Samstag, 26. Juli 2025

Die Deutschen in der Welt von David Blackbourn

Die Deutschen in der Welt von David Blackbourn

Titel des Buches
Seiten: 1008
Verlag: DVA
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3421048894
Kaufen: Amazon.de
Die Welt als Bühne: David Blackbourns kluge Entnationalisierung der deutschen Historie
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Wer deutsche Geschichte erzählt, bewegt sich zumeist in den Grenzen der Staatsnation, oder konzentriert sich auf die deutsche Gewaltherrschaft und Eroberungsgeschichte des 20. Jahrhundert mit ihren Folgen bis heute. David Blackbourn beweist mit seinem augenöffnenden Buch, wie kurz diese Perspektive greift. Er wählt einen globalen Ansatz und zeigt, wie seit rund fünfhundert Jahren Menschen, Güter, Erfahrungen und neue Ideen aus Deutschland in vielfältiger Weise mit der ganzen Welt verbunden waren. Blackbourn blickt nach Amerika und Asien, nach Afrika und ins restliche Europa, er erzählt Geschichten von Händlern und Missionarinnen, von Siedlern und Wissenschaftlerinnen, Entdeckern, Denkern und Söldnern. Ein überraschender, grandios erzählter neuer Blick auf Deutschland, der zeigt, dass man nicht nur eine Weltgeschichte der Spanier, der Franzosen oder der Engländer schreiben kann – sondern auch eine faszinierende deutsche Geschichte aus globaler Sicht.

Review:

David Blackbourns Die Deutschen in der Welt ist ein Buch, das dem deutschen Leser mit entwaffnender Eleganz zeigt, was er über seine eigene Geschichte möglicherweise nie gelernt hat – oder nie lernen wollte. Dass es ausgerechnet ein britischer Historiker ist, der uns mit analytischer Schärfe und erzählerischer Souveränität vor Augen führt, wie tief Deutschland über Jahrhunderte in globale Prozesse verstrickt war, ist kein Zufall, sondern ein Glücksfall. Es braucht manchmal den Blick von außen, um den blinden Fleck im Innern auszuleuchten.

Blackbourn beginnt im Jahr 1500, aber es ist beileibe keine weitere Fortschreibung des klassischen Nationalnarrativs vom Heiligen Römischen Reich zur Berliner Republik. Stattdessen verlässt er den engen deutschen Tellerrand und folgt den Spuren der Deutschen auf allen Kontinenten – nicht, um ein Denkmal der Auslandstüchtigkeit zu errichten, sondern um ein ehrliches, oft widersprüchliches Bild von Mobilität, Anpassung, Macht und Mitläufertum zu zeichnen. Das ist keine Heldengalerie, sondern ein Kaleidoskop: Kaufleute, Missionare, Abenteurer, Kolonialbeamte, Auswanderer. Menschen, die gingen, um zu suchen – und dabei nicht selten fanden, was sie nie gesucht hatten.

Was an diesem Buch besonders beeindruckt, ist die mühelose Verbindung von großer Geschichte und kleinen Geschichten. Blackbourn erzählt nicht von oben herab, sondern durch die Menschen hindurch. Er macht das Große im Kleinen sichtbar – oder, um es mit Thomas Mann zu sagen: er zeigt die Würde des Details. Natürlich leidet bei einem so weiten historischen Bogen von über fünfhundert Jahren gelegentlich die Balance. Manche Themen – wie die deutsche Rolle in der Europäischen Einigung oder der Erste Weltkrieg – werden überraschend knapp behandelt. Und nicht jeder wird Freude daran haben, wenn ein Kaiser Wilhelm nur einmal beiläufig erwähnt wird, während ein preußischer Emigrant in Südaustralien seitenlang gewürdigt wird. Aber das ist keine Nachlässigkeit, sondern Methode: Wer eine lineare Heldenreise erwartet, wird enttäuscht. Wer bereit ist, Geschichte als Netzwerk zu denken, wird belohnt.

Freilich: Das Buch ist nicht ohne Schwächen. Die Gestaltung ist für ein Werk dieser Bedeutung erstaunlich lieblos geraten – schwarzweiße Fotos, unleserliche Karten, und eine gewisse stilistische Uneinheitlichkeit, wenn Blackbourn gelegentlich ins Persönliche kippt. Aber selbst das hat man schnell verziehen, denn hier schreibt einer, der nicht belehren will, sondern verstehen – und das mit einer Sprache, die angenehm sachlich bleibt, ohne je ins Bleierne abzugleiten.

Am Ende ist Die Deutschen in der Welt kein weiterer Ziegelstein im Fundament deutscher Selbstvergewisserung, sondern ein Spiegel, der zeigt, wie sehr deutsche Identität immer auch eine Geschichte der Durchlässigkeit, der Übersetzung, des Verschwindens war. Wer das als Schwäche begreift, hat dieses Buch nicht verstanden. Wer glaubt, deutsche Geschichte lasse sich zwischen Rhein und Oder erzählen, dem sei gesagt: Lesen Sie dieses Buch. Danach werden Sie Deutschland nie wieder nur in Deutschland sehen.

Montag, 21. Juli 2025

We Burn the Sun von Anika Beer

We Burn the Sun von Anika Beer

Titel des Buches
Seiten: 480
Verlag: Piper
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 978-3-492-70645-2
Kaufen: Amazon.de
Wenn die Zukunft absäuft und die Hoffnung schwimmen lernt.
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

2091: Im überfluteten New York wird die Diplomatin Viv Hargreeves mit der Aufklärung einer brutalen Mordserie beauftragt. Ihre größte Hoffnung auf Erfolg: die Physikerin Sorcha Brennan und ihre Maschine, die alternative Zeitlinien öffnet. Doch die kämpft an der Seite berüchtigter Piraten. Erst als ein besonders kühner Coup entsetzlich schiefgeht und Sorchas große Liebe getötet wird, sieht die Piratin sich gezwungen, mit Viv zusammenzuarbeiten. Auf einer wilden Jagd durch die Zeit werden die Feindinnen zu Verbündeten. Aber können sie einander wirklich vertrauen? 

Review:

Ein Roman, der Zeitreisen, Kapitalismuskritik, Piraterie und Neurophysik unter einen narrativen Hut bringt? Das klingt zunächst wie ein literarischer Hütchenspielertrick – und genau in diesem Verdacht liegt die Faszination von We burn the sun. Anika Beer wagt viel, vielleicht zu viel, und genau das macht ihr Buch so bemerkenswert. Was auf den ersten Blick wie das verspätete Produkt eines durchwachten Nächte-Marathons im Writers’ Room einer Netflix-Serie wirkt, entpuppt sich beim genauen Hinsehen als komplexes, dabei stets leidenschaftlich erzähltes Vexierspiel über Macht, Verlust, Erinnerung und die große Unverschämtheit namens Hoffnung.

Wir befinden uns im Jahr 2091, und die Menschheit hat sich erwartungsgemäß ins Elend katapultiert: Das Eis schmilzt, der Meeresspiegel steigt, New York ist zur amphibischen Geisterstadt mutiert. Während sich die oberen Zehntausend auf schwimmende Luxusenklaven retten, überlässt man die restlichen neunzig Prozent dem Absaufen. Aber keine Sorge, auch dafür hat die Zukunft eine Lösung: Piraten. Diese operieren nicht mehr mit Enterhaken, sondern mit ideologischer Schärfe und technologischer Raffinesse. Und hier kommen sie ins Spiel: Sorcha, eine Neurophysikerin mit dem Know-how, an der Zeit selbst zu manipulieren, und Vince, ein Freiheitskämpfer, der stellvertretend für all jene steht, deren Leben in der Weltordnung keinen Platz mehr hat – und den Sorcha um jeden Preis zu retten versucht. Auch, wenn dafür das Raum-Zeit-Kontinuum mehrfach verdreht, gestaucht und gelegentlich auch ignoriert werden muss.

Beer geht mit dem Konzept der Zeitreise nicht leichtfertig um – das ist keine Spielerei à la „Zurück in die Zukunft“, sondern ein erzählerischer Drahtseilakt, der Wissenschaftlichkeit suggeriert und dabei glücklicherweise nicht in Erklärbär-Prosa abgleitet. Vielmehr verlangt das Buch seinen Leserinnen und Lesern etwas ab: Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, sich zunächst in der Orientierungslosigkeit zu verlieren, bevor sich das große Bild zusammensetzt. Es ist kein Nachteil, wenn man sich während der ersten Kapitel fragt, wo man gerade ist, wer mit wem spricht und in welcher Zeitebene das überhaupt alles stattfindet. Es gehört zum Plan – und der geht auf. Am Ende steht ein Aha-Moment, der so wohltuend ist wie das erste Glas Wasser nach einer durchzechten Nacht.

Besonders hervorzuheben ist die Figurenzeichnung: Sorcha und Vince sind keine konstruierte Romanze auf Speed, sondern zwei zutiefst glaubhafte Charaktere, die einander nicht retten, sondern erkennen. Um sie herum eine Crew, die in ihrer Diversität erfreulich unaufgeregt daherkommt – endlich einmal kein Diversity-TÜV, sondern Menschen mit Geschichte, Widerspruch und Haltung. Selbst Nebenfiguren tragen Konflikte mit sich herum, die dem Roman Tiefe geben, ohne ihn zu überfrachten. Anika Beer beweist hier ein Gespür für das richtige Maß – nicht im Sinne von Sparsamkeit, sondern im Sinne von Komposition.

Und wie steht es um die Sprache? Sie ist das eigentliche Fundament dieses Buches. Beer schreibt pointiert, gelegentlich rau, immer durchdacht. Ihr Stil ist keine literarische Pantomime, sondern ein Werkzeugkasten aus Präzision, Rhythmus und manchmal lakonischer Wärme. Da sitzt der Dialog, da stimmen die inneren Monologe, und vor allem: Es klingt nach etwas, das bleiben will.

Natürlich: Wer auf gradlinige Plots, klar abgegrenzte Kapitel und narrative Leichtigkeit hofft, der wird enttäuscht sein. We burn the sun ist keine Erholung, sondern ein Training. Doch wie bei jeder lohnenden Übung stellt sich am Ende ein befriedigender Muskelkater ein – und das Bedürfnis, die Reise noch einmal von vorn zu beginnen, nun im Wissen um die Fallstricke und Wendepunkte.

Was bleibt? Ein Roman, der sich dem Mainstream verweigert, ohne prätentiös zu sein. Ein Buch, das mehr will als unterhalten – und genau dadurch verdammt unterhaltsam ist. Wer behauptet, das literarische Genre der Science-Fiction sei ausgelutscht, hat Anika Beer nicht gelesen. Wer glaubt, Piraten gehörten ins Kinderzimmer, ebenfalls nicht. Und wer denkt, ein gutes Buch müsse sich leicht lesen lassen – der soll weiter auf seinen Klappentexten surfen. Alle anderen: bitte einsteigen. Es lohnt sich.

Samstag, 12. Juli 2025

How to Become the Dark Lord and Die Trying von Django Wexler

How to Become the Dark Lord and Die Trying von Django Wexler

Titel des Buches
Seiten: 496
Verlag: Penhaligon
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3764533447
Kaufen: Amazon.de
Ein Roman wie ein Twitter-Feed: laut, selbstverliebt, erschöpfend
Bewertung: 3/10 ⭐

Inhalt:

Davi ist die prophezeite Heldin, welche die Menschheit vor dem Dark Lord retten wird. Doch sie versagt und kommt auf grausamste Art ums Leben, nur um aufzuwachen und ihre Mission erneut anzutreten. Nach ihrem 237. brutalen Tod beschließt sie allerdings, die Regeln zu ändern. Wenn der Böse jedes Mal gewinnt, dann wird eben sie der nächste Dark Lord werden. Das erste, was Davi für dieses Ziel benötigt, ist eine Horde vertrauenswürdiger finsterer Kreaturen ..

Review:

Es gibt Bücher, die die literarische Welt ein kleines Stück reicher machen. Und es gibt solche, die sie vor allem lauter machen. Django Wexlers How to Become the Dark Lord and Die Trying gehört unzweifelhaft in die zweite Kategorie: ein Roman, der sich mit der Vehemenz eines Stand-up-Comedians an die große Aufgabe wagt, die High Fantasy durch Ironie, Vulgärhumor und popkulturelle Dauerbespaßung zu modernisieren – und dabei grandios scheitert.

Zunächst die Prämisse, die durchaus Potenzial verspricht: Eine junge Frau namens Davi ist seit einem Jahrtausend in einer Zeitschleife gefangen. Immer wieder stirbt sie – gern auch auf recht drastische Weise – und wird prompt an denselben Ausgangspunkt zurückversetzt. Man könnte meinen, das biete Raum für existentielle Fragen: Wie verändert sich ein Mensch, der den Tod 237-mal erlebt hat? Was bedeutet Sinn, wenn alles immer wieder auf Anfang gestellt wird?

Doch Wexler interessiert sich für derlei Abgründe eher am Rande. Stattdessen liefert er einen Text, der in seiner Selbstzufriedenheit kaum zu überbieten ist: Davi flucht, Davi vögelt, Davi wirft mit Fußnoten und popkulturellen Zitaten um sich, als wäre sie ein weiblicher Deadpool auf Speed. Wer wissen möchte, wie es klingt, wenn eine Figur in mittelalterlicher Fantasy-Welt nach tausend Jahren immer noch Referenzen auf Florida und Marvel-Comics macht – hier ist Ihr Buch.

Davi ist so sehr damit beschäftigt, sich selbst zu kommentieren, dass sie irgendwann gar nicht mehr handelt. Ihr Zynismus dient als Allzweckwaffe gegen jede Form von Emotionalität. Doch wer das Pathos scheut wie der Teufel das Weihwasser, riskiert schnell, nur noch Leere zu hinterlassen. Wexler verwechselt Attitüde mit Haltung – und das ist der Kardinalfehler dieses Romans.

Selbstverständlich gibt es positive Aspekte. Das Worldbuilding ist durchaus ambitioniert: Orks, Steinesser, Fuchs-Wilder – man bekommt hier eine beachtliche Parade exotischer Spezies geboten. Einige Nebenfiguren – vor allem der stoische Droff – entwickeln trotz allem Profil. Und das Grundthema, irgendwann die Seiten zu wechseln und selbst zum Dunklen Lord zu werden, ist ein hübscher Einfall. Nur wird er leider nicht auserzählt, sondern konsequent ironisiert, bis er seine Relevanz verliert.

Am ärgerlichsten jedoch ist die Banalität der angeblich provokanten Stellen. Sexuelle Ausschweifungen, Dauerflüche, eine Prise White-Savior-Kitsch – das alles präsentiert sich mit der Überzeugung, besonders schockierend zu sein, während es in Wahrheit altbekannt und ziemlich durchschaubar ist. Ein bisschen wie ein Zwölfjähriger, der zum ersten Mal „Scheiße“ sagt und sicher ist, gerade die Grenzen der Literatur gesprengt zu haben.

Obwohl das Buch seinen Unterhaltungswert nicht leugnen lässt – es liest sich schnell, es hat Tempo – bleibt am Ende vor allem ein Gefühl: Erschöpfung. Eine Erschöpfung, wie sie nur Texte hervorrufen, die krampfhaft lustig sein wollen und den Leser in jeder Zeile mit ihrer Cleverness traktieren.

Fazit
Wem es genügt, dass Fantasy endlich so klingt wie der launige Twitter-Feed eines gelangweilten Millennials, der wird sich hier bestens aufgehoben fühlen. Alle anderen sollten sich den Roman nur dann antun, wenn sie Lust haben, zu erfahren, wie sich ein gutes Konzept in einem Schwall ironischer Beliebigkeit auflöst.

Ich jedenfalls habe in diesen 500 Seiten mehr Fußnotenwitze gelesen, als mir gutgetan hat – und kann mir nur wünschen, dass die Zeitschleife dieses Romans irgendwann doch noch ein Ende findet.

Freitag, 4. Juli 2025

Cold Eternity von S. A. Barnes

Cold Eternity von S. A. Barnes

Titel des Buches
Seiten: 384
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453323637
Kaufen: Amazon.de
Zwischen Halluzination und Wirklichkeit: Eine Reise ins unheimliche Vakuum
Bewertung: 6/10 ⭐

Inhalt:

Halley Zwick steckt in Schwierigkeiten. In der Art Schwierigkeiten, bei der falsche Ausweise, mächtige Politiker und mehr als eine Sorte Gesetzeshüter involviert sind. Sowohl die Guten als auch die Bösen sind hinter ihr her, aber Halley kann nicht länger sagen, wer eigentlich wer ist. Um allen zu entkommen, nimmt sie einen Job auf dem Raumschiff »Elysium Fields« an, wo die Reichen und Schönen Seite an Seite in ihren Kälteschlafkapseln liegen – und das seit Hunderten von Jahren. Doch dann geschieht etwas Merkwürdiges: Die Hologramme ihrer »Passagiere« warnen Halley, dass sie das Schiff unbedingt verlassen muss. Etwas Hungriges lauert im Dunkel der Laderäume, und möglicherweise ist es bereits zu spät …

Review:

Wenn ein Buch wie Cold Eternity von S.A. Barnes auf den Markt kommt, fühlt man sich unwillkürlich an jene altbekannten Popcorn-Horrorfilme erinnert, die man im jugendlichen Überschwang nachts konsumiert hat – nicht aus literarischem Ehrgeiz, sondern aus einer Art schadenfrohem Nervenkitzel. Allerdings wäre es ungerecht, Barnes’ Roman in die bloße Ecke des billigen Gruselkrams zu stellen, denn er besitzt durchaus Qualitäten, die über das kalkulierte Erschrecken hinausgehen.

Der Plot ist denkbar simpel und in seiner Reduziertheit beinahe elegant: Eine Frau mit beschädigter Biografie – Halley Zwick, einst gesellschaftlich diskreditiert – heuert auf einem verlassenen Raumschiff an, das als fliegendes Mausoleum für eingefrorene Leichen der Wohlstandselite fungiert. In diesem Szenario liegt natürlich ein kapitales Symbol: der Wunsch, dem Tod durch Technik zu entkommen, wird hier in ein makabres Stillleben verwandelt. Barnes gelingt es erstaunlich gut, diese groteske Ausgangslage auszuleuchten und mit einer dichten, fast beklemmenden Atmosphäre zu versehen.

Halley ist eine Protagonistin, die weniger durch ihre Persönlichkeit als durch die Leere um sie herum definiert wird. Sie wirkt wie eine Hülle, die nur deshalb interessant bleibt, weil man nie sicher ist, ob sie den Verstand verliert oder tatsächlich Zeugin unheimlicher Vorkommnisse wird. Diese Unzuverlässigkeit ist einer der größten Vorzüge des Buchs: Immer wieder verschwimmen Realität und Halluzination, bis der Leser nicht mehr weiß, ob hier wirklich etwas Übernatürliches am Werk ist oder nur ein kranker Geist. Der psychologische Horror wächst langsam, fast genüsslich, wie Schimmel in einem abgedichteten Raum.

Leider zeigt sich in der zweiten Hälfte, dass Barnes ihre Stoffe zwar effektvoll anlegen, aber nicht immer zu einem befriedigenden Abschluss bringen kann. Während der Anfang von subtilen Andeutungen und kluger Taktung lebt, verheddert sich der Roman im letzten Drittel in einer Gemengelage aus Action, erklärenden Rückblenden und Effekthascherei. Aus der kühlen Studie über Angst wird ein Showdown, der beinahe alle Zwischentöne opfert. Man hat den Eindruck, die Autorin traue dem eigenen Suspense nicht und müsse ihn durch grelle Spitzen legitimieren.

Stilistisch bleibt Barnes auf sicherem Terrain. Sie schreibt in einer Sprache, die weder stilistisch ambitioniert noch ärgerlich simpel ist. Ihre Stärke ist das szenische Erzählen: Man hört die metallischen Knackgeräusche der Elysian Fields, riecht die abgestandene Luft der kryogenen Särge, spürt die Einsamkeit, die Halley langsam zersetzt. Diese suggestive Konkretheit rettet das Buch vor der Beliebigkeit vieler Genrevertreter.

So bleibt Cold Eternity ein Werk, das im Kern durch eine bemerkenswerte Atmosphäre besticht, aber an seinen eigenen Ansprüchen scheitert, ein Roman zu sein, der über das rein Episodische hinausweist. Wer sich jedoch gern in labyrinthischen Gängen verliert und ein Herz für den Weltraum als Projektionsfläche des kollektiven Unterbewusstseins hat, dürfte sich hier bestens aufgehoben fühlen. Für alle anderen bleibt ein solides, manchmal großartiges, manchmal enttäuschendes Buch, das vor allem die Frage stellt, was größer ist: die Stille des Alls oder die Leere in uns selbst.

Donnerstag, 3. Juli 2025

All das Blaue vom Himmel von Mélissa da Costa

All das Blaue vom Himmel von Mélissa da Costa

Titel des Buches
Seiten: 752
Verlag: Penguin
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3328604030
Kaufen: Amazon.de
Rührend, beharrlich, unverschämt gefühlig
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Begleitung für letzte Reise gesucht.« Diese Anzeige gibt der 26-jährige Emile auf, als er eine unheilbare Diagnose bekommt. Seine letzten Monate möchte er nicht in Krankenhäusern verbringen, sondern in der Natur und in Freiheit. Zu seinem eigenen Erstaunen meldet sich Joanne auf seine Anzeige. Über ihre Gründe schweigt die junge Frau mit dem schwarzen Hut und nur einem Rucksack als Gepäck. Und so steigen beide in Emiles alten Caravan und fahren los. Es beginnt eine verblüffend schöne Reise, durch das mystische Gebirgsmassiv der Pyrenäen – eine Reise zu sich selbst, zu den Wurzeln des eigenen Schmerzes, aber auch eine Reise zur eigenen Kraft und zur eigenen Hoffnung …


Eine einfühlsame und zutiefst berührende Geschichte darüber, wie uns die Natur und die Stille dabei helfen, zu uns selbst zu finden und zu heilen. Dieser Roman katapultierte Mélissa Da Costa aus dem Selfpublishing in die erste Riege der erfolgreichsten Autor*innen Frankreichs.

Review:

Manchmal kommt ein Buch daher, das so sehr auf die Tränendrüsen zielt, dass man fast versucht ist, es vorsorglich mit Gummihandschuhen anzufassen. Mélissa Da Costas All das Blaue vom Himmel ist so ein Roman. Er erzählt die Geschichte von Émile, 26, dem eine seltene Form von Alzheimer diagnostiziert wird – und der statt im Pflegeheim lieber im Wohnmobil den Countdown seines Lebens herunterzählt. An seiner Seite: Joanne, die sich als Weggefährtin bewirbt, obwohl sie selbst ein Päckchen zu tragen hat.

Schon nach den ersten Kapiteln wird klar: Dieses Buch will mehr als bloß unterhalten. Es will uns Leser therapieren, uns den Wert des Moments einbläuen, uns zeigen, dass auch der Tod am Ende nur eine Etappe ist. Das alles in einer Prosa, die so entschlossen auf Verständlichkeit setzt, dass sie gelegentlich an therapeutische Ratgeberliteratur erinnert.

Nun könnte man einwenden, das sei legitim: Schließlich geht es um große Themen. Krankheit, Würde, Lebensmut. Doch es gehört zum Handwerk einer Autorin, solche Stoffe zu gestalten, ohne sie in sentimentale Plattitüden absinken zu lassen. Da Costa gelingt das nicht immer. Die Szenen, in denen Émile sein Gedächtnis verliert, sind bewegend – aber manchmal auch so vorhersehbar arrangiert, dass man sie förmlich in Großbuchstaben rufen hört: Bitte hier weinen!

Dabei hat das Buch durchaus seine Stärken. Die langsame Annäherung zwischen Émile und Joanne – von distanzierter Zweckgemeinschaft hin zu einer Art verschrobener Schicksalsgemeinschaft – ist fein beobachtet. Dass die Autorin sich über mehr als 800 Seiten Zeit nimmt, diese Beziehung zu entwickeln, verleiht dem Roman eine Beharrlichkeit, die Respekt verdient. Manchmal wirkt das allerdings wie ein literarischer Selbstversuch in Geduldstraining.

Besonders gelungen sind die Landschaftsbeschreibungen. Da Costa versteht es, die Pyrenäen, die Camargue, die französische Provinz nicht nur als Hintergrund zu zeichnen, sondern als Spiegel der Figuren. Die Natur wird hier zur stillen Chronistin eines Lebens im Schwinden.

Stilistisch bleibt die Autorin ihrem erzählerischen Minimalismus treu. Ihr Ton ist sachlich, klar, wenig verspielt. Das macht den Roman leicht zugänglich, aber eben auch manchmal spröde. Wer literarische Raffinesse sucht, wird bei Autorinnen wie Annie Ernaux oder Patrick Modiano besser bedient.

Aber Gerechtigkeit muss sein: All das Blaue vom Himmel ist ein Buch, das viele Leser tief berührt. Es hat eine universelle Botschaft – dass das Leben, auch wenn es auf dem Rückzug ist, immer noch gelebt werden will. Für Leser, die sich gern rühren lassen, ohne allzu große formale Ansprüche zu stellen, ist das genau die richtige Lektüre.

Mein Fazit:
Ein Roman, der so melancholisch ist wie ein Novembernachmittag in der französischen Provinz – und in seinen besten Momenten genau so schön. Wer bereit ist, sich auf viel Gefühl und ein wenig Kitsch einzulassen, darf sich hier auf eine Reise gefasst machen, die man so schnell nicht vergisst. Alle anderen sollten zumindest Taschentücher bereithalten.

Mittwoch, 2. Juli 2025

Mein Bericht aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Hommage an Katalonien von George Orwell

Mein Bericht aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Hommage an Katalonien von George Orwell

Titel des Buches
Seiten: 320
Verlag: Anaconda
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3730615165
Kaufen: Amazon.de
Protokoll einer gescheiterten Revolution – Orwells illusionsloser Blick auf Spanien
Bewertung: 6/10 ⭐

Inhalt:

Ende 1936 ging George Orwell nach Barcelona, um als Journalist über den Spanischen Bürgerkrieg zu schreiben. Doch rasch schloss er sich den republikanischen Milizen an, deren Idealismus im Kampf gegen General Franco auch von Hunger, Kälte und schlechten Waffen nicht unterzukriegen war. Orwells »Hommage an Katalonien« fasziniert als präziser Bericht über die Kämpfe nicht nur an der Front, sondern auch innerhalb der politischen Lager. In Spanien reifte seine entschiedene Kritik am Totalitarismus heran, die später den Kern seines berühmten Romans »1984« bilden sollte.

Review:

Man muss sich Hommage an Katalonien als das vorstellen, was es ist: ein Buch, das gleichzeitig überfordert, ernüchtert und – ja, man darf das sagen – unterhält. George Orwell war ein Mann, dem man alles zutrauen konnte, nur keine Verklärung. Seine Berichte vom spanischen Bürgerkrieg sind so illusionslos, dass sie selbst den letzten revolutionären Romantiker gründlich ernüchtern dürften.

Orwell reiste 1936 nicht als Abenteuerurlauber oder Kriegsberichterstatter mit nostalgischen Hemingway-Allüren nach Spanien, sondern als Sozialist mit dem Willen, gegen den Faschismus zu kämpfen. Dass er sich dabei bald in einem absurden Dickicht aus Intrigen, Denunziationen und ideologischen Grabenkämpfen wiederfand, war nicht Teil des Plans – aber der Kern seiner Erfahrung.

Es gehört zu den großen Leistungen dieses Buches, dass Orwell die republikanische Seite nicht mit der Aura moralischer Überlegenheit umgibt. Er zeigt stattdessen ein Lager, das vor allem mit sich selbst beschäftigt war. Kommunisten, Anarchisten, Sozialisten – alle waren auf der Suche nach dem jeweils nächsten Verräter. Während Franco im Süden vorrückte, vernichteten sich in Barcelona die Linken gegenseitig mit einer Energie, die man sich gegen den eigentlichen Gegner gewünscht hätte.

Diese Szenen lesen sich manchmal wie ein Protokoll kollektiver Selbstsabotage – eine Mischung aus Kafka und Monty Python. Man darf nicht vergessen: Orwell schrieb seine Erinnerungen nur wenige Monate nach seiner Rückkehr, voller Zorn und immer noch benommen von den Ereignissen. Er verzichtet weitgehend auf rückblickende Einordnungen. Für den heutigen Leser bedeutet das: Wer keinen Grundkurs Spanischer Bürgerkrieg belegt hat, wird bei all den Akronymen und Parteien rasch den Überblick verlieren. Aber das ist verzeihlich, denn Orwell ging es weniger um akademische Präzision als um Zeugenschaft.

Seine Stärke liegt nicht in den politischen Kapiteln, die oft spröde und redundant wirken, sondern in den lakonischen Beschreibungen des Frontalltags. Orwell erzählt von uralten Gewehren, die beim Schießen auseinanderfielen, von Latrinen, in denen sich Ratten und Soldaten den Platz teilten, und von der stoischen Geduld, mit der alle Beteiligten darauf warteten, dass endlich etwas passierte. Die meisten Kriegstage bestanden aus Hunger, Läusen und Langeweile – bis ihn schließlich ein Geschoss in den Hals traf und das Leben in Sekunden in einen schmalen Grat zwischen Bewusstsein und Ohnmacht verwandelte.

Dass Orwell in diesen Momenten nicht in heroische Phrasen verfällt, sondern mit beinahe nüchterner Neugier beschreibt, wie es ist, angeschossen zu werden, zeichnet ihn aus. Er macht keinen Hehl daraus, dass der Krieg eine schmutzige, deprimierende Angelegenheit ist, in der die großen Ideale am schnellsten verdunsten.

Literarisch ist Hommage an Katalonien kein vollendetes Kunstwerk. Es ist ein rauer, ungehobelter Text, eher Reportage als Literatur. Wer das Buch mit Orwells Romanen vergleicht, wird enttäuscht sein: Hier gibt es keine kunstvoll konstruierten Allegorien wie in Animal Farm, keine dystopischen Visionen wie in 1984. Stattdessen bekommt man die Perspektive eines Mannes, der im Schützengraben kauerte und irgendwann verstand, dass auch die gerechte Sache durch Borniertheit und Machtgier korrumpiert wird.

Und genau deshalb lohnt es sich, dieses Buch zu lesen. Orwell war kein Strategiedichter. Er war ein Moralist. Seine größte Stärke ist nicht literarischer Feinsinn, sondern ein fast schmerzhafter Wille zur Wahrhaftigkeit. Er wollte die Dinge so zeigen, wie sie waren – ein unübersichtliches Chaos, in dem am Ende vor allem das eigene Gewissen der letzte verlässliche Kompass bleibt.

Fazit:
Man kann Orwell vieles vorwerfen – Pathos, Pedanterie, gelegentliche Selbstgerechtigkeit. Aber nie Unehrlichkeit. Mein Bericht aus dem Spanischen Bürgerkrieg ist kein leichtes Buch, weder inhaltlich noch formal. Es ist sperrig, redundant, teilweise ermüdend. Aber es ist auch ein Dokument von unschätzbarem Wert. Wer verstehen will, warum der Idealismus des 20. Jahrhunderts so oft in Bitterkeit umschlug, sollte es lesen. Und wer wissen will, wie es klingt, wenn ein Schriftsteller nicht für den Effekt, sondern für die Wahrheit schreibt, erst recht.