Mittwoch, 28. Mai 2025

Weiße Nächte. Mit der Erzählung "Die Sanfte" von Fjodor M. Dostojewski

Weiße Nächte. Mit der Erzählung "Die Sanfte" von Fjodor M. Dostojewski 

Titel des Buches
Seiten: 176
Verlag: Anaconda
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 978-3-7306-1564-5
Kaufen: Amazon.de
Träumen, Scheitern, Schweigen – Zwei Erzählungen über das Wesen der Liebe
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Dostojewskis meisterhafte Erzählungen in einem Band: »Weiße Nächte« – die Erinnerungen eines Träumenden an eine unerfüllte Liebe. »Die Sanfte« – die Bilanz eines von Gram und Schuld zerissenen Witwers mit der Erkenntnis, Opfer wie Täter zugleich zu sein. Sehnsucht und Verlangen, Verletzlichkeit und Rachsucht, späte Reue und die Liebe – Dostojewski verwandelt den Blick in die Natur der menschlichen Seele zu Weltliteratur.

Review:

Wer diesen Band mit den beiden frühen Erzählungen Fjodor M. Dostojewskis zur Hand nimmt, Weiße Nächte und Die Sanfte, wird zunächst vielleicht von ihrer äußerlichen Gemeinsamkeit in die Irre geführt: beide sind kurz, beide kreisen um die Liebe, beide werden in der Ich-Form erzählt – und doch könnten sie kaum gegensätzlicher wirken. Gemeinsam gelesen entfalten sie eine dramatische Achse zwischen zarter Hoffnung und seelischer Verwüstung, zwischen träumender Sehnsucht und sprachloser Schuld. Sie zeigen Dostojewski in zwei Stimmungen, die einander tief widersprechen und doch beide dem gleichen Abgrund zuarbeiten: dem menschlichen Bedürfnis, verstanden und geliebt zu werden – und dem allzu menschlichen Scheitern daran.

Weiße Nächte ist dabei die hellere, versöhnlichere Erzählung. Ein junger Mann, namenlos, empfindsam, lebt in der Leerstelle zwischen Traum und Realität. Er wandert durch St. Petersburgs weiße Nächte, wo das Licht des Sommers jede Dunkelheit verweigert, aber auch keine Klarheit erlaubt. Er begegnet Nastenka, einer jungen Frau mit eigenen Enttäuschungen, und für vier Nächte entsteht zwischen ihnen ein Schwebezustand aus Nähe, gegenseitiger Offenbarung und unausgesprochener Hoffnung. Die Liebe bleibt unerwidert, aber nicht vergeblich. In einer Geste, die an Dostojewskis tiefstes humanistisches Credo rührt, verzichtet der Erzähler nicht aus Schwäche, sondern aus Stärke. Er erkennt: Das Glück war real, wenn auch flüchtig – und das Leben ist nicht weniger lebenswert, nur weil es nicht den erträumten Ausgang nimmt.

Die Sanfte hingegen ist ein kaltes Protokoll emotionaler Inkompetenz. Auch hier ein namenloser Ich-Erzähler – diesmal ein älterer Pfandleiher, nüchtern, stolz, von Beruf und Lebenshaltung her zur Distanz erzogen. Als seine sehr viel jüngere Frau Selbstmord begeht, beginnt ein innerer Monolog, der sich liest wie eine Autopsie am lebenden Subjekt. Der Erzähler schwankt zwischen Selbstmitleid und Einsicht, zwischen Rechtfertigung und kläglichem Verständnis, doch stets bleibt das Bild seiner Frau verschwommen. Nicht, weil sie undeutlich gezeichnet wäre – sondern weil der Mann nie gelernt hat, sie zu sehen. Die eigentliche Tragik dieser Erzählung liegt in der Sprachlosigkeit: Zwei Menschen leben nebeneinander, nicht miteinander. Die Frau bleibt stumm – im Leben wie in der Erzählung –, und gerade das macht ihre Figur so eindringlich. Man spürt sie durch ihre Abwesenheit. Was als stilles Zusammenleben begann, endet in einem toten Raum, in dem nur noch das Gewissen spricht – zu spät, zu hilflos.

Zusammen gelesen zeigen diese beiden Erzählungen nicht nur Dostojewskis stilistische Bandbreite, sondern auch die moralische Fallhöhe seines literarischen Universums. Weiße Nächte ist die Geschichte eines jungen Menschen, der durch das Gefühl zum Leben erwacht. Die Sanfte ist die Geschichte eines Mannes, der durch die Abwesenheit des Gefühls das Leben zerstört. Beide Erzählungen handeln von Liebe – die eine als Möglichkeit, die andere als Tragödie. In ihrer Kombination ergibt sich ein bitteres Panorama der menschlichen Seele, das Dostojewski mit chirurgischer Präzision freilegt. Wer meint, man könne über das Wesen der Liebe mit einem Gedichtband und einem Kinofilm alles gesagt haben, dem sei dieser schmale, doppelbödige Band empfohlen. Er wirkt länger nach als man es von hundertsiebzig Seiten erwarten würde – weil man hier nicht bloß liest, sondern sich selbst begegnet. Und das ist bekanntlich der unbequemste aller Literaturerlebnisse.

Sonntag, 25. Mai 2025

The Best Minds von Jonathan Rosen

The Best Minds von Jonathan Rosen 

Titel des Buches
Seiten: 832
Verlag: btb
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 344277540X
Kaufen: Amazon.de
Ein literarischer Irrgarten mit tragischem Zentrum
Bewertung: 4/10 ⭐

Inhalt:

Der oft zitierte schmale Grat zwischen Genie und Wahnsinn steht im Mittelpunkt dieser ergreifenden wahren Geschichte. Jonathan Rosen erzählt davon, wie die Diagnose Schizophrenie seinen besten Freund aus Kindertagen, den Shooting-Star der Ivy-League-Universität Yale Michael Laudor, vom Gipfel des akademischen Ruhms und eines großen Film- und Buchvertrags in eine psychiatrische Klinik und schließlich sogar zu einem grausamen Verbrechen führte. Es ist eine »amerikanische Tragödie«, jedoch mit universeller Relevanz. Rosen verbindet eine zärtliche und berührende Geschichte über Freundschaft mit einer knallharten Anklage darüber, wie sträflich wir die psychisch Kranken in unserer Gesellschaft vernachlässigen – und damit sie und auch uns selbst in Gefahr bringen.

Review:

Es gibt Bücher, die erzählen eine Geschichte – und es gibt Bücher, die scheitern an dem Versuch, ihrer Geschichte Herr zu werden. Jonathan Rosens The Best Minds gehört zur zweiten Sorte. Was hier vorliegt, ist der hochambitionierte, oft atemberaubend recherchierte und zugleich zutiefst irritierende Versuch, das Leben eines Mannes zu erzählen, dessen Genie und Wahnsinn einander auf tragische Weise bedingten. Der Mann heißt Michael Laudor, war einst eine Hoffnungsgestalt für Millionen, ein gefeierter Jurastudent mit diagnostizierter paranoider Schizophrenie, ein Medienliebling, dem Hollywood zu Füßen lag – und der schließlich seine schwangere Lebensgefährtin brutal ermordete.

Rosen, Laudors Jugendfreund aus den bürgerlichen Vorstadtsiedlungen New Yorks, nimmt diesen Stoff zum Anlass, ein über 800 Seiten langes Panorama aufzuziehen, das zwischen Memoir, Reportage, Kulturkritik und psychiatriegeschichtlichem Traktat pendelt – ohne sich je zu entscheiden, was es eigentlich sein will. Der Ton changiert zwischen aufrichtiger Betroffenheit und intellektuellem Exhibitionismus, zwischen sezierender Genauigkeit und abschweifender Selbstbespiegelung. Ja, Rosen schreibt gut – sehr gut sogar. Seine Sätze sind geschliffen, durchwirkt von belesener Ironie und menschlicher Wärme. Aber stilistische Eleganz ist eben kein Ersatz für erzählerische Disziplin.

Denn was in den ersten hundert Seiten noch als klug beobachtetes Porträt zweier begabter jüdischer Jungs in den 1970er Jahren beginnt, verliert sich bald in einem Labyrinth aus Seitenpfaden, Fußnoten und kulturhistorischen Ausflügen. Über weite Strecken wirkt das Buch, als habe jemand die vollständigen Akten eines Forschungsvorhabens zwischen zwei Buchdeckel gepresst – mitsamt aller Exkurse, Abschweifungen und thematischen Sackgassen. Man liest von medizinischen Richtungsstreits, juristischen Präzedenzfällen, philosophischen Grundsatzfragen – und verliert dabei mehr als einmal den eigentlichen Kern der Erzählung aus den Augen: die tragische Geschichte eines Mannes, der mehr als einmal hätte gerettet werden können, wäre unsere Gesellschaft nicht so eifrig darum bemüht gewesen, ihre eigenen Ideale gegen jede Evidenz zu verteidigen.

Besonders problematisch wird es dort, wo Rosen vorgibt, sich Laudor als Freund zu nähern, in Wahrheit aber eher wie ein distanzierter Biograph agiert, der sein Material mit professioneller Akribie, aber emotionaler Vorsicht behandelt. Die vielbeschworene Freundschaft entpuppt sich bei näherer Betrachtung als kurze Phase gemeinsamer Jugend – was bleibt, ist eine Art intellektuelles Schattenboxen: Rosen vergleicht, analysiert, erinnert sich – aber die Nähe, die sein moralischer Anspruch impliziert, bleibt Behauptung. Umso unangenehmer berührt es, wenn ausgerechnet Caroline Costello, die ermordete Lebensgefährtin Laudors, fast zur Randfigur degradiert wird. Dass Rosen sie kaum kannte, mag eine Erklärung sein – aber keine Entschuldigung. In einem Buch, das sonst keine Mühe scheut, Nebenschauplätze auszuleuchten, wirkt ihre stille Behandlung wie ein blinder Fleck – oder schlimmer: wie eine bewusste Leerstelle.

Und doch, bei aller Kritik: Man kann Rosen nicht vorwerfen, er hätte sich nicht bemüht. Die Tiefe seiner Recherche, seine Gespräche mit Fachleuten, seine historische Fundierung – all das ist beeindruckend. Nur leider erdrückt es den Leser irgendwann. The Best Minds ist ein Buch, das mehr wissen will, als es erzählen kann, und mehr erzählen will, als es erträgt. Es ist ein Buch über das Scheitern – und scheitert dabei selbst auf hohem Niveau. Was bleibt, ist ein schillerndes, überbordendes, moralisch komplexes Werk – das dringend einen rigorosen Lektor gebraucht hätte. Aber vielleicht ist auch das Teil der Tragödie: dass nicht nur Michael Laudor Opfer einer überforderten Umwelt wurde, sondern auch dieses Buch Opfer eines Autors, der zu viel wollte und zu wenig loslassen konnte.

Dienstag, 20. Mai 2025

Mars-Genesis: Die letzte Reise von Brandon Q. Morris

Mars-Genesis: Die letzte Reise von Brandon Q. Morris

Titel des Buches
Seiten: 416
Verlag: FISCHER Tor
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3596710464
Kaufen: Amazon.de
Science-Fiction ohne Explosionen – aber mit Haltung
Bewertung: 6/10 ⭐

Inhalt:

Eine neue Heimat, eine neue Hoffnung … und ein neuer Feind. Brandon Q. Morris erzählt die Besiedlung des Mars als großes Abenteuer der Menschheit.

2058. Eine Künstliche Intelligenz hat mithilfe von Robotern den Bau einer Marskolonie beendet, in der bald die ersten hundert Menschen wohnen sollen. Da die kosmische Strahlung während der langen Reise und später auf dem Planeten das Erbgut der ersten Generation von Mars-Menschen irreparabel schädigen wird, entscheidet man sich für Astronauten und Astronautinnen im fortgeschrittenen Alter. Und so machen sich einhundert Kolonisten, allesamt zwischen ihrem fünfzigsten und fünfundsiebzigsten Lebensjahr, auf eine Reise ohne Wiederkehr zu einer neuen Heimat, in der jeder kleinste Fehltritt den Tod bedeuten kann, wo aber auch eine um zwei Drittel schwächere Schwerkraft den Alten eine neue Jugend mit ungewohnten Leistungen verheißt. Doch dann sind noch ganz unerwartete Fähigkeiten gefragt: Denn die KI auf dem Mars verfolgt offenbar ihre eigenen Pläne und versucht mit allen Mitteln, das Unternehmen scheitern zu lassen – was die wertvollen letzten Jahre der Kolonisten auf wenige Tage schrumpfen lassen könnte.

Review:

Wenn ein Autor wie Brandon Q. Morris ein neues Buch vorlegt, dann ist das in der Welt der Science-Fiction beinahe so etwas wie ein Ritual: Man erwartet wissenschaftliche Präzision, ein plausibles Zukunftsszenario und Figuren, die mit mehr zu kämpfen haben als bloß Meteoriten und Motten im Maschinenraum. Mit Mars-Genesis: Die letzte Reise erfüllt Morris diese Erwartungen – und unterläuft sie zugleich mit einem Kunstgriff, der sich nicht nur gegen die Konventionen des Genres richtet, sondern auch gegen die tief sitzenden Reflexe unserer Lesekultur.

Denn wer, bitte schön, würde eine Marsmission mit Seniorinnen und Senioren besetzen? Morris tut genau das – und er tut es nicht etwa aus Sentimentalität, sondern aus einer ebenso cleveren wie plausiblen Überlegung: Der menschliche Körper jenseits der 50 reagiert weniger empfindlich auf Strahlung. Was wie ein Nebenfakt aus einem NASA-Dossier klingt, entwickelt sich bei Morris zu einer stillen Revolution im Raumfahrt-Narrativ. Statt testosterongeladener Rekruten und genmanipulierter Übermenschen betreten nun gelebte Biografien den Kosmos. Und siehe da: Die Geschichte gewinnt an Tiefe, an Humor, an Melancholie.

Natürlich gibt es auch in Mars-Genesis eine Bedrohung – irgendjemand will die Mission sabotieren, aber Morris inszeniert das nicht als Thriller à la Hollywood. Vielmehr schleicht sich der Verdacht langsam ins Schiff, wie Sauerstoffmangel in eine undichte Kabine. Man weiß nicht genau, woher die Gefahr kommt, und das ist literarisch allemal reizvoller, als wenn einem der Bösewicht gleich auf Seite 20 entgegenspringt. Es ist eben die ruhige, präzise, fast lakonische Erzählweise, die Morris’ Bücher so lesenswert macht – und auch so eigenwillig. Wer auf hektische Plotpoints und explosive Wendungen hofft, ist hier fehl am Platz. Morris schreibt für ein Publikum, das mitdenkt, nicht mitzittert.

Die wahren Stars des Romans aber sind die sogenannten Roboterkrebse – maschinelle Helferlein, die über die Außenhaut des Raumschiffs krabbeln, Reparaturen ausführen und im Laufe der Erzählung ein Eigenleben entwickeln, das man nur als „zart posthuman“ bezeichnen kann. Es ist diese feine Gratwanderung zwischen Technik und Emotion, zwischen Maschine und Mythos, die dem Buch seine eigentliche Tiefe verleiht. Morris gelingt es, in diesen künstlichen Wesen mehr Persönlichkeit zu verankern als andere Autoren in einem ganzen Menschenarsenal. Während viele Science-Fiction-Schreiberlinge noch über die moralischen Implikationen künstlicher Intelligenz fabulieren, lässt Morris seine Roboter schlicht handeln – und zwingt uns damit, unsere eigenen Kategorien zu hinterfragen.

Nicht alles ist rund: Die Namensgebung der Figuren – Frank, John, Joe – wirkt so uninspiriert wie ein amerikanisches Telefonbuch, und gelegentlich verlässt sich Morris zu sehr auf das visuelle Gedächtnis seiner Leser. Die Szenen im Inneren des Raumschiffs bleiben mitunter vage, als müsse man sich bloß an Gravity oder The Martian erinnern, um zu wissen, wie es dort aussieht. Das ist bequem, aber auch ein bisschen ärgerlich, denn ein Autor mit dem Anspruch von Morris sollte mehr Vertrauen in seine eigene Imaginationskraft setzen – und weniger in die Filmografie von Ridley Scott.

Dennoch: Mars-Genesis ist ein kluges, eigenwilliges Buch. Kein Pageturner, aber ein Gedankenöffner. Es ist ein Roman, der nicht schreit, sondern nachhallt. Und der einmal mehr zeigt, dass gute Science-Fiction nicht aus Laserkanonen und Weltraumschlachten besteht, sondern aus Ideen. Dass Morris sich selbst als Figur – wohlgemerkt als alternden Raumfahrer – ins Buch hineinschreibt, ist dabei weniger Eitelkeit als ein ironisches Augenzwinkern. Einer, der das Genre so gut kennt, darf sich solche Freiheiten nehmen.

Ob es eine Fortsetzung geben wird? Vermutlich. Und ich werde sie lesen. Vielleicht wieder mit dem Gefühl: Jetzt ist’s aber auch mal genug mit diesem Morris. Und dann wieder völlig drin sein.

Mittwoch, 14. Mai 2025

Der Blick von den Sternen von Cixin Liu

Der Blick von den Sternen von Cixin Liu



Seiten: 336
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10:345327508X
Amazon: Amazon.de








"Cixin Liu denkt groß, aber fühlt wenig"

Rating: 2/10


Inhalt:

Mit seinem Weltbestseller »Die drei Sonnen« hat sich Cixin Liu in die Weltgeschichte der spekulativen Literatur eingeschrieben. Zusammen mit »Der dunkle Wald« und »Jenseits der Zeit« hat Lius Trisolaris-Trilogie den Horizont der Science-Fiction verschoben. In der vorliegenden Sammlung von Erzählungen, Essays und Interviews gibt Cixin Liu erstmals Einblick in die Entstehungsgeschichte seines literarischen Denkens. Was hat Liu zur Science-Fiction gebracht? Kann ein Schmetterling einen Krieg verhindern? Welche Spezies ist der wahre Herrscher des Erdballs? Was sehen wir, wenn wir von den Sternen her zur Erde zurückblicken? 19 Texte, in denen Cixin Liu die Weiten des kosmischen Erzählens durchmisst …

Review:

Cixin Liu, der große Denker des chinesischen Science-Fiction-Zeitalters, hat mit Der Blick von den Sternen eine Sammlung vorgelegt, die mindestens so viel über ihn selbst erzählt wie über die fiktiven Welten, die sie entwirft. Und das meine ich keineswegs als Kompliment. Wer sich hier eine kohärente, literarisch befriedigende Sammlung von Erzählungen erhofft, wird schnell feststellen: Dieses Buch ist eher ein intellektuelles Schaufenster als eine erzählerische Schatzkammer. Es flimmert, es blinkt, aber es wärmt nicht.

Man sollte Cixin Liu zugutehalten, dass er als Erzähler eine radikale Konsequenz verfolgt: Die menschliche Psyche, der Mikrokosmos des Alltäglichen, interessiert ihn nicht. Sein Blick richtet sich auf das Große, das Allumfassende, das Kosmische – das ist ihm wichtiger als irgendein mühsam konstruierter Handlungsbogen oder emotional glaubwürdig gezeichnete Figuren. Seine Geschichten wirken oft wie Gedankenkonstruktionen, die ihre Faszination aus der Kälte ihrer Prämisse beziehen. Wer also Literatur als Schule der Empathie versteht, als Bühne der inneren Entwicklung, ist hier ungefähr so gut aufgehoben wie ein Fisch in der Wüste.

Dass Liu in dieser Sammlung Fiktion mit Essayistik vermischt, ist eine Entscheidung, die man kühn nennen könnte – oder schlichtweg unglücklich. Denn das eine schwächt das andere: Die fiktionalen Texte verlieren an Dringlichkeit, weil sie ständig durchbrochen werden, die Essays wiederum wirken wie pädagogische Exkurse, deren Oberlehrerhaftigkeit sich nur schwer leugnen lässt. Besonders störend ist dabei Lius Hang zur apodiktischen Belehrung: Wenn er sich zur Science-Fiction äußert, dann nicht als Diskutant, sondern als letzter Richter. Fantasy? Ist für ihn offenbar eine Spielart infantiler Eskapismus, bestenfalls als pädagogisches Mittel für Heranwachsende zu gebrauchen. Diese Geringschätzung anderer Genres offenbart ein Weltbild, das zwar an Naturwissenschaft glaubt, aber mit ästhetischer Vielfalt auf Kriegsfuß steht.

Überhaupt gibt Liu hier nicht nur den Autor, sondern gleich auch den Theoretiker seines eigenen Werkes – und das mit einer Selbstgewissheit, die gelegentlich ins Prätentiöse kippt. Natürlich darf ein Autor eigene Überzeugungen vertreten, aber wenn er sich dabei selbst zur letzten Instanz erklärt und gleichzeitig so tut, als seien diese Wahrheiten universell, verliert er nicht nur Leser, sondern auch literarische Glaubwürdigkeit. Dass Liu dabei selten um eine politische Haltung herumkommt, ist unausweichlich – doch statt Ambivalenz findet man meist diplomatische Leerformeln. Vielleicht ist das Selbstzensur, vielleicht Überlebensstrategie. Literarisch hilft es dem Buch jedenfalls nicht.

Selbst die gelungensten Erzählungen – etwa jene, in der Wissenschaftler ihr Leben opfern, um die tiefsten Fragen des Universums beantwortet zu bekommen – bleiben seltsam theoretisch, wie Versuchsanordnungen im Kopf. Was hier fehlt, ist nicht Intelligenz, sondern Wärme. Liu mag der Sirius am Science-Fiction-Firmament sein, wie es ein Rezensent pathetisch formulierte, doch seine Strahlen sind eisig.

Man kann diesem Buch also durchaus etwas abgewinnen, wenn man gewillt ist, über seine strukturellen Schwächen und seine intellektuelle Eitelkeit hinwegzusehen. Wer aber glaubt, hier einen packenden Einstieg in das Werk Cixin Lius zu finden, wird enttäuscht sein. Der Blick von den Sternen ist eine Sammlung für Eingeweihte, für Leser, die bereit sind, sich von Erzählkunst zugunsten von Ideenskizzen zu verabschieden. Und selbst diese werden am Ende zugeben müssen: Mancher Stern, den Liu uns zeigt, ist schöner von Weitem.

Freitag, 9. Mai 2025

Die letzte Geschichte der Welt von Robin Sloan

Die letzte Geschichte der Welt von Robin Sloan

Titel des Buches
Seiten: 464
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 1234567890
Kaufen: Amazon.de
Die letzte Geschichte der Welt – und vielleicht nicht die beste
Bewertung: 6/10 ⭐

Inhalt:

Die ferne Zukunft. Das Leben auf unserem Planeten hat sich auf dramatische Weise verändert – und doch ist vieles immer noch so, wie wir es kennen. Der junge Ariel de la Sauvage lebt in einem kleinen Dorf, das von einem Zauberer regiert und von Rittern beschützt wird. Er liebt es, sich glorreiche Abenteuer auszumalen, während er die Wälder um seine Heimat erkundet. Eines Tages findet er einen Metallsarg in einer Höhle. Als er ihn öffnet, befreit er damit eine KI, die die gesamte Geschichte der Menschheit aufgezeichnet hat – und setzt damit eine Reihe von Ereignissen in Gang, die das Schicksal der Menschheit für immer verändern wird.

Review:

Robin Sloan ist ein Autor, der offenbar fest davon überzeugt ist, dass Literatur ein Spielplatz sei – und Die letzte Geschichte der Welt sein bisher wildester Versuch, dort eine Art interdisziplinäre Schnitzeljagd zu veranstalten. Das Ergebnis ist ein Text, der mit postapokalyptischen Drachen, sprechenden Bibern und einem allwissenden Erzählerpilz aufwartet – und dennoch die kühnste Idee dieses Romans ist vielleicht nicht einmal das, sondern die Prämisse, dass ein solches Buch funktionieren könnte.


Die Handlung – so es denn eine gibt, die diesen Namen verdient – beginnt elf Jahrtausende in der Zukunft. Die Menschheit ist untergegangen, ihre Nachkommen sind Tiere mit Sprachvermögen und erstaunlich humanistischer Agenda. Die Erinnerung an die versunkene Zivilisation wird von einer künstlichen Intelligenz namens Chronist konserviert, einem archivarischen Symbionten, der sich in einen zwölfjährigen Jungen einnistet und fortan dessen Abenteuer erzählt. Dieser Junge, Ariel, befindet sich – wie es sich für Helden in solchen Konstruktionen gehört – auf einer epischen Reise, die vordergründig dem Kampf gegen einen finsteren Zauberer dient, aber in Wahrheit viel mehr mit der Suche nach Identität, Bedeutung und mythologischer Selbstvergewisserung zu tun hat.


Das alles klingt herrlich schräg – und ist es auch. Man hat gelegentlich das Gefühl, als habe sich Douglas Adams mit Italo Calvino in einem Serverraum eingeschlossen, um gemeinsam Tolkien zu parodieren. Sloans Welt ist randvoll mit verspielten Details, popkulturellen Referenzen, halbgaren wissenschaftlichen Theorien und Figuren, die direkt aus einem Fiebertraum von Hayao Miyazaki stammen könnten. Man kann sich dieser bizarren Mischung kaum entziehen, zumal sie mit erzählerischer Eleganz und aufrichtiger Freude am Fabulieren serviert wird.


Doch was dem Roman an Fantasie nicht mangelt, fehlt ihm mitunter an Stringenz. Die Geschichte mäandert, verweilt zu lang in ihrer eigenen Wunderwelt, und wenn dann doch einmal Spannung aufkommt, wird sie nicht selten von Zufällen oder überhasteten Wendungen wieder zunichte gemacht. Die Figuren – Ariel eingeschlossen – bleiben seltsam schemenhaft, oft mehr Typus als Mensch. Und die Fragen, die der Roman aufwirft – etwa nach der Verantwortung von Technologie oder dem ethischen Fundament posthumaner Zivilisationen – werden eher gestreift als wirklich durchdrungen.


Natürlich könnte man sagen: Das gehört zum Konzept. Dass hier keine Antworten gegeben werden, ist Teil der Erzählhaltung eines AI-Chronisten, der selbst nicht alles versteht und dennoch versucht, Sinn zu stiften. Aber auch das ist eine elegante Ausrede für ein Problem, das nicht hätte sein müssen. Sloan ist ein intelligenter Autor, er kennt die Mechanik des Erzählens, und man merkt dem Buch an, dass es mehr sein will als ein bloßes Abenteuer – es will Bedeutung. Doch Bedeutung verlangt Struktur, Tiefe, Widerstand. Nicht nur Flair.


Trotzdem – und das sage ich mit vollem Bewusstsein für die vorangegangene Kritik – habe ich mich unterhalten gefühlt. Vielleicht, weil dieses Buch in seiner Exzentrik etwas wohltuend Unzeitgemäßes hat. Weil es sich verweigert, in die Formate gängiger Genreunterhaltung zu passen. Weil es etwas wagt. Sloan schreibt, als wolle er das Staunen zurückholen in eine Literatur, die sich allzu oft in Selbstreflexion verliert. Das ist ehrenhaft. Und gelegentlich sogar großartig.


Kurzum: Die letzte Geschichte der Welt ist ein überbordendes, nicht immer kohärentes, aber zutiefst originelles Werk. Kein Roman für Freunde stringenter Plots oder harter Wissenschaft, wohl aber für jene, die bereit sind, sich überraschen zu lassen – und die verstehen, dass auch eine missglückte Utopie einen gewissen Charme entfalten kann, wenn sie klug, verspielt und mit sprachlicher Finesse dargeboten wird. Ich jedenfalls werde Sloan weiter lesen – in der Hoffnung, dass er das große Buch, das er andeutet, eines Tages wirklich schreibt.

Samstag, 3. Mai 2025

Animal Farm von George Orwell (English Edition)

Animal Farm von George Orwell (English Edition)

Titel des Buches
Seiten: 112
Verlag: Anaconda
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 1234567890
Kaufen: Amazon.de
Revolution, Verrat und der Preis der Naivität
Bewertung: 10/10 ⭐

Inhalt:

'ALL ANIMALS ARE EQUAL. BUT SOME ANIMALS ARE MORE EQUAL THAN OTHERS'


They are fenced-in and caged, robbed of the fruits of their labour. The animals on Manor Farm have had enough. They start a revolution – for a just world, in which all animals are free and equal. But when some animals are more equal than others, freedom is a short-lived dream.

Review:

George Orwells Animal Farm ist eines jener Bücher, die so oft zitiert, so häufig missverstanden und so regelmäßig instrumentalisiert werden, dass man beinahe vergisst, wie brillant, wie schmerzhaft treffend und wie erschreckend aktuell es tatsächlich ist. Wenn es einen Kanon der literarischen Impfstoffe gegen politischen Selbstbetrug gäbe – dieses Buch gehörte auf die Titelseite. Ein schmales Bändchen, geschrieben in der lakonischen Sprache einer Fabel, versehen mit tierischen Protagonisten, und doch ist es in Wahrheit ein Flammenwerfer gegen die Verlogenheit politischer Systeme, insbesondere gegen jene, die sich als Utopien tarnen.

Die Geschichte ist rasch erzählt – aber ihre Wirkung hält lebenslang. Eine Gruppe von Tieren erhebt sich gegen ihren menschlichen Ausbeuter, übernimmt die Farm, träumt von Gleichheit, Gerechtigkeit, Selbstbestimmung. Doch wie so oft in der Geschichte: Der Weg zur Hölle ist mit Idealen gepflastert. Die Revolution frisst ihre Kinder, die Macht korrumpiert, die Sprache wird zur Waffe, die Wahrheit zur Fußnote. Napoleon, das Schwein, übernimmt das Kommando, verbannt den idealistischen Snowball und führt das Regiment mit eiserner Klaue und gezielter Propaganda. Die sieben Gebote, einst moralisches Fundament, werden zu biegsamen Parolen. „ALL ANIMALS ARE EQUAL“ – ein Satz, der am Ende ins Absurde gesteigert wird: „ BUT SOME ANIMALS ARE MORE EQUAL THAN OTHERS“. Man müsste lachen, wenn es nicht so bitter wäre.

Was Orwell hier gelingt, ist mehr als eine politische Allegorie. Es ist eine klinisch präzise Studie über Machtmechanismen, über den Verrat an der eigenen Überzeugung, über die schleichende Verwandlung von Befreiung in Tyrannei. Und ja, Orwell war Sozialist. Kein Fanatiker, sondern ein klarsichtiger Zweifler, der mit diesem Buch nicht etwa die Idee des Sozialismus demontiert, sondern deren Pervertierung durch totalitäre Strukturen anprangert. Dass ausgerechnet dieses Werk von konservativer Seite jahrzehntelang als Argument gegen jede Form linken Denkens missbraucht wurde, gehört zu den ironischen Fußnoten der Rezeptionsgeschichte – und ist so orwellianisch wie der Stoff selbst.

Besonders erschütternd ist die Figur des Boxers, des treuen Arbeitstiers, dessen einziges Mantra lautet: „Ich werde härter arbeiten.“ Ein Tier, das sich zu Tode schuftet, blind im Vertrauen auf eine Führung, die es am Ende skrupellos verrät. Wenn Boxer in den Tod geschickt wird, nicht ins Krankenhaus, sondern zum Schlachter, dann ist das keine Metapher mehr – das ist ein Faustschlag. Und es ist auch ein Kommentar auf jede Gesellschaft, die blinden Fleiß höher bewertet als wache Urteilskraft.

Orwell schrieb dieses Buch während des Zweiten Weltkriegs – und fand lange keinen Verleger. Zu heikel, zu unbequem, zu klar. Dass es heute noch in zahlreichen Staaten verboten ist, spricht Bände. Und dass Amazon 2009, ausgerechnet Amazon, Orwell-Bücher klammheimlich von Kindles löschte, zeigt, wie wenig wir dazugelernt haben. Die Ironie, dass ein Werk über die Manipulation durch Sprache und Medien selbst zensiert wurde, ist so grotesk, dass man fast meinen könnte, Orwell habe es vorausgesehen.

Wer Animal Farm heute liest – oder besser: wiederliest –, erkennt nicht nur Stalin im Schwein Napoleon, sondern jede Regierung, jede Organisation, jede Hierarchie, die sich vom Versprechen der Gleichheit in die Realität der Machtausübung flüchtet. Es ist das Buch, das uns zeigt, dass nicht jede Revolution mit dem Sieg der Vernunft endet. Sondern manchmal mit einem Schwein, das auf zwei Beinen geht.

George Orwells Animal Farm ist ein Meisterwerk, das unter dem Deckmantel der Einfachheit eine literarische Sprengladung zündet. Es ist nicht nur ein Muss für Schulklassen, sondern eine Pflichtlektüre für alle, die in einer Welt leben, in der Sprache verdreht, Fakten relativiert und Ideale verkauft werden. Man kann sich diesem Buch nicht entziehen – und man sollte es auch nicht versuchen.

Freitag, 2. Mai 2025

Elfenmond von Bernhard Hennen, James A. Sullivan

Elfenmond von Bernhard Hennen, James A. Sullivan 



Seiten: 448
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453323289
Amazon: Amazon.de








"Wenn Fantasy das Alter erreicht – und trotzdem bezaubert"

Rating: 7/10


Inhalt:

Am 1. November 2004 veröffentlichten Bernhard Hennen und James Sullivan mit »Die Elfen« einen Roman, der die geheimnisvollsten Wesen der Fantastik in einem völlig neuen Licht zeigte: Diese Elfen sind düsterer und gefährlicher, zugleich aber auch faszinierender als man sie je zuvor gesehen hat. Der 1. November 2004 ist gleichzeitig auch der Beginn einer unglaublichen Erfolgsgeschichte. Bernhard Hennen erschuf im Lauf der Jahre einen gewaltigen Elfenkosmos, der inzwischen vier Romanzyklen und zahlreiche Kurzgeschichten umfasst und der Generationen von Fantasy-Fans begeistert. »Die Elfen« ist aus dem Kanon der deutschsprachigen Fantastik-Literatur nicht mehr wegzudenken. Anlässlich des zwanzigjährigen »Elfen«-Jubiläums stellen Bernhard Hennen und James Sullivan eine umfangreiche Sammlung mit allen Stories zu den »Elfen« zusammen. Zwei brandneue Geschichten der beiden Autoren, machen »Elfenmond« zu einem Muss für jeden Fantasy-Fan.

Review:

Es gibt Bücher, bei denen man schon nach dem ersten Satz weiß: Hier bin ich richtig. Elfenmond ist so ein Buch – für Leser, die in den frühen 2000ern mit feuchten Händen die Seiten von Die Elfen umblätterten und nun, ein paar Jahrzehnte später, feststellen, dass sich literarische Heimkehr verdammt gut anfühlen kann. Dieses Werk ist kein Roman im klassischen Sinne, sondern ein Sammelband, eine Kurzgeschichtenkollektion, ein Streifzug durch vertrautes Terrain – und eben genau deshalb ein Schatz. Ein sentimentaler, gelegentlich holpriger Schatz, aber ein Schatz.

Bernhard Hennen hat sich mit diesem Buch ein Geschenk gemacht – und seinen Lesern gleich mit. Die sechs Geschichten aus seiner Feder sind nicht nur handwerklich sauber erzählt, sondern besitzen jene stille Würde, die seine Elfenwelt von jeher auszeichnet. Es wird ergänzt, vertieft, ausgeleuchtet. Figuren, die bislang eher in der Peripherie glänzten, treten in den Fokus. Man wird belohnt, wenn man sich noch an die Geschwister Emerelle und Meliander erinnert – oder zumindest bereit ist, sich auf deren verästelte Lebenswege erneut einzulassen. Besonders „Askalel“ sei genannt – nicht, weil es revolutionär wäre, sondern weil es ein Paradebeispiel dafür ist, wie man mythologische Tiefe erzeugt, ohne ins Triviale abzurutschen.

All das wäre wunderbar, wenn da nicht die zwei Geschichten von James A. Sullivan wären. Nun ist es ja so, dass Sullivan als Ko-Autor des Urknalls der Reihe durchaus einen Platz in dieser Welt verdient hat – das Problem ist nur: seine Beiträge fühlen sich an, als hätte jemand ein ambitioniertes Fan-Fiction-Forum durchkämmt und das sprachlich versierteste Exemplar herausgegriffen. Sie wollen dazugehören, aber sie tun es nicht. Die Magie ist fremd, der Ton zu modern, der Duktus zu rational. Die Geschichten wirken wie Gäste auf einer Familienfeier, die sich Mühe geben, dazugehören zu wollen, aber deren Anekdoten niemand so recht einordnen kann. Es ist ein Stilbruch, der auffällt – nicht weil Sullivan schlecht schreibt, sondern weil er eine andere Sprache spricht. Eine, die nicht aus Albenmark stammt.

Dass eine der Geschichten fehlt, die in den Neuauflagen enthalten war, ist ein ärgerliches Detail, das vermutlich einem pragmatischen Verlagsentscheid zum Opfer gefallen ist. Und dass das Buch an manchen Stellen die Haptik eines Fehldrucks mitbringt – Furchen im Papier, schwankende Qualität – ist ein Makel, der einem solch liebevoll konzipierten Werk nicht würdig ist. Doch das sind Petitessen im Vergleich zur Wirkung, die dieses Buch entfaltet: Es ist ein Rückblick, ein nostalgisches Nicken in Richtung der eigenen Lesevergangenheit. Wer je von Emerelle träumte, sich durch Albenmark träumte oder sich wünschte, die Welt der Elfen würde nie ganz verstummen, findet hier eine Antwort. Vielleicht keine endgültige, aber eine, die sich sehen lassen kann.

Elfenmond ist kein Meisterwerk, aber es ist ein notwendiges Buch – notwendig für eine Leserschaft, die das Gefühl liebt, dass auch Fantasy altern darf, ohne den Zauber zu verlieren. Wer sich mit diesem Band in die Welt von damals begibt, wird merken: Die Farben sind blasser geworden, ja – aber sie leuchten immer noch. Und das, meine Damen und Herren, ist nicht wenig.