, andererseits verhindert sie oft, dass man sich tiefgehend mit den Charakteren identifizieren kann.  

Die Figuren sind archetypisch für das Genre, aber nicht weniger unterhaltsam. Wir haben den abgebrühten Söldner, den cybernetisch aufgerüsteten Hacker, die zynische Konzernverhandlerin und weitere typische Charaktere des Cyberpunk-Universums. Ihre Geschichten und Motivationen sind durchaus reizvoll, doch bleibt man als Leser oft emotional auf Distanz. Die Vielzahl an Perspektivwechseln verhindert eine tiefe Bindung, was schade ist, da die Figuren das Potenzial für mehr haben.

Stilistische Stärken und Schwächen

Kosiks Schreibstil passt hervorragend zur düsteren und brutalen Atmosphäre von Night City. Er fängt die Verzweiflung, die Gewalt und die Verlockungen dieser technologischen Hölle auf beeindruckende Weise ein. Besonders hervorzuheben ist, wie detailliert und immersiv die Welt beschrieben wird. Vom glamourösen Glanz der Konzernhochburgen bis hin zu den dreckigen Ecken der Slums – Kosik versteht es, seine Leser mitten ins Geschehen zu ziehen. Dennoch wirkt die Sprache manchmal etwas zu sehr auf die Fans des Spiels zugeschnitten. Begriffe, die nur in der Welt von Cyberpunk 2077 Sinn ergeben, könnten unvorbereitete Leser verwirren und abschrecken.

Ein Roman mit klaren Zielgruppen

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass No Coincidence ein rasanter und unterhaltsamer Roman ist, der jedoch klar auf eine spezifische Leserschaft abzielt. Für Fans von Cyberpunk 2077, die ihre Zeit in Night City verlängern wollen, bietet der Roman genau das: vertraute Orte, bekannte Stimmungen und eine Geschichte, die nahtlos in das Universum passt. Wer jedoch keinen Bezug zu dieser Welt hat, wird Schwierigkeiten haben, in die Geschichte einzutauchen. Zudem könnten Leser, die auf tiefergehende Charakterentwicklungen und emotionale Verbindungen hoffen, enttäuscht werden, da der Fokus klar auf der Action und der Atmosphäre liegt.

Für Liebhaber des Cyberpunk-Genres und insbesondere für Fans von Cyberpunk 2077 ist No Coincidence ein lohnender Ausflug in die düstere Zukunft von Night City – eine spannende, chaotische Heist-Story, die stilistisch überzeugt, aber emotional distanziert bleibt. Kosik liefert, was man erwartet, aber das gewisse Etwas, das den Roman über die bereits bekannten Grenzen des Franchise hinaushebt, bleibt aus.

Fazit:

No Coincidence ist ein actiongeladener Roman, der das Cyberpunk-Universum gekonnt erweitert, aber nur diejenigen wirklich begeistert, die bereits in Night City heimisch sind. Literarisch solide, spannend erzählt, aber für Außenstehende wenig zugänglich. Ein Muss für Fans, ein Fragezeichen für alle anderen.

Mittwoch, 16. Oktober 2024

Felix Blom. Der Häftling aus Moabit von Alex Beer

Felix Blom. Der Häftling aus Moabit von Alex Beer 



Seiten: 384
Verlag: Blanvalet
Sprache: Deutsch
ISBN-10:3734112575
Amazon: Amazon.de







Rating: 7/10


Inhalt:

Berlin, 1878: Der Gauner Felix Blom wird nach drei Jahren Haft aus dem Gefängnis Moabit entlassen. Doch in Freiheit ist nichts mehr so, wie es mal war. Sein Hab und Gut wurde gepfändet, seine Verlobte ist mit jemand Neuem liiert. Alle Versuche, an Geld oder Arbeit zu kommen, scheitern. Aber dann hat Blom eine geniale Idee: Warum sich nicht mit der neuen Nachbarin zusammentun? Die ehemalige Prostituierte Mathilde führt eine Privatdetektei, allerdings sind die Aufträge rar, da man ihr als Frau diese Arbeit nicht zutraut. Ihr erster Fall führt die beiden gleich auf die Spur eines mysteriösen Mörders, der seinen Opfern Briefe mit der Botschaft zukommen lässt: »Binnen dreißig Stunden musst Du eine Leiche sein.« Als auch Blom eine solche Karte erhält, wird die Sache persönlich …

Review:

Alex Beer hat mit "Felix Blom – Der Häftling aus Moabit" einen Auftakt geschaffen, der sowohl durch historische Tiefe als auch durch atmosphärische Spannung besticht. Im Berlin des Jahres 1878 erzählt sie die Geschichte von Felix Blom, einem ehemaligen Meisterdieb, der nach drei Jahren Haft auf eine gnadenlose Gesellschaft trifft, die ihn schnell wieder in den Abgrund zu stoßen droht. Ohne Freunde und Perspektiven muss Blom innerhalb weniger Tage Wohnung und Arbeit finden – ein fast unmögliches Unterfangen, das durch einen brutalen Mordfall zusätzlich kompliziert wird. 

An Beers neuem Protagonisten fasziniert seine moralische Ambivalenz: Blom ist kein Held, sondern ein gebrochener Mann, der versucht, sich aus den Fesseln seiner Vergangenheit zu befreien. Sein krimineller Scharfsinn wird ihm nun als Detektiv zum Vorteil – allerdings bleibt stets die Frage, ob er je ganz auf der richtigen Seite des Gesetzes stehen wird. Die Zusammenarbeit mit Mathilde Voss, einer ehemaligen Prostituierten, die sich als Detektivin behauptet, verleiht der Geschichte zudem eine spannende Dynamik. Beide Figuren tragen ihre Narben und kämpfen mit den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Zeit. 

Beers Schreibstil ist flüssig und atmosphärisch dicht, und sie versteht es, den historischen Schauplatz lebendig zu gestalten. Besonders beeindruckend ist, wie sie die düstere Stimmung des Kaiserzeit-Berlins einfängt, während die Spannung langsam, aber konsequent aufgebaut wird. Die Morde und das geheimnisvolle Spiel eines unsichtbaren Täters, der seine Opfer mit Todesdrohungen warnt, halten den Leser bei der Stange. Die Auflösung überrascht und ist klug inszeniert, ohne ins Klischeehafte abzurutschen.

Trotz des langsamen Einstiegs und der gemächlichen Spannungskurve entwickelt der Roman eine Sogwirkung, die bis zum Schluss anhält. Felix Blom ist ein Antiheld, der durch seine Fehler und Schwächen umso sympathischer wird. Ein gelungener Auftakt einer neuen Krimi-Reihe, die mit ungewöhnlichen Figuren und einer fesselnden Erzählweise überzeugt. Wer historische Krimis mit Tiefe und Überraschungen schätzt, wird hier bestens unterhalten.

Montag, 14. Oktober 2024

Der Zauberer von Oz von Lyman Frank Baum

Der Zauberer von Oz von Lyman Frank Baum



Seiten: 192
Verlag: Anaconda
Sprache: Deutsch
ISBN-10:3730614797
Amazon: Amazon.de








Rating: 7/10


Inhalt:

Ein Wirbelsturm hat die kleine Dorothy und ihren Hund Toto weit von zu Hause fortgeweht. Nun machen sie sich auf den Weg zum Zauberer von Oz, damit er ihnen hilft, zurück nach Kansas zu kommen. Die Vogelscheuche, der ängstliche Löwe und der Blechmann werden zu ihren Gefährten, denn auch sie erhoffen sich vom Zauberer, was sie sich jeweils am meisten wünschen: Verstand, Mut und ein Herz. – »Der Zauberer von Oz« erschien im Jahr 1900; seither sind zahllose Kinder mit dieser Märchengeschichte aufgewachsen.

Review:

Lyman Frank Baums "Der Zauberer von Oz" ist mehr als nur ein Kinderbuch; es ist ein kultureller Eckpfeiler, der tief in das kollektive Bewusstsein Amerikas eingedrungen ist. Doch hinter der scheinbar einfachen Erzählung verbirgt sich eine komplexe Allegorie, die viele als politischen Kommentar zur Debatte um den Goldstandard im späten 19. Jahrhundert lesen. Dorothy, das Farmmädchen aus Kansas, und ihre Begleiter – der Vogelscheuche, der Blechmann und der ängstliche Löwe – symbolisieren verschiedene Bevölkerungsgruppen, während der gelbe Ziegelsteinweg, der zur schillernden Smaragdstadt führt, für das Goldstandard-System steht. Baum erzählt von den Herausforderungen einer gespaltenen Gesellschaft, die nach einem Ausweg aus wirtschaftlichen Schwierigkeiten sucht.

Auf der Oberfläche bietet das Buch eine charmante Abenteuergeschichte voller Magie, farbenfroher Charaktere und skurriler Begegnungen. Doch gerade diese märchenhafte Leichtigkeit, die im Kontrast zu den dunkleren politischen Untertönen steht, hat das Buch für Generationen von Lesern zugänglich gemacht. Der Zauber von Oz liegt darin, dass es sowohl als leichte Unterhaltung für Kinder als auch als tiefgründige Allegorie für Erwachsene funktioniert. Besonders bemerkenswert ist der „Betrug“ des Zauberers selbst: Ein Mann ohne wahre Macht, der sich hinter einer Maske der Allwissenheit versteckt – eine klare Parallele zur Unsicherheit der politischen Autoritäten.

Baums Erzählweise ist einfach und direkt, fast naiv, aber das macht den Charme des Buches aus. Es ist leicht lesbar und zieht durch seine klare Struktur – die Reise, die Gefährten, die Prüfungen – sofort in den Bann. Die Figuren sind liebevoll gezeichnet, ihre Schwächen und Wünsche erwecken sie zum Leben. Dennoch ist der narrative Bogen manchmal etwas flach, besonders im Vergleich zu der dramatischen Inszenierung des Films von 1939, die den meisten Lesern wohl besser vertraut ist. Die Schlusspointe, dass Dorothy die ganze Zeit über die Macht hatte, nach Hause zu kommen, mag modernem Publikum zu simpel erscheinen, doch in ihrer Einfachheit liegt auch eine gewisse zeitlose Weisheit.

Baum schrieb mit diesem Buch ein Werk, das Generationen von Lesern unterhalten und inspiriert hat. Es mag als Kinderbuch konzipiert worden sein, doch seine Fähigkeit, unterschiedliche Lesarten zuzulassen – von der politischen Allegorie bis hin zur reinen Fantasie – hat "Der Zauberer von Oz" zu einem Klassiker gemacht, der auch nach über hundert Jahren nichts von seiner Faszination verloren hat.

Samstag, 12. Oktober 2024

Waschbären, die im Dunkeln leuchten von Dan Schreiber

Waschbären, die im Dunkeln leuchten von Dan Schreiber



Seiten: 224
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 345360685X
Amazon: Amazon.de







Rating: 6/10


Inhalt:

Dies ist kein Buch über Fakten, es ist ein Buch über »Fakten«. Worüber auch immer Sie sich Gedanken machen, Sie können darauf wetten, dass es da draußen jemanden (oder etwas) gibt, der es schon untersucht hat. Die Ergebnisse dieser Mühen sehen wir hier – und sie könnten oft absurder nicht sein. Aber Vorsicht, es besteht Ansteckungsgefahr! Wenn Sie am Ende glauben, dass wir die dominante Spezies auf der Erde geworden sind, weil Raubtiere uns zu stinkend fanden, oder dass die Nachfahren von Jesus Christus als Knoblauchbauern in Japan leben – Sie wurden gewarnt! Was hat ein leuchtender Waschbär mit dem PCR-Test zu tun? Werden wir jemals mit Tieren (oder sogar Pflanzen) sprechen? Wie wären Delfine beinahe zum Beweis für außerirdisches Leben geworden? Das perfekte Buch für alle, die gerne einmal über den Tellerrand denken.

Review:

Dan Schreiber, bekannt als Co-Host des beliebten Podcasts There’s No Such Thing As A Fish, zeigt in seinem Buch "Waschbären, die im Dunkeln leuchten", dass seine humorvolle Erzählkunst auch in schriftlicher Form bestens funktioniert. Das Buch ist eine Sammlung schräger Anekdoten, kurioser Wissenschaftstheorien und der absonderlichsten Verschwörungsgeschichten – eine unterhaltsame und verblüffende Erkundung der skurrilen Seite der menschlichen Denkweise.

Geniale Absurditäten und ihre bizarren Helden

Schreiber nimmt seine Leser mit auf eine wilde Reise durch faszinierende und oft verblüffende Geschichten. Dabei geht es nicht nur um obskure Persönlichkeiten, sondern auch um vermeintlich seriöse Wissenschaftler, die, wie Kary Mullis, der Erfinder der PCR-Methode, ebenso für bahnbrechende Entdeckungen wie für haarsträubende Ideen bekannt waren. Diese Balance zwischen Genie und Wahnsinn zieht sich durch das gesamte Buch und macht es zu einer wahren Fundgrube der Kuriositäten.

Schreibers lockerer und humorvoller Stil lässt den Leser immer wieder schmunzeln, während er von unglaublichen Begebenheiten erfährt: von Menschen, die glauben, Pflanzen könnten miteinander kommunizieren, bis hin zu wissenschaftlichen Theorien, die so verrückt klingen, dass sie fast schon wieder überzeugend wirken. Dabei bleibt er jedoch stets auf dem Boden der Tatsachen und erinnert seine Leser daran, dass man die Absurditäten des Lebens genießen darf, solange man nicht die Realität aus den Augen verliert.

Ein Buch voller wilder Theorien und überraschender Erkenntnisse

Schreiber fordert seine Leser dazu auf, die „wilde Ecke“ ihres Verstandes zu erkunden – jenen Bereich, in dem man verrückte Ideen hegt, ohne sie zu ernst zu nehmen. Diese Erzählungen reichen von wissenschaftlichen Entdeckungen bis hin zu historischen Anekdoten und führen dem Leser vor Augen, wie nah Genie und Wahnsinn beieinanderliegen. Mit einem Augenzwinkern betont Schreiber, dass man manchmal auch absurde Gedanken zulassen muss, um den Geist für neue Erkenntnisse zu öffnen.

Trotz der vielen unterhaltsamen Geschichten verliert das Buch jedoch gelegentlich den Fokus und schweift in zu viele tangentiale Anekdoten ab, die zwar amüsant, aber manchmal vom eigentlichen Thema ablenken. Dennoch bleibt es durchgehend spannend und liefert einen einzigartigen Einblick in die exzentrischen Ideen, die unsere Geschichte mitgeprägt haben.

Fazit

Waschbären, die im Dunkeln leuchten ist eine unterhaltsame und kluge Hommage an die verrücktesten Ideen der Menschheit. Mit Humor und Charme erzählt Dan Schreiber von den absurden Ecken der Wissenschaft und der Geschichte – und zeigt, dass hinter vielen scheinbar verrückten Theorien oft ein Funken Wahrheit steckt. Ein Buch, das nicht nur zum Lachen bringt, sondern auch zum Nachdenken anregt. Für alle, die Freude an der schrägen Seite des Lebens haben, ein absolutes Muss.

Mittwoch, 9. Oktober 2024

Old Surehand I von Karl May

Old Surehand I von Karl May



Seiten: 480
Verlag: Karl-May-Verlag Lothar Schmid GmbH
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3780211149
Amazon: Amazon.de








Rating: 6/10


Inhalt:

Mit der Hilfe von Old Wabble, dem 'König der Cowboys', will Old Shatterhand den geheimnisvollen Westmann Old Surehand aus den Händen feindlicher Indianer befreien. Später gesellt sich Winnetou zu ihnen. Im 'Llano Estacado' kommt es dann zu einer schicksalhaften Begegnung.

Review:

Karl Mays "Old Surehand 1" ist ein Roman, der eine komplexe Mischung aus Abenteuer, moralischen Reflexionen und einer eigenwilligen Charakterzeichnung darstellt. Der Titelheld, Old Surehand, erscheint überraschenderweise nur am Rande, während Old Shatterhand, der fiktive Alter Ego des Autors, den Großteil der Erzählung dominiert. Dies ist auch gleichzeitig mein zentraler Kritikpunkt: Der namensgebende Protagonist bleibt lange im Hintergrund, was zunächst Erwartungen enttäuscht, aber gleichzeitig Raum für die Entwicklung anderer Handlungsstränge lässt.

Die Handlung selbst ist in der für Karl May typischen Westernlandschaft verankert – weite Steppen, Indianerstämme, und eine moralisch idealisierte Wildwest-Welt, in der Gut und Böse scharf getrennt werden. May nutzt das Setting jedoch weniger, um actiongeladene Szenen zu inszenieren, sondern vielmehr, um Dialoge über Menschlichkeit, Religion und Rassismus zu führen. Die Auseinandersetzungen mit den Comanchen sowie die Rettung eines westlichen Helden wie Bloody Fox bieten zwar den Rahmen für Abenteuer, doch werden blutige Schlachten stets zugunsten von Verhandlungen und strategischem Vorgehen vermieden. Dies mag für Fans typischer Western eher unbefriedigend sein, da die Spannung häufig von langen Gesprächen abgelöst wird. Doch gerade hierin liegt auch eine Stärke: Die klugen, wenn auch teilweise pathetischen, moralischen Überlegungen Mays prägen die Handlung tiefgehend.

Die Charaktere sind typisch für Mays Werke: Old Shatterhand, der übermenschlich perfekte Held, der alles richtig macht, jede Herausforderung meistert und stets die moralische Überlegenheit des "weißen Mannes" verkörpert. Winnetou, sein "roter Bruder", ist ebenso idealisiert, doch ihre Beziehung bleibt der emotionale Kern der Erzählung. In "Old Surehand 1" tritt jedoch eine weitere interessante Figur auf: Old Wabble, ein atheistisch-rasistischer Cowboy, der in seinen Dialogen mit Shatterhand zum Sprachrohr kontroverser Zeitansichten wird. Mays Versuch, hier moralische Klarheit zu schaffen, indem er rassistische und religiöse Vorurteile thematisiert und durch Old Shatterhand widerlegt, wirkt teils belehrend, teils mutig für die damalige Zeit.

Jedoch zeigt sich gerade in diesen Debatten Mays problematische, manchmal widersprüchliche Haltung zum Rassismus. Einerseits wird Old Shatterhand als Kämpfer gegen Vorurteile dargestellt, wenn er Old Wabbles rassistische Ansichten über Schwarze herausfordert. Andererseits bleibt der schwarze Charakter Bob, trotz Shatterhands wohlmeinender Verteidigung, stark stereotypisiert und karikiert, was den Eindruck einer inkonsequenten, eurozentrischen Weltanschauung verstärkt. Diese Diskrepanz zwischen der moralischen Botschaft und der eigentlichen Darstellung lässt die tiefere Auseinandersetzung mit Mays Werk heute problematisch erscheinen.

Ein Highlight des Buches ist zweifellos die geheimnisvolle Figur des Old Surehand selbst. Obwohl er im ersten Band nur spärlich auftritt, deutet May auf ein komplexes Mysterium um seine Vergangenheit hin, das Leser neugierig auf die Fortsetzung macht. Zudem verweben sich verschiedene Handlungsebenen, wie die Suche nach der verschwundenen Waffe von Shatterhand und Winnetou, geschickt zu einem erzählerischen Netz, das bis zum Ende des Buches viele Fragen offenlässt.

Stilistisch bleibt Karl May seiner typischen, eher ausschweifenden und detailverliebten Erzählweise treu, die für manche Leser ermüdend, für andere nostalgisch und atmosphärisch wirken kann. Wer auf packende, actionreiche Western hofft, wird hier nicht fündig. Vielmehr stehen philosophische und religiöse Dialoge im Vordergrund, die den Roman zu einem moralischen Epos stilisieren – und gerade darin liegt auch seine Stärke. Mays Idealfiguren, die für eine bessere, friedlichere Welt kämpfen, wirken in einer zunehmend zynischen Gegenwart fast wie ein Appell an die Menschlichkeit.

Fazit:
"Old Surehand 1" ist nicht das, was der Titel verspricht – es ist weniger die Geschichte von Old Surehand als vielmehr eine weitere Erzählung über Old Shatterhand und seine moralische Überlegenheit. Dennoch bietet das Buch viel Tiefe in den Bereichen menschlicher Werte, Glauben und Gerechtigkeit. Karl May gelingt es, die Leser zum Nachdenken über Rassismus und Vorurteile anzuregen, auch wenn er sich gelegentlich in den Widersprüchen seiner eigenen Ideale verfängt. Wer bereit ist, sich auf einen philosophisch angehauchten Western einzulassen, wird in diesem Roman reichlich fündig – alle anderen könnten von den ausufernden Dialogen eher abgeschreckt werden.

Montag, 7. Oktober 2024

Beklaute Frauen von Leonie Schöler

Beklaute Frauen von Leonie Schöler 



Seiten: 416
Verlag: Penguin 
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3328603239
Amazon: Amazon.de







Rating: 7/10


Inhalt:

Muse, Sekretärin, Ehefrau – es gibt viele Bezeichnungen für Frauen, deren Einfluss aus der Geschichte radiert wurde. Für deren Leistungen Männer die Auszeichnungen und den Beifall bekamen: Wissenschaftlerinnen, deren Errungenschaften, im Gegensatz zu denen ihrer männlichen Kollegen, nicht anerkannt wurden. Autorinnen, die sich hinter männlichen Pseudonymen versteckten. Oder Künstlerinnen, die im Schatten ihrer Ehemänner in Vergessenheit geraten sind. Lebendig und unterhaltsam erzählt die Historikerin Leonie Schöler ihre Geschichten, sie zeigt, wer die Frauen sind, die unsere Gesellschaft bis heute wirklich vorangebracht haben. Und sie verdeutlicht, wie wichtig die Diskussion um Teilhabe und Sichtbarkeit ist. Dabei wird klar: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht ein System, das ihn bestärkt; vor allen anderen steht ein System, das sie aufhält. Mit zahlreichen Abbildungen und Infokästen

Review:

Leonie Schölers „Beklaute Frauen“ ist ein Buch, das sich mit der jahrhundertelangen Unsichtbarkeit weiblicher Errungenschaften beschäftigt – und dabei gleichzeitig einen wütenden wie bestärkenden Ton anschlägt. Sie greift nicht nur auf eine Fülle an historischen Beispielen zurück, sondern eröffnet auch den Blick auf gegenwärtige Strukturen der Ungleichheit. Was auf den ersten Blick wie eine historische Bestandsaufnahme wirkt, erweist sich als ein kraftvoller Appell zur Überprüfung unserer Wahrnehmungen von Leistung, Anerkennung und Machtverhältnissen.

Schon zu Beginn des Buches wird klar: Schöler hat gründlich recherchiert. Sie nimmt den Leser mit auf eine Reise von der Steinzeit bis in die Gegenwart, wobei sie anhand konkreter, oft erschütternder Beispiele zeigt, wie Frauen immer wieder aus der Geschichtsschreibung verdrängt wurden. Besonders eindrucksvoll gelingt ihr dies bei der Darstellung von Rosalind Franklin, deren bahnbrechende Arbeiten zur DNA-Struktur von ihren männlichen Kollegen gestohlen und mit dem Nobelpreis belohnt wurden – eine Geschichte, die gleichermaßen frustrierend wie exemplarisch für das zentrale Thema des Buches steht.

Die Stärke von „Beklaute Frauen“ liegt in Schölers Fähigkeit, diese historischen Ungerechtigkeiten in den heutigen Kontext zu übertragen. Ihre Analyse der Gender-Gaps und der subtilen Mechanismen, die Frauen auch heute noch an der vollen gesellschaftlichen Teilhabe hindern, ist nicht nur treffend, sondern wirkt wie ein Schlag ins Gesicht jener, die Gleichstellung für ein erreichtes Ziel halten. Die Autorin argumentiert überzeugend, dass es sich hierbei nicht um Fehlentwicklungen handelt, sondern um systematische Ausbeutungsstrukturen, die tief im Kapitalismus und in patriarchalen Gesellschaftsformen verankert sind.

Dennoch wird das Buch nicht zur bloßen Anklageschrift. Schöler erzählt von starken Frauen, die trotz aller Widrigkeiten Großes geleistet haben. Sie lässt uns teilhaben an den Biografien von Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen und Revolutionärinnen, deren Namen heute zu Unrecht im Schatten der Geschichte stehen. Diese Porträts sind es, die dem Buch eine emotionale Tiefe verleihen, die über bloße Fakten hinausgeht – sie zeigen die Widerstandskraft und Entschlossenheit dieser Frauen, deren Leistungen bis heute von unschätzbarem Wert sind.

Trotz aller Stärken hat das Buch jedoch auch Schwächen. Die strukturierte Gliederung – mal nach Zeitabschnitten, mal nach Themenfeldern wie Wissenschaft oder Ehe – führt zu teils sprunghaften Übergängen. Schölers gelegentliche Abschweifungen von den Kernbeispielen, etwa wenn sie aktuelle gesellschaftliche Debatten einstreut, mögen zwar thematisch relevant sein, wirken jedoch bisweilen überflüssig und lenken vom eigentlichen Thema ab. Es fehlt mitunter der klare rote Faden, der das Buch zu einer stringenten Erzählung machen könnte.

Ein weiterer Kritikpunkt liegt in der manchmal überdeutlichen Positionierung der Autorin. An manchen Stellen, etwa bei der Analyse von Ehe und Familienstrukturen, verliert sich Schöler in Wertungen, die die differenzierte Sachlichkeit des Buches verwässern. Das ist besonders schade, weil ihre Argumente an sich stark genug sind, um die Leserschaft ohne derartige Zuspitzungen zu überzeugen.

Ungeachtet dieser Mängel bleibt „Beklaute Frauen“ ein überaus wichtiges Werk, das nicht nur historisches Wissen vermittelt, sondern zum Nachdenken über heutige Geschlechterverhältnisse anregt. Schöler hat ein Buch geschaffen, das eine lange überfällige Sichtbarmachung der Leistungen von Frauen liefert – und uns gleichzeitig dazu zwingt, die Strukturen zu hinterfragen, die diese Unsichtbarkeit überhaupt erst möglich gemacht haben.

Abgerundet wird der Text durch zahlreiche Quellenangaben und Literaturhinweise, die den wissenschaftlichen Anspruch des Buches unterstreichen und dem Leser ermöglichen, sich weiter mit den behandelten Themen auseinanderzusetzen. Es ist ein Buch, das wütend macht, aber auch stolz – eine Mischung, die selten so gut funktioniert wie hier.

Fazit:  
„Beklaute Frauen“ ist eine aufrüttelnde und tiefgründige Untersuchung der Rolle der Frau in der Geschichte. Schöler gelingt es, historische Beispiele geschickt mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen zu verknüpfen, auch wenn der klare rote Faden manchmal verloren geht. Trotz kleinerer Schwächen bleibt das Buch eine dringliche Lektüre für alle, die die Geschichte aus einer anderen, längst überfälligen Perspektive betrachten möchten.

Freitag, 4. Oktober 2024

Crashing Stars von Jennifer Estep

Crashing Stars von Jennifer Estep



Seiten: 448
Verlag: Piper
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 978-3-492-70654-4
Amazon: Amazon.de







Rating: 7/10


Inhalt:

Vesper Quill arbeitet für den mächtigen Großkonzern Kent Corp. Als sie erkennt, dass dessen neu entwickelte Raumschiffserie erhebliche Sicherheitsrisiken aufweist, ist ihr Name plötzlich in aller Munde – und steht ganz oben auf der Eliminierungsliste von Kent Corp. Von Feinden umgeben, muss Vesper um ihr Leben kämpfen. Dabei kommt ihr der Elitesoldat Kyrion Caldaren gefährlich nahe, doch statt sie zu töten, beharrt er darauf, dass zwischen ihren Seelen ein magischer Bund besteht – einer, der ihnen beiden zum Verhängnis werden könnte.

Review:

In "Crashing Stars", dem Auftakt der neuen Galactic Bonds-Serie von Jennifer Estep, erwartet die Leser eine faszinierende Mischung aus Science-Fiction, Fantasy und Space Opera, die von einem langsamen, aber vielversprechenden Romantikplot durchzogen wird. Estep entführt uns in eine Welt, in der Magie und Technologie aufeinanderprallen und in der Machtkämpfe und politische Intrigen an der Tagesordnung sind.

Die Protagonistin, Vesper Quill, arbeitet als unscheinbare Ingenieurin für das mächtige Unternehmen Kent Corp., bis sie eines Tages ein schwerwiegendes Designproblem in einem neuen Raumschiffmodell entdeckt. Diese Entdeckung macht sie jedoch zur Zielscheibe ihrer eigenen Arbeitgeber, die sie lieber tot als kompromittiert sehen möchten. Der männliche Protagonist, Kyrion Coldren, ist ein Elitekrieger und persönlicher Attentäter im Dienst des Imperiums. Als sich die Wege der beiden auf einem Kriegsschiff kreuzen, schmieden sie eine widerwillige Allianz, die durch eine mysteriöse psionische Verbindung verstärkt wird.

Ein herausragendes Merkmal dieses Buches ist das Worldbuilding. Estep schafft eine komplexe Welt, in der königliche Familien, magische Fähigkeiten und futuristische Technologien miteinander verwoben sind. Die politische Atmosphäre ist angespannt und voller Gefahren, was den Hintergrund für die langsame, aber stetige Entwicklung der Beziehung zwischen Vesper und Kyrion bildet. Diese Romanze ist kein klassisches „Insta-Love“-Szenario, sondern eine sorgfältig aufgebaute Partnerschaft, die auf gegenseitigem Respekt und wachsendem Vertrauen basiert.

Dennoch bleibt die Magie in diesem Buch ein zweischneidiges Schwert. Während einige Leser die nahtlose Integration von magischen und technologischen Elementen zu schätzen wissen, könnte die fehlende wissenschaftliche Erklärung für die Funktionsweise dieser Magie den ein oder anderen Sci-Fi-Puristen abschrecken. Insbesondere Vespers Fähigkeit, durch ihre Sehermagie technische Probleme zu lösen, kann für manche zu einfach erscheinen und wie eine bequeme Lösung für zu viele Herausforderungen wirken.

Insgesamt ist "Crashing Stars" ein unterhaltsames und vielversprechendes Debüt, das eine solide Grundlage für die Fortsetzung der Serie legt. Die Mischung aus Magie, Technologie und einer wachsenden Verschwörung, gepaart mit einem langsam brennenden Romantikfaden, macht dieses Buch zu einem Muss für Fans von Sci-Fi-Romantik und Space Opera. Jennifer Estep zeigt erneut, dass sie in der Lage ist, komplexe Welten zu schaffen, die den Leser fesseln und neugierig auf mehr machen. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Geschichte von Vesper und Kyrion in den kommenden Büchern weiterentwickeln wird, aber eines ist sicher: Die Spannung ist garantiert.

Dienstag, 1. Oktober 2024

Im Unterholz von Sara Strömberg

Im Unterholz von Sara Strömberg 



Seiten: 432
Verlag: Blanvalet
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3764508612
Amazon: Amazon.de







Rating: 7/10


Inhalt:

In den Wäldern des Nordens gibt es Bären, Wölfe – und einen Mörder! Der Platz-1-Bestseller aus Schweden! Als in den endlosen Wäldern Schwedens die Elchjagd beginnt, sucht die ehemalige Journalistin Vera Bergström den Schauplatz eines Mordes auf: Unter einem Hochsitz wurde die Leiche einer Frau aufgefunden, die grausam ihr Leben verlor. Während die Polizei auf der Stelle tritt, soll Vera ihrem früheren Zeitungschef die Hintergrundstory zur Tat liefern. Doch die Geschichte, die Vera zuerst noch widerwillig aufdeckt, ist weit dunkler als erwartet – und die Vergangenheit des Opfers enger mit Veras Mitmenschen verwoben als ihnen allen lieb ist.

Review:

Es gibt Bücher, die ihren Reiz aus der Kulisse beziehen, und Sara Strömbergs "Im Unterholz" ist zweifellos eines davon. Inmitten der schroffen, kargen Landschaften Jämtlands entfaltet sich eine Geschichte, die ebenso düster ist wie die winterlichen Tage des nordschwedischen Dorflebens, die sie beschreibt. Doch was dieses Werk von anderen Kriminalromanen abhebt, ist weniger der Fall selbst, sondern vielmehr die gelungene Verknüpfung von menschlicher Tiefe und landschaftlicher Atmosphäre.

Die Hauptfigur Vera Bergström ist eine Frau, deren Leben sich an einem Wendepunkt befindet. In ihren späten Fünfzigern steht sie vor den Trümmern einer langen Beziehung, hat ihre journalistische Karriere aufgeben müssen und sich in einer trostlosen Schulassistenzrolle wiedergefunden. Strömberg schafft es, Vera als vielschichtige und authentische Figur zu zeichnen – eine Frau, die trotz ihrer äußeren Resignation innere Stärke und Beharrlichkeit zeigt. Man spürt in jeder Zeile, wie sehr Vera von der rauen Umgebung geprägt ist, die sie umgibt und wie sie langsam in den Strudel der Ermittlungen um einen Mord hineingezogen wird. Die Tatsache, dass Vera kein glanzvoller Ermittler ist, sondern eine gebrochene, aber dennoch entschlossene Frau, verleiht der Geschichte eine erfrischende Authentizität.

Besonders hervorzuheben ist die meisterhafte Beschreibung der nordischen Landschaft. Strömberg malt mit Worten – die eiskalte, regennasse Natur wird förmlich spürbar. Diese Kulisse ist mehr als bloßer Hintergrund, sie ist eine eigene Figur im Roman, die einen unweigerlich in die Einsamkeit und Kälte der Region hineinzieht. Strömbergs Blick auf die Glesbygd ist ungeschönt, aber voller Zuneigung: Hier wird nicht nur die Weite der Natur, sondern auch die Enge des Dorflebens greifbar. Der Kontrast zwischen den wenigen, verschlossenen Bewohnern und den durchdringenden Touristenströmen ist scharf und ironisch dargestellt.

Die Handlung selbst, ein klassischer Mordfall, entfaltet sich gemächlich. Während man möglicherweise die Vorhersehbarkeit kritisieren kann, verbirgt sich die Stärke des Buches weniger im Kriminalfall als in der Darstellung der zwischenmenschlichen Beziehungen und der allgegenwärtigen Geheimnisse. Der eigentliche Fall, das Schicksal einer jungen Frau, deren Verbindungen zur Region nach und nach aufgedeckt werden, entwickelt sich subtil und bringt düstere Geheimnisse zutage. Strömberg versteht es, die Spannung durch geschickte Perspektivwechsel und Rückblenden aufrechtzuerhalten, obwohl einige Wendungen erahnt werden können. Hier mag der Roman vielleicht an klassischer Thriller-Spannung einbüßen, doch dieser vermeintliche Mangel wird durch die emotionale Tiefe und die atmosphärische Dichte mehr als wettgemacht.

Ein kleiner Kritikpunkt ist jedoch der Schreibstil, der stellenweise etwas ausschweifend wirken kann. Insbesondere zu Beginn benötigt man eine gewisse Geduld, um sich in die etwas üppigeren Sprachbilder einzufinden. Doch wer diese Hürde meistert, wird mit einem tiefgründigen und eindringlichen Leseerlebnis belohnt.

Fazit: "Im Unterholz" ist mehr als nur ein Kriminalroman – es ist ein Porträt einer Frau, die sich in der Kälte des Nordens neu erfindet, und einer Region, die ebenso abweisend wie faszinierend ist. Strömbergs Debüt besticht durch seine atmosphärische Tiefe und seine starken Charaktere, auch wenn der Mordfall selbst vielleicht nicht das Rad neu erfindet. Für Fans von nordischer Literatur und subtilen Spannungsgeschichten ist dieses Buch jedoch ein Muss. Die Aussicht auf eine Fortsetzung lässt zudem auf mehr von Vera Bergström hoffen – einer Protagonistin, die man so schnell nicht vergisst.