Samstag, 30. August 2025

Arsène Lupin. Der Gentleman-Gauner von Maurice Leblanc

Arsène Lupin. Der Gentleman-Gauner von Maurice Leblanc

Titel des Buches
Seiten: 256
Verlag: Anaconda
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3730615084
Kaufen: Amazon.de
Arsène Lupin – wenn Hochstapelei zur Literatur wird
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

In Frankreich genießt Arsène Lupin seit Langem Kultstatus; bei uns wird der ebenso geniale wie galante Einbrecher zurzeit durch die Netflix-Serie Lupin mit Omar Sy in der Titelrolle einem größeren Publikum bekannt. Nun liegt hier der erste Band des Krimi-Klassikers von Maurice Leblanc als Hardcover-Ausgabe vor. Er versammelt neun Kurzgeschichten, die auch über 120 Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung nichts von ihrem Charme eingebüßt haben. Begleiten Sie den gerissenen Verwandlungskünstler Lupin auf seiner Jagd nach edlem Schmuck und großer Kunst – der Polizei immer mindestens einen Schritt voraus.

Review:

Maurice Leblancs Geschichten um Arsène Lupin gehören zu jener Sorte Literatur, die ihre Leser schon nach wenigen Seiten in ein Komplott verwickeln, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. Denn wer sich einmal auf diesen Gentleman-Gauner eingelassen hat, wird unweigerlich zum Komplizen: Man ertappt sich dabei, dem Dieb die Daumen zu drücken, ja sich regelrecht an seinem nächsten Coup zu berauschen. Leblanc verkehrt die Regeln der Kriminalliteratur, indem er uns nicht auf die Seite des Gesetzes stellt, sondern auf jene des brillanten Gesetzesbrechers.

Dass diese Geschichten bereits 1907 veröffentlicht wurden, macht ihren Charme nur größer. Statt spröder Moral oder didaktischer Strenge findet man hier Ironie, Leichtigkeit und ein hintergründiges Vergnügen an der Maskerade. Lupin ist Verwandlungskünstler, Hochstapler, Spieler – eine Figur, die man kaum greifen kann, weil sie sich in jeder Geschichte neu erfindet. Mal tritt er als feiner Herr auf, mal als unscheinbarer Reisender, mal als alter Mann. In allen Gestalten bleibt er unverwechselbar: witzig, selbstgefällig, unwiderstehlich.

Die neun Episoden, die diesen Band füllen, sind keine streng konstruierten Rätsel, sondern elegante Kabinettstücke, die ihre Leser weniger mit kriminalistischer Härte als mit geistreichen Volten fesseln. Selbst wenn man die Auflösung ahnt, amüsiert man sich über die Wege, die dorthin führen. Und immer wieder gelingt es Leblanc, seinen Helden auch einmal scheitern zu lassen, was ihn nur umso liebenswerter macht. Ganimard, der pflichtbewusste Polizist, dient dabei als verlässlicher Gegenpol, dessen Hartnäckigkeit den Glanz des Gauners nur noch heller erscheinen lässt.

Natürlich lastet der Schatten Sherlock Holmes über diesen Texten, und Leblanc scheute sich nicht, seine Figur mit dem englischen Meisterdetektiv zusammentreffen zu lassen. Wer eine literarische Prügelei erwartet, liegt falsch. Vielmehr begegnen sich hier zwei Archetypen auf Augenhöhe, ohne Sieger und Besiegten, ein kluges Manöver, das eher Reverenz als Parodie ist. Lupin ist nicht das französische Abziehbild eines britischen Vorbilds, sondern dessen ironische Verkehrung: Wo Holmes Ordnung stiftet, bringt Lupin sie durcheinander, und genau darin liegt seine Faszination.

Man darf Leblanc gewiss nicht die gleiche stilistische Strenge zuschreiben wie Arthur Conan Doyle, seine Erzählperspektiven springen, manches wirkt hastig, manches überdreht. Aber wie viel Charme steckt in diesen Brüchen. Wer sich von klassischen Detektivgeschichten allzu sehr bevormundet fühlt, wird hier den befreienden Tonfall genießen. Lupin ist kein Monument der Vernunft, sondern ein glänzender Störenfried, der das Erzählen selbst in Bewegung hält.

Am Ende bleibt ein Klassiker, der in seiner Mischung aus Leichtigkeit und Raffinesse erstaunlich frisch wirkt. Man liest diese Geschichten nicht, um Schuld und Sühne zu erörtern, sondern um sich verführen zu lassen – und genau darin liegt ihr Zauber. Maurice Leblanc hat mit Arsène Lupin eine Figur geschaffen, die zeigt, dass selbst das Verbrechen zur Kunst werden kann, wenn es mit Eleganz und einem Augenzwinkern geschieht.

Samstag, 23. August 2025

Die großen Vier von Agatha Christie

Die großen Vier von Agatha Christie

Titel des Buches
Länge: 7h53min
Verlag: der Hörverlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3844554149
Kaufen: Amazon.de
Poirot im Weltrettungsmodus – ein kurioser Ausreißer im Christie-Kanon
Bewertung: 5/10 ⭐

Inhalt:

Ein Unbekannter taucht bei Poirot auf und bricht vor ihm zusammen. Wer ist der Mann? Und was hat es mit »den großen Vier« auf sich, von denen er murmelt? In einem ihrer schwierigsten Fälle geraten der Meisterdetektiv und sein Kollege Arthur Hastings in Lebensgefahr, während sie versuchen, die Machenschaften einer internationalen Verbrecherorganisation aufzudecken.

Review:

Agatha Christies Roman Die großen Vier gehört zu jenen Büchern, die man weniger liest, um das Genie der Autorin zu bestaunen, als um ihre Fehlgriffe kennenzulernen. Statt eines subtilen Mordrätsels mit feinsinniger Gesellschaftssatire entfaltet sich hier ein überbordender Thriller, der mitunter wirkt, als habe man Poirot versehentlich in ein frühes James-Bond-Skript versetzt. Unser sonst so souveräner Meisterdetektiv wirft Rauchbomben, wechselt Verkleidungen und stolpert durch Szenarien, die man eher in Groschenheften erwarten würde. Seine Gegner sind nicht weniger schillernd: ein chinesischer Drahtzieher, ein amerikanischer Milliardär, eine französische Wissenschaftlerin und ein englischer Meister der Maskerade wollen die Welt ins Chaos stürzen. Ihre Motive bleiben nebulös, ihre Allianz unglaubwürdig, ihr Auftreten karikaturesk.

Dass der Roman wie ein Flickenteppich wirkt, hat eine naheliegende Ursache: Christie montierte hier eine Reihe zuvor veröffentlichter Kurzgeschichten zu einem langen Text. Man spürt es auf jeder Seite. Figuren tauchen auf, verschwinden im nächsten Kapitel wieder, Ortswechsel erfolgen im Stakkato. Ein einheitlicher Spannungsbogen entsteht kaum. Was bleibt, ist eine Folge atemloser Episoden, die man nicht immer ernst nehmen kann und vielleicht auch nicht soll. Zwischen dem Grotesken blitzt aber auch etwas Zeitgeschichte auf: Ängste vor internationalen Verschwörungen, Anspielungen auf technische Durchbrüche, sogar auf atomare Energien, die 1927 noch nach Science-Fiction klangen. In diesen Momenten spürt man, dass Christie versuchte, neue Wege zu gehen – angetrieben von persönlichen Krisen ebenso wie vom Druck des Marktes.

Doch die Figuren leiden unter diesem Experiment. Poirot erscheint manipulativer und weniger unfehlbar als gewohnt, Hastings wird zum Stichwortgeber degradiert, statt als liebenswürdiger Begleiter zu glänzen. Dazu kommen stereotype Darstellungen, die heute schwer erträglich sind. All das macht verständlich, warum dieses Buch im Schatten von Christies großen Meisterwerken steht.

Ich habe Die großen Vier als Hörbuchausgabe vom Hörbuchverlag gehört, kongenial gelesen von Matthias Matschke. Seine Stimme, die zwischen ironischer Distanz und erzählerischer Dringlichkeit changiert, verleiht dem Text eine Geschmeidigkeit, die man auf dem Papier oft vermisst. Matschke schafft es, dem etwas atemlosen, episodischen Charakter des Romans eine einladende Dynamik zu geben, und macht selbst die schwächeren Passagen zu einer hörbaren Vergnüglichkeit.

So bleibt das Buch ein Kuriosum, literarisch unausgewogen, aber als Hörbuch zumindest ein kurzweiliger Ausflug. Für Christie-Neulinge nicht zu empfehlen, für Kenner indes ein reizvolles Dokument, das zeigt, dass selbst eine Meisterin gelegentlich straucheln darf – und dass man dank eines guten Interpreten selbst bei einem schwächeren Text noch etwas genießen kann.

Freitag, 22. August 2025

Gateway von Frederik Pohl

 Gateway von Frederik Pohl

Titel des Buches
Seiten: 1232
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 345332367X
Kaufen: Amazon.de
Warum Technik veraltet, aber Gier ewig bleibt
Bewertung: 6/10 ⭐

Inhalt:

Gateway: Ein Asteroid, der in einem exzentrischen Orbit um die Sonne entdeckt wird. Von außen ein verkohlter Materieklumpen, von innen das Tor zum Universum. Denn Gateway ist die Hinterlassenschaft der Hitschi, einer außerirdischen Zivilisation, die offenbar vor langer Zeit ausgestorben ist. Gateway diente als Weltraumbahnhof und ist voller Schiffe, die darauf programmiert sind, mit Überlichtgeschwindigkeit in die entlegensten Winkel des Universums zu fliegen. Das Ganze hat nur einen Haken: Die Piloten wissen nicht, wo ihre Reise enden wird ...

Review:

Frederik Pohls Roman Gateway ist ein Buch, das sich weigert, den Erwartungen zu gehorchen. Wer in ihm das große Weltraumabenteuer sucht, den heroischen Ritt ins Unbekannte, wird schnell ernüchtert feststellen, dass hier weder phantastische Schlachten noch strahlende Helden geboten werden. Stattdessen setzt Pohl auf eine Geschichte, die ihre Spannung weniger aus äußeren Ereignissen bezieht als aus dem inneren Zerfall ihres Protagonisten. Robinette Broadhead ist kein Mann, den man bewundern möchte, eher jemand, dessen Schwächen, Neurosen und Schuldgefühle einen ebenso irritieren wie faszinieren. Gerade in dieser Zumutung liegt die Stärke des Romans.

Die Prämisse ist einfach und zugleich verstörend. Menschen entdecken auf einem Asteroiden die Raumschiffe einer untergegangenen Zivilisation. Niemand versteht, wie sie funktionieren oder wohin sie fliegen. Trotzdem lassen sich Glücksritter hineinsetzen, in der Hoffnung auf Reichtum, wohl wissend, dass das wahrscheinliche Ergebnis nicht Ruhm, sondern Verstümmelung oder Tod ist. Hier spricht weniger der Ingenieur als der Spieler, der sein Schicksal an die Unberechenbarkeit einer fremden Technologie verkauft. Dass Pohl aus diesem Setting keine Abenteuergeschichte macht, sondern eine Studie über Gier, Angst und menschliche Kurzsichtigkeit, ist das eigentliche Wagnis des Romans.

Man merkt Gateway an, dass es in den siebziger Jahren geschrieben wurde. Viele technische Details wirken heute antiquiert, manche gesellschaftliche Prognose hat sich längst als Irrtum erwiesen. Doch erstaunlich ist, wie wenig das dem Buch schadet. Im Gegenteil: Die Überbevölkerung der Erde, die kapitalistische Verwertung auch des Unbekannten, das Bild von Menschen, die in Verzweiflung und Hoffnung zugleich in fremde Schiffe klettern, wirken gerade heute beklemmend aktuell.

Die Fortsetzungen jedoch leiden unter der Last des Erfolgs. Pohl erweitert das Universum, er deutet die Motive der Heechee an, führt neue Ideen und Figuren ein, doch verliert sich zunehmend in Wiederholungen und einer Dramaturgie, die an Kraft verliert. Was im ersten Band noch elegant als psychologische Tiefenbohrung funktioniert, wirkt später mitunter wie selbstverliebte Seelenanalyse. Auch die Versuche, den Text mit zwischenmenschlichen Reibungen und erotischen Einschüben aufzuladen, haben nicht gut gealtert.

Und trotzdem. Gateway bleibt ein Klassiker, weil es sich traut, das Unbekannte nicht zu erklären, sondern als Spiegel menschlicher Abgründe zu nutzen. Es ist weniger Science Fiction im Sinne technischer Zukunftsverheißung, sondern vielmehr eine Parabel auf das, was Menschen antreibt, wenn sie ins Leere starren und dennoch nicht anders können, als einen Schritt hinein zu wagen. Der erste Band ist große Literatur, die Fortsetzungen ein schimmerndes Nachspiel, das man nicht unbedingt braucht, das aber zeigt, wie weit Pohl seine Idee treiben wollte.

Samstag, 16. August 2025

Wir schreiben unsere Namen in den Wind von Jodi Picoult

Wir schreiben unsere Namen in den Wind von Jodi Picoult 

Titel des Buches
Seiten: 608
Verlag: C.Bertelsmann
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3570105784
Kaufen: Amazon.de
Über die Kunst, gesehen zu werden
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

England im frühen 17. Jahrhundert: Emilia Bassano liebt das Schreiben, doch als Frau hat sie keine eigene Stimme. Nur für einen hohen Preis kann sie ihre Geschichten heimlich auf die Bühne bringen: Sie muss einen Mann finden, der sich als Autor ihrer Werke ausgibt. Und dieser ist niemand anders als Englands berühmtester Dramatiker: William Shakespeare.

New York in der Gegenwart: Melina Green ist fest entschlossen, ihr Theaterstück zu veröffentlichen, inspiriert vom Leben ihrer Vorfahrin Emilia Bassano. Auch vierhundert Jahre später wird die Stimme einer Frau immer noch nicht so gehört wie die eines Mannes. Doch wie weit kann Melina gehen, um ihren Traum zu verwirklichen?

Review:

Jodi Picoult ist eine Autorin, die gern auf dem schmalen Grat zwischen Unterhaltung und Thesenroman balanciert. In ihrem neuen Werk wagt sie sich an eines der heiligsten Gespenster der Literaturgeschichte: die Frage, ob William Shakespeare tatsächlich der Autor seiner eigenen Werke war. Picoult beantwortet sie mit einer Mischung aus forensischem Eifer und erzählerischem Furor und legt die Feder in die Hand einer Frau: Emilia Bassano, Dichterin, Geliebte des Lord Chamberlain, Zwangsfigur in einem Spiel, in dem Frauen weder auf der Bühne noch hinter dem Schreibtisch vorgesehen sind.

Wie so oft spannt Picoult den Bogen über Jahrhunderte. Im zweiten Erzählstrang kämpft Melina Green, angebliche Nachfahrin Emilias und zeitgenössische Dramatikerin, im New Yorker Theaterbetrieb gegen dieselben unsichtbaren Mauern. Die Parallelen sind offensichtlich und bitter zugleich. Fünfhundert Jahre Fortschritt haben wenig daran geändert, dass der Weg für Frauen und erst recht für nichtweiße oder queere Stimmen mit struktureller Geringschätzung gepflastert ist. Picoult arbeitet diese Analogie mit großer Leidenschaft heraus, mal subtil und mal mit der Wucht eines Vorschlaghammers.

Die historische Ebene erweist sich als das stärkere Fundament dieses Romans. Picoult hat akribisch recherchiert und fängt den Geruch von Talgkerzen und Druckerschwärze ebenso ein wie den bleiernen Atem einer Gesellschaft, in der weibliche Begabung allenfalls als Staffage geduldet wird. Emilia ist eine Figur, der man glaubt: scharfzüngig, strategisch und verletzlich. Die Gegenwartshandlung hingegen schwankt. Melinas Konflikte, von einer demütigenden Mentor-Beziehung über den Zwang zum männlichen Pseudonym bis hin zum moralischen Slalom zwischen Wahrheit und Karriere, sind glaubwürdig, doch manche Nebenfiguren geraten zu sehr in die Rolle grob gezeichneter Feindbilder.

Dass Picoult ihre Shakespeare-These nicht als bloße literarische Schnitzeljagd inszeniert, sondern als Kommentar zur anhaltenden Unsichtbarkeit weiblicher Stimmen, ist der klügste Zug dieses Romans. Ob ihre Beweisführung für Emilia Bassano überzeugt, ist letztlich zweitrangig. Entscheidend ist, dass sie den Leser zwingt, die eigene Bereitschaft zur männlichen Autoritätsgläubigkeit zu hinterfragen. Man kann diesem Buch vorwerfen, dass es zu lang geraten ist, dass es sich in didaktischen Dialogen verfängt und den inneren Motor immer wieder selbst ausbremst. Dennoch ist es schwer, sich dem Ernst und der Dringlichkeit seines Anliegens zu entziehen.

„Wir schreiben unsere Namen in den Wind“ ist nicht Picoults charmantestes Buch, aber vielleicht ihr kompromisslosestes. Es fordert Geduld und die Bereitschaft, sich von einem Roman belehren zu lassen. Wer sich darauf einlässt, wird die Namen, die der Wind davonträgt, nicht so schnell vergessen.

Mittwoch, 13. August 2025

Der Aufbruch von Ingeborg Arvola

Der Aufbruch von Ingeborg Arvola 

Titel des Buches
Seiten: 416
Verlag: btb
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3442762685
Kaufen: Amazon.de
Ein historischer Roman wie ein arktischer Strom: kalt, unerbittlich, aber von großer Schönheit.
Bewertung: 8/10 ⭐

Inhalt:

Nordfinnland, 1859: Brita Caisa wird nach einer Liebesbeziehung mit einem verheirateten Mann von der Kirche verstoßen und muss ihren Heimatort verlassen. Sie setzt ihre beiden Söhne auf einen Rentierschlitten, nimmt ihre Skier und bricht in einem Tross auf zum norwegischen Eismeer. Dort, so heißt es, soll das Meer vor Fischen brodeln und es ausreichend Arbeit und Essen geben. Als sie unterwegs den Hofbesitzer Mikko kennen lernt und eine vorläufige Anstellung findet, spürt sie, dass sie sich mit ihm eine Zukunft vorstellen könnte. Doch die gegenseitige Zuneigung wird auf eine harte Probe gestellt. Poetisch und voller Intensität schildert Ingeborg Arvola eine junge Frau, die mit den Normen der Gesellschaft hadert und mutig ihren eigenen Weg geht. In einer Welt, geprägt von der nordisch-kargen Landschaft, der Bedeutung des Fischfangs, Gottesgläubigkeit und einer tiefen, von Mystik durchzogenen Verbindung zur Natur.

Review:

Selten beginnt ein historischer Roman so leise und endet so eindringlich wie Ingeborg Arvolas Der Aufbruch. Kein dramatischer Paukenschlag, keine inszenierte Moral. Stattdessen ein letzter Satz, der so schlicht wie offen ist, als würde die Geschichte nicht enden, sondern sich in den Leser fortschreiben. Genau darin liegt die Größe dieses Romans. Arvola erzählt Geschichte nicht im Sinne eines rückblickenden Berichts, sondern als gelebte Erfahrung. Sie schreibt nicht, um zu illustrieren, sondern um spürbar zu machen. Der Aufbruch, der erste Band ihrer Trilogie Ruijan rannalla – Lieder vom Eismeer, beweist eindrucksvoll, dass literarische Qualität nicht laut oder pathetisch sein muss. Es genügt, wenn sie präzise ist, klug beobachtet und sich jeder Eitelkeit enthält.

Im Mittelpunkt steht Brita Caisa, eine Frau mit zwei unehelichen Kindern, die 1859 aus dem finnischen Inland Richtung Nordnorwegen flieht. Die Gesellschaft hat sie verstoßen, der Pfarrer sie öffentlich gedemütigt. Was bei anderen Autorinnen leicht zur larmoyanten Selbstbemitleidung führen würde, behandelt Arvola mit großer Nüchternheit. Sie macht Brita nicht zur Heldin, sondern zur Figur voller innerer Spannungen, die sich zwischen Stolz und Verzweiflung, Hoffnung und Wut ihren Weg durch eine erbarmungslose Welt bahnt. Ihre Fehltritte und emotionalen Irrwege sind nicht moralisch kommentiert, sondern Teil eines Lebens, das sich keinen einfachen Kategorien unterordnet.

Dass diese Figur auf Arvolas eigene Vorfahrin zurückgeht, ist mehr als ein biografischer Kunstgriff. Es verleiht der Erzählung eine stille Autorität. Man spürt in jeder Szene die Genauigkeit der Recherche, aber auch den Respekt vor dem Stoff. Arvola weiß viel, doch sie belehrt nie. Stattdessen flicht sie ethnografisches, sprachliches und historisches Detailwissen mit großer Souveränität in eine dichte, atmosphärisch aufgeladene Handlung ein. Fischfang, Volksglaube, jahreszeitliche Wanderarbeit, die harte Topografie des Nordens – all das erscheint nicht bloß als Kulisse, sondern als integraler Bestandteil des Erzählten.

Formal überzeugt der Roman durch seine Klarheit. Die Kapitel sind knapp, oft nur wenige Absätze lang, aber jede Szene hat Gewicht. Arvolas Stil ist schnörkellos, aber nie karg. In ihren Sätzen schwingen Kraft und Zärtlichkeit gleichermaßen mit. Wer genau liest, hört den Schnee knirschen, riecht die salzige Luft und spürt die Enge einer Gesellschaft, die über Moral urteilt, aber ihre eigenen Verfehlungen verschweigt. Gelegentlich mag die Vielzahl an Namen und Sprachen – Finnisch, Kvenisch, Norwegisch – fordern, doch gerade das spiegelt die kulturelle Durchmischung dieser vergessenen Grenzregion wider.

Auch eine Liebesgeschichte kommt vor. Sie folgt allerdings keiner romantischen Dramaturgie, sondern verläuft brüchig, widersprüchlich, gezeichnet von gesellschaftlichem Druck und individueller Sehnsucht. Die Leidenschaft ist glaubhaft, gerade weil sie Konsequenzen hat. Arvola verklärt nichts. Liebe ist in diesem Roman keine Erlösung, sondern ein weiterer Prüfstein. Das ist selten in einem Genre, das sich allzu oft mit einfachen Lösungen zufrieden gibt.

Der Aufbruch ist vieles zugleich: ein feministischer Roman, ohne politisches Manifest zu sein. Ein kulturelles Porträt, ohne belehrend zu wirken. Eine literarische Reise in eine raue, oft feindliche Natur, die nicht nur geographischer Raum, sondern seelische Landschaft ist. Am Ende bleibt ein Buch, das seine Leser fordert, aber nie überfordert. Es öffnet den Blick auf eine unterrepräsentierte Kultur, eine vergessene Region, ein Leben im Schatten der offiziellen Geschichtsschreibung. Und es tut das mit einer leisen, aber durchdringenden literarischen Stimme.

Wer sich darauf einlässt, wird ein Stück arktisches Licht mitnehmen. Kein grelles Leuchten, eher ein flackerndes Schimmern, das noch lange nach der letzten Seite im Gedächtnis bleibt.

Mittwoch, 6. August 2025

Mein Name ist Emilia del Valle von Isabel Allende

Mein Name ist Emilia del Valle von Isabel Allende

Titel des Buches
Länge: 11h
Verlag: der Hörverlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3844554386
Kaufen: Amazon.de
Erzähltalent ohne erzählerische Dringlichkeit
Bewertung: 4/10 ⭐

Inhalt:

Emilia del Valle, 1866 in San Francisco als Tochter einer irischen Nonne und eines chilenischen Aristokraten geboren, ist eine unabhängige Denkerin und eine autarke junge Frau. Als Journalistin ergreift sie 1891 zusammen mit ihrem Kollegen Eric die Chance, über den Bürgerkrieg in Chile zu berichten. Dort trifft sie ihren leiblichen Vater wieder und lernt das Land kennen, in dem ihre Wurzeln liegen. Als sie und Eric ihre Liebe zueinander entdecken, eskaliert der Krieg. Emilia befindet sich in Lebensgefahr und stellt ihre Identität und ihr Schicksal in Frage.

Isabel Allende schafft mit »Mein Name ist Emilia del Valle« eine meisterhafte, historische Erzählung über die Macht der Identität und eine Liebesgeschichte für die Ewigkeit.

Review:

Isabel Allende hat sich mit Mein Name ist Emilia del Valle einmal mehr auf vertrautes Terrain begeben – und zwar so vertraut, dass man das Gefühl bekommt, beim Lesen einen literarischen Bumerang zu verfolgen: Er fliegt los, macht ein paar kunstvolle Schleifen, kehrt aber schließlich immer wieder an denselben Ausgangspunkt zurück. Der Roman erzählt die Geschichte von Emilia del Valle, einer illegitimen Tochter eines chilenischen Aristokraten und einer irischen Novizin, die sich vom Schreiben trivialer Groschenromane zur investigativen Journalistin im Chile des späten 19. Jahrhunderts hocharbeitet – selbstverständlich unter männlichem Pseudonym und mit der gebotenen feministischen Attitüde, wie man sie von Allende seit Jahrzehnten kennt. Das Ganze liest sich wie eine Mischung aus Biopic, Gesellschaftsporträt und politischem Reisebericht, wobei man sich über weite Strecken fragt: Warum eigentlich noch einmal?

Dass Isabel Allende erzählen kann, steht außer Frage – sie ist eine begnadete Chronistin familiärer Verwerfungen, eine Meisterin im Einfangen atmosphärischer Dichte. Doch gerade diese Fähigkeit kehrt sich hier gegen sie. Ihre Sprache ist zwar handwerklich solide, aber von jener Leuchtkraft, die ihre frühen Werke auszeichnete, ist kaum noch etwas zu spüren. Die Metaphern wirken abgerufen, die Sentenzen formelhaft, als schreibe sie nicht mehr aus einem inneren Drang heraus, sondern eher aus vertraglicher Pflicht. Selbst das historische Panorama – der chilenische Bürgerkrieg von 1891 – bleibt merkwürdig konturlos. Allende zeigt Schlachten, Leid, Grausamkeit, aber es fehlt die moralische Tiefe, die analytische Schärfe. Man wird Zeuge, aber kein Teilhaber.

Emilia, diese Heldin mit allen denkbaren Fortschrittsgenen ausgestattet, wirkt eher wie ein literarisches Konzept denn wie eine Figur aus Fleisch und Blut. Sie ist natürlich klug, mutig, eigensinnig, wortgewandt – eine Frau, die sich mit Leichtigkeit durch Männerbünde und Bürgerkriege manövriert. Dass sie dabei nie wirklich scheitert, nie zweifelt, nie ins Straucheln gerät, macht sie nicht zur Ikone, sondern zur Projektionsfläche. Es fehlt ihr an Brüchen, an innerer Reibung – sie ist zu perfekt, um zu fesseln.

Was dem Roman zusätzlich schadet, ist seine strukturelle Nähe zu Allendes früheren Werken. Wer Porträt in Sepia, Fortunas Tochter oder gar Das Geisterhaus gelesen hat, wird vieles wiedererkennen: Die aristokratische Familie del Valle mit all ihren Exzentrikern, die Suche nach Herkunft, das Aufbegehren gegen patriarchale Strukturen – alles déjà-vu. Allende recycelt hier nicht nur Themen, sondern auch ganze Erzählmuster. Man hat das Gefühl, ein bekanntes Möbelstück in neuem Lack zu betrachten: solide, aber eben nicht aufregend.

Und doch, der Roman hat Momente – poetische Einsprengsel, gelungene Dialoge, kluge Beobachtungen zum Geschlechterverhältnis oder zur internationalen Machtarithmetik des 19. Jahrhunderts, die frappierend aktuell wirken. Aber diese Momente tragen das Buch nicht. Sie wirken wie Versatzstücke in einem Text, der zu sehr an der eigenen Legende zehrt.

Ich habe Mein Name ist Emilia del Valle in der Hörbuchfassung gehört, einer ungekürzten Lesung mit Mala Emde und Fabian Busch. Und so viel sei gesagt: Diese beiden machen ihre Sache ausgesprochen gut. Emde verleiht Emilia eine Stimme voller Entschlossenheit, aber auch jugendlicher Naivität, was durchaus zur Figur passt, während Busch in seinen Passagen mit sachlichem Ton und ruhiger Präsenz punktet. Doch so gelungen die Interpretation auch ist – das beste Schauspiel kann dem Text nicht jene Tiefe verleihen, die ihm inhaltlich fehlt. Man lauscht einer aufwändigen Inszenierung eines Romans, der in seiner literarischen Substanz nicht überzeugt. Die Sprecher holen heraus, was herauszuholen ist – mehr aber auch nicht.

Man wird den Eindruck nicht los, dass Allende mittlerweile nicht mehr schreibt, um Geschichten zu erzählen, sondern um sich selbst als Marke zu bestätigen. Die Marke: starke Frauen, Chile, Historie, Feminismus light, eine Prise Erotik, fertig ist der Roman. Das ist dann zwar immer noch lesbar – aber leider auch austauschbar.

Mein Name ist Emilia del Valle ist kein schlechtes Buch. Es ist nur ein überflüssiges. Und das ist für eine Autorin von Isabel Allendes Format das eigentliche Problem.

Freitag, 1. August 2025

Origin von Andreas Brandhorst

Origin von Andreas Brandhorst 

Titel des Buches
Seiten: 448
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453323831
Kaufen: Amazon.de
Ein Anfang mit Anlaufschwierigkeiten: Was Origin verspricht – und nicht hält
Bewertung: 6/10 ⭐

Inhalt:

Im 23. Jahrhundert ist die Erde größtenteils unbewohnbar. Reiche Überlebende auf dem Trockenen streiten sich mit den Bewohnern schwimmender Inseln um die letzten Ressourcen. Ein Kolonisten-Raumschiff soll die Menschheit retten. Doch dann entdeckt eine Sonde ein außerirdisches Artefakt im Kuipergürtel. Darin: ein Humanoide im Kryoschlaf – Millionen von Jahren alt! Paläontologin Lea Lehora sucht mithilfe einer Quantenintelligenz nach der Lösung für ein Rätsel, das die Menschheit für immer verändern wird.

Review:

Es gibt Bücher, bei deren Lektüre man sich unwillkürlich fragt, ob die Science-Fiction sich noch für eine intellektuelle Disziplin hält oder längst zur Franchise-Ware geworden ist. Andreas Brandhorsts Origin – Die Entdeckung ist ein Roman, der beides versucht: das Denken und das Verkaufen. Und das macht die Sache, sagen wir: ambivalent.

Wir schreiben das 23. Jahrhundert, und die Erde hat sich – in einem ökologischen Crescendo aus Klimakatastrophe, Bevölkerungsdruck und technologischer Hybris – endgültig in einen Wasserplaneten verwandelt. Der Mensch, dieser ewige Parasit, hat sich notdürftig auf schwimmende Megastrukturen zurückgezogen, während die verbliebenen Landmassen zur Festung der Privilegierten geworden sind. Das klingt wie die Rückseite eines Greenpeace-Folders, funktioniert aber erstaunlich gut als Kulisse. Brandhorst skizziert eine Welt, die so kühl plausibel ist, dass einem das Grausen kommt – was für einen SF-Roman durchaus ein Kompliment darstellt.

Und doch drängt sich von Anfang an ein leiser Verdacht auf: All das haben wir irgendwie schon gelesen. Terraforming auf dem Mars, Kryoschlaf, interstellare Archepläne – Brandhorst ist kein Visionär, er ist ein Arrangeur. Ein Kompilator populärer Ideen, die er mit literarischer Betriebsamkeit zu einem Plot verwebt, der eher durch Quantität als durch Präzision besticht. Das ist nicht per se schlecht, aber es riecht eben mehr nach Writers’ Room als nach Autorengenie. Und wenn dann auch noch ein 20 Millionen Jahre alter Humanoider im Kuipergürtel auftaucht, der uns an unsere eigene Ursprungslosigkeit erinnert, ahnt man: Hier will jemand große Fragen stellen – etwa die, ob der Mensch womöglich gar nicht von der Erde stammt. Eine reizvolle Idee, gewiss, aber leider wird sie in einer stilistischen Trockenübung verhandelt, die kaum emotionale Wucht entfaltet.

Es fehlt an Figuren, an echten Charakteren, an Stimmen, die nicht nur These oder Funktion sind. Brandhorsts Menschen sind mitunter so blass, dass man sich fragt, ob sie bereits digital generiert wurden. Die Erzählung springt zwischen wissenschaftlichen Briefings, politischen Planspielen und technologischen Exkursen, während man als Leser auf den Moment wartet, in dem das Herz dieses Romans zu schlagen beginnt – vergeblich. Selbst der Plot, der sich streckenweise als Thriller tarnt, bleibt erstaunlich unthrilling. Viel Bewegung, wenig Konsequenz. Und das Tempo? Mal zähflüssig wie der Schlamm eines versunkenen Kontinents, mal überhastet wie ein NASA-Start mit Budgetkürzung.

Was man dem Roman jedoch zugutehalten muss: Er ist Teil eines trilogischen Experiments, das drei deutsche Science-Fiction-Autoren – Brandhorst, Joshua Tree und Brandon Q. Morris – gemeinsam angehen. Dass dieses Modell die Eigenheiten des jeweiligen Autors zu bändigen vermag, ist hier deutlich spürbar. Brandhorsts sonst gerne mal esoterisch abschweifende Prosa bleibt diszipliniert, beinahe nüchtern – was den Roman lesbarer, aber nicht zwingend eindrucksvoller macht.

Man kann diesem Buch also weder Genialität noch völliges Scheitern attestieren. Es ist ein Werk, das solide komponiert, technisch versiert und gedanklich ambitioniert daherkommt, aber dabei selten über das hinauswächst, was man erwarten würde, wenn man drei bekannte Namen auf ein gemeinsames Cover klebt. Origin – Die Entdeckung ist wie eine Netflix-Serie mit großem Budget und mittelmäßigem Drehbuch: Man schaut weiter, weil man wissen will, was kommt – nicht, weil man sich erinnert, was war.

Lesenswert? Durchaus. Unvergesslich? Leider nein. Aber man darf gespannt sein, ob die Folgebände die Versprechen einlösen, die dieser Auftakt nur andeutet. Sollte das gelingen, könnte Origin mehr werden als die Summe seiner Einzelteile. Sollte es scheitern, bleibt es immerhin ein anständig gebautes Denkmodell in einem Meer aus Konventionen.