Dienstag, 30. September 2025

Mord an Backbord von C.L. Miller

Mord an Backbord von C.L. Miller

Titel des Buches
Seiten: 384
Verlag: Blanvalet
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3764508558
Kaufen: Amazon.de
Zwischen Kreuzfahrtromantik und Kunstverbrechen
Bewertung: 6/10 ⭐

Inhalt:

Je tiefer das Meer, desto böser die Absichten – turbulente Mörderjagd auf einem Luxusdampfer!

Ein Einbruch in einem Museum? Eine Leiche und ein verschwundenes Gemälde? Freya Lockwood kann es kaum erwarten, zusammen mit ihrer Tante Carole den ersten Fall ihrer neuen Detektei aufzuklären. Die Spuren führen sie auf einen Luxusdampfer voller exzentrischer Antiquitätenliebhaber. Dass hier nichts mit rechten Dingen zugeht, wird Freya spätestens klar, als sie die vielen gestohlenen Schätze an Bord entdeckt. Doch wie gefährlich ihre Lage wirklich ist, erkennt sie erst, als sie einen legendären Verbrecherkönig und seine Komplizen konfrontieren muss ...

Review:

C.L. Millers zweiter Band der "Ein Fall für Freya und Tante Carole"-Reihe schickt seine Heldinnen auf eine Kreuzfahrt, die eigentlich nach Champagner und Kristallglas klingen müsste, sich aber als schwankendes Terrain für Kunstverbrechen entpuppt. Ein gestohlenes Gemälde, eine mythisch überhöhte Figur namens "Der Sammler" und eine Schar von Antiquitätenhändlern, die alle ein bisschen zu sehr nach Verdächtigen aus der zweiten Reihe aussehen, bilden den Rahmen. Das Setting auf einem Schiff zwischen Ägypten und Jordanien besitzt den klassischen Charme eines geschlossenen Raums, der unweigerlich an Christie erinnert. Miller kennt ihr Metier, sie schreibt mit spürbarer Sachkenntnis über Schmuck und Möbel, und doch drohen die kunsthistorischen Exkurse bisweilen die Spannung zu erdrücken.

Im Mittelpunkt stehen Freya Lockwood und ihre Tante Carole, deren Beziehung aus gemeinsamem Schmerz gewachsen ist und von einer Zuneigung lebt, die sich in ironischen Spitzen und gelegentlichen Eskapaden äußert. Carole besitzt die unbändige Energie, die jeder Krimi gebrauchen kann, Freya dagegen bleibt manchmal erstaunlich vertrauensselig, was ihre Rolle als vermeintliche Expertin in ein schiefes Licht rückt. Die Nebenfiguren wirken oft wie auswechselbare Platzhalter, Männernamen flirren vorbei ohne bleibenden Eindruck, und wer nicht aufmerksam liest, verliert rasch den Überblick.

Miller wagt den Wechsel zwischen Ich- und Er-Erzählung, ein Kunstgriff, der hier eher als Manier erscheint und den ruhigen Ton des Cozy Crime gelegentlich ins Stocken bringt. Die Handlung entfaltet sich bedächtig, fast wie ein Antiquitätenkatalog, bei dem jede Seite einzeln gewendet wird. Wer rasche Wendungen erwartet, könnte ungeduldig werden, doch die langsame Bewegung hat eine eigene Logik: sie erzeugt eine stille, manchmal beklemmende Atmosphäre, die den Leser in die klaustrophobische Welt des Schiffes zieht.

Am Ende steht eine Auflösung, die solide funktioniert, ohne je wirklich zu überraschen. Man fühlt sich ordentlich unterhalten, aber nicht erschüttert, und das ist vielleicht auch Millers Absicht: ein Krimi als gepflegte Abendlektüre, getragen von detailverliebter Recherche und einem warmherzigen Figurenkern. Wer Lust auf ein gemächliches Rätsel mit feinem Antikenflair hat, wird hier fündig, wer das fiebrige Tempo eines Thrillers sucht, wird sich nach wenigen Seiten nach Landgang sehnen.

Donnerstag, 25. September 2025

No Way Home von T.C. Boyle

No Way Home von T.C. Boyle

Titel des Buches
Seiten: 384
Verlag: Carl Hanser Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3446284230
Kaufen: Amazon.de
Figuren am Rand des amerikanischen Traums
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Liebe als unheimliche, chaotische Kraft – niemand schreibt so über menschliche Abgründe wie T.C. Boyle. Sein neuer Roman als Weltpremiere


T.C. Boyles neuer großer Roman über die obsessive Liebe zweier Männer zu einer Frau, die sich zwischen ihnen nicht entscheiden mag: Terry, ein Arzt aus Los Angeles, zieht nach dem Tod seiner Mutter in ihr Haus in Boulder City in der Wüste Nevadas. Eigentlich wollte er es verkaufen, wäre er nicht in einer Bar Bethany begegnet, die sich bei ihm einquartiert – gegen seinen Willen. Der eigenbrötlerische Terry kann ihr nicht widerstehen. Aber da ist auch noch ihr eifersüchtiger Ex-Freund Jesse, der immer wieder auftaucht und ihn warnt: »Sie ist Gift«. Mitten in der Wüste geraten die beiden Männer aneinander. T.C. Boyles »No Way Home« ist große Literatur über menschliche Abgründe.

Review:

T. C. Boyle versteht es wie kaum ein anderer, menschliche Abgründe mit glänzender Sprache auszuleuchten, und No Way Home zeigt diese Meisterschaft auf jeder Seite. Ein junger Arzt aus Los Angeles, der den plötzlichen Tod seiner Mutter verkraften muss, reist nach Boulder City in Nevada, um Haus und Hund zu übernehmen. Dort trifft er auf Bethany, eine Kellnerin mit entwaffnender Selbstsicherheit, die sich in sein Leben schiebt, als habe sie nie woanders hingehört. Kurz darauf taucht Jesse auf, ihr ehemaliger Liebhaber, charmant, rastlos und mit einem Hang zur Gewalt. Aus dieser Dreierkonstellation entwickelt Boyle ein Drama, das unaufhaltsam auf die Katastrophe zusteuert, weil jeder Beteiligte wider besseres Wissen immer wieder den falschen Schritt wagt.

Boyle erzählt abwechselnd aus allen Perspektiven, seziert ihre Schwächen und Täuschungen mit fast klinischer Präzision und lässt doch genug Raum für Ambivalenz. Terry, der Menschen unwillkürlich nach Krankheitssymptomen mustert, wirkt zunächst wie der Vernünftigste, aber auch er treibt ziellos und sucht im Rausch der Leidenschaft eine Heimat, die es längst nicht mehr gibt. Bethany bleibt ein Rätsel aus Verführung und Berechnung, eine Frau, die Männer anzieht, deren eigenes Leben ins Wanken geraten ist. Jesse wiederum schwankt zwischen gekränktem Stolz und unterschwelliger Bedrohung. Ihre Begegnungen lesen sich wie ein Kammerspiel voller Anziehung und Abwehr, das den Leser mit jeder Szene tiefer in ein Klima aus Verlangen und latenter Gewalt zieht.

Die karge Landschaft von Nevada spiegelt diesen inneren Verfall. Boyle beschreibt den sinkenden Wasserspiegel des Lake Mead und die verödeten Ränder der Wüste mit beiläufiger Genauigkeit, als wollten die Felsen selbst bezeugen, wie der amerikanische Traum langsam austrocknet. Bars, billige Motels und endlose Straßen sind keine bloße Kulisse, sondern Ausdruck einer Gesellschaft, die Halt und Maß verloren hat. Der Arzt, die Kellnerin, der gescheiterte Schriftsteller – sie alle sind Figuren einer leisen Apokalypse, die nicht in Explosionen, sondern in Selbsttäuschung und Erschöpfung ihren Lauf nimmt.

Boyles Sprache bleibt dabei elegant und unnachgiebig. Er verzichtet auf spektakuläre Wendungen und steigert dennoch unaufhörlich die Spannung. Jede Entscheidung seiner Figuren ist vorhersehbar und trotzdem erschütternd, weil sie aus einem unvermeidlichen inneren Zwang erwächst. Wer Zuneigung sucht, findet sie am ehesten bei Daisy, dem Hund der verstorbenen Mutter, der als einziger unschuldig bleibt und still ausharrt.

No Way Home ist ein Roman ohne Trost, aber voller Wahrheit. Er führt nicht aus der Welt hinaus, sondern tiefer hinein, in ein Amerika, das von sozialem Verfall und ökologischer Dürre gezeichnet ist, und in Seelen, die sich nach Nähe sehnen und sich doch unaufhaltsam voneinander entfernen. Boyle beweist erneut, dass große Literatur nicht versöhnt, sondern entlarvt – und gerade darin ihren Sog entfaltet..

Montag, 22. September 2025

Der Kampf der Meister von Brandon Sanderson

Der Kampf der Meister von Brandon Sanderson 

Titel des Buches
Seiten: 928
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453273257
Kaufen: Amazon.de
Sturm ohne Eile – das epische Finale als Geduldsprob
Bewertung: 6/10 ⭐

Inhalt:

Der gewaltige Krieg um die Welt Roschar nimmt immer größere Dimensionen an. Die einst verschollen geglaubten Strahlenden Ritter stellen sich mit ihren magischen Kräften den Bringern der Leere entgegen. Der ehemalige Attentäter Szeth begibt sich zurück in sein Heimatland Schinovar, aus dem er einst verbannt wurde, um dort den Einfluss der dunklen Götter zurückzudrängen. Doch die Zeit drängt, denn auch unter den Göttern selbst schwelt ein uralter Konflikt.

Review:

Brandon Sanderson hat sich mit dem zwölften Band seiner „Sturmlicht-Chroniken“ selbst übertroffen – und zugleich ein wenig verrannt. Der Kampf der Meister ist ein Buch von gigantischem Umfang, über neunhundert Seiten lang, aber nicht immer von entsprechender Wucht. Wer den Auftakt Der Weg der Könige noch als strahlenden Sturm in Erinnerung hat, erlebt hier eher ein langgezogenes Tiefdruckgebiet. Zehn erzählte Tage, durchsetzt mit unzähligen Perspektivwechseln und Rückblenden, sollen die Dramatik eines Weltuntergangs evozieren, doch häufig fehlt das Gefühl des nahenden Endes. Sandersons altbekanntes Bauprinzip – achtzig Prozent behutsamer Aufbau, zwanzig Prozent Schlussfurioso – dehnt sich hier zu einem endlosen Plateau.

Seine Figuren jedoch bleiben die eigentliche Anziehungskraft. Adolin tritt endlich aus dem Schatten seiner Gefährten, Szeths und Kaladins Reisen berühren, auch wenn Kaladins Rolle als unfreiwilliger Therapeut mitunter aufgesetzt wirkt. Renarin und Rlain schenken dem Roman leise, anrührende Momente, während Dalinars große Rückblenden erstaunlich spannungsarm verhallen. Manche Nebenfiguren blitzen nur kurz auf, als wüsste der Autor selbst nicht recht, ob er sie noch braucht, andere tragen plötzlich weltbewegende Lasten, die sich emotional kaum vermitteln.

Sprachlich hat Sanderson seine frühe Opulenz hinter sich gelassen. Wiederholungen, ein gelegentlich hölzerner Witz und unerwartet modern anmutende Dialogfetzen stören das sonst sorgsam errichtete Illusionsgebäude. Und wer das weitere Cosmere-Universum nicht wie ein pflichtbewusster Doktorand studiert hat, kann sich von der Dichte der intertextuellen Anspielungen leicht erschlagen fühlen. Wo früher ein subtiles Augenzwinkern genügte, prangen heute große, blinkende Wegweiser für Kenner.

Als Abschluss des ersten Zyklus liefert Sanderson immerhin kunstvolle Rückbezüge: Prophezeiungen aus den frühen Bänden finden ihre Erfüllung, alte Versprechen lösen sich ein. Doch auf ein befriedigendes Finale wartet man vergeblich. Statt eines Schlussakts steht man am Rand eines weiteren Abgrunds und darf sich auf jahrelanges Warten einrichten, bevor die Geschichte weitergeht.

Sanderson bleibt ein Weltenschöpfer von fast beängstigender Produktivität und Fantasie, aber hier ist die schiere Größe nicht immer Grandeur. Der Kampf der Meister ist ein Roman von enormer Spannweite, der in seinen besten Passagen glüht und in seinen ausgedehntesten ermüdet. Für treue Begleiter dieses gewaltigen Zyklus ist er dennoch unverzichtbar – ein Sturm, den man überstehen muss, um das nächste Gewitter zu erleben.

Freitag, 19. September 2025

Insel am Rand der Welt von James Rebanks

Insel am Rand der Welt von James Rebanks 

Titel des Buches
Seiten: 304
Verlag: Penguin
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3328604197
Kaufen: Amazon.de
Am Rand der Welt, mitten im Leben
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Drei Monate verbringt James Rebanks auf einer norwegischen Insel, wo im Frühjahr schwere Stürme toben, wo im kurzen Sommer die Sonne das Meer Tag und Nacht leuchten lässt, wo die Gezeiten das Leben bestimmen. Hier, auf der letzten Insel vor dem offenen, wilden Atlantik, begegnet Rebanks der alten Norwegerin Anna: einer zähen Frau, die ganz im Einklang mit der Natur lebt und sich weigert, sich von der Hektik der modernen Zeit vereinnahmen zu lassen. Im Lauf der Monate entwickelt sich eine innige Freundschaft zwischen ihnen, und James lernt von Anna, dass es sich lohnt, für das zu kämpfen, was einem wichtig ist.

Review:

James Rebanks verlässt in Insel am Rand der Welt die vertrauten Hügel seiner englischen Heimat und sucht das Weite auf einer winzigen norwegischen Insel. Dort, am Rand des Eismeers, will er zur Ruhe kommen, weil das Leben in der lauten Gegenwart ihn ausgehöhlt hat. Was wie eine Flucht klingt, wird zu einem Aufenthalt der Verwandlung. Denn die eigentliche Hauptfigur ist nicht der Autor selbst, sondern Anna, eine siebzigjährige Norwegerin, die seit Jahrzehnten Eiderenten schützt, Nester auslegt und die feinen Daunen sammelt. Ihr Dasein ist von einer Selbstverständlichkeit, die unserer nervösen Zeit fast fremd erscheint.

Rebanks beschreibt dieses archaische Handwerk mit einer stillen Genauigkeit, die an große Naturprosa erinnert. Wind, Wetter, Möwenschreie und das monotone Plätschern der See werden zu Akteuren, während Anna mit stoischer Ruhe ihrer Arbeit nachgeht. Sie ist keine romantische Eremitin, sondern eine Frau, deren Gelassenheit und unprätentiöse Weisheit den Autor zur Selbstprüfung zwingt. Gerade ihre Fähigkeit, Menschen und ihre Schwächen anzunehmen, wirkt wie ein Korrektiv zu unserer permanenten Selbstinszenierung.

Literarisch zeigt sich Rebanks in bestechender Form. Er verknüpft Landschaftsschilderung, nordische Geschichte und persönliche Reflexion zu einer Prosa, die in langen Atemzügen schwingt. Wer auf dramatische Geständnisse hofft, wird allerdings enttäuscht. Rebanks streift seine innere Krise nur beiläufig und meidet jede pathetische Selbstoffenbarung. Manche Leser mögen darin eine Leerstelle sehen, doch diese Zurückhaltung ist Teil der Wirkung. Sie zwingt uns, die Stille zwischen den Sätzen zu hören.

Am Ende bleibt ein Buch, das weniger von äußeren Ereignissen lebt als von der Erfahrung einer anderen Zeitrechnung. Es zeigt, dass Sinn nicht im großen Auftritt liegt, sondern in der geduldigen Aufmerksamkeit für das, was vor Augen ist. Insel am Rand der Welt ist ein stiller Triumph gegen den Lärm der Welt und eine Einladung, den eigenen Herzschlag wieder wahrzunehmen.

Donnerstag, 18. September 2025

Jane Austen von Janine Barchas, Isabel Greenberg

Jane Austen von Janine Barchas,  Isabel Greenberg 

Titel des Buches
Seiten: 144
Verlag: Penguin
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3328603565
Kaufen: Amazon.de
Comic-Biografie mit Charme – und viel Textballast
Bewertung: 5/10 ⭐

Inhalt:

Jane Austen wird zur Hauptfigur ihrer eigenen Graphic Novel! Liebevoll gezeichnet und mit großer Detailtreue erzählt dieses Buch von Janes Leben: Als unverheiratete Frau kämpft sie mit finanzieller Unsicherheit und muss sich in einer von Männern dominierten Welt durchsetzen. Mit Witz und Schlagfertigkeit umschifft sie die Klippen der Konventionen und macht sich ihre scharfsinnigen Gedanken über Mode, Literatur und ihre Mitmenschen.

Wir begleiten Jane und ihre Schwester Cassandra, ihre engste Verbündete, durch das England der Regency-Ära mit seinen strikten Vorstellungen davon, was eine Frau tun sollte (heiraten!) und was sie nicht tun sollte (Künstlerin sein!). Wir sind dabei, wenn »Stolz und Vorurteil«, »Emma« und die anderen berühmten Romane Gestalt annehmen und Jane sich nach Zurückweisungen, Zweifeln und Enttäuschungen über ihre erste Veröffentlichung freuen darf. Zahlreiche Zitate aus den Romanen und Anspielungen auf deren Verfilmungen sind in den bezaubernden Bildern versteckt.

Für leidenschaftliche Jane-Austen-Fans und alle, die es werden möchten.

Review:

Janine Barchas und Isabel Greenberg haben mit Jane Austen ein Projekt vorgelegt, das in seiner Idee ebenso charmant wie riskant ist: eine grafische Biographie über eine Autorin, deren Leben – nüchtern betrachtet – vor allem aus Umzügen, Familienpflichten und stiller Schreibarbeit bestand. Wo kein großer Skandal, keine dramatische Liebesaffäre, kein politisches Abenteuer lockt, muss man erzählerisch nachhelfen. Barchas folgt deshalb den spärlich überlieferten Fakten wie Brotkrumen und erfindet dazu ein biographisches Mosaik, das Greenberg mit farbenfrohen, leicht ironischen Zeichnungen begleitet.

Das klingt nach Leichtigkeit, wirkt in der Ausführung aber oft erstaunlich schwerfällig. Die Seiten sind vollgestopft mit Text, die Illustrationen geraten eher zur Illustration im klassischen Sinne, weniger zur eigenständigen Deutung. Wer Greenbergs feine Ironie aus ihrem Brontë-Band Glass Town kennt, wird hier solide, aber wenig überraschende Kost finden. Der Farbcode – blaue Töne für die Realität, Rot für Austens literarische Fantasie – ist hübsch gedacht, aber auch nicht mehr als ein hübsches Detail.

Inhaltlich bewegt sich das Buch auf bekanntem Terrain: die enge und zugleich tragische Beziehung zu ihrer Schwester Cassandra, die prekäre ökonomische Lage der Familie, der leise Ehrgeiz, über „vulgäre Ökonomie“ hinauszukommen, die Entstehung jener Romane, die heute zur Weltliteratur gehören. Austen erscheint dabei als witzige, scharfzüngige Beobachterin – jene Qualitäten, die ihre Romane bis heute unsterblich machen. Kleine Anspielungen und Easter Eggs sorgen für den Kenner-Bonus, für Einsteigerinnen und Einsteiger bleibt es bei einem mosaikartigen Einstieg, der mehr verführt als erklärt.

So ist Jane Austen am Ende eine Hommage, keine Biographie im klassischen Sinne. Es ist eine unterhaltsame Fingerübung, die anlässlich des 250. Geburtstags der Autorin als kleine Reverenz funktioniert. Aber es wird kaum jemandem als letzte oder gar definitive Lektüre genügen. Wer Austen liebt, blättert mit Vergnügen hindurch. Wer Austen erst entdecken will, greift besser zu einer der großen Biographien. Und wer Austen wirklich verstehen möchte, liest ohnehin ihre Romane – da ist die Autorin immer noch am lebendigsten.

Freitag, 12. September 2025

Water Moon von Samantha Sotto Yambao

Water Moon von Samantha Sotto Yambao

Titel des Buches
Seiten: 416
Verlag: Limes
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3809027898
Kaufen: Amazon.de
Ein Pfandhaus für Reue – und seine erzählerischen Schulden
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

In den Gassen von Tokio, hinter der Tür eines unauffälligen Ramen-Restaurants, verbirgt sich ein besonderes Geschäft: Hier können unverwirklichte Träume gegen Seelenfrieden und exquisiten grünen Tee eingetauscht werden. Doch an dem Tag, an dem Hana den Laden von ihrem Vater Toshio übernehmen soll, ist dieser plötzlich verschwunden und der Tresor geplündert. Ein junger Wissenschaftler bietet Hana an, mit ihr nach Toshio zu suchen. Die beiden begeben sich auf eine abenteuerliche Reise und je näher sie der Wahrheit kommen, desto klarer wird Hana, dass es an der Zeit ist, ihr eigenes Geheimnis zu lüften

Review:

Samantha Sotto Yambaos Roman Water Moon betritt man wie einen geheimen Garten: an der Schwelle noch das Ramen-Restaurant einer Tokyoter Nebenstraße, dahinter plötzlich eine Pfandleihe für das schwerste Gut, das Menschen mit sich tragen, ihre Reue. Ein solches Setting ist verheißungsvoll, und es genügt zunächst, um den Leser in den Bann zu ziehen. Hier sitzt Toshio Ishikawa, jahrzehntelang Sammler fremder Entscheidungen, deren Last er den Kunden abnimmt, bis er selbst verschwindet und seine Tochter Hana unvermittelt mit einem zerstörten Laden und einem gestohlenen Geheimnis dasteht. An ihrer Seite tritt der Physiker Keishin auf, der sich weniger als Kunde denn als Komplize erweist.

Yambao versteht es, eine imaginative Bildwelt zu entwerfen, die mühelos in die Tradition japanischer Animationskunst gestellt werden kann. Kerzen, die Gebete bewahren, Vögel, in die Bedauern gerinnen, Teiche, die als Durchgang in andere Welten dienen: all dies entwickelt eine visuelle Wucht, die an Traumlandschaften erinnert. Manchmal wirkt es, als habe die Autorin ihre Einfälle wie funkelnde Splitter verstreut, ohne sie immer organisch zusammenzufügen. Gerade gegen Ende verliert der Text an Geschlossenheit, er taumelt mehr von Szene zu Szene, als dass er konsequent erzählt.

Die Figurenzeichnung zeigt ein ähnliches Doppelgesicht. Hana überzeugt als junge Frau, die das Erbe ihres Vaters und die Schatten der Vergangenheit zugleich schultern muss. Keishin hingegen bleibt merkwürdig blass, seine Rolle als naturwissenschaftlicher Gegenpol zur metaphysischen Welt der Ishikawas wird eher behauptet als überzeugend gestaltet. Die Beziehung zwischen beiden entwickelt sich mit einer Geschwindigkeit, die literarisch wenig plausibel wirkt, zumal die Dialoge häufig eine pathetische Schwere tragen, die nicht recht zu erwachsenen Figuren passen will.

Und doch entfaltet Water Moon eine Anziehungskraft, der man sich nur schwer entzieht. Es ist nicht die Logik, die trägt, sondern die Atmosphäre. Yambao interessiert sich weniger für narrative Disziplin als für poetische Erfahrung, für das Gefühl, eine Schwelle überschritten zu haben, hinter der andere Gesetze gelten. Wer bereit ist, diese erzählerische Freiheit hinzunehmen, entdeckt eine Meditation über die Last von Entscheidungen, über die Macht der Reue, über die Möglichkeit des Neubeginns.

So bleibt am Ende ein Buch, das zugleich fasziniert und irritiert. In seiner überbordenden Bildkraft vermag es zu bezaubern, in seiner formalen Unausgeglichenheit enttäuscht es. Die Verheißung eines modernen Märchens wird nicht immer eingelöst, doch die Momente, in denen Yambao den Traum mit der Klarheit philosophischer Reflexion verbindet, gehören zweifellos zum Schönsten, was die jüngere phantastische Literatur hervorgebracht hat.

Samstag, 6. September 2025

Die Farbe der Gier von Jeffrey Archer

Die Farbe der Gier von Jeffrey Archer 

Titel des Buches
Seiten: 512
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453442938
Kaufen: Amazon.de
Jeffrey Archer und die Farbe des schnellen Vergnügens
Bewertung: 6/10 ⭐

Inhalt:

Bryce Fenston ist ein skrupelloser Finanzmakler. Seine Leidenschaft sind wertvolle Gemälde - für einen echten van Gogh geht er über Leichen. Das Objekt seiner Begierde: das berühmte »Selbstporträt mit abgeschnittenem Ohr«. Es befindet sich im Privatbesitz einer britischen Lady. Die junge Kunstexpertin Anna, die für Fenston arbeitet, schwebt in Gefahr, weil sie zu viel über dessen Machenschaften weiß. Und sie ahnt nicht, dass sie noch dazu von FBI Special Agent Jack Delaney sie beschattet wird. So beginnt an einem vermeintlich friedlichen Septembermorgen in New York eine atemlose Jagd nach einem Gemälde und ein spektakulärer Wettlauf gegen die Skrupellosigkeit.

Review:

Jeffrey Archer ist ein Autor, der sein Publikum seit Jahrzehnten zuverlässig unterhält. Mit Die Farbe der Gier wagt er sich in das Milieu des internationalen Kunstmarktes, lässt seine Figuren über Auktionen, Gutachten und Besitzansprüche stolpern und spinnt daraus eine Jagdgeschichte, die ihren Ausgang im Schock des 11. September nimmt. Schon der Beginn, angesiedelt in den Stunden der Anschläge von New York, ist von dramaturgischer Wucht. Doch es bleibt weniger eine Auseinandersetzung mit der Tragödie als vielmehr ein erzählerischer Hebel, um die Handlung sofort auf Touren zu bringen.

Im Zentrum steht Dr. Anna Petrescu, eine Kunstexpertin, die sich gegen den giergetriebenen Zugriff eines Bankers behaupten muss, dessen Obsession für ein Selbstporträt van Goghs jegliche moralische Grenze sprengt. Ihr zur Seite, oder besser gesagt im Nacken, ein FBI-Agent, attraktiv, korrekt und so zuverlässig wie die Klischees, aus denen er geschnitzt ist. Man ahnt es schon: Archer hat keine Figuren geschaffen, die psychologisch überraschen oder gar innere Abgründe eröffnen, sondern Typen, die die Handlung vorantreiben sollen.

Doch genau in dieser Konstruktion liegt der Reiz des Romans. Archer beherrscht die Kunst der Cliffhanger wie wenige andere. Seine Kapitel sind kurz, die Szenen enden abrupt, und immer scheint die nächste Wendung schon in Reichweite. Man liest weiter, nicht weil man den Figuren ihr Schicksal abnimmt, sondern weil man sich dem Sog der Erzählmechanik kaum entziehen kann. Wer will, kann den Text auch als Parodie auf den globalen Verschwörungsthriller lesen, denn allzu ernst nimmt sich diese Geschichte nie.

Der Roman ist am stärksten dort, wo er seine Recherchen in die Welt der Kunst einfließen lässt. Details zu van Gogh und die Schilderungen von Auktionen und Gutachten verleihen der Handlung einen Hauch von Authentizität. Doch man darf sich nichts vormachen: belehrt wird man dabei kaum, unterhalten dagegen fast immer.

Am Ende bleibt ein Buch, das keine literarischen Lorbeeren verdient, das aber sein Publikum findet, weil es genau weiß, welche Knöpfe es zu drücken gilt. Die Farbe der Gier ist nicht die hohe Schule des Erzählens, sondern das Vergnügen eines Abends, an dem man sich in eine Welt der Täuschungen, Verfolgungsjagden und Kunstobsessionen entführen lässt. Wer Archer als Epiker epischer Familiengeschichten schätzt, wird diese leichte Kost vielleicht zu seicht finden. Wer aber Lust auf eine temporeiche, hochglanzpolierte Lektüre hat, dürfte kaum enttäuscht werden.

Dienstag, 2. September 2025

Verstand und Gefühl von Jane Austen

Verstand und Gefühl von Jane Austen

Titel des Buches
Seiten: 448
Verlag: Anaconda
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3730615270
Kaufen: Amazon.de
Ein Gesellschaftspanorama voller Schwätzer, Schwindler und Sehnsüchtiger
Bewertung: 8/10 ⭐

Inhalt:

Vor der idyllischen Kulisse Großbritanniens im 18. Jahrhundert schildert »Verstand und Gefühl« die gegensätzlichen Schicksale der verarmten Dashwood-Schwestern – der pragmatischen Elinor und der impulsiven Marianne –, die sich auf der Suche nach Liebe durch die tückischen Gewässer der Gesellschaft bewegen. Austens Witz und scharfer sozialer Kommentar beleuchten die Zwänge von Klasse und Geschlecht mit subtiler Ironie. Gleichzeitig ist ihr klassischer Roman, den sie im Alter von nur 20 Jahren schrieb, auch heute noch eine charmante und vergnügliche Lektüre. Hier als Schmuckausgabe mit Goldprägung.

Review:

Jane Austens Erstlingswerk Verstand und Gefühl ist ein Buch, das man mit einem gewissen Schaudern in die Hand nimmt, wissend, dass es den Auftakt zu einem der elegantesten Oeuvres der englischen Literatur bildet. Und doch überrascht es immer wieder durch seine Modernität. Hinter dem höflichen Flüstern der Gesellschaftsdialoge und der gepflegten Landschaftsspaziergänge verbirgt sich ein Text, der unmissverständlich zeigt, wie sehr Heirat im England des frühen 19. Jahrhunderts vor allem eine ökonomische Transaktion war. Austen deutet das niemals mit erhobenem Zeigefinger an, sondern mit einer Ironie, die so scharf wie seidig daherkommt.

Im Mittelpunkt stehen die Schwestern Elinor und Marianne Dashwood, die man gern als Sinnbilder zweier gegensätzlicher Prinzipien liest: die Vernunft auf der einen, die Empfindsamkeit auf der anderen Seite. Doch Austens Genie besteht darin, diese Zuschreibung immer wieder zu unterlaufen. Elinor ist weit davon entfernt, eine gefühllose Statthalterin der Ratio zu sein, während Marianne, bei aller überschwänglichen Emotionalität, nicht ohne klarsichtige Momente bleibt. Die Schwestern sind keine Allegorien, sondern Menschen, widersprüchlich, verletzlich, von ihrer Zeit bedrängt und in ihren Hoffnungen zugleich zu groß und zu klein für die Welt, die sie bewohnen.

Austen entwirft ein Gesellschaftspanorama, das von opportunistischen Schwätzern, habgierigen Verwandten und berechnenden Verehrern wimmelt, doch auch von stillen, tiefgründigen Figuren bevölkert ist, die durch ihr bloßes Dasein eine andere Möglichkeit des Lebens andeuten. Colonel Brandon, dieser ernste, reife Mann mit seiner Melancholie, wirkt fast wie ein Fremdkörper unter den flatterhaften Geistern, und gerade deshalb gewinnt er an Gewicht. Dass selbst die unsympathischsten Figuren gelegentlich Momente der Rechtfertigung erhalten, gehört zu Austens feiner Menschenkenntnis. Sie verweigert den einfachen Schwarz-Weiß-Kontrast und zeigt lieber ein Spektrum, das dem wirklichen Leben näher kommt als so mancher moderne Roman.

Das große Thema ist der Widerstreit von Gefühl und Vernunft, doch dieser Konflikt wird stets in eine größere Frage eingebettet: Wie sehr darf oder muss der Mensch sich den ökonomischen Realitäten fügen, wie weit darf das Herz gegen den Geldbeutel rebellieren. Austen zeigt, dass Liebe in einer Gesellschaft, die von Erbschaften und Mitgiften zusammengehalten wird, kaum eine ungebrochene Chance hat. Sie gönnt ihren Figuren ein Ende, das dem Schein nach glücklich ist, aber wie mit leiser Hand ironisch unterspült wird. Man spürt, dass sie die Konventionen ihrer Zeit respektieren musste, zugleich aber deren Risse kenntlich macht.

Die sprachliche Eleganz ist makellos. Austen beherrscht die Kunst, kleine Beobachtungen, ein Zucken im Gesicht, eine unbedachte Geste, mit einer Bedeutung aufzuladen, die den ganzen Charakter bloßlegt. Ihr Humor ist trocken, niemals schrill, immer von jener Art britischer Selbstverständlichkeit, die eine Pointe nicht einmal aussprechen muss, damit sie sitzt. Schon in diesem Debüt ist die Meisterin erkennbar, die später mit Pride and Prejudice oder Emma vollends brillieren sollte.

Man könnte sagen, dass Verstand und Gefühl die Blaupause für alle romantischen Komödien liefert, die seitdem in unzähligen Varianten erschienen sind, von Molière bis Hollywood. Doch Austens Roman ist mehr als eine Komödie, er ist auch eine präzise sezierende Gesellschaftsstudie. In dieser Spannung liegt seine ungebrochene Frische. Wer die Romane der Brontës dramatischer, die der Moderne raffinierter findet, mag recht haben. Aber wer das Wesen menschlicher Eitelkeit, Sehnsucht und Kompromissbereitschaft in seiner zeitlosen Gestalt studieren will, kommt an diesem Buch nicht vorbei.