Sonntag, 29. Juni 2025

Ecce homo von Friedrich Nietzsche

Ecce homo von Friedrich Nietzsche

Titel des Buches
Seiten: 128
Verlag: Anaconda
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 978-3-7306-1498-3
Kaufen: Amazon.de

Nietzsches letzter Tanz auf dem Vulkan des Ichs

 

Bewertung: 5/10 ⭐

Inhalt:

»Warum ich so weise bin«, »Warum ich so klug bin«, »Warum ich so gute Bücher schreibe«: Schon früh hat Nietzsche begonnen, sein eigenes Leben und Denken zu reflektieren und mit autobiografischen Texten zu begleiten. Erst nach seinem Tod erschienen, aber noch vor der Umnachtung konzipiert und geschrieben wurde daraus sein letztes Werk und berühmte autobiografische Schrift »Ecce homo«, die in chronologischer Folge die eigenen Werke von der »Geburt der Tragödie« bis zur »Götzen-Dämmerung« kommentiert.

Review:

Es gibt Bücher, deren Titel bereits eine Zumutung ist, und Ecce Homo von Friedrich Nietzsche gehört zweifellos dazu. Der Mann, der uns in diesem Text entgegentritt, ist weit mehr als ein gewöhnlicher Philosoph – er ist ein Monolith des Selbstbewusstseins, ein Prophet seiner eigenen Genialität, ein Autor, der sich, ohne jede falsche Bescheidenheit, für das Schicksal der gesamten Menschheit hält. Das allein wäre schon Grund genug, die Lektüre mit spitzen Fingern anzugehen. Und doch wäre es töricht, Nietzsche einfach als einen eitlen Schwadroneur abzutun.

Dieses Buch ist ein Dokument der Selbstverklärung, das in seiner Exaltiertheit oft ins Groteske kippt, etwa wenn Nietzsche seitenlang seine Vorzüge preist, seine Gesundheit, seine Klugheit, seine unvergleichlichen Bücher. Man liest staunend und manchmal kopfschüttelnd, wie er sich in Superlativen suhlt, die jedes Maß sprengen. Allein die Kapitelüberschriften – Warum ich so weise bin, Warum ich so klug bin, Warum ich so gute Bücher schreibe, Warum ich ein Schicksal bin – wirken wie das Inhaltsverzeichnis eines Größenwahns. Wer nach Belegen für Nietzsches geistige Zerrüttung sucht, wird hier reichlich fündig.

Und dennoch, so einfach darf man es sich nicht machen. Denn unter dem narzisstischen Getöse liegt ein durchaus ernstzunehmender Gedanke: die radikale Forderung nach einer Umwertung aller Werte. Nietzsche attackiert mit Furor die bräsigen Konventionen der Moral, die verlogene Genügsamkeit des Christentums und die Gemütlichkeit der Herde, in der der Einzelne seine geistige Selbstständigkeit verliert. Er verlangt ein Denken, das jede Sicherung abschaltet, ein Denken, das sich nicht scheut, sich selbst zu sprengen. Dass er dabei so oft in exaltierte Posen verfällt, dass man ihn manchmal kaum von einem megalomanen Satiriker unterscheiden kann, ist Teil seiner Methode – und vielleicht auch der Preis für seine Kompromisslosigkeit.

Stilistisch jedenfalls ist Ecce Homo eine Art literarisches Hochgebirge. Nietzsche schreibt in Sätzen, die messerscharf, pathetisch, funkelnd sind und dabei von einer Ironie durchzogen, die dem Ganzen etwas Verstörend-Komisches verleiht. Sein Sprachgestus changiert zwischen dem Gesang eines großen Tragöden und dem sardonischen Spott eines entlaufenen Hofnarren. Und es wäre gelogen zu behaupten, diese Mischung hinterließe keinen Eindruck: Man liest diesen Text nicht, ohne wenigstens ein wenig angesteckt zu werden von seinem fiebrigen Ernst.

Allerdings sollte man auch nicht dem Irrtum verfallen, in Ecce Homo die Summe eines abgeschlossenen philosophischen Systems zu suchen. Es ist vielmehr ein temperamentvolles Selbstporträt, ein Monolog auf der Schwelle zum Wahnsinn, in dem Nietzsche sein Denken, Fühlen und Wüten noch einmal verdichtet. Die großen Ideen – Übermensch, Ewige Wiederkunft, Amor Fati – sind hier weniger Gegenstand nüchterner Reflexion als ein Teil der persönlichen Mythologie, die er um seine eigene Figur errichtet.

Am Ende bleibt ein zwiespältiger Eindruck. Dieses Buch ist ein Triumph des Egos, das sich in einem Akt literarischer Selbstvergötterung zur Weltinstanz erklärt, ein Manifest der intellektuellen Selbstüberschätzung, aber zugleich ein Text, dessen glühende Konsequenz bewundernswert ist. Ich gestehe: Ich bin hin- und hergerissen zwischen dem Impuls, Nietzsche zu belächeln, und dem Respekt vor seiner Unerschrockenheit. Wer bereit ist, sich diesem Exzess zu stellen, wird in Ecce Homo nicht bloß einen Philosophen kennenlernen, sondern einen Menschen, der alle Fesseln gesprengt hat – auch die des gesunden Menschenverstands. Das ist, je nach Stimmung, ein großes Ärgernis oder eine grandiose Zumutung.

Freitag, 27. Juni 2025

Kein Zurück von Stephen King

Kein Zurück von Stephen King 

Titel des Buches
Seiten: 640
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453274342
Kaufen: Amazon.de
Stephen King auf Autopilot: Kein Zurück, aber auch kein Vorwärts
Bewertung: 4/10 ⭐

Inhalt:

Die Polizei zieht Privatermittlerin Holly Gibney zurate. Ein anonymes Schreiben hat eine Mordserie angekündigt. Das erste Opfer ist eine harmlose Frau, in der Hand hält sie einen Zettel. Der Name darauf verweist auf eine Geschworene, die an der Verurteilung eines Unschuldigen beteiligt war, der im Gefängnis erstochen wurde. Der verrückte Täter tötet als „Sühneakt“ Ersatzopfer anstelle der Geschworenen? „Die Schuldigen am Tod des Unschuldigen sollen leiden“, hieß es. Das wahllose Morden geht weiter. Während Holly fiebrig das Puzzle zusammensetzt, hat sie auch alle Hände voll damit zu tun, Anschläge auf eine Feministin abzuwehren, der sie als Personenschützerin dient. Wie zielgerichtet steuert alles auf eine einzige große Katastrophe zu.

Review:

Stephen King ist zweifellos einer der produktivsten Erzähler unserer Zeit, ein Mann, der Geschichten schreibt wie andere Leute Einkaufszettel – mit Hingabe, aber nicht immer mit Stringenz. Sein neuer Roman Kein Zurück bietet wieder einmal das, was man von King erwarten darf: Mord, Moral, Monologe – und Holly Gibney. Leider auch: Redundanz, Relevanzsimulation und einen Spannungsbogen, der sich über weite Strecken eher wie ein Hängemattentuch ausnimmt als wie ein Drahtseil.

Holly Gibney also, jene hypersensible, neurodivergente Ermittlerin, die sich von einer Nebenfigur zum tragenden Gerüst mehrerer Romane aufgeschwungen hat – oder, je nach Perspektive, zu einem Altar, an dem King selbst als erster Anbeter kniet. In Kein Zurück kehrt sie zurück, allerdings seltsam entkernt. Ihre einst liebenswert-schrägen Eigenheiten weichen einer glattgebügelten Professionalität, als sei sie aus dem FBI-Serienbaukasten gefallen. Das mag man als Reifeprozess deuten, oder als das literarische Äquivalent zu Botox: geglättet, aber ohne Ausdruck.

Die Handlung – oder besser: die Vielzahl an Handlungsschlingen – will groß gedacht sein, scheitert jedoch immer wieder an ihrer eigenen Überfrachtung. Zwei Täterfiguren, zwei Erzählstränge, eine Handvoll Nebenfiguren, von denen manche so farbenfroh überzeichnet sind, dass sie eher aus einem Tarantino-Script stammen könnten als aus einem Roman, der sich mit den tiefen Abgründen gesellschaftlicher Spaltung beschäftigen möchte. Da wäre ein religiöser Fanatiker, der eine feministische Aktivistin verfolgt, weil sie sich für das Recht auf Abtreibung einsetzt. Und ein Serienmörder, der aus Rache für eine vermeintlich falsche Verurteilung mordet – mit einer Gleichgültigkeit, die so kalkuliert inszeniert wird, dass sie bald jede emotionale Wirkung verliert.

King gelingt es wie gewohnt, Szenen zu schaffen, die einem den Atem rauben könnten – wenn sie nicht zuvor in zähen Dialogen oder ausschweifenden Abschweifungen erstickt worden wären. Es ist, als hätte der Autor sich beim Schreiben immer wieder selbst unterbrochen, um sich zu erklären, zu relativieren oder mit bedeutungsschwangeren Querverweisen auf das eigene Werk zu kokettieren. Die Referenzen auf frühere Romane wirken dabei nicht wie kluge Selbstzitate, sondern wie Fußnoten in eigener Sache: "Sieh her, lieber Leser, alles hängt zusammen!" – ja, aber nicht alles trägt.

Was den Figuren fehlt, ist weniger Tiefe als Glaubwürdigkeit. Besonders irritierend ist Kings Neigung, seine Heldin unablässig lobpreisen zu lassen – von jeder Nebenfigur, von jeder Begegnung, fast wie in einer Selbsthilfegruppe für Holly-Bewunderer. Man wartet nur darauf, dass jemand sie „Nationalheiligtum“ nennt. Und so wie Holly hier überhöht wird, werden andere Figuren – etwa die feministische Aktivistin Kate – zu bloßen Projektionsflächen. Ihre Reden bleiben so generisch, dass man sich fragt, ob sie außer ihrer Agenda überhaupt eine Persönlichkeit hat.

Das alles kulminiert in einem Finale, das temporeich, bildstark, ja fast schon filmisch geraten ist – und damit ungewollt illustriert, wohin Kings Spätwerk treibt: in Richtung Drehbuch, nicht Roman. Die Schlusspointe knallt, das Tempo stimmt, aber die emotionale Fallhöhe fehlt. Es ist, als habe man ein Puzzle zusammengesetzt, das zwar hübsch aussieht, aber nie ganz klar macht, warum man es eigentlich begonnen hat.

Im Nachwort offenbart King, dass Kein Zurück eine schwierige Geburt war – mit mehreren Titeln, mehreren Fassungen, einer Phase der Schreibkrise und dem vernichtenden Urteil seiner Frau, die den ersten Entwurf offenbar in Grund und Boden las. Man möchte ihr nachträglich danken. Denn was am Ende steht, ist nicht schlecht, aber auch nicht gut genug. Es ist ein Roman, der nach Relevanz riecht, aber oft nur den Duft von Routine verströmt. Und das tut weh. Denn selbst ein mittelmäßiger King ist immer noch besser als vieles, was der Literaturmarkt sonst bereithält – aber das sollte ihm kein Trost sein, sondern Ansporn.

Kein Zurück ist ein Buch, das viel will, wenig riskiert und zu selten trifft. Ein Roman wie lauwarmer Kaffee: vertraut, trinkbar, aber am Ende enttäuschend. Man liest ihn durch – aus Respekt, aus Nostalgie, aus Treue. Aber nicht, weil man muss.

Mittwoch, 25. Juni 2025

Hiob von Joseph Roth

Hiob von Joseph Roth 

Titel des Buches
Seiten: 192
Verlag: Anaconda
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3730615009
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Ein biblisches Echo mit bitterer Pointe
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Eigentlich ist Mendel Singer »ein ganz alltäglicher Jude«, doch offenbar hat Gott Größeres mit ihm vor: Die Geburt seines schwerkranken Sohnes ist der Beginn einer Reihe von Schicksalsschlägen – Mendel wird zum modernen Hiob, zum Erdulder göttlicher Prüfungen. Doch seine einst demütige Frömmigkeit wandelt sich in trotzigen, rebellischen Zorn. Die Abkehr von Gott macht ihn zum einsamen Mann, bis schließlich sein auf wundersame Weise geheilter Sohn zurückkehrt und ihn zu sich nimmt. Mit seinem »Hiob« schuf Joseph Roth 1930 das berührende Porträt eines tiefgläubigen Mannes und einen Roman von großer poetischer Kraft.

Review:

Joseph Roths Hiob ist ein Roman, der in einer Sprache geschrieben ist, wie sie heute kaum noch einer zu Papier bringt: getragen, poetisch, von biblischem Atem durchweht – und dennoch so weltlich und desillusionierend, dass einem beim Lesen das Lächeln auf halbem Weg gefriert. Es ist die Geschichte eines Mannes, der nicht im Zentrum der Welt steht, sondern am äußersten Rand, wo Glaube, Armut und Schicksal miteinander ringen – und zwar nicht in epischer Wucht, sondern in der spröden Tragik des Alltags.

Mendel Singer, der „Hiob“ dieses Romans, ist kein Held, nicht einmal ein Antiheld, sondern ein einfacher jüdischer Bibellehrer, so gewöhnlich, dass man ihn in jedem osteuropäischen Schtetl jener Zeit hätte antreffen können. Roth macht aus ihm keinen Prediger, keinen Aufklärer, keinen Märtyrer – sondern einen Mann, der schweigt, betet und leidet. Und genau darin liegt die Kraft dieses Romans: Es wird nicht geschrien, nicht gefordert, nicht erklärt. Es wird ertragen.

Aber Roth wäre nicht Roth, wenn er nicht unter der Oberfläche der frommen Resignation eine feine, sarkastische Ironie pulsieren ließe. Seine Sprache lullt nicht ein – sie streichelt einen mit samtweichen Worten, um im nächsten Moment den Dolch des Zweifels hineinzutreiben. Wer hier eine bloße Nacherzählung des biblischen Hiob erwartet, wird enttäuscht. Hiob ist kein frommes Märchen, sondern eine literarische Kampfansage an religiöse Tröstungsrhetorik. Die Figuren glauben, weil sie nichts anderes haben – und nicht etwa, weil sie überzeugt wären. Und wenn sie aufhören zu glauben, geschieht plötzlich das Wunder. Wie perfide.

Roths Roman liest sich wie eine Studie über die institutionalisierte Ohnmacht. Er zeigt, wie Religion zur Beruhigungspille für die Armen verkommt – zu einem System, das denen, die ohnehin nichts haben, auch noch die letzte Möglichkeit zur Veränderung ausredet. Statt Gottvertrauen: Stillhalten. Statt Tatkraft: Beten. Statt Hilfe: Hoffnung auf ein Leben nach dem Leben. Man kann diesen Roman als Parabel lesen – oder einfach als die beste Form von Religionskritik: nicht donnernd, nicht polemisch, sondern beiläufig, durch die Lebensläufe einfacher Menschen erzählt.

Sprachlich ist Hiob ein Genuss – sofern man bereit ist, sich auf ein anderes Tempo einzulassen. Wer Schnörkellosigkeit und Plotwucht à la Netflix erwartet, wird mit diesem Buch nicht glücklich werden. Roth erzählt langsam, mit rhythmischer Genauigkeit und tiefer Sympathie für seine Figuren, auch für ihre Irrtümer. Mendel Singers Rückzug in den Glauben ist keine Schwäche, sondern eine tief menschliche Reaktion auf eine Welt, die sich nicht erklären lässt. Dass er am Ende belohnt wird – mit dem genesenen Sohn, mit Familie, mit Frieden – ist kein Happy End. Es ist ein letztes Zucken der Gnade, das alles bisherige in Frage stellt.

Dieser Roman beantwortet nicht die Frage, warum das Leben ungerecht ist. Er stellt sie nur so gut, dass man gar keine Antwort mehr braucht. Und das ist große Literatur.

Samstag, 21. Juni 2025

Der verliebte Schwarzbrenner und wie er die Welt sah von Jonas Jonasson

Der verliebte Schwarzbrenner und wie er die Welt sah von Jonas Jonasson

Titel des Buches
Seiten: 432
Verlag: C.Bertelsmann
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3570104850
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Ein Hoch auf den Hochprozentigen – und den gesunden Menschenverstand
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Småland 1852: Algot Olsson, Sohn eines Schweinezüchters, bleibt nach dem Tod seines Vaters nur ein Kartoffelacker und ein Destillierapparat für den Hausgebrauch. Doch Algot hat Grips, Geschäftssinn und eine Idee: Für die Gleisarbeiter, die gerade die ersten Eisenbahnschienen verlegen und wie alle Schweden nur grauenvollen Fusel gewohnt sind, brennt Algot richtig guten Schnaps und ist damit so erfolgreich, dass der missgünstige Graf Bielkegren ihn mit allen Mitteln sabotiert.

Zum Glück hat Algot gute Freunde an seiner Seite: den aus Bayern geflohenen Druckermeister Helmut, der es mit der Wahrheit manchmal nicht ganz so genau nimmt, und dessen ebenso hübsche wie resolute Tochter Anna Stina. Gemeinsam trotzen sie den Intrigen des Grafen, und so wird aus Algots Schwarzbrand kurzerhand ›Apotheker Otterdahls Tropfen gegen trübe Gedanken‹ – ein weiterer Verkaufsschlager und, wie sich zeigt, wahres Wundermittel, das nicht nur des Königs Zahnschmerzen heilt, sondern sogar Kriege vereitelt. Doch hilft es auch bei hoffnungsloser Verliebtheit?

Review:

Jonas Jonasson ist ein Phänomen, das man entweder liebt oder eben irgendwann überdrüssig wird. Nach dem immensen Erfolg seines Debüts Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand hatten viele Leserinnen und Leser den Eindruck, Jonasson habe seinen literarischen Baukasten einmal zusammengeschraubt – und dann in immer neuen Kombinationen variiert. Wer so denkt, sollte Der verliebte Schwarzbrenner und wie er die Welt sah trotzdem eine Chance geben. Denn dieser Roman beweist: Jonasson hat sein eigenes Rezept nicht nur wiederholt, sondern verfeinert – ähnlich wie sein Protagonist Algot Olsson, der aus dem Erbe seines Vaters, einem Schnapsrezept, eine Revolution destilliert.

Wir befinden uns in Småland, im Jahr 1852, einer Region, die zu dieser Zeit vor allem durch drei Dinge geprägt war: Armut, Alkohol und Adel. In genau dieser Reihenfolge. Algot, ein Bauernsohn mit Sinn für das Praktische und einer Nase für hochprozentige Geschäftsideen, wird von seinem adeligen Grundherren aus dem gepachteten Häuschen geworfen – nur um wenig später in einer neuen Bleibe heimlich mit der Schnapsproduktion zu beginnen. Was folgt, ist keine Geschichte des wirtschaftlichen Aufstiegs, sondern ein aberwitziges Sittengemälde über Klassenverhältnisse, Machtmissbrauch und die sprichwörtliche schwedische Gelassenheit im Angesicht der Absurdität des Lebens.

Jonasson erzählt das mit einer Trockenheit, die an norddeutsches Küstenwetter erinnert. Sein Humor ist nicht schreiend komisch, sondern scharf wie ein guter Aquavit. Natürlich begegnen wir wieder einer Reihe exzentrischer Gestalten: Ein adliger Schwadroneur, dessen geistige Fähigkeiten eher ins Spülwasser gehören als in die Politik; eine emanzipierte Druckerstochter, die nicht nur mit Worten kämpft, sondern auch mit dem Bratpfannen-Äquivalent zur Guillotine; und ein perpetuell betrunkener Engländer, der mehr Weisheit im Suff offenbart als die meisten in nüchternem Zustand. Diese Figuren sind keine Karikaturen, sondern kunstvoll überzeichnete Typen, die der Autor mit liebevoller Ironie entlarvt – und gerade dadurch glaubwürdig macht.

Was man diesem Buch nicht vorwerfen kann, ist Mangel an Themen. Hier geht es um nichts Geringeres als soziale Ungleichheit, den trügerischen Glanz des Adels, die Kraft der Gemeinschaft, die Moral der Besitzenden und die Frage, ob eine gute Geschichte nicht manchmal überzeugender ist als ein Gesetzbuch. Und das alles in einem Tonfall, der durchweg von lakonischer Eleganz getragen wird. Jonasson gelingt es, historische Wahrheit und satirische Freiheit zu verbinden, ohne dass das eine dem anderen den Rang abläuft. Wer hier einen historischen Roman im Sinne von Detailverliebtheit und Fußnoten erwartet, ist falsch beraten. Wer allerdings bereit ist, das Historische als Folie für eine zeitlos menschliche Komödie zu begreifen, wird reich belohnt.

Natürlich ist nicht alles perfekt. Der Einstieg ist zäh wie ein nasser Småland-Winter, und auch wenn der Plot gegen Ende gekonnt aufgelöst wird, fehlt ihm doch der eine, zündende Überraschungsmoment, der ein gutes Buch in ein großartiges verwandelt. Aber Jonasson ist klug genug, um nicht auf den billigen Effekt zu setzen. Er vertraut auf seine Figuren, auf die Dialoge, auf die Konstellationen – und vor allem auf die Wirkung eines gut platzierten Satzes, der mehr entlarvt als ein ganzes Kapitel.

Der verliebte Schwarzbrenner und wie er die Welt sah ist nicht nur ein amüsanter Roman, sondern ein literarisches Destillat, das aus den besten Zutaten besteht: Humor, Menschenkenntnis, historische Sensibilität und einer Portion gesundem Zorn. Wer also glaubt, Literatur müsse entweder ernst oder unterhaltsam sein, der wird hier eines Besseren belehrt. Denn Jonasson zeigt einmal mehr: Die Wahrheit schmeckt manchmal am besten, wenn sie brennt.

Donnerstag, 19. Juni 2025

Thronräuber von Sharon Penman

Thronräuber von Sharon Penman

Titel des Buches
Seiten: 784
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453275268
Kaufen: Amazon.de
Ein literarisches Monument der mittelalterlichen Ambivalenz
Bewertung: 8/10 ⭐

Inhalt:

England, 1135. Als die Kirchenglocken den Tod von König Henry I. verkünden, sehen sich seine Fürsten mit einer unliebsamen Vorstellung konfrontiert: einer Frau auf dem englischen Thron. Kaiserin Maude ist aufbrausend und gebieterisch, aber die rechtmäßige Erbin des Königreichs ihres Vaters. Ihr Gegenspieler, Stephen von Blois, ist ritterlich, beliebt, unentschlossen, aber ein brillanter Befehlshaber – und ein Mann. Ein blutiger Konflikt voll von Chaos und Entbehrungen bricht aus, ausgetragen auf dem bewegten und intrigenreichen Schachbrett des mittelalterlichen Europas. Am Ende wird nur einer der beiden auf dem Thron sitzen.

Review:

Sharon Kay Penmans Thronräuber ist ein Roman, wie ihn sich der historisch interessierte Leser im Stillen erhofft, aber nur selten bekommt: klug, kenntnisreich, sprachlich souverän und mit einer Menschenkenntnis geschrieben, die jeden Gedanken an oberflächliche Unterhaltung sofort beiseiteschiebt.

Man könnte das Buch als episches Panorama eines fast zwei Jahrzehnte währenden englischen Bürgerkriegs bezeichnen, in dem sich Macht, Geschlecht und Legitimationsfragen auf eine Weise verheddern, die unsere heutige Vorstellung von Politik fast nostalgisch wirken lässt. Doch damit würde man Penman nicht gerecht. Denn was sie aus der historischen Fehde zwischen der vom Vater zur Nachfolgerin bestimmten Kaisertochter Maude und ihrem gewinnenden Cousin Stephen macht, ist weit mehr als ein aufgebohrter Mittelalterroman. Sie seziert mit fast dokumentarischer Genauigkeit die Mechanismen politischer Loyalität, die Fragilität der Macht und vor allem das Paradoxon weiblicher Herrschaft in einer Welt, die Frauen maximal als Verhandlungsmasse duldete.

Maude, oft als kalt und herrisch beschrieben, erscheint bei Penman nicht als moralisch Überhöhte, sondern als widersprüchliche, kämpferische Frau, die sich in einer patriarchalen Welt mit Mut, Intelligenz und einer guten Portion Unnachgiebigkeit zu behaupten versucht – und dabei nicht selten an der Doppelmoral ihrer Umgebung scheitert. Sie zeigt Stärke und wird dafür gefürchtet. Sie zeigt Nachsicht und wird dafür verachtet. Es ist diese verdammte Zwickmühle, die das Buch nicht nur historisch erhellend, sondern erschütternd aktuell macht.

Stephen hingegen, der als galanter Gegenspieler zunächst gewinnt, verliert sich zunehmend in seiner eigenen Gutmütigkeit. Seine Unfähigkeit zur Härte mag heute sympathisch erscheinen, im 12. Jahrhundert jedoch war sie ein Kardinalfehler. Er will geliebt werden und wird dafür verachtet. Eine Tragik von beinahe Shakespeare’schem Format – wäre Shakespeare nicht 400 Jahre zu spät geboren.

Was Penman dabei gelingt, ist nicht weniger als die Wiederbelebung eines ganzen Jahrhunderts – detailgenau, aber nie belehrend. Man merkt ihrer Sprache an, dass sie die archaische Wucht des Mittelalters kennt, aber nicht darin versinkt. Ihre Prosa ist klar, niemals prätentiös, und dabei so elegant, dass man sich beinahe wünscht, auch andere Romane dieser Art würden sich an ihr orientieren. Sie schreibt mit der Ernsthaftigkeit einer Historikerin und der erzählerischen Leichtigkeit einer echten Romanautorin. Und das ist, verzeihen Sie die Phrase, selten.

Besonders bemerkenswert ist ihre Fähigkeit, die unzähligen realhistorischen Figuren mit psychologischer Tiefe auszustatten – niemand ist bloß gut oder böse, niemand bloß Sieger oder Opfer. Selbst ihre fiktive Figur Ranulf Fitz Roy fügt sich so überzeugend in den historischen Kontext ein, dass man ihn beim Nachschlagen vermisst. Ranulf ist kein Held aus dem Baukasten, sondern ein Mann im moralischen Dilemma – und damit ein moderner Mensch in mittelalterlicher Rüstung.

Was bleibt, ist ein Buch, das seine fast 780 Seiten mit Leichtigkeit trägt. Kein Kapitel zu viel, keine Figur zu flach, keine Szene redundant. Ein Roman, der lehrt, ohne zu dozieren, der bewegt, ohne zu manipulieren – und der einmal mehr zeigt, wie nah Geschichte und Gegenwart sich im Kern sind, wenn man sie ernst nimmt.

Thronräuber ist keine historische Seifenoper, kein verklärtes Mittelaltermärchen. Es ist ein Werk von literarischer Reife, historischer Akribie und erzählerischer Wucht. Ein Roman, der dort ansetzt, wo die meisten aufhören: bei der Wahrheit der Menschen. Wer ihn nicht liest, dem ist nicht zu helfen. Und wer nach der Lektüre nicht klüger, empfindsamer und vielleicht sogar ein wenig melancholischer in die Welt schaut, sollte zur Sicherheit prüfen, ob sein Herz noch schlägt.

Samstag, 7. Juni 2025

Das Mädchen aus Yorkshire - Lucinda Riley

Das Mädchen aus Yorkshire - Lucinda Riley

Titel des Buches
Länge: 16h 11min
Verlag: der Hörverlag
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-8445-5264-5
Kaufen: Amazon.de
Ein dunkles Kaleidoskop aus Glanz, Schuld und Schicksal
Bewertung: 6/10 ⭐

Inhalt:

Leah Thompson wächst in den 1970er Jahren in einfachen Verhältnissen im ländlichen Yorkshire heran. Niemand kann ahnen, dass sie eines Tages die Laufstege dieser Welt im Sturm erobern wird. Aber die schicksalshafte Verbindung mit der Familie Delancey bestimmt ihr Leben – und zieht sie in einen Strudel von Ereignissen, der im Zweiten Weltkrieg seinen Ausgang nahm und in einer längst vergessenen Prophezeiung aus der Vergangenheit endet …

Review:

Lucinda Riley hat sich zu Lebzeiten einen festen Platz in der Welt der Unterhaltungsliteratur erarbeitet – als versierte Erzählerin, als Garantin für emotionale Familiengeschichten mit historischem Fundament. Mit Das Mädchen aus Yorkshire, einer von ihrem Sohn Harry Whittaker postum überarbeiteten Frühfassung, legt sie gewissermaßen ein literarisches Zeitdokument eigener Art vor: eine Melange aus Coming-of-Age, Kriegsverbrechen, Modewelt und moralischem Weltgericht – so widersprüchlich wie faszinierend.

Man muss sich dabei allerdings auf ein erzählerisches Gewitter gefasst machen, das an manchen Stellen mehr aufwühlt als begeistert. Die Geschichte um die junge Leah Thompson, die aus der ländlichen Tristesse Yorkshires in die glitzernde Welt der Mode katapultiert wird, mutet an wie ein modernes Märchen – allerdings eines, das von Grimmschen Abgründen durchzogen ist. Was auf den ersten Blick als klassische Aschenputtel-Parabel erscheint, entwickelt sich bald zu einem düsteren Sittenbild, in dem nicht nur Rivalität, Machtgier und emotionale Abhängigkeit den Ton angeben, sondern auch Mord, Missbrauch und die Nachwirkungen des Holocaust. Und das alles auf gut 500 Seiten (11Stunden Hörbuch). Man kann sich an weniger verhebt haben.

Literarisch interessant wird das Ganze dort, wo Riley – oder besser: die in ihrem Namen redigierende Hand des Sohnes – ihre Figuren nicht zu bloßen Stellvertretern eines dramatischen Plots degradiert, sondern ihnen psychologische Tiefe zugesteht. Brett, der traumatisierte Sohn eines reichen Patriarchen, ist so ein Fall. Auch Leah, deren äußere Schönheit ihr Leben prägt und gleichzeitig zur existenziellen Falle wird, trägt narrative Spannkraft in sich. Doch diese gelungenen Charaktere werden regelmäßig von überfrachteten Nebenhandlungen erdrückt – ein Problem, das vielen Debütromanen eigen ist und das auch durch spätere stilistische Politur nicht gänzlich geglättet werden kann.

Besonders auffällig ist der Genre-Mix, den dieses Buch mit sich bringt: Thrillerhafte Elemente reiben sich an romantischer Verklärung, die Historie der Shoah steht neben Eifersuchtsdramen aus der Modemetropole Mailand. Man kann das als kühne Konstruktion loben – oder als stilistische Zersplitterung bemängeln. Der Vorwurf der Überambitioniertheit ist nicht leicht von der Hand zu weisen. Ein Roman, der Konzentrationslager, Missbrauchserfahrungen, Liebesintrigen, Familienverrat und internationale Laufstegkarrieren unter einem Dach vereinen will, fordert seinen Leser nicht nur heraus, er strapaziert auch seine Geduld.

Doch gerade in dieser erzählerischen Maßlosigkeit liegt auch eine merkwürdige Anziehungskraft. Der Roman ist wie ein überladenes Jugendstil-Gemälde – zu viel Gold, zu viele Ornamente, und doch kann man den Blick nicht abwenden. Wenn Miranda, eine der Antagonistinnen des Buches, Liebe als „Falle für Narren“ beschreibt, dann ist das nicht nur ein Einblick in ihre verkorkste Psyche, sondern auch ein Kommentar auf die emotionale Kälte einer Gesellschaft, in der Geld und Einfluss alles bedeuten. Dass diese Gesellschaft hier sowohl in der Upper Class Englands als auch in den Schatten der Geschichte dargestellt wird, verleiht dem Roman zumindest thematisch eine beachtliche Tiefe.

Ich habe Das Mädchen aus Yorkshire in der Hörbuchfassung gehört, meisterhaft gelesen von Simone Kabst – und das war, bei aller inhaltlichen Düsternis, ein Genuss. Kabst gelingt es mit ihrer nuancierten, warmen Stimme, selbst den überladensten Passagen Eleganz zu verleihen. Sie führt durch das emotionale Auf und Ab dieser Geschichte mit kluger Zurückhaltung und genau dem Maß an Empathie, das es braucht, um Leahs innere Zerrissenheit und Mirandas kühle Berechnung gleichermaßen glaubhaft zu machen. Ihre Lesung ist kein akustisches Beiwerk, sondern ein interpretatorischer Mehrwert – selten war ein Hörbuch so atmosphärisch dicht und gleichzeitig stilistisch präzise.

Was bleibt, ist ein Werk, das nicht gefällig sein will – und genau darin seinen Reiz entfaltet. Wer Lucinda Rileys leichte Sommerromane liebt, wird an diesem Buch womöglich verzweifeln. Wer sich jedoch für das Frühwerk einer Autorin interessiert, das in seiner Überzeichnung ebenso viel über das Schreiben wie über das Menschsein verrät, sollte sich dieses Buch nicht entgehen lassen. Das Mädchen aus Yorkshire ist kein literarischer Feinschliff – eher ein roher Diamant, der seine Leser mehr verletzt als bezaubert. Und manchmal ist genau das die Aufgabe von Literatur.

Donnerstag, 5. Juni 2025

Emma von Jane Austen (English Edition)

Emma von Jane Austen (English Edition)

Titel des Buches
Seiten: 544
Verlag: Anaconda
Sprache: Englisch
ISBN-10: 3730614827
Kaufen: Amazon.de
Ein Roman über Eitelkeit, Irrtum und Erkenntnis
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Headstrong, confident, young, and very beautiful, Emma Woodhouse is one of the great female characters in world literature. Seemingly only concerned with the romance of others, she decides to inject a little more zest into her friends' love lives. But her efforts fail and lead to the strangest of entanglements. It is only in the end that things take a turn for the better. Jane Austen's last novel, published in 1817, one year before her death, still captivates us with its brilliant language, its incisiveness, and the wonderful wit of its dialogues.

Review:

Jane Austen hat ihre Heldin in Emma mit einer Chuzpe ausgestattet, die für literarische Figuren selten ist – und für Leser, die auf moralische Orientierung hoffen, geradezu verstörend. In einem Brief kündigte Austen an, sie wolle „eine Heldin schaffen, die außer mir niemand besonders mögen wird“. Nun, sie hat Wort gehalten. Emma Woodhouse ist selbstgefällig, überheblich, einnehmend – und auf unheimliche Weise faszinierend. Ich habe die englische Ausgabe dieses Romans dankenswerterweise als Rezensionsexemplar vom Anaconda Verlag erhalten, und möchte betonen: Emma zu lesen ist keine sentimentale Reise ins 19. Jahrhundert, sondern ein intellektuelles Abenteuer mit erstaunlich zeitgenössischem Einschlag.

Denn dieser Roman – und das ist für eine Autorin, die gemeinhin auf das Etikett „feinsinnig“ oder „romantisch“ reduziert wird, alles andere als selbstverständlich – ist ein scharfkantiges Psychogramm einer privilegierten jungen Frau, die glaubt, andere Menschen besser zu verstehen als sie sich selbst. Emma, reich, klug und von sich überzeugt, mischt sich mit missionarischem Eifer in das Liebesleben ihrer Mitmenschen ein, und das mit einer Nonchalance, die man als Komik lesen kann – oder als Kritik an einer Gesellschaft, in der Standesbewusstsein und Selbstüberschätzung ein fatales Bündnis eingehen.

Austen legt die menschliche Selbsttäuschung mit chirurgischer Präzision frei, und das in einem Stil, der zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit balanciert wie ein Jongleur mit Porzellan. Es ist ein langsames Buch, gewiss, von einer Handlung getragen, die sich gelegentlich im Kreise dreht. Wer hier auf dramaturgischen Wumms hofft, sollte besser die Finger davon lassen und sich Pride and Prejudice zuwenden. Emma aber ist ein Werk für Leser, die Lust haben, einer Figur beim Scheitern zuzusehen – und beim Reifen. Denn die große Kunst dieses Romans liegt darin, wie Austen ihre Titelheldin nicht vernichtet, sondern verwandelt: durch Demütigung, Einsicht, und – ja – durch Liebe, die allerdings erst am Ende auftaucht, als Ergebnis eines Reifungsprozesses, nicht als dessen Ursache.

Besonders bestechend ist dabei die Figur des Mr. Knightley, der nicht nur als moralischer Korrektiv fungiert, sondern als das literarische Gewissen des Romans. Er ist der einzige, der Emma widerspricht – nicht aus Prinzip, sondern aus Überzeugung. Sein Blick auf die Welt ist nicht herablassend, sondern durchdringend. Wenn man einen Romanhelden als Maßstab für Anstand heranziehen wollte, käme man an ihm nicht vorbei.

Dass so viele Leserinnen und Leser sich an Emma stoßen, ist kein Zufall, sondern Programm. Sie ist nicht nett. Sie ist kein Role Model. Sie macht Fehler, sie verletzt, sie irrt – und sie steht dennoch im Zentrum eines Romans, der aus genau dieser Ambivalenz seine literarische Kraft bezieht. Wer eine Heldin braucht, die tugendhaft durchs Leben schwebt, wird an diesem Roman scheitern. Wer aber bereit ist, sich mit den Brüchen und Schwächen einer Figur auseinanderzusetzen, wird eine der klügsten, untergründig komischsten und sprachlich brillantesten Erzählungen der englischen Literaturgeschichte entdecken.

Jane Austen hat mit Emma kein Wohlfühlbuch geschrieben. Sie hat ein Werk vorgelegt, das den Leser herausfordert – mit einer Protagonistin, die man nicht lieben muss, um sie zu bewundern, und einem Stil, der gerade in seiner Eleganz die Abgründe unter der Oberfläche freilegt. Und das ist, mit Verlaub, mehr, als man von 95 Prozent der Gegenwartsliteratur behaupten kann.

Sonntag, 1. Juni 2025

Selbstbetrachtungen von Marc Aurel

Selbstbetrachtungen von Marc Aurel

Titel des Buches
Seiten:192
Verlag: Anaconda
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3730614673
Kaufen: Amazon.de
Kaiser des Selbstzweifels: Marcus Aurelius und das stoische Tagebuch der Klarheit
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

In den tagebuchartigen Aufzeichnungen Marc Aurels, des letzten römischen Kaisers des Goldenen Zeitalters, verschmelzen auf einzigartige Weise große Lebenserfahrung und philosophische Weitsicht. Seine Aphorismen und Reflexionen gehören zu den eindrucksvollsten Texten der Weltliteratur. In verschiedenen Feldlagern notierte er, was ihn das Leben und seine Vorbilder in der stoischen Kunst der Klugheit gelehrt haben: Menschlichkeit und Toleranz, Bescheidenheit und Respekt, Besonnenheit und Vernunft gehören zu den Tugenden, die er sich und der Nachwelt empfiehlt.

Review:

Marcus Aurelius war Kaiser, Feldherr, Philosoph – und, man verzeihe die Zuspitzung, ein notorischer Selbstoptimierer im besten Sinn. Seine Selbstbetrachtungen, dieses eigenartige, fragmentarische Werk, sind kein Manifest der Macht, sondern das Tagebuch eines Mannes, der sich selbst zur Ordnung ruft, während rings um ihn die Welt aus den Fugen gerät. Man darf nicht vergessen: Der Mann schrieb diese Sätze nicht auf der sonnigen Terrasse einer toskanischen Villa, sondern im schmutzigen Heerlager an der Donaugrenze, wo germanische Stämme römische Disziplin mit barbarischem Realismus konfrontierten. Und das verleiht seinen Worten, so spröde sie an der Oberfläche wirken mögen, eine eigentümliche Dringlichkeit.

Wer hier eine philosophische Systematik erwartet, wie sie ein Platon mit didaktischer Penetranz oder ein Kant mit preußischer Gründlichkeit an den Tag legt, wird enttäuscht. Marcus schreibt nicht, um zu lehren, sondern um sich zu halten – aufrecht, wach, bei Verstand. Und so wiederholen sich seine Mantras mit der Beharrlichkeit eines Mannes, der weiß, dass der Mensch sich täglich selbst vergessen muss, um sich wieder zu erinnern. "Du bist ein Teil der Natur – verhalte dich auch so." "Fürchte nicht den Tod – er ist Teil des Plans." "Handle tugendhaft – auch wenn keiner zuschaut." Das ist keine Lektüre für Zyniker oder Hedonisten, sondern für Menschen, die ahnen, dass Glück weniger mit Zufall als mit Haltung zu tun hat.

Natürlich wirkt manches befremdlich. Der fromme Ton, die ständigen Hinweise auf "die Götter", das Weltbild eines Deterministen, der sich mit stoischer Gleichmut dem Schicksal ergibt – das alles mag dem heutigen Leser, der sich an Selbstverwirklichung und Individualismus gewöhnt hat wie an WLAN, altbacken erscheinen. Doch genau darin liegt auch eine große Herausforderung: Wer Aurelius wirklich liest – und damit meine ich nicht das epigrammatische Abgreifen hübscher Zitate für den Instagram-Account „StoicDaily“ –, wird bald merken, dass diese Gedanken nicht dazu gedacht waren, uns zu gefallen. Sondern uns zu verändern.

Denn Aurelius will nichts weniger, als dass wir aufhören zu jammern. Stattdessen verlangt er Selbstbeherrschung, Redlichkeit, Arbeit am Charakter. Keine Empörung, keine Pose – sondern Würde. Und er erlaubt sich dabei keinerlei intellektuelle Eitelkeit. Während moderne Philosophen oft an der eigenen Brillanz verzweifeln, bleibt Marcus schlicht, manchmal fast sperrig. Und doch liegt in dieser Nüchternheit eine tröstliche Wärme, wie in einem alten Lehrmeister, der nicht schmeichelt, sondern fordert, weil er einem etwas zutraut.

Das Pathos des Alltäglichen, das Bewusstsein für das Flüchtige, die stille Tapferkeit gegenüber dem Unvermeidlichen – all das macht die Selbstbetrachtungen zu einem Buch, das weniger gelesen als durchlebt werden will. Man muss sich dem stellen, Satz für Satz, wie einem Spiegel, in dem man nicht immer gefallen muss, was man sieht. Und gerade in dieser Zumutung liegt ihre Zeitlosigkeit.

Ich halte es also mit Marcus, auch wenn ich nicht alles teile, was er schreibt. Seine religiösen Prämissen sind mir fremd, sein Verzicht auf Ironie fast verdächtig, und manchmal wünscht man sich, er hätte doch wenigstens einmal laut gelacht. Aber ich bewundere seinen Ernst, seine Konsequenz, seine Bereitschaft, sich der eigenen Endlichkeit zu stellen, ohne Larmoyanz, ohne Pathos. Es ist ein leises, ein karges Buch – und vielleicht gerade deshalb ein so notwendiges in dieser lauten, überzuckerten Welt. Wer es nicht liest, hat keinen Schaden. Wer es liest, hat eine Chance. Und das ist mehr, als man von den meisten Büchern sagen kann.