Sonntag, 27. April 2025

Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells

Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells

Titel des Buches
Seiten: 355
Verlag: Diogenes
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3257261551
Kaufen: Amazon.de
Wer nach diesem Buch unberührt bleibt, hat sein Herz verloren
Bewertung: 10/10 ⭐

Inhalt:

Jules und seine beiden Geschwister wachsen behütet auf, bis ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben kommen. Als Erwachsene glauben sie, diesen Schicksalsschlag überwunden zu haben. Doch dann holt sie die Vergangenheit wieder ein. Ein berührender Roman über das Überwinden von Verlust und Einsamkeit und über die Frage, was in einem Menschen unveränderlich ist. Und vor allem: eine große Liebesgeschichte.

Review:

Wenn Literatur ein Seismograph menschlicher Befindlichkeiten ist, dann ist Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells ein Messgerät, das mit bewundernswerter Präzision die feinen Erschütterungen aufzeichnet, die das Leben für uns bereithält. Hier wird nichts aufgeblasen, nichts dramatisiert; Wells erzählt von Verlust, Einsamkeit und der langen Reise zur Selbstfindung mit einer bewundernswerten Schlichtheit, die gerade deshalb so tief trifft.

Im Mittelpunkt steht Jules Moreau, der als jüngster von drei Geschwistern nach dem Unfalltod seiner Eltern in eine Welt katapultiert wird, die ihm jede vermeintliche Sicherheit entreißt. Zusammen mit seinen Geschwistern wird er in ein Internat abgeschoben, wo sich das Band zwischen ihnen langsam löst – ein schleichender Prozess, den Wells mit einer fast brutalen Ehrlichkeit schildert. Die Zeit verläuft in diesem Roman nicht linear; Erinnerungen tauchen auf wie Geister, oft ungebeten, oft schmerzhaft, und immer wieder scheitern die Figuren an dem Versuch, die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Was Wells dabei gelingt, ist eine kleine Meisterleistung: Er erschafft Charaktere, die nicht einfach Figuren auf Papier sind, sondern echte Menschen, so widersprüchlich, verletzlich und manchmal auch unvernünftig, wie Menschen eben sind. Jules, Marty, Liz, Alva – sie alle tragen ihre Wunden offen zur Schau, und genau darin liegt ihre Schönheit. Besonders berührend ist Wells’ Darstellung der Beziehung zwischen Jules und Alva, die sich irgendwo zwischen Freundschaft, Liebe und Lebenssehnsucht verortet und niemals ins Sentimentale abgleitet.

Es wäre allerdings falsch, diesen Roman als bloßes Trauerkammerspiel misszuverstehen. Vom Ende der Einsamkeit erzählt nicht nur von Verlust, sondern auch von Überlebenskunst. Trotz aller Rückschläge bewahren die Figuren einen Rest von Hoffnung, ein leises, kaum hörbares Flüstern, dass Heilung – zumindest in kleinen Dosen – möglich ist. Wells schreibt so präzise und doch so poetisch, dass man manchmal erst beim zweiten Lesen merkt, wie viel in seinen scheinbar einfachen Sätzen steckt. Keine überflüssige Metapher, kein falscher Ton stört den Fluss dieser Erzählung.

Vergleiche mit anderen großen Familienromanen drängen sich auf, aber Wells hält der Versuchung stand, seine Figuren zu Märtyrern ihrer eigenen Tragik zu stilisieren. Stattdessen zeigt er uns, wie Menschen scheitern, sich verlieren und doch wieder aufrappeln – und das ganz ohne die Effekthascherei, die so vielen anderen Romanen dieses Genres eigen ist. Vielleicht liegt gerade darin die große Kunst dieses Buches: Es weckt nicht Bewunderung für literarisches Geschick, sondern echte Empathie.

Zum Schluss bleibt mir nur, in aller Deutlichkeit zu sagen: Vom Ende der Einsamkeit ist ein Buch, das man nicht einfach liest, sondern erlebt. Wer nach 300 Seiten ungerührt die Augen zuklappt, sollte vielleicht einmal überprüfen, ob das eigene Herz nicht inzwischen auch ins Internat geschickt worden ist.

Donnerstag, 24. April 2025

Die Schule der Nacht von Karl Ove Knausgård

Die Schule der Nacht von Karl Ove Knausgård 



Seiten: 672
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3630877931
Amazon: Amazon.de








"Ein kalter Nebel, der bleibt – Knausgårds Meisterwerk der Verstörung"

Rating: 7/10


Inhalt:

Eine winzige Insel vor der norwegischen Küste: Kristian Hadeland, erfolgreicher Künstler mit einer Karriere in London und einer bevorstehenden Retrospektive am MoMa in New York, hat sich in die Abgeschiedenheit zurückgezogen. Er will seinem Leben ein Ende setzen. »Tod und Vergänglichkeit«, das war das große Thema seines fotografischen Werks, mit dem er sich über sämtliche Regeln hinwegsetzte und in der Kunstwelt für Furore sorgte. Für diesen Ruhm ist er einen faustischen Bund eingegangen. Jetzt steht er vor den Trümmern eines rücksichtslosen Lebens und bittet um Erlösung. Möglicherweise vergeblich. Karl Ove Knausgårds neuester Roman »Die Schule der Nacht« ist Teil der großangelegten Morgenstern-Serie, die LeserInnen und KritikerInnen in der ganzen Welt begeistert. Ausgangspunkt ist das plötzliche Erscheinen eines neuen Sterns am Himmel, der unheimliche Kräfte freisetzt, sämtliche physikalische Regeln sprengt und die Menschen auf ihr Innerstes zurückwirft.

Review:

Karl Ove Knausgårds Die Schule der Nacht ist ein Roman, der wie ein kalter Nebel in den Leser einsickert – unaufhaltsam, unangenehm und am Ende erschütternd. Man mag Knausgårds Stil schätzen oder ablehnen, aber man kommt nicht umhin, ihm Respekt zu zollen: Denn was er hier auf 670 Seiten veranstaltet, ist nichts weniger als eine luzide Zerlegung des narzisstischen Künstlermythos – und zwar mit der chirurgischen Präzision eines Autors, der nicht gefallen will, sondern verstören.

Im Zentrum steht Kristian Hadeland, eine jener literarischen Figuren, die man nur lieben kann, wenn man sich selbst hasst. Arrogant, selbstverliebt, völlig empathiebefreit – ein Mann, der sich mit der Selbstverständlichkeit eines Ich-bezogenen schwarzen Lochs durch sein Umfeld fräst. Schon mit Anfang zwanzig hält er sich für ein Genie, verspürt keine Dankbarkeit gegenüber der Welt, sondern fordert sie zur Unterwerfung auf. Dass er sich mit dem Teufel einlässt, muss man nicht metaphorisch lesen – es ist eher ein strukturelles Grundmotiv: die Hybris, sich über Moral, Bindung und Maß zu erheben. Faust ist nicht mehr der tragische Gelehrte, sondern ein selbstoptimierender Instagram-Künstler mit einer Leica in der Hand und einer Leere im Herzen.

Knausgård erzählt das alles mit einer fast stoischen Ruhe. Da wird nicht gekreischt, nicht gezuckert, keine Szene künstlich aufgeblasen – was die Geschichte umso bedrohlicher macht. Denn das Unheil kommt nicht mit Paukenschlägen, sondern in Alltagssätzen daher. Die großen Fragen nach Schuld, Identität, Spiritualität, ja selbst nach dem Wesen des Bösen schleichen sich hier ein wie der Schimmel in einer schlecht gelüfteten Altbauwohnung: unsichtbar, aber durchdringend.

Es ist faszinierend, wie beiläufig Knausgård seine Themen verwebt: Fotografie als Portal zur Vergangenheit, okkulte Anspielungen auf die „School of Night“, Shakespeare und Marlowe als Schattenfiguren der literarischen Unterwelt. Und natürlich London – düster, grau, entfremdet – als Schauplatz eines inneren Exils. Wer hier auf Katharsis oder Läuterung hofft, ist verloren. Hadeland ist kein Held, auch kein Antiheld, sondern schlicht eine Zumutung. Aber eine, die man lesen muss, um zu begreifen, wie dünn der Firnis ist, der unsere Zivilisation vom moralischen Bankrott trennt.

Am Ende bleibt ein seltsames Gefühl: Verstörung, ja – aber auch Bewunderung. Denn Knausgård gelingt das seltene Kunststück, tief in die Dunkelheit zu blicken, ohne sich dabei im Pathos zu verlieren. Die Schule der Nacht ist keine angenehme Lektüre, aber eine notwendige. Eine literarische Teufelsbeschwörung, die einem noch lange nach dem letzten Satz im Nacken sitzt. Und in Zeiten wie diesen, in denen so viele Romane vor allem nett sein wollen, ist das vielleicht die größte Qualität überhaupt.

Montag, 21. April 2025

Stolz und Vorurteil von Jane Austen

Stolz und Vorurteil von Jane Austen 



Seiten: 628
Verlag: Manesse
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3717525786
Amazon: Amazon.de








"Von der Kunst, mit Stil zu sezieren: Warum Austen heute nötiger ist denn je"

Rating: 9/10


Inhalt:

Nicht weniger als fünf Töchter haben die Bennets standesgemäß unter die Haube zu bringen. Kein leichtes Unterfangen für eine Familie auf dem Lande, die nur über ein bescheidenes Vermögen verfügt. Ausgerechnet die intelligente Elizabeth, das Lieblingskind des Vaters, erweist sich als besonders schwieriger Fall. Schlägt sie doch zum allgemeinen Unverständnis den Antrag eines wohlsituierten Pfarrers aus und folgt hartnäckig ihrem eigenen Urteil. Die Familie schöpft neue Hoffnungen, als der attraktive Gutsbesitzer Darcy, ein Junggeselle aus besten Kreisen, im benachbarten Herrenhaus zu Gast ist. Doch erst als Elisabeth ihre Vorurteile und Darcy seinen Stolz abzulegen lernt, kann sich das Hochzeitskarussell drehen. In ihrem zweiten und populärsten Roman, 1813 erschienen, zeichnet Jane Austen Figuren von unübertroffener Lebendigkeit. Treffsicher entlarvt sie menschliche Schwächen, zeigt die Komik des Alltäglichen und stellt in immer neuen Varianten die zeitlose Frage nach den Voraussetzungen für eine glückliche Ehe.

Review:

Jane Austens Stolz und Vorurteil ist, man muss das so deutlich sagen, ein literarisches Uhrwerk, das seit über zweihundert Jahren zuverlässig tickt – leise, präzise und mit einer Eleganz, die sich nicht aufdrängt, sondern sich mit jedem weiteren Satz tiefer in das Bewusstsein des Lesers eingräbt. Ein Roman, der die Oberfläche höfischer Konventionen nutzt, um mit chirurgischer Genauigkeit das menschliche Innenleben freizulegen. Wer ihn als bloßen Liebesroman liest, ist entweder von schlechten Filmadaptionen verdorben worden oder hat nie gelernt, Ironie von Zuckerguss zu unterscheiden.

Elizabeth Bennet ist keine Figur, die man bloß bewundert – sie ist eine, die man gern zum Abendessen einladen würde. Geistreich, scharfzüngig, aber nie boshaft, stolpert sie über ihre eigenen Vorurteile ebenso selbstverständlich wie ihr Gegenüber, der scheinbar unnahbare Mr. Darcy, über seinen Stolz. Was zwischen diesen beiden geschieht, ist nicht das übliche literarische Tändeln, das mit einer Hochzeit endet – es ist ein Wettlauf zweier Charaktere, die sich erst selbst erkennen müssen, bevor sie überhaupt fähig sind, einander zu lieben. Und das, meine Damen und Herren, ist spannender als jede heutige Serien-Staffel über „toxische Beziehungen“.

Austen schreibt mit einer Ironie, die nicht modisch ist, sondern moralisch. Ihr Witz ist nicht gefällig, sondern erkenntnisstiftend. Man merkt sofort: Diese Autorin verachtet Dummheit, Selbstgefälligkeit und soziale Maskerade – und nichts macht ihr mehr Freude, als ihre Figuren genau an diesen Schwächen scheitern zu lassen. Der ganze Roman ist ein intellektuelles Vergnügen ersten Ranges, weil er von einer Autorin stammt, die es verstand, die gesellschaftlichen Mechanismen ihrer Zeit nicht nur zu durchschauen, sondern ihnen literarisch das Rückgrat zu brechen.

Austens Stil – und das mag all jene schockieren, die sich im postmodernen Gerumpel wohlfühlen – ist brillant. Ihre Sätze, auch wenn sie mitunter länger geraten, folgen einer inneren Logik, einer rhythmischen Ordnung, die ihresgleichen sucht. Wer sich heute über die „alten“ Klassiker beklagt, offenbart dabei vor allem eines: seine eigene Ungeduld. Denn wer bereit ist, sich diesem Text mit der nötigen Sorgfalt zu widmen, wird feststellen, dass hier kein Wort zu viel und keines zu wenig ist. Austen ist keine Romantikerin, sie ist eine Realistin mit Stil. Ihre Gesellschaftskritik ist bei aller Eleganz unerbittlich – präzise wie ein Seziermesser, aber geführt mit der Ruhe einer Chirurgin, die weiß, dass der Schnitt sitzt.

Und dann diese Nebenfiguren! Mr. Collins, dieser großartig geschriebene Schleimer von einem Geistlichen, der in seiner Selbstzufriedenheit so erschütternd echt ist, dass man ihn am liebsten aus dem Roman zerren und zur Therapie schicken möchte. Oder Lydia Bennet – eine Figur, die heute wahrscheinlich auf TikTok ihre Hochzeit mit Wickham live übertragen würde, während ihre ältere Schwester in stiller Fassungslosigkeit das WLAN kappt. Was Austen hier gelingt, ist nicht weniger als ein Ensemble menschlicher Typen, das so treffend ist, dass man bisweilen erschrickt, wie wenig sich der Mensch seit 1813 verändert hat.

Man kann diesen Roman auf viele Arten loben – als Gesellschaftssatire, als psychologische Studie, als frühes feministisches Manifest –, aber am Ende bleibt eine ganz schlichte Wahrheit: Stolz und Vorurteil ist schlichtweg hervorragend erzählt. Und wer das für „überbewertet“ hält, hat vermutlich auch einmal gesagt, Kafka sei „irgendwie anstrengend“.

Ich für meinen Teil sage: Jeder, der lesen kann, sollte dieses Buch gelesen haben. Nicht irgendwann. Sondern bald. Und wer es gelesen hat, sollte es noch einmal lesen – diesmal langsamer. Denn es ist einer jener seltenen Romane, die nicht altern, weil sie etwas erzählen, das über Epochen hinweg wahr bleibt: dass wir selten wissen, wer wir selbst sind – und noch seltener, wer der andere ist.

Freitag, 18. April 2025

Snowglobe von Soyoung Park

Snowglobe von Soyoung Park



Seiten: 400
Verlag: Piper
Sprache: Deutsch
ISBN-10:3492706991
Amazon: Amazon.de








"Ein Kaltlufteinbruch im Jugendbuchregal"

Rating: 4/10


Inhalt:

Draußen ist es bitterkalt. Drinnen wirst du immer beobachtet. Die Welt ist eingefroren. Nur die Stadt Snowglobe, eingeschlossen unter einer riesigen Kuppel, bietet noch ein komfortables Leben. Doch wer dort wohnt, bezahlt mit seiner Privatsphäre: Konstant wird ihr Leben für die weniger glücklichen Menschen außerhalb gefilmt. Die junge Chobahm träumt davon, eines Tages selbst in Snowglobe zu leben. Ihre Chance kommt, als eine der Schauspielerinnen unerwartet stirbt und Chobahm deren Platz und Leben einnehmen soll. Doch ihre neue Rolle im Rampenlicht wirft lange Schatten – und garantiert noch lange nicht Chobahms Überleben …

Review:

Manche Bücher haben das Zeug zum literarischen Schneesturm – Snowglobe hingegen ist eher eine künstlich herbeigeführte Kältekammer. Soyoung Parks Debüt möchte viel: Gesellschaftskritik, Mediensatire, Actionthriller, Identitätsdrama, Zukunftsvision. Heraus kommt dabei ein Buch, das sich liest wie eine Mischung aus The Truman Show unter Dauerfrost, Black Mirror auf K-Pop und einem koreanischen Serien-Drehbuch, das in der Mitte die Selbstkontrolle verliert.

Worum geht es? In einer Welt, in der die Temperaturen konstant bei minus fünfzig Grad liegen, wird die Energieversorgung durch hamsterradähnliche Laufbänder gesichert. Während draußen das Elend regiert, lebt eine kleine Elite in Snowglobe, einer durchsichtigen Luxuskuppel über einem geothermischen Schlot – wohlig warm und medienverrückt. Dort leben die Menschen nicht einfach, sie spielen sich selbst in Echtzeit. Wer dort hineinwill, muss eine Rolle übernehmen. Oder sich wenigstens gut verkaufen.

Unsere Protagonistin Chobahm ist so ein Fall: ein armes Mädchen von draußen, das zufällig genauso aussieht wie die berühmte Schauspielerin Go Haeri, die sich – o Schock! – das Leben nimmt. Die Lösung? Chobahm soll Haeri ersetzen, den Schein aufrechterhalten, und in der TV-Welt nicht auffallen. Was folgt, ist ein moralisch aufgeladenes Verwechslungsspiel mit hohem Unterhaltungswert und leider ebenso hohem Kitschanteil. Man könnte das Ganze als kluge Allegorie auf unsere Gegenwart lesen – auf Influencerkultur, Castingwahn und die Sehnsucht nach Bedeutung in einer Welt, die nur noch zuschaut. Man könnte. Wenn der Roman nicht so sehr damit beschäftigt wäre, sich selbst zu übertrumpfen.

Denn Parks Plot dreht sich bald nicht mehr nur um Täuschung und Macht, sondern um Spiegel, Intrigen, künstliche Wetterlagen, Erpressung, Gedächtnisverlust und eine latent erotische Spannung mit einem männlichen Nebencharakter, der offenbar hellsichtiger ist als ein DNA-Test. Das liest sich dann so, als hätte jemand zu viele Staffeln koreanischer Dramen gesehen und beschlossen, sie alle gleichzeitig zu verarbeiten. Die Wendungen häufen sich, bis man die Übersicht verliert – nicht weil sie raffiniert wären, sondern weil sie inflationär eingesetzt werden. Am Ende steht kein Aha-Effekt, sondern ein kollektives Stirnrunzeln.

Überhaupt: Figuren. Chobahm ist eine typische Heldin des Jugendbuchs – eine Mischung aus Unsicherheit, plötzlichem Talent und moralischem Kompass. Leider bleibt sie dabei so farblos wie das ewige Schneegrau ihrer Heimatwelt. Ihre innere Entwicklung wird behauptet, nicht erzählt. Die Dialoge klingen oft wie schlechte Synchronisation, und die Nebenfiguren sind wahlweise Klischees oder Pappaufsteller mit melancholischem Blick.

Dabei ist die Grundidee nicht nur stark, sie ist sogar relevant. Eine Gesellschaft, die sich selbst pausenlos inszeniert, während draußen die Welt erfriert – das ist eine treffende Metapher für die digitale Selbstvermarktung im Zeitalter der Klimakrise. Dass alle davon träumen, in der Kuppel zu leben, sagt mehr über unsere Gegenwart als über Parks Zukunftsvision. Aber gute Ideen allein machen noch kein gutes Buch. Und der Versuch, alles in einen einzigen Band zu packen – Gesellschaftsanalyse, Familiendrama, Thrillerhandlung – lässt das Ganze am Ende auseinanderbrechen wie dünnes Eis.

Was bleibt? Eine eindrucksvolle Kulisse, ein kluges Konzept, ein spannender Anfang – und ein literarisches Desaster auf der Zielgeraden. Snowglobe hätte ein kalter Klassiker werden können. Stattdessen bleibt es ein gefrorener Rohdiamant, der beim Schleifen zerbrochen ist. Und ja, es gibt eine Fortsetzung. Ich werde sie nicht lesen.

Mittwoch, 16. April 2025

Vierhundert Seelen von Ibram X. Kendi, Keisha N. Blain

Vierhundert Seelen von Ibram X. Kendi, Keisha N. Blain



Seiten: 672
Verlag: btb
Sprache: Deutsch
ISBN-10:3442759862
Amazon: Amazon.de








„Vierhundert Seelen“ – ein Kanon wider das Vergessen

Rating: 7/10


Inhalt:

Die Geschichte beginnt 1619, ein Jahr vor der Ankunft der Mayflower, als die White Lion etwa 20 »negroes« an der Küste Virginias ausspuckt und damit die afrikanische Präsenz in den späteren Vereinigten Staaten einleitet. Sie führt uns quer durch den enormen Einfluss der Schwarzen auf die Geschicke der jungen Nation. Ibram X. Kendi und Keisha N. Blain versammeln 80 Autorinnen und Autoren, die sich der Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln nähern: durch die Augen großer historischer Ikonen oder durch die unerzählten Geschichten einfacher Menschen, durch Orte, Gesetze und Gegenstände. Während sich Themen wie Widerstand und Kampf, Hoffnung und Neuerfindung wie ein roter Faden durch das Buch ziehen, entfaltet diese Sammlung eine verblüffende Bandbreite an Erfahrungen und Ideen, die es in der Community der Schwarzen in Amerika immer gegeben hat. So erzählt dieses Buch u.a. von Leid und Trauma, von Unterdrückung und Befreiung, vom Kampf um Selbstbestimmung und rechtliche Gleichstellung, von gewaltigen Pionier- und Heldentaten, von der Entwicklung von Swing, Rock'n'Roll, Soul, Funk und HipHop und der Entstehung der Black-Lives-Matter-Bewegung. Vierhundert Jahre Afrikanisch-Amerikanische Geschichte: Eine Reise voll von unmenschlicher Gewalt, visionären Kämpfen und erstaunlichen Errungenschaften.

Review:

Man stelle sich vor: 80 Autorinnen und Autoren, die sich zusammentun, um 400 Jahre afroamerikanischer Geschichte zu erzählen. Das klingt zunächst nach einem intellektuellen Hürdenlauf – und Four Hundred Souls (im Deutschen: Vierhundert Seelen), herausgegeben von Ibram X. Kendi und Keisha N. Blain, ist genau das. Aber es ist auch: ein bewegendes, aufwühlendes und zutiefst klug komponiertes Lesebuch, das ein kollektives Gedächtnis gegen das historische Verstummen verteidigt.

Statt eines linearen Geschichtsbuchs, wie man es von einem Eric Hobsbawm oder Jill Lepore kennt, erwartet uns hier ein vielstimmiges Kaleidoskop. Alle fünf Jahre amerikanischer Geschichte – von 1619, dem Jahr, in dem die ersten versklavten Afrikaner in Virginia ankamen, bis 2019, dem Jahr nach der Gründung von Black Lives Matter – wird von einem anderen Autor, einer anderen Stimme erzählt. Gedichte, Essays, Miniaturen, autobiographische Reflexionen. Manchmal glasklar wie ein Chronikeintrag, manchmal poetisch versponnen, manchmal polemisch zugespitzt.

Das klingt nach literarischem Chaos. Aber, und das überrascht: Dieses Buch funktioniert. Und es funktioniert, weil es gar nicht versucht, durchgängige Kohärenz zu liefern, sondern sich selbst als polyphones Projekt versteht. Eine Geschichte, die so zerrissen ist wie die afroamerikanische, lässt sich eben nicht in einem einzigen Ton erzählen. Hier begegnen wir einer Vielfalt, die politisch gewollt ist und ästhetisch überzeugt.

Natürlich, nicht jeder Text zündet. Einige Essays wirken wie aus dem Seminar für "kreatives Schreiben mit politischer Haltung", andere glänzen durch historische Tiefe und stilistische Eleganz. Aber das ist nicht schlimm – denn Vierhundert Seelen lebt nicht vom Geniekult, sondern vom Kollektiv. Wer nur homogene Qualität will, soll bitte Hegel lesen.

Besonders hervorzuheben ist, wie viele dieser Beiträge abseitige Kapitel der afroamerikanischen Geschichte ausleuchten. Da geht es um Frauen wie Elizabeth Key, die im 17. Jahrhundert ihre Freiheit einklagte, um schwarze queere Sexualität im 19. Jahrhundert, um den ersten schwarzen Baptistenprediger oder die erste schwarze Zeitung. Diese mikrohistorischen Schlaglichter sind es, die dem Leser zeigen: Schwarze Geschichte ist nicht bloß ein Anhängsel der amerikanischen Geschichte – sie ist deren Rückgrat.

Die häufig erwähnte Audioversion sei hier mit Vorsicht genossen. Ja, sie ist mit über 80 Sprecherinnen und Sprechern ambitioniert produziert – aber wer wirklich verstehen, vertiefen, markieren will, sollte zur gedruckten Ausgabe greifen. Geschichte, die in Häppchen von zehn Minuten serviert wird, bleibt selten lange im Kopf. Das gilt für Netflix, und das gilt auch für dieses Buch.

Was bleibt? Vierhundert Seelen ist ein ambitioniertes, stellenweise überambitioniertes, aber insgesamt herausragendes Geschichtsbuch neuer Machart. Wer ein homogenes Narrativ sucht, wird hier scheitern. Wer bereit ist, sich auf ein Projekt einzulassen, das in seiner Vielstimmigkeit ein deutliches politisches Zeichen setzt – nämlich: dass Geschichte nicht allein durch Großereignisse oder Präsidenten erzählt wird, sondern durch die Stimmen vieler –, der wird hier belohnt.

Urteil:
Ein Buch, das die Pflichtlektüre für amerikanische Schulen sein sollte – und für deutsche Leser ein eindrucksvoller Blick auf eine Geschichte, die in unseren Lehrplänen kaum vorkommt. Nein, es ist kein perfektes Buch. Aber es ist ein notwendiges. Und das ist in Zeiten wie diesen womöglich mehr wert.

Samstag, 12. April 2025

Am anderen Ufer des Meeres von António Lobo Antunes

Am anderen Ufer des Meeres von António Lobo Antunes 



Seiten: 448
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3630877354
Amazon: Amazon.de








"Ein Roman, der nicht gefallen will – und genau deshalb gelesen werden sollte"

Rating: 7/10


Inhalt:

In seinem neuen Roman begibt sich Weltliterat António Lobo Antunes an die Anfänge des portugiesischen Kolonialkriegs gegen Angola und zeichnet in kunstvoll überbordender Sprache ein gnadenloses Porträt von drei vereinsamten Menschen. Im Januar 1961 protestieren die Arbeiter der Baumwollplantagen in der Baixa do Cassanje für bessere Arbeitsbedingungen und faire Bezahlung, doch schon kurze Zeit später wird der Aufstand vom portugiesischen Militär äußerst brutal niedergeschlagen. Es sind diese Ereignisse, auf die die drei Protagonisten in »Am anderen Ufer des Meeres« zurückschauen – ein hochrangiger Soldat, ein Bezirksverwalter und die Tochter eines Plantagenbesitzers. Lobo Antunes blickt tief hinein in die Gefühlswelt seiner Charaktere, legt Schichten von Gewalt und Rassismus frei und lässt in inneren Monologen die Vergangenheit spuken und die Erinnerungen schwirren.

Review:

António Lobo Antunes, Portugals ewiger Nobelpreisverdächtiger, legt mit Am anderen Ufer des Meeres wieder einmal ein Werk vor, das den literarischen Intellekt herausfordert wie ein Kreuzworträtsel aus dem Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung – allerdings in arabischer Sprache und rückwärts gedruckt. Wer hier eine Handlung im klassischen Sinne sucht, kann gleich zurück ins Storytelling-Seminar der Volkshochschule gehen.

Denn Handlung? Gibt es nicht. Stattdessen: drei Stimmen – ein kolonialer Beamter, ein ausrangierter Militär und die Tochter eines Plantagenbesitzers – die in inneren Monologen ihre seelischen Trümmerhalden durchwühlen. Und das in einem Stil, der sich weigert, Kommas als Pausen und Absätze als Gnade zu verstehen. Kapitel bestehen hier mitunter aus nur einem Satz – so lang wie ein portugiesischer Sommer und so gnadenlos wie ein Zahnarztbesuch ohne Betäubung.

Aber bevor man dieses Buch mit demonstrativem Schwung in die Ecke pfeffert – was manchen in Versuchung führen könnte –, sollte man sich einmal klar machen: Was Antunes hier veranstaltet, ist große Kunst. Ja, die Texte fordern. Ja, sie muten dem Leser einiges zu – aber sie trauen ihm auch etwas zu. Und das ist in einer Zeit, in der Belletristik oft mit literarisch aufbereiteten Tagebuchnotizen verwechselt wird, beinahe ein revolutionärer Akt.

Die Stärke dieses Romans liegt in der Konsequenz: Antunes gibt seinen Figuren keine Stimme, er gibt ihnen ein ganzes Innenleben, roh, ungefiltert, schmerzhaft. Was wir lesen, sind keine Rückblicke, sondern das seelische Kontinuum von Menschen, die vom Kolonialkrieg in Angola nicht nur körperlich, sondern vor allem geistig versehrt wurden. Die Sprache ist hier kein Mittel der Mitteilung, sondern ein Mittel der Zerreißprobe – für Leser wie Figuren.

Und doch: Wer sich durch die semantischen Dschungel kämpft, wird belohnt. Nicht mit emotionaler Erlösung – das gibt es hier nicht – aber mit einem Blick auf die monströse Ambivalenz des Menschlichen. Antunes beschreibt Kolonialisten, die zutiefst rassistisch sind, ja: moralisch widerwärtig. Und dann gelingt ihm das Kunststück, auch diesen Figuren ihre Menschlichkeit zu lassen – nicht als Entschuldigung, sondern als Zumutung. Der Leser ist gezwungen, Mitgefühl zu empfinden, wo er es nicht empfinden will. Das ist, literarisch gesehen, Hochseilakrobatik ohne Netz.

Der Roman ist durchdrungen von einer düsteren Poesie: Bilder von zerfetzten Dörfern, stummen Frauen, innerlich verwüsteten Männern. Immer wieder tauchen bestimmte Motive auf – wie Obsessionen, wie Schatten, die sich nicht abschütteln lassen. Es ist, als würde man durch ein Kaleidoskop blicken, das ausschließlich aus Trümmern besteht. Und auch das titelgebende „andere Ufer des Meeres“ ist weniger geografisch als existenziell zu verstehen – alle Figuren sind irgendwo gestrandet, auf einem Kontinent zwischen Erinnerung und Verdrängung.

Natürlich – und das muss gesagt werden – ist dieses Buch nichts für Leser mit E-Book-Flatrate und der Erwartungshaltung, nach drei Seiten wisse man, worum es geht. Wer Am anderen Ufer des Meeres liest, braucht Geduld, Konzentration und eine gewisse Toleranz gegenüber literarischer Anarchie. Aber genau darin liegt auch seine Größe: Dieses Buch zwingt zur Auseinandersetzung, zur aktiven Lektüre, zur Infragestellung des eigenen ästhetischen Komforts.

Fazit:

Am anderen Ufer des Meeres ist kein Buch, das gefallen will – und gerade deshalb gefällt es mir außerordentlich. Ein barocker Bewusstseinsstrom über Schuld, Erinnerung und das Versagen der Sprache, der seine Leser nicht unterhält, sondern ernst nimmt. Ein Werk, das nachhallt – wie ein Schrei in einem verlassenen portugiesischen Kolonialhaus.

Oder, um es ganz unironisch zu sagen: Wenn Sie Literatur suchen, die nicht die Welt erklärt, sondern ihre Widersprüche sichtbar macht, dann greifen Sie zu diesem Buch. Und zwar jetzt. Am besten mit einem Bleistift in der Hand – zum Unterstreichen. Und mit viel Zeit. Sie werden sie brauchen.

Donnerstag, 10. April 2025

Der Thron des Wüstenplaneten – Dune: Prophecy von Brian Herbert , Kevin J. Anderson

Der Thron des Wüstenplaneten – Dune: Prophecy von Brian Herbert , Kevin J. Anderson



Seiten: 768
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453323653
Amazon: Amazon.de








"Zwischen Mythos und Merchandise: Die Entzauberung eines Klassikers"

Rating: 3/10


Inhalt:

Vor dreiundachtzig Jahren wurden die Maschinen in der Schlacht von Corrin vernichtend geschlagen. Vor dreiundachtzig Jahren ernannte sich Faykan Butler zum Imperator des neuen, Planeten umspannenden Menschenreichs, und vor dreiundachtzig Jahren verschwand der Kriegsheld Vorian Atreides. Inzwischen sitzt Faykans Nachfahre Salvador Corrin auf dem Thron, doch von Frieden kann noch lange nicht die Rede sein: Vorians Feinde sind noch immer auf der Suche nach ihm, technologiefeindliche, fanatische Gruppen führen immer wieder Säuberungsaktionen durch und geheimnisvolle Mächte greifen nach der Vorherrschaft in der Galaxis. Eine davon ist der sagenumwobene Orden der Schwesternschaft der Bene Gesserit, die im Schutz des Dschungelplaneten Rossak eine Intrige schmieden, die das Schicksal der gesamten Menschheit für immer verändern könnte …

Review:

Mit „Der Thron des Wüstenplaneten – Dune: Prophecy“ legen Brian Herbert und Kevin J. Anderson einmal mehr Zeugnis davon ab, dass literarische Nachlassverwaltung und kreative Visionen nicht zwangsläufig Hand in Hand gehen müssen. Schon Frank Herbert stellte mit seinem bahnbrechenden Zyklus unter Beweis, dass Science-Fiction weit mehr sein kann als bloße Weltraumabenteuer: eine Reflexion über Macht, Ökologie und die tiefsten Winkel menschlicher Natur. Was uns hingegen nun im neuesten Ableger serviert wird, erinnert oft weniger an literarische Kunst als vielmehr an Franchise-Pflege à la Hollywood.

Die Handlung, die rund acht Jahrzehnte nach dem Butler’schen Dschihad spielt und die Ursprünge bedeutender Institutionen wie der Bene Gesserit näher beleuchten soll, eröffnet durchaus interessante Möglichkeiten. Besonders bemerkenswert ist hierbei die treffende Zeichnung der Butler-Anhänger als technophobe Fundamentalisten, deren fanatischer Kreuzzug gegen die Technologie durchaus Parallelen zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen aufweist. Doch leider gelingt es Herbert junior und Anderson nur selten, diesen an sich faszinierenden Ansatz auch literarisch zu veredeln.

Ein zentrales Manko offenbart sich schnell in der stilistischen Umsetzung. Dialoge, die bei Frank Herbert messerscharf und philosophisch anspruchsvoll waren, wirken hier bestenfalls funktional, häufig jedoch ermüdend banal. Die Charaktere bewegen sich seltsam hölzern, als ob sie sich bewusst wären, lediglich Figuren in einem größeren, kommerziellen Schachspiel zu sein.

Noch schwerer wiegt allerdings die Respektlosigkeit, mit der die beiden Autoren den originären Kanon behandeln. Immer wieder werden etablierte Fakten zurechtgebogen oder gar negiert, wodurch das fein gewebte Netz des Originalwerkes zusehends zerfasert. Manchmal entsteht sogar der Eindruck, Herbert und Anderson würden nur zu gerne den Mantel des Originals abstreifen, um ungestört ihrer eigenen Fantasie zu folgen – eine Fantasie, die leider allzu oft trivial und inkohärent bleibt.

Gewiss, wer leichte Unterhaltung mit schnellen Wendungen sucht, mag an „Der Thron des Wüstenplaneten“ durchaus Gefallen finden. Doch gerade dem versierten Leser, der einst in Frank Herberts Welten versunken ist, dürfte diese literarische Light-Version eher bitter aufstoßen. Die Subtilität, der philosophische Tiefgang und die erzählerische Eleganz, die das Original zu Recht unsterblich gemacht haben, sucht man hier vergeblich.

Kurz gesagt: Brian Herbert und Kevin J. Anderson führen uns erneut in die Wüste – aber statt einer Offenbarung bietet sich uns vor allem literarische Dürre.

Sonntag, 6. April 2025

Die Legende von John Grisham

Die Legende von John Grisham



Seiten: 384
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453273176
Amazon: Amazon.de








"John Grisham erzählt gegen das Vergessen – und trifft ins Herz"

Rating: 8/10


Inhalt:

Die Schriftstellerin Mercer Mann sucht nach einer packenden Geschichte für ihren nächsten Roman. Da macht sie Bruce Cable, der charmante Buchhändler von Camino Island, auf ein Drama aufmerksam, das sich quasi direkt vor ihren Augen abspielt: Ein skrupelloses Bauunternehmen will sich eine verlassene Insel zwischen Florida und Georgia unter den Nagel reißen. Nur die letzte Bewohnerin der Insel, Lovely Jackson, stellt sich ihm in den Weg. Sie ist die Nachfahrin entflohener Sklaven, die dort seit Jahrhunderten gelebt haben, und will die Insel niemals profitgierigen Weißen überlassen. Mit Bruce Cables Hilfe nimmt sie den Kampf vor Gericht auf. Und vielleicht hilft ihr ja auch die alte Legende, dass jeder Weiße, der die Insel böswillig betritt, mit einem tödlichen Fluch belegt ist. Denn schon bald gibt es die ersten Toten …

Review:

John Grisham ist zurück – und zwar nicht als Advokat des Hochspannungsthrillers, sondern als Chronist einer Vergangenheit, die nie wirklich vergangen ist. Die Legende heißt der dritte Band seiner Camino -Reihe im Deutschen, und selten war ein Titel so treffend wie irreführend zugleich. Denn es geht hier nicht um eine Figur, die durch Heldentaten unsterblich wurde, sondern um eine Frau, deren bloßes Überleben zum Akt des Widerstands wurde: Lovely Jackson – 84 Jahre alt, geboren auf einer Insel, die einst den Namen Dark Isle trug und heute nur noch eine leere Fläche auf der Landkarte für Investoren ist. Eine Insel mit Geschichte, mit Geistern, mit Blut im Sand.

Grisham erzählt diese Geschichte mit der Routine eines Mannes, der weiß, wie man Leser bei der Stange hält, aber auch mit einer überraschenden Ernsthaftigkeit. Es geht nicht um einen Mord, nicht um eine Verschwörung, sondern um Besitz, Herkunft, und das, was man Erinnerung nennt, wenn man sich weigert, sie löschen zu lassen. Die Handlung ist schnell erzählt: Lovely erhebt Anspruch auf Dark Isle, das von skrupellosen Immobilienhaien in ein Resortparadies verwandelt werden soll. Mercer Mann, einst Literaturdozentin und mittlerweile selbst Autorin, soll Lovelys Geschichte aufschreiben – als Zeugnis, als Waffe, als Akt der Verteidigung. Unterstützt wird sie dabei von Bruce Cable, dem eigensinnigen Buchhändler von Camino Island, sowie einem gealterten Anwaltspaar, das den Kampf gegen das Unvermeidliche dennoch aufnimmt.

Der Roman lebt nicht von Tempo, sondern von Ton. Grisham ist kein Literat im klassischen Sinn, aber er ist ein glänzender Erzähler – und manchmal ist das mehr wert. In Die Legende erlaubt er sich etwas, das man selten von ihm sieht: Geduld. Die Rückblicke auf das Leben auf Dark Isle, auf die Herkunft der ersten Geflüchteten, auf das entbehrungsreiche Leben einer isolierten Gemeinschaft, gehören zu den stärksten Passagen des Buches. Hier wird aus Grishams juristischer Stimme plötzlich ein Erzähler, der zuhören kann – der Raum lässt, statt zu drängen. Und wer sich auf dieses langsame Entfalten einlässt, wird belohnt mit einer Geschichte, die unter die Haut geht.

Natürlich ist Die Legende auch ein politisches Buch, aber es trägt seine Haltung nicht wie ein Banner vor sich her. Grisham zeigt, was geschieht, wenn Geschichte privatisiert wird, wenn die Stimmen der Marginalisierten zum Flüstern reduziert werden – und was es kostet, dagegen anzuschreiben. Lovely Jackson ist keine Symbolfigur, sondern ein Mensch, der sich nicht abfinden will. Gerade weil sie leise ist, hat sie Gewicht. Und genau das macht sie zur Titelfigur: nicht wegen irgendwelcher Taten, sondern weil sie aushält, überlebt, weitergibt.

Dass Grisham gegen Ende doch noch einmal das Tempo anzieht, gehört zu seinem Handwerk. Und er tut gut daran, denn das Finale – melancholisch, aufwühlend, geradezu zärtlich – verleiht dem Roman jene emotionale Gravitation, die manch frühe Szene vermissen lässt. Die Gerichtsverhandlung, die Medien, die Gegner – all das kennt man aus seinem Werk. Aber was Die Legende besonders macht, ist nicht das Verfahren, sondern das, was davor liegt. Die Stille. Die Geschichten. Die Erinnerung.

Kurzum: Dies ist nicht Grishams packendster Roman – aber vielleicht einer seiner wichtigsten. Wer Spannung sucht, wird sie finden. Wer Tiefe sucht, wird überrascht sein. Und wer glaubt, in der dritten Ausgabe einer Romanreihe gäbe es nichts Neues mehr zu sagen, sollte Die Legende lesen. Wegen Lovely. Wegen Dark Isle. Wegen der Frage, wem Geschichte gehört – und wer das Recht hat, sie zu erzählen.