Donnerstag, 30. Januar 2025

Drachen der Vorsehung von Margaret Weis, Tracy Hickman

Drachen der Vorsehung von Margaret Weis, Tracy Hickman



Seiten: 480
Verlag: Blanvalet
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3734162777
Amazon: Amazon.de








"Fantastische Höhen und erzählerische Tiefen in Krynn"

Rating: 6/10


Inhalt:

»Das Schicksal der Drachenlanze«, die brandaktuelle Fortsetzung der geliebten Klassiker-Serie, geht weiter. Destina Rosendorn und ihre Freunde werden viel weiter in die Vergangenheit zurückgeschleudert als geplant. Plötzlich befinden sie sich in der Zeit des dritten Drachenkriegs und von Huma, dem größten Helden unter den Drachenrittern. Und so sehr sich die Gefährten freuen, ihr Idol kennen zu lernen, so dürfen sie die Vergangenheit auf keinen Fall verändern. Sonst wird es keine Zukunft geben, in die sie zurückkehren können …

Review:

„Drachen der Vorsehung“, der zweite Band der neuen Dragonlance-Trilogie von Margaret Weis und Tracy Hickman, ist ein Werk, das die Höhen und Tiefen moderner Fantasy-Literatur verkörpert. Die Autoren, die mit ihrer ursprünglichen Dragonlance-Serie Generationen von Lesern verzauberten, stehen hier vor der Herausforderung, die Essenz eines klassischen Universums in eine neue Zeit zu tragen. Und wie so oft, wenn Nostalgie und Innovation kollidieren, ist das Ergebnis sowohl faszinierend als auch frustrierend.

Die Prämisse des Romans, unsere Helden mittels Zeitreise in die Dritte Drachenkrieg-Ära zu versetzen, ist kühn – und ein zweischneidiges Schwert. Einerseits bietet sie die Gelegenheit, ikonische Charaktere wie Raistlin, Sturm und Tasslehoff in neuen Kontexten zu erleben, andererseits droht genau dieser Ansatz, die Eigenständigkeit der Geschichte zu untergraben. Doch lassen Sie uns nicht voreilig urteilen. Weis und Hickman haben ein bemerkenswertes Talent dafür, ihren Figuren Leben einzuhauchen, und dies zeigt sich besonders in Raistlins Entwicklung. Sein zynischer Intellekt wird hier um eine ungeahnte Menschlichkeit bereichert, die ihn nicht nur greifbarer, sondern auch tief bewegend macht. Die Dialoge zwischen ihm und seinen Gefährten sind ebenso witzig wie tiefgründig und zählen zweifellos zu den Stärken des Romans.

Doch auch Genie hat seine Grenzen, und so gerät die Handlung des Buches immer wieder ins Stocken. Die Zeitreise, als erzählerisches Mittel oft problematisch, erweist sich auch hier als Stolperstein. Zu oft wirken die Wendungen vorhersehbar, die Konflikte konstruiert, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass manche Szenen primär dazu dienen, Seiten zu füllen. Besonders in der ersten Hälfte des Buches zieht sich die Handlung wie ein alter Kaugummi – zäh und wenig ergiebig.

Doch es wäre unfair, den Roman nur an seinen Schwächen zu messen. Weis und Hickman verstehen ihr Handwerk, wenn es darum geht, emotionale Höhepunkte zu inszenieren. Die letzten Kapitel, in denen die Handlung an Fahrt aufnimmt, entschädigen für manche Länge und bieten Szenen, die den Leser gleichermaßen erschüttern und begeistern. Besonders hervorzuheben ist hier die Beziehung zwischen Raistlin und Tasslehoff. Ihre Interaktionen, die humorvolle Leichtigkeit mit tiefem emotionalem Gehalt verbinden, gehören zu den besten Momenten des Buches. Und doch bleibt ein bitterer Nachgeschmack: Warum schaffen es die Autoren nicht, diese Qualität durchgehend zu halten?

Was den Stil betrifft, so zeigt sich das Buch in einer sprachlichen Ambivalenz. Auf der einen Seite finden sich Momente literarischer Eleganz, auf der anderen Seite stören holprige Formulierungen und Wiederholungen den Lesefluss. Man fragt sich unweigerlich, ob der Text nicht von einer rigoroseren Redaktion profitiert hätte. Es ist, als ob Weis und Hickman zwischen der Last ihrer eigenen Legende und den Erwartungen eines neuen Publikums zerrieben werden.

Am Ende bleibt „Drachen der Vorsehung“ ein zwiespältiges Werk. Für eingefleischte Fans der Dragonlance-Reihe mag es ein Wiedersehen mit alten Freunden sein, für Neueinsteiger hingegen ein schwer zugängliches Universum voller Anspielungen und nostalgischer Verklärung. Es ist ein Buch, das sein Publikum spalten wird, und vielleicht liegt genau darin seine größte Leistung: Es regt zum Nachdenken und Diskutieren an – über die Grenzen der Fantasy, über den Wert von Nostalgie und über die Frage, wie viel von der Vergangenheit wir in die Zukunft retten können, ohne uns selbst zu verlieren.

Donnerstag, 23. Januar 2025

Wir. Tagebuch des Untergangs von Dmitry Glukhovsky

Wir. Tagebuch des Untergangs von Dmitry Glukhovsky



Seiten: 304
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453218922
Amazon: Amazon.de








"Propaganda, Macht und Resignation: Ein Blick in Russlands Abgründe"

Rating: 8/10


Inhalt:

Ein Kaleidoskop voller akkurater, hellsichtiger und ungeschönter Beobachtungen des Bestsellerautors zur politischen und gesellschaftlichen Entwicklung Russlands während der letzten 10 Jahre bis heute. Glukhovskys scharfer Blick auf die Ereignisse bietet eine erhellende Analyse der inneren und äußeren Verfasstheit des Landes und zeigt, warum Russland sehenden Auges in den Untergang steuert ― und wie lange sich das schon abzeichnete. Ein klarer Blick auf die frühen Signale und den Sog des russischen Niedergangs und zugleich ein brillantes Panorama der Gegenwart von einem Meister der satirischen, scharfzüngigen Erzählkunst.

Review:

Dmitry Glukhovsky „Wir. Tagebuch des Untergangs“ ist ein Buch, das man nicht einfach so lesen, sondern das man ertragen muss. Und genau darin liegt seine literarische Großartigkeit. Es ist die Art von Werk, die ich all jenen Menschen in die Hand drücken möchte, die immer noch glauben, politische Literatur sei langweilig oder irrelevant. Glukhovsky beweist das Gegenteil mit jedem Satz, jeder Seite, jeder Analyse.

Dieses Buch hat die Wucht eines Vorschlaghammers, gepaart mit der Treffsicherheit eines Chirurgenmessers. Glukhovsky legt nicht einfach dar, was in Russland schiefgelaufen ist – er nimmt uns an der Hand und führt uns durch die Abgründe eines politischen Systems, das sich selbst zerstört, während es seine Menschen in Geiselhaft hält. Seine Essays, geschrieben über zwanzig Jahre hinweg, zeigen die Verwandlung eines Landes, das von einer Hoffnung auf Reformen in die totale Stagnation abrutschte. Dabei ist sein Blick ebenso analytisch wie persönlich.

Glukhovsky schreibt über Propaganda, Machtmissbrauch, und die psychologische Faszination für den starken Mann – und er tut das in einer Sprache, die so scharf ist, dass man sich an ihr schneiden könnte. Besonders bewegend fand ich seine Reflexionen über eigene Irrtümer. Immer wieder gesteht er ein, dass er die Resilienz der korrupten Oligarchie und den Fatalismus seiner Landsleute unterschätzt hat. Diese Selbstkritik macht ihn zu einem glaubwürdigen Erzähler, dessen Beobachtungen tief ins Mark gehen.

Besonders beeindruckend ist die literarische Eleganz, mit der Glukhovsky selbst die härtesten Themen umrahmt. Seine Essays haben den Biss eines investigativen Journalisten und die emotionale Tiefe eines Schriftstellers, der weiß, dass Sprache eine Waffe ist. Besonders beeindruckend ist die Struktur des Buches: Jedes Essay beginnt mit einem historischen Kontext und endet mit einer bitteren, oft resignierten Erkenntnis. Diese Wiederholungen schaffen eine beklemmende Atmosphäre, die den Leser packt und nicht mehr loslässt.

Wer also behauptet, politische Literatur sei trocken, hat dieses Buch nicht gelesen. Es ist unbequem, ja, geradezu schmerzhaft – aber genau das ist seine Qualität. Glukhovsky zeigt uns ein Russland, das nicht nur geopolitisch isoliert ist, sondern auch moralisch und geistig. Und das schockierendste dabei ist: Man erkennt in seinen Beschreibungen Mechanismen, die auch anderswo in der Welt zu beobachten sind.

Fazit: Dmitry Glukhovskys „Wir. Tagebuch des Untergangs“ ist ein Buch, das man nicht lesen sollte, wenn man sich einen angenehmen Abend machen will – aber eines, das man lesen muss, wenn man die Welt verstehen möchte. Es ist brillant, es ist schonungslos, und es ist unvergesslich. Ein literarisches Ereignis, das ich nur wärmstens ans Herz legen kann. Lest dieses Buch! Aber seid gewarnt: Es wird euch nicht unberührt lassen.

Sonntag, 19. Januar 2025

Kälte von Tom Rob Smith

Kälte von Tom Rob Smith



Seiten: 464    
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453323378
Amazon: Amazon.de








"Wenn die spannendsten Geschichten ungeschrieben bleiben"

Rating: 5/10


Inhalt:

Unsere Erde in naher Zukunft. Eines Tages tauchen am Himmel gewaltige Raumschiffe auf, die der Menschheit eine Botschaft übermitteln: »Ihr habt 30 Tage Zeit, um die Antarktis zu erreichen. Jeder, der es bis dahin nicht schafft, wird vernichtet.« Diejenigen, die diesen Wettlauf gegen die Zeit gewonnen haben, erwartet ein hartes Schicksal in der eisigen Kälte. Doch einige Wissenschaftler in der McMurdo-Station fassen einen Plan: Sie wollen menschliche und tierische DNA vermischen, um eine neue Art von Mensch zu erschaffen, der in der brutalen Umgebung überleben kann. Mit fatalen Folgen für das, was von der Menschheit noch übrig geblieben ist …

Review:

Tom Rob Smith weiß, wie man Leser an die Seiten fesselt, aber manchmal fragt man sich, ob er sich dabei in seinem eigenen Netz verheddert. "Kälte" ist ein Roman, der die Erwartungen bewusst unterläuft. Wer einen klassischen Thriller mit Aliens erwartet, wird möglicherweise stirnrunzelnd das Buch zuklappen und sich fragen, ob die Wesen vom anderen Stern nicht ebenso irritiert über ihr mangelndes Auftreten sind.

Die Prämisse ist zweifellos vielversprechend: Aliens setzen der Menschheit ein Ultimatum – wer nicht binnen 30 Tagen die Antarktis erreicht, wird ausgelöscht. Das ist der Stoff, aus dem Hollywood-Blockbuster gemacht sind. Doch Tom Rob Smith schickt seine Leser auf einen völlig anderen Trip. Die Aliens, die die Handlung ins Rollen bringen, verschwinden nach wenigen Kapiteln weitgehend von der Bildfläche. Was folgt, ist weniger ein Survival-Thriller und mehr ein Gesellschaftsexperiment unter Extremsituationen.

Der Fokus verschiebt sich bald auf die Frage, wie eine neue Zivilisation in der unwirtlichsten Region des Planeten entstehen könnte. Was passiert, wenn Menschen ihre bisherigen sozialen, politischen und moralischen Konstrukte hinter sich lassen und von Null beginnen müssen? Liza und Atto, das Protagonistenpaar, stehen stellvertretend für diesen Neuanfang. Ihre Beziehung ist nachvollziehbar, aber wenig überraschend. Viel spannender ist Yotam, eine Nebenfigur, die mit ihrer leisen Präsenz fast alles überstrahlt. Während Liza und Atto oft wie Spielfiguren in einem großen Experiment wirken, bringt Yotam die emotionale Tiefe, die dem Roman an vielen Stellen fehlt.

Das größte Problem von "Kälte" ist allerdings nicht die Abwesenheit von Aliens, sondern die allzu häufige Abwesenheit von Konsequenz. Smith ist ein brillanter Erzähler, der grandiose Ideen in den Raum wirft, sie aber nur zögerlich zu Ende denkt. Ein Zeitsprung von zwanzig Jahren raubt dem Leser die Möglichkeit, den eigentlichen Aufbau dieser neuen Welt mitzuerleben. Stattdessen steht man plötzlich vor einer Gesellschaft, die bereits funktioniert – eine vertane Chance, die fesselnden Herausforderungen des Neuanfangs greifbar zu machen.

Immerhin, sprachlich bleibt Smith auf gewohnt hohem Niveau. Seine Beschreibungen der eisigen Antarktis sind so lebendig, dass man beim Lesen fast zur Daunenjacke greifen möchte. Doch stilistische Brillanz allein kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass man als Leser zu oft das Gefühl hat, den Kern der Geschichte nur gestreift zu haben. Es ist, als würde man durch ein Schaufenster blicken, hinter dem sich faszinierende Szenarien abspielen – doch die Tür bleibt verschlossen.

"Kälte" ist kein schlechtes Buch, aber eines, das hätte so viel mehr sein können. Vielleicht ist es dieser unterschwellige Frust, der am Ende bleibt: das Bewusstsein, dass hier gleich mehrere großartige Romane in einem stecken – und keiner davon sich wirklich entfalten darf. Wer bereit ist, sich auf dieses halb erzählte Experiment einzulassen, wird dennoch belohnt. Wer klare Antworten sucht, sollte besser nach etwas anderem greifen. Drei von fünf Sternen – und der leise Wunsch, dass Tom Rob Smith sich beim nächsten Mal für eine Geschichte entscheidet und diese vollendet.

Donnerstag, 9. Januar 2025

Die Gnade der Götter – The Captive’s War von James Corey

Die Gnade der Götter – The Captive’s War von James Corey



Seiten: 480
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453274709
Amazon: Amazon.de








"Fremdartig, fesselnd, faszinierend: Die neue Meisterleistung von James S.A. Corey"

Rating: 8/10


Inhalt:

In der fernen Zukunft hat die Menschheit die Galaxis besiedelt. Die Erde ist nur noch ein Mythos, und auf dem Planeten Anjin weiß niemand mehr, wann und auf welche Weise die Menschen hierher gekommen sind. Dafyd Alkhor führt ein bequemes Leben als Forschungsassistent für einen brillanten Wissenschaftler und sein Team. Bis eines Tages die Raumschiffe einer Alien-Zivilisation namens Carryx auftauchen und binnen kurzer Zeit die menschliche Bevölkerung auf einen Bruchteil dezimieren. Nur die schlausten Köpfe und wichtigsten Politiker werden gefangen genommen, unter ihnen auch Dafyd, und auf die Heimatwelt der Carryx verschleppt. Und sie müssen ihren Wert für die Eroberer erst noch unter Beweis stellen. Das Schicksal der Menschheit liegt auf einmal in den Händen von Dafyd Alkhor und seinen Gefährten.

Review:

Die Gnade der Götter – The Captive’s War von James S.A. Corey ist ein literarisches Feuerwerk, das die Grenzen zwischen menschlichem Drama und Science-Fiction sprengt. Dieses Buch ist mehr als nur Unterhaltung; es ist eine Einladung, sich mit den dunkelsten Ecken der menschlichen Psyche und der faszinierenden Fremdheit des Universums auseinanderzusetzen. Und das Beste daran? Es schafft all das, ohne sich in überflüssigem technobabbel zu verlieren.

James S.A. Corey – ein Pseudonym, hinter dem sich das kongeniale Duo Daniel Abraham und Ty Franck verbirgt – liefert mit diesem Werk eine beeindruckende Meisterleistung ab, die mich staunend und begeistert zurückgelassen hat. Der Einstieg mag gemächlich sein, doch wie bei einer gut komponierten Sinfonie entfaltet sich das volle Potenzial erst, wenn die ersten Töne verklingen und die Geschichte Fahrt aufnimmt.

Die Handlung? Ein packendes Szenario: Die Carryx, eine Alienrasse, deren Fremdartigkeit so konsequent umgesetzt ist, dass einem das Wort "Alien" wie eine Untertreibung erscheint, greifen die menschliche Kolonie auf Anjiin an. Die besten und klügsten Köpfe werden entführt und in einen brutalen interstellaren Wettkampf gezwungen, bei dem nicht weniger als das Überleben der eigenen Spezies auf dem Spiel steht. Wer hier an die Hunger Games denkt, hat die Komplexität dieses Romans noch nicht erfasst.

Corey brilliert besonders in der Figurenzeichnung. Dafyd, der unfreiwillige Protagonist, steht stellvertretend für die Zerbrechlichkeit und gleichzeitig die Resilienz des Menschen. Seine Entwicklung ist keine klassische Heldenreise, sondern eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit Verlust, Anpassung und Widerstand. Auch die Nebenfiguren – von der kühn-analytischen Jessyn bis hin zum sarkastischen Campar – verleihen der Geschichte eine emotionale Tiefe, die ihresgleichen sucht.

Die große Kunst von Corey liegt darin, das Außergewöhnliche mit dem Banalen zu verbinden. Selbst im Angesicht der Zerstörung bleibt das Menschsein präsent – sei es in einem trockenen Witz oder dem Zurechtfinden in einem neuen Alltag. Diese Bodenhaftung macht den Roman trotz seiner epischen Dimensionen greifbar.

Und dann ist da noch die Sprache. Klar, präzise und doch voller poetischer Kraft – Corey versteht es, Bilder zu malen, die sich ins Gedächtnis brennen. Die Carryx sind nicht nur unheimlich, sie sind eine existenzielle Bedrohung. 

Ist das Buch perfekt? Nein. Der gemächliche Einstieg könnte ungeduldige Leser abschrecken, und die menschliche Gesellschaft auf Anjiin wirkt mitunter zu vertraut, um wirklich glaubwürdig zu sein. Doch solche Schwächen sind angesichts der erzählerischen Brillanz kaum der Rede wert.

Fazit: Die Gnade der Götter – The Captive’s War ist kein Buch, das man einfach liest. Es ist ein Buch, das man erlebt. Eine literarische Achterbahnfahrt, die Science-Fiction-Fans und Liebhaber tiefgründiger Charakterstudien gleichermaßen begeistern wird.

Sonntag, 5. Januar 2025

Old Surehand II von Karl May

Old Surehand II von Karl May



Seiten: 512
Verlag: Karl-May-Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3780200155
Amazon: Amazon.de








"Ein Abenteuer, das sich selbst im Kreis dreht"

Rating: 6/10


Inhalt:

Nach Überwindung vieler Gefahren lichtet sich nun das Dunkel um Old Surehands Vergangenheit. Old Shatterhand und Winnetou ziehen mit ihren Begleitern, unter ihnen die Verkehrten Toasts Dick Hammerdull und Pitt Holbers, hinauf ins Felsengebirge, wo alle Fäden zusammenlaufen. Old Surehand II ist die Fortsetzung von Old Surehand I (Band 14).

Review:

Karl Mays "Old Surehand II" ist ein literarisches Biotop voller Überraschungen – und nicht alle davon sind angenehm. Man hat das Gefühl, May setze hier alles daran, seine Leser auf eine emotionale Achterbahnfahrt mitzunehmen, nur um ihnen dann einen langen Aufenthalt in der Warteschleife zu spendieren. Die Fortsetzung des ersten Bandes lässt vieles, was man sich wünscht, vermissen und legt stattdessen eine Fährte, die sich zäh durch die Weiten des Wilden Westens zieht.

Natürlich, Karl May bleibt Karl May. Seine Helden erstrahlen in moralischer Makellosigkeit, während seine Schurken sich mit fast kindlicher Beharrlichkeit dem Bösen verschreiben. Das ist durchaus charmant, wenn auch vorhersehbar. Old Surehand und Old Wabble sind keine Abziehbilder, sondern Männer, die die Narben des Lebens tragen – einer endet tragisch, der andere lüftet das Mysterium seiner Herkunft. In diesen Momenten gelingt es May, die Grenze zur banalen Abenteuerliteratur zu überschreiten und einen Hauch existenzieller Tiefe zu vermitteln.

Doch dann gibt es Dick Hammerdull und Pitt Holbers. Wenn diese beiden Herren in ihre repetitiven Dialoge verfallen, hat man das Gefühl, unfreiwillig einer endlosen Radioschleife beizuwohnen. Was vielleicht im ausgehenden 19. Jahrhundert für Heiterkeit sorgte, wirkt heute wie eine nicht enden wollende Comedy-Nummer, die ihren Reiz nach der dritten Wiederholung verliert.

Strukturell hängt der Roman gelegentlich in der Luft. Die Handlung zieht sich in die Länge, weil die Antagonisten immer wieder entkommen, nur um 30 Seiten später erneut aufzutauchen. Old Shatterhand lässt die Bösewichte zu oft laufen, was zwar seinem Ehrenkodex entspricht, dem Spannungsbogen aber wenig hilft.

Und doch – May bleibt ein begnadeter Erzähler. Seine Naturbeschreibungen sind von atemberaubender Schönheit. Man sieht die Sonnenuntergänge über der Prärie und hört das Echo in den Rocky Mountains. Philosophische und religiöse Reflexionen durchziehen das Werk wie unsichtbare Fäden und verleihen ihm eine Gravitas, die man nicht erwartet. May predigt nicht, er verpackt die großen Fragen der Menschheit in spannende Dialoge und lässt den Leser nachdenklich zurück.

Das Finale in Colorado ist dann das, was man erwartet: Pathos, Drama und ein Showdown, der alle losen Enden verknüpft. Die Auflösung der Familiengeschichte um Old Surehand ist überaus zufriedenstellend, auch wenn man dem Ganzen eine Prise weniger Überhöhung gegönnt hätte.

Unterm Strich ist "Old Surehand II" ein Roman, der in seiner Mischung aus epischer Erzählkunst und ermüdender Redundanz polarisiert. Wer May liebt, wird sich auch hier wiederfinden, mit all seinen Vorzügen und Schwächen. Wer May noch nicht kennt, sollte sich vielleicht erst an den "Schatz im Silbersee" wagen. Aber seien wir ehrlich: Karl May ist auch dann noch lesenswert, wenn er sich gelegentlich selbst im Wege steht.