Sonntag, 23. März 2025

Rouge von Mona Awad

Rouge von Mona Awad 



Seiten: 512    
Verlag: btb
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3442763037
Amazon: Amazon.de








Spiegel der Schönheit, Abgrund der Seele – Mona Awads Rouge

Rating: 7/10


Inhalt:

Für die perfekte Haut tun Mirabelle und ihre Mutter Noelle alles: Skincare-Videos, Kollagen-Smoothies und Dreifach-Peelings bestimmen ihren Tag, in ihren Wohnungen türmen sich die Tiegel und Fläschchen. Doch würde die Mutter für die Schönheit sterben? Nach ihrem mysteriösen Unfalltod sucht Mirabelle in Kalifornien nach Antworten und stößt auf La Maison de Méduse, das sektenartige Luxus-Spa, in dem ihre Mutter Stammkundin war. Nach und nach gerät auch sie immer tiefer in die Fänge der Betreiber – eine surreale Reise in die Abgründe des Schönheitskults und zum Kern ihrer Beziehung zu Noelle beginnt ... Mit schwarzem Humor zeigt die Bunny-Kultautorin, wie viel Neid, Eitelkeit und Unsicherheit unter einer dicken Schicht Rouge lauern können.

Review:

Mit Rouge wagt Mona Awad eine ambitionierte Neuinterpretation des klassischen Märchens von Schneewittchen, bei der sie mit sardonischem Blick die Absurditäten und Grausamkeiten des Schönheitswahns ins Visier nimmt. Wer sich jedoch auf einen simplen, feministisch angehauchten Racheakt freut, wird enttäuscht – oder erfreut, denn Awad lässt nichts auf einfache Botschaften reduzieren.

Zentrum dieses kunstvoll gewobenen Alptraums ist die fragile Beziehung zwischen Mutter und Tochter, die Awad mit chirurgischer Präzision freilegt. Ihre Charaktere sind tiefschichtig, komplex und stets ambivalent, ihre innere Zerrissenheit ist zugleich Spiegel und Brennglas einer Gesellschaft, deren Ideale immer perverser und unmenschlicher erscheinen. Awad entlarvt auf drastische Weise, wie gnadenlos Schönheit zum Diktat erhoben wird und welchen Preis besonders Frauen dafür bezahlen müssen.

Dabei ist Awads Erzählstil von fast unverschämter Brillanz, durchsetzt von surrealen Bildern, rauschhaften Sequenzen und gelegentlichen Wiederholungen, die den Leser bewusst irritieren und aus der Komfortzone reißen sollen. Dass sie dabei manchmal über das Ziel hinausschießt und ins selbstverliebte Ornamentale kippt, verzeiht man ihr bereitwillig, denn ihr spielerischer Umgang mit Sprache ist schlichtweg virtuos.

Es lässt sich allerdings nicht verleugnen, dass Awad thematisch auf wohlbekanntem Terrain verweilt – wer ihre bisherigen Romane kennt, dem werden Motive und Figuren aus All’s Well oder Bunny vertraut erscheinen. Dies schmälert den Genuss nicht grundlegend, verhindert aber, dass Rouge den Status einer literarischen Innovation erreicht.

Trotz einiger erzählerischer Längen findet Awad schließlich doch zu einem packenden und emotional intensiven Finale. Ihre kritische Stimme bleibt scharf, ihr Blick unnachgiebig – und genau darin liegt die eigentliche Qualität dieses Romans. Rouge zwingt uns, genauer hinzusehen und uns unbequemen Wahrheiten zu stellen, indem es die oft grotesken Praktiken einer von Jugend- und Schönheitswahn besessenen Gesellschaft unerbittlich vorführt.

Awads Roman ist kein leichter Genuss, sondern eine ebenso verstörende wie anregende literarische Erfahrung. Wer bereit ist, sich auf ihren unkonventionellen und provokativen Ansatz einzulassen, wird mit einem ungewöhnlichen, intensiven Leseerlebnis belohnt – ganz im Sinne einer Literatur, die wachrütteln will statt bloß unterhalten.

Donnerstag, 20. März 2025

„Age of Bronze“-Trilogie von Miles Cameron

„Age of Bronze“-Trilogie von Miles Cameron





Seiten: ca. 1700
Verlag: Gollancz
Sprache: Englisch
ISBN-13: 978-1473232525
 Amazon: Amazon.de








Brutal, klug, einzigartig: Die „Age of Bronze“-Trilogie im Überblick

Rating: 8/10


Inhalt:

The tyranny of the gods is absolute, and they are capricious, malevolent and almost all-powerful, playing cruel games with the fates of mortals for their own ends . . . A vibrant and powerful epic set against an alternate Bronze Age, this tale of gods, men and monsters, conspiracy and war, is a rich, compelling and original read from a master of the historical and fantasy genres. The people caught up in toils of the gods are merely trying to survive. Victims of vicious whims, trapped by their circumstances or pushed beyond what the mortal frame can bear, a handful of god-touched mortals - a scribe, a warlord, a dancer and a child - are about to be brought together in a conspiracy of their own. A conspiracy to reach the heavens, and take down the corrupt and aging gods . . . who are already facing troubles of their own . . . An epic which draws on the Greek mythology of gods and heroes, this new trilogy is a must read for fans of Dan Simmons and Madeline Miller alike.

Review:

Manche Fantasy-Romane erzählen große Geschichten, andere hinterfragen ihr eigenes Genre – und dann gibt es Miles Camerons "Age of Bronze"-Trilogie, die beides mit einer Wucht verbindet, die den Leser nicht unberührt lässt. Sie ist zugleich mythologische Dekonstruktion, historisches Spektakel und philosophisches Gedankenexperiment. Cameron nimmt das Genre des heroischen Epos, bricht es in seine Einzelteile und setzt es neu zusammen – mit einer Klinge in der einen und einem bissigen Lächeln in der anderen Hand.


Die Prämisse ist auf den ersten Blick klassisch: Die Götter sind Tyrannen, eitel, machthungrig, zu grausamen Launen geneigt, und die Sterblichen haben die Nase voll. Doch Cameron lässt sich nicht mit einer schlichten Rebellion gegen den Himmel abspeisen. Stattdessen serviert er uns ein subtiles, oft bitteres Porträt dessen, was passiert, wenn die Unterdrückten zurückschlagen – und dabei nicht selten selbst zu Unterdrückern werden. Im Zentrum stehen Figuren, die in keiner Weise strahlende Helden sind: der abgebrühte Söldner Zos, dessen moralischer Kompass ständig zwischen Pragmatismus und Prinzipien schwankt; die charismatische Strategin Era, die zwischen Vision und Wirklichkeit zerrieben wird; und der Gottling Daos, gefangen zwischen seinem neu entdeckten Status und der Frage, ob er besser ist als jene, die er stürzen will.


Camerons Sprache ist scharf wie eine Bronzeklinge, seine Schlachtenszenen sind keine gestylten Heldenspektakel, sondern blutige, atemlose Kakophonien aus Angst, Schweiß und Chaos. Die Welt, die er zeichnet, ist tief verwurzelt in archäologischer Authentizität, gespickt mit Anspielungen auf die reale Bronzezeit, von militärischer Taktik bis hin zu Ritualen und Wirtschaftssystemen. Doch trotz dieser historischen Sorgfalt bleibt das Werk durchzogen von einem unverschämten, oft galligen Humor – als würde ein antiker Feldherr mit einem Glas Wein in der Hand das Ende der Welt kommentieren.


Doch bei aller Brillanz hat die Serie ihre Schattenseiten. Camerons Lust an Detail und Komplexität droht stellenweise in Exzess umzuschlagen: Figuren tauchen auf, verschwinden wieder, Konflikte spitzen sich zu, nur um sich plötzlich auf Umwegen zu entladen, und manches Mal scheint selbst der Autor in den verschlungenen Strängen seines Plots den Faden zu verlieren. Besonders im dritten Band "Breaking Hel" wird dies spürbar: Während die Handlung weiter an Tempo gewinnt und das Chaos eskaliert, verlieren einige etablierte Figuren an Präsenz, während neue Elemente eingeführt werden, die nicht immer nahtlos in das bestehende Gefüge passen. Dadurch entsteht stellenweise ein Eindruck von erzählerischer Überfrachtung, der den sonst so stringenten Spannungsbogen der Reihe gelegentlich ins Wanken bringt.


Trotz dieser Schwächen bleibt "Age of Bronze" eine der ambitioniertesten Fantasy-Trilogien der letzten Jahre. Cameron verbindet die Wucht klassischer Epen mit der beißenden Intelligenz eines modernen Historikers und der unbändigen Erzähllust eines geborenen Geschichtenerzählers. Wer makellose Heldenreisen sucht, wird hier nicht fündig. Wer aber bereit ist, sich auf eine ungestüme, manchmal widersprüchliche, aber stets mitreißende Geschichte einzulassen, wird belohnt mit einer Saga, die nachhallt – wie das Echo eines letzten, verzweifelten Schlachtrufs gegen die Götter selbst.


Bleibt nur zu hoffen, dass sich bald ein deutscher Verlag findet, der dieser Reihe die Übersetzung gibt, die sie verdient. Denn eine solch komplexe, kluge und mitreißende Fantasy-Serie sollte einem größeren Publikum nicht vorenthalten bleiben.

Mittwoch, 19. März 2025

Die Achse der Autokraten von Anne Applebaum

Die Achse der Autokraten von Anne Applebaum



Seiten: 208
Verlag: Siedler
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3827501768
Amazon: Amazon.de








"Ein düsterer Weckruf für Demokratien weltweit"

Rating: 7/10


Inhalt:

Autokratische Herrschaft besteht im 21. Jahrhundert nicht länger nur aus einem Tyrannen an der Spitze, der mit Gewalt sein Volk unterdrückt: Heute werden Autokratien durch ausgeklügelte Netzwerke geführt, es hat sich eine neue internationale autokratische Allianz gebildet, wie Bestsellerautorin Anne Applebaum in ihrem neuen Buch zeigt. Von China bis Weißrussland, von Syrien bis Russland unterstützen sich Autokraten von heute gegenseitig mit Ressourcen und Equipment made in Iran, Myanmar oder Venezuela: von Propaganda-Trollfarmen und Bots über Investitionsmöglichkeiten für ihre korrupten Staatsunternehmen bis hin zum Austausch modernster Überwachungstechnologien. Applebaum offenbart, wie die Diktatoren der Welt hinter den Kulissen zusammenarbeiten und sich mit aggressiven Taktiken gegenseitig Sicherheit und Straffreiheit verschaffen. Und sie macht deutlich, wie diese autokratische Allianz unsere Demokratie untergräbt. »Das ist die eigentliche Lehre aus der deutschen Geschichte: Nicht, dass Deutsche nie wieder Krieg führen dürfen, sondern dass sie eine besondere Verantwortung dafür haben, sich für die Freiheit einzusetzen und dabei auch Risiken einzugehen.« (Aus der Dankesrede von Anne Applebaum zum Friedenspreis 2024)

Review:

Anne Applebaums „Die Achse der Autokraten“ ist eines jener Bücher, die man nur schwer wieder aus der Hand legen kann – nicht etwa, weil es eine besonders erfreuliche Lektüre wäre, sondern weil es mit schonungsloser Präzision eine gefährliche politische Realität offenbart. Applebaum analysiert mit journalistischer Eleganz und historischer Tiefe, wie autoritäre Staaten in der Gegenwart Hand in Hand arbeiten, um demokratische Gesellschaften zu schwächen und ihre eigene Machtposition auszubauen.

Dabei beweist die Autorin eindrucksvoll, wie vielschichtig die Allianz zwischen Autokratien wie Russland, China, Venezuela und dem Iran tatsächlich ist: Korruption, Cybermanipulation und komplexe Finanzgeflechte verschmelzen zu einem globalen Netzwerk, das mehr verbindet als bloß autoritäre Ideologie. Applebaum argumentiert brillant und scharfzüngig, dass es den Machthabern letztlich einzig darum gehe, ihre eigenen Pfründe zu sichern.

Besonders hervorzuheben sind jene Passagen, in denen Applebaum durch persönliche Fallbeispiele aus unterschiedlichen Ländern aufzeigt, wie fragil die demokratischen Strukturen tatsächlich geworden sind. Die anschauliche Sprache, das präzise Timing ihrer Erzählung und die Kombination aus gründlicher Recherche und pointierter Analyse machen dieses Buch zu einem essenziellen Wegweiser durch die geopolitische Landschaft unserer Zeit.

Natürlich ist Applebaums Buch nicht frei von kleineren Kritikpunkten. Etwas mehr analytischer Biss hinsichtlich der Rolle westlicher Wirtschaftsstrukturen wäre wünschenswert gewesen. Ebenso könnte man Applebaum vorwerfen, zu wenig konkrete Handlungsvorschläge für die Zivilgesellschaft zu liefern. Dennoch: Ihre Diagnose trifft punktgenau ins Mark des Problems.

„Die Achse der Autokraten“ ist kein Werk, das optimistisch stimmt – das wäre angesichts des behandelten Themas auch naiv. Doch Applebaums abschließender Appell, demokratische Institutionen mit vereinten Kräften zu stärken, könnte nicht eindringlicher sein. Dieses Buch zu ignorieren wäre fahrlässig, es zu lesen ist Pflichtlektüre für jeden, der sich ernsthaft für die Zukunft unserer Demokratien interessiert.

Mittwoch, 12. März 2025

Ghost Station von S. A. Barnes

Ghost Station von S. A. Barnes 



Seiten:464     
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10:3453323521
Amazon: Amazon.de








"Paranoia, Isolation, Trauma – aber wo bleibt der Horror?"

Rating: 5/10


Inhalt:

Die Psychologin Dr. Ophelia Bray wird auf das Raumschiff Resilience geschickt, das im Auftrag der Montrose Corporation unterwegs ist, Planeten nach Rohstoffen abzusuchen. Bei der letzten Mission verschwand ein Crewmitglied unter seltsamen Umständen. Ophelia soll herausfinden, ob mehr hinter der Sache steckt als ein tragischer Unfall. Als die Resilience auf dem Planeten Lyria 393-C landet, entdeckt die Crew neben uralten Ruinen einer Alien-Zivilisation eine Station, die scheinbar überstürzt verlassen wurde. Noch während Captain Severin diesem Rätsel nachgeht, kommt es zu einem brutalen Todesfall. Für Ophelia und die Mannschaft der Resilience beginnt ein Kampf ums Überleben – doch die Geister der Station lassen niemanden so einfach gehen …

Review:

S.A. Barnes hat mit Dead Silence bewiesen, dass sie das Zusammenspiel von Science-Fiction und Horror meisterhaft beherrscht. Mit Ghost Station wagt sie sich erneut in die Dunkelheit des Alls, diesmal mit einer Geschichte, die psychologische Spannung mit klassischem Grusel verbindet. Doch während die Atmosphäre zweifellos gelungen ist, bleibt das erzählerische Fundament hinter den Erwartungen zurück.

Schon der Ausgangspunkt des Romans klingt nach einer literarischen Einladung zum gepflegten Frösteln: Dr. Ophelia Bray, eine Psychologin mit mehr als nur einer Leiche im Keller, schließt sich einer Weltraummission an, um eine Crew zu betreuen, die mit einem traumatischen Verlust kämpft. Doch statt offener Arme erwarten sie Misstrauen und Ablehnung, denn wer sich im All auf einen Seelenklempner einlässt, riskiert nicht nur seine psychische Gesundheit, sondern auch seine Karriere. Dass Ophelia selbst ein Fass voller ungelöster Traumata ist, macht ihre Aufgabe nicht einfacher. Als das Team eine verlassene Forschungsstation auf einem unwirtlichen Planeten untersucht, werden die Schatten der Vergangenheit und Gegenwart ununterscheidbar. Plötzlich verschwimmen Realität und Wahn, Bedrohung und Paranoia – ein Konzept, das sich schon in unzähligen literarischen und filmischen Vorbildern bewährt hat.

Barnes versteht es, die beengte Klaustrophobie einer verlassenen Station in den Weiten des Alls spürbar zu machen. Die Stille ist allgegenwärtig, jeder Schatten könnte ein Vorbote des Grauens sein, und doch bleibt das Grauen oft merkwürdig abstrakt. Ophelias Perspektive ist zugleich Stärke und Schwäche des Romans: Ihre innere Zerrissenheit, ihre psychischen Kämpfe, ihre Unzuverlässigkeit als Erzählerin verleihen der Geschichte Tiefe, doch sie bremsen den Erzählfluss auch erheblich. Wer auf packenden Eskalationshorror à la Alien hofft, könnte hier enttäuscht werden. Vielmehr dominiert über weite Strecken die psychologische Innenschau einer Protagonistin, die sich selbst im Weg steht. Das ist zweifellos ambitioniert, sorgt aber auch für einen erzählerischen Leerlauf, der sich besonders in der ersten Hälfte des Romans bemerkbar macht. Erst in der zweiten Hälfte nimmt die Handlung an Fahrt auf, fast schon ein wenig überhastet, als hätte die Autorin gemerkt, dass sie ihre Schockmomente zu lange aufgespart hat.

Ein weiteres Problem des Romans liegt in seinen Nebenfiguren, die über bloße Skizzenhaftigkeit selten hinauskommen. Sie sind Konfliktfolien für Ophelias inneren Kampf, nicht mehr. So bleibt der emotionale Impact der Geschichte hinter dem Potenzial zurück, das sie hätte entfalten können. Auch das große Mysterium rund um die Station erweist sich letztlich als weniger spektakulär, als man es sich wünschen würde – das Spiel mit Halluzination und Realität verliert an Spannung, wenn die Auflösung eher konventionell als verstörend ausfällt.

Letztlich ist Ghost Station eine Übung in Atmosphäre, die mehr Wert auf Stimmung als auf Handlung legt. Barnes gelingt es, eine unheimliche, bedrückende Szenerie zu erschaffen, doch die narrative Ungleichgewichtung zwischen introspektivem Psychodrama und Weltraumhorror lässt den Roman nicht vollends zünden. Wer sich auf einen langsamen, bewusst diffusen Horror einlassen kann, findet hier zweifellos ein stimmungsvolles Erlebnis. Wer jedoch eine klar strukturierte, mitreißende Horrorgeschichte erwartet, wird sich bisweilen fühlen wie Ophelia selbst: verloren im Dunkeln.

Samstag, 8. März 2025

Der Fall von Gondolin - J.R.R. Tolkien

Der Fall von Gondolin - J.R.R. Tolkien



Länge: 9h 9min
Verlag: der Hörverlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3844552936
Amazon: Amazon.de








Tolkiens unvollendetes Epos – Eine Spurensuche

Rating: 7/10


Inhalt:

Zwei der größten Mächte Mittelerdes liegen in unerbittlichem Streit: auf der einen Seite Morgoth, die Verkörperung des Bösen, und auf der anderen Ulmo, der Herr der Meere, Seen und Flüsse. Im Mittelpunkt steht die verborgene Elben-Stadt Gondolin, denn ihr König wird von Morgoth mehr als alles andere gehasst. Da wird der junge Tuor von Ulmo ausgesandt und macht sich auf den gefahrvollen Weg nach Gondolin, um den König und die Bewohner zu warnen. Durch einen gemeinen Verräter erfährt Morgoth, wie er einen vernichtenden Angriff gegen die Stadt führen kann, mit Balrogs, Drachen und zahllosen Orks. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Ungekürzte Lesung mit Gert Heidenreich, Timmo Niesner 1 MP3-CD, 9h 9min

Review:

Es gibt Werke, die sich lesen lassen wie eine abgeschlossene Sinfonie – und dann gibt es Der Fall von Gondolin, das eher an eine Reihe fragmentarischer Notizen erinnert, die ein großer Komponist hinterlassen hat. Es ist die Geschichte eines Untergangs, aber auch ein Zeugnis für die unvollendeten Ambitionen eines der größten Geschichtenerzähler unserer Zeit. Wer Tolkiens epische Tragödien kennt, ahnt bereits: Hier erwartet uns keine heitere Heldengeschichte, sondern das bittere Ende einer großen Ära.

Ein wenig fühlt es sich an wie der Besuch eines berühmten Museums, in dem wir weniger ein vollendetes Kunstwerk betrachten als vielmehr eine Ausstellung von Skizzen, Vorstudien und verworfenen Fassungen. Christopher Tolkien, in bewundernswerter akribischer Kleinarbeit, hat diese Fragmente zu einer Art literarischer Archäologie zusammengefügt. Man kann und muss ihm dafür dankbar sein, doch das Resultat hat einen Preis: Die Geschichte von Gondolins Fall bleibt, trotz ihrer epischen Dimension, immer ein Fragment.

Dass es sich dennoch lohnt, diesen Band zu lesen, steht außer Frage. Wer sich auf das Buch einlässt, bekommt eine der tragischsten und eindrucksvollsten Geschichten des Tolkien-Kosmos geboten. Tuor, der sterbliche Held, der vom Wassergott Ulmo selbst auserwählt wird, nach Gondolin zu reisen und die Stadt vor dem drohenden Untergang zu warnen, ist ein typischer Vertreter jener melancholischen Heldenfiguren, die Tolkiens Welt bevölkern. Doch seine Mission scheitert nicht an ihm selbst, sondern an der Starrsinnigkeit der Elben, die sich weigern, die Gefahr zu erkennen. Was folgt, ist eine der imposantesten Schlachtbeschreibungen, die Tolkien je verfasst hat: Drachen, Balrogs und ganze Heerscharen von Orks verwüsten die einst so prächtige Stadt – ein Spektakel von fast opernhafter Wucht.

Die Kehrseite dieses Prachtbandes ist jedoch seine fragmentarische Natur. Die verschiedenen Versionen der Geschichte, die hier versammelt sind, lassen ahnen, was hätte sein können, wenn Tolkien sein Werk vollendet hätte. Besonders schmerzhaft ist der abrupte Abbruch der sogenannten "Letzten Version" aus dem Jahr 1951, die einen literarisch anspruchsvollen und ausgereifteren Erzählstil andeutet. Hier zeigt sich der große Wermutstropfen dieses Bandes: Er ist nicht der große epische Roman, den Tolkien möglicherweise schreiben wollte, sondern eine Spurensuche im literarischen Nachlass.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Der Fall von Gondolin ist kein Roman, sondern ein literaturwissenschaftliches Dokument. Wer auf eine stringente Erzählung hofft, wird enttäuscht sein, doch wer bereit ist, sich in die Tiefen von Tolkiens Schaffensprozess zu begeben, wird belohnt.

Besonders hervorzuheben ist die Hörbuchfassung dieses Werkes, die ich als Rezensionsexemplar erhalten habe. Gert Heidenreich und Timmo Niesner als Sprecher leisten dabei hervorragende Arbeit. Ihre Stimmen fangen die melancholische, fast mythische Atmosphäre der Geschichte perfekt ein und verleihen den Fragmenten eine besondere Tiefe.

Die mp3-CD-Qualität entspricht dem gewohnt hohen Standard von "Der Hörverlag" und sorgt für ein klares und angenehmes Hörerlebnis. Zusätzlich liegt dem Hörbuch ein kleines Booklet bei, das ein Namensverzeichnis, Stammbäume und eine Karte von Beleriand enthält – eine wertvolle Hilfe, um sich in der komplexen Welt von Mittelerde zurechtzufinden.

Es bleibt das bittersüße Gefühl, mit diesem Band das letzte große Werk unter der Ägide von Christopher Tolkien in Händen zu halten. Insofern ist es nicht nur die Geschichte von Gondolin, die hier zu Ende geht, sondern auch eine Ära der posthumen Tolkien-Editionen. Ob man dieses Buch nun als glorreiches Vermächtnis oder als editorische Geduldsprobe sieht – eines ist sicher: Die Faszination für Mittelerde wird uns noch lange erhalten bleiben.

Mittwoch, 5. März 2025

Unendlichkeit von Alastair Reynolds

Unendlichkeit von Alastair Reynolds



Seiten: 800
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10:3453323475
Amazon: Amazon.de








Kalte Realität im All – Reynolds' düstere Space Opera

Rating: 7/10


Inhalt:

Wir schreiben das Jahr 2551. Archäologe Dan Sylveste macht auf dem lebensfeindlichen Planeten Resurgam im Delta-Pavonis-System eine ungeheure Entdeckung: Eine hochtechnisierte Zivilisation, die Amarantin, lebte einst hier, doch bevor sie die bemannte Raumfahrt entwickelte, wurde sie vernichtet. War es eine unglückliche Katastrophe, oder steckt eine andere, feindliche Intelligenz dahinter? Eine Intelligenz, die eines Tages auch den Menschen gefährlich werden könnte? Um das herauszufinden, lässt sich Sylveste auf einen gefährlichen Deal mit der Cyborg-Crew des Raumschiffs Sehnsucht nach Unendlichkeit ein. Doch je näher er der Lösung des Rätsels kommt, desto größer wird die Gefahr, in der er und die Schiffscrew schweben. Denn die Amarantin wurden aus einem bestimmten Grund vernichtet, und wenn dieses Geheimnis ans Licht kommt, wird es unser Universum für immer verändern …

Review:

Alastair Reynolds hat mit Unendlichkeit eine Space Opera geschaffen, die all jene Lügen straft, die Science-Fiction als naive Märchenstunde für Technikverliebte abtun. Dieses Buch ist das Gegenteil einer verklärten Zukunftsvision – es ist die gnadenlose Demontage der Illusion, dass der Weltraum uns eine zweite Chance böte. Stattdessen ist das Universum ein kalter, feindlicher Ort, in dem Menschen nicht triumphieren, sondern sich bestenfalls durchwinden.

Schon nach wenigen Seiten wird klar, dass Reynolds eine einzigartige Mischung aus wissenschaftlicher Akribie und literarischem Nihilismus beherrscht. Seine Welt ist erbarmungslos: Raumschiffe, die mit annähernder Lichtgeschwindigkeit operieren, sind keine glänzenden Kreuzfahrtschiffe, sondern knirschende, von Seuchen zerfressene Kolosse. Kulturelle Dekadenz zeigt sich nicht in glanzvollen Metropolen, sondern in perversen Spielen, in denen Attentate zum gesellschaftlichen Zeitvertreib gehören. Und natürlich gibt es ein zentrales Rätsel: Was ist mit den Amarantin geschehen, der Alien-Spezies, die kurz vor ihrem Aufbruch zu den Sternen ausgelöscht wurde? Diese Frage ist die treibende Obsession des Protagonisten Dan Sylveste, eines Wissenschaftlers von solch arroganter Selbstüberschätzung, dass man ihm einerseits bewundernd folgen möchte und andererseits wünscht, ihm würde jemand eine Ohrfeige verpassen.

Aber das ist es, was Reynolds kann: Er zwingt uns, mit Figuren Zeit zu verbringen, die weder liebenswert noch moralisch integer sind. Ob es die gnadenlose Munitionsmeisterin Ilia Volyova ist, die mit einem tödlichen Arsenal hantiert, oder Ana Khouri, eine Auftragsmörderin mit einer nebulösen Agenda – sie alle existieren in einem moralischen Graubereich, der keine Identifikation, sondern nur Faszination zulässt. Und dann ist da noch der Captain der Sehnsucht nach Unendlichkeit, eine groteske Monstrosität aus Mensch und Maschine, ein Fiebertraum aus verschmolzenem Fleisch und Metall.

Reynolds’ wissenschaftlicher Hintergrund ist nicht zu übersehen. Hier wird kein Pseudogeschwafel über Hyperraumreisen abgeliefert, sondern harte Physik. Wer Schwierigkeiten mit Fachbegriffen hat, wird sich mühen müssen, doch für alle, die wissenschaftliche Präzision in der Science-Fiction schätzen, ist Unendlichkeit ein Fest. Die langsame Erzählweise, die komplexen Zeitsprünge und die detaillierte Beschreibung von Technologien verlangen Konzentration, aber genau darin liegt der Reiz: Dies ist kein Buch für Ungeduldige, sondern für Leser, die bereit sind, sich auf eine intellektuelle Herausforderung einzulassen.

Und doch, bei aller Brillanz, bleibt Unendlichkeit nicht ohne Makel. Die Erzählstruktur kann zäh sein, einige Passagen sind übermäßig detailliert, und es fehlt manchmal an erzählerischer Ökonomie. Zudem sind Reynolds’ Charaktere oft so kühl wie der Kosmos selbst – wer emotionale Wärme sucht, sollte lieber zu Iain M. Banks greifen. Aber genau hier liegt auch die Stärke dieses Romans: Er nimmt keine Rücksicht, er biedert sich nicht an, er verlangt etwas von seinem Leser.

Wer sich auf Unendlichkeit einlässt, bekommt keine strahlenden Helden, sondern eine düstere, grandios konstruierte Welt, in der die Zukunft nicht leuchtet, sondern erdrückt. Es ist harte Science-Fiction in ihrer reinsten Form – anspruchsvoll, fordernd und in ihrer Kälte erschreckend überzeugend. Ein Buch für jene, die bereit sind, sich zu fragen, ob die Zukunft wirklich ein Versprechen ist – oder doch eher eine Warnung.

Montag, 3. März 2025

Mal goes to War von Edward Ashton

Mal goes to War von Edward Ashton



Seiten: 400   
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10:3453323467
Amazon: Amazon.de








"Murderbot trifft Military-Sci-Fi – Nur ohne die Emotionen"

Rating: 6/10


Inhalt:

Amerika in der nahen Zukunft. Zwischen den Federals, die ihre Körper mit Implantaten und Genmanipulation verändern, und den Humanisten herrscht ein blutiger Bürgerkrieg. Die freien KIs, rein digitale Wesen, die im Infospace leben, sind dabei nur Zuschauer. KI Mal findet es wahnsinnig spannend, in Drohnen über den Schlachtfeldern zu fliegen und das zu studieren, was nach den Kämpfen übrig bleibt. Doch eines Tages wird er dabei vom Infospace abgeschnitten und muss sich in die Implantate einer Söldnerin flüchten. Bis er wieder Zugang zum Netz hat, ist er auf sich allein gestellt. Mit dem Körper der Söldnerin hat er auch deren Aufgabe geerbt: Er soll die augmentierte junge Frau namens Kayleigh beschützen, die allein hinter den feindlichen Linien dem sicheren Tod geweiht ist. Für Mal und Kayleigh beginnt ein Abenteuer voller Gefahren – und eine Freundschaft, die ungewöhnlicher nicht sein könnte.

Review:

Edward Ashton hat mit Mal Goes to War einen Roman geschaffen, der auf den ersten Blick wie eine Mischung aus klassischer Militär-Science-Fiction und satirischer KI-Philosophie wirkt. Doch hinter der Fassade eines actionreichen Abenteuers mit humorvollen Zwischentönen steckt eine Geschichte, die sich mit Identität, Moral und der Unzulänglichkeit menschlicher Systeme auseinandersetzt.

Mal ist kein tragischer Held, sondern ein zynischer Überlebenskünstler, eine freie KI, die sich nicht an einen festen Körper bindet, sondern durch das digitale Netzwerk der Welt vagabundiert und in alles eindringen kann, was genügend Speicherkapazität bietet. Ein Protagonist, der sich für das eigene Fortbestehen mehr interessiert als für den Konflikt zwischen den hochgerüsteten Augments und den puristischen Humanisten. Doch genau hier liegt die Ironie: Die Menschen metzeln sich gegenseitig nieder, und es ist ausgerechnet eine KI, die lernen muss, sich um andere zu kümmern. Ein Motiv, das so alt ist wie die Science-Fiction selbst, aber Ashton bringt es mit einer erfrischenden Leichtigkeit und viel Sarkasmus auf die Bühne.

Der Roman durchzieht eine dunkle Komik, die der Geschichte sowohl Schwung als auch Tiefe verleiht. Es gibt keinen pathosgetränkten Heldenmut, sondern trockenen Spott über den menschlichen Irrsinn. Mal stolpert durch eine Welt des Krieges, landet mal in einem augmentierten Söldner, mal in einem Haushaltsgerät, und trifft dabei auf eine Reihe skurriler Gestalten, darunter Kaleigh, ein genetisch manipuliertes Kind, das deutlich mehr Verstand besitzt als so mancher Erwachsene. Ihre Dynamik mit Mal ist das emotionale Rückgrat des Buches, wenn auch nicht immer ganz überzeugend ausgearbeitet. Der Plot hingegen hat seine Schwächen. Während das erste und zweite Drittel des Romans ein unterhaltsames, temporeiches Abenteuer bieten, fällt der Schluss eher blass aus. Die finale Konfrontation rauscht vorbei, als hätte Ashton selbst keine Lust mehr auf das große Finale. Auch bleibt Mal über weite Strecken zu distanziert, um wirkliche Sympathie zu wecken – was bei einem Protagonisten, der sich bewusst jeder emotionalen Bindung verweigert, durchaus konsequent ist, aber nicht immer für eine fesselnde Lektüre sorgt.

Der Vergleich mit Martha Wells' Murderbot liegt nahe, doch wo Murderbot trotz aller Menschenverachtung eine seltsame Verletzlichkeit besitzt, bleibt Mal letztlich ein Außenseiter, der die Menschen beobachtet, aber nie wirklich Teil ihrer Welt wird. Wer auf rabenschwarzen Humor, technologische Spielereien und eine zynische KI in einer kriegszerrütteten Zukunft steht, dürfte dennoch gut unterhalten werden. Für Fans intelligenter Science-Fiction mit Schwächen in der Charaktertiefe ist Mal Goes to War ein lohnenswerter, wenn auch nicht herausragender Roman. Drei von fünf Sternen.