Montag, 27. Oktober 2025

Origin – Die Erweckung von Joshua Tree

Origin – Die Erweckung von Joshua Tree 

Titel des Buches
Seiten: 464
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 345332384X
Kaufen: Amazon.de
Joshua Tree bremst – und gewinnt
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Wir schreiben das 23. Jahrhundert. Seit über 450 Jahren ist das Raumschiff »Wayfarer« unterwegs zum Omikron-System, als plötzlich die Wissenschaftlerin Lea Lehora aus der Kryostase geweckt wird. Das Ziel der Mission, die Heimatwelt der extraterrestrischen Vorfahren der Menschheit zu untersuchen, scheint zum Greifen nah. Doch statt einer blühenden Zivilisation finden die Forscher der »Wayfarer« nur einen Ring aus uralten Artefakten im Orbit des Planeten. Und dann erreicht sie ein Jahrhunderte altes Signal, das zur tödlichen Gefahr wird …

Review:

Man muss kein passionierter Science-Fiction-Leser sein, um zu bemerken, dass sich mit Origin – Die Erweckung von Joshua Tree ein bemerkenswertes Kontrastprogramm zu den Werken von Andreas Brandhorst und Brandon Q. Morris abspielt. Während Brandhorst bekanntlich dazu neigt, seine Romane mit geradezu manischem Worldbuilding zu überfrachten und den Plot in halsbrecherischem Tempo von einem Schauplatz zum nächsten zu jagen, zieht Joshua Tree gleich zu Beginn resolut die Handbremse an.

Schon in Origin – Die Erweckung wird deutlich: Wo Brandhorst das Universum in immer neuen Dimensionen auffächert, interessiert sich Tree vielmehr für die Menschen, die in diesem Kosmos leben – und leiden. Der Autor kann sich dabei auf das von Brandhorst zuvor gelegte Fundament stützen: jenes komplexe, dichte Worldbuilding, das der „Origin“-Welt bereits Kontur gegeben hat. Doch Tree nutzt dieses Erbe nicht, um noch mehr kosmische Schauplätze anzuhäufen, sondern um darin eine psychologisch feinere Geschichte zu erzählen.

Wir folgen in diesem zweiten Band zwei klar getrennten, aber erzählerisch geschickt verwobenen Handlungssträngen: Zum einen begleitet man die bereits aus Band eins bekannte Lea Lehora an Bord der Wayfarer, die nach 450 Jahren endlich ihr Ziel Omikron erreicht – eine Reise, die ebenso physisch wie existenziell ist. Zum anderen lernen wir den exzentrischen Wissenschaftler Marc Laton kennen, der 410 Jahre vor der Ankunft der Wayfarer lebt. Joshua Tree spielt hier gekonnt mit Zeit und Perspektive, mit Spiegelungen zwischen Vergangenheit und Zukunft, Forschung und Glaube, Wahn und Erkenntnis.

Besonders erfreulich ist, dass Tree sich endlich der größten Schwäche vieler Science-Fiction-Autoren annimmt: den Charakteren. Schon in Origin – Die Entdeckung war deutlich geworden, dass Figurenzeichnung nicht Brandhorsts Paradedisziplin ist. Joshua Tree dagegen glänzt hier mit einem hervorragenden Charakterausbau bzw. Charakterentwicklung. Lea Lehora erhält Tiefe, Ambivalenz, emotionale Fallhöhe; auch der Antagonist Captain Grant wirkt plötzlich nicht mehr wie ein notwendiges Übel der Dramaturgie, sondern wie ein glaubwürdiger Mensch mit nachvollziehbaren Motiven.

Stilistisch ist Tree dabei deutlich ruhiger, beinahe kontemplativ. Sein Origin – Die Erweckung ist weniger ein Weltraumabenteuer als vielmehr ein Thriller im Kosmos, ein spannungsreicher, aber zugleich reflektierter Roman, der philosophische Fragen nicht scheut, ohne den Unterhaltungswert zu opfern.

Natürlich merkt man dem Buch an, dass es das klassische Schicksal eines zweiten Teils in einer Trilogie teilt: Es schließt an, vertieft, bereitet vor – ohne die ganz großen Enthüllungen zu liefern. Und doch gelingt es Tree, dieses Dazwischen erzählerisch zu adeln.

Bereits mit Singularity hatte Joshua Tree gezeigt, dass er zu den wenigen deutschsprachigen Science-Fiction-Autoren gehört, die technische Vision und emotionale Glaubwürdigkeit zu verbinden wissen. Auch Origin – Die Erweckung bestätigt dieses Urteil.

Bleibt am Ende nur eine Frage: Wie wird Brandon Q. Morris diesen Staffelstab im abschließenden Band aufnehmen? Ich bin – und das passiert mir in diesem Genre selten – wirklich gespannt.

Samstag, 25. Oktober 2025

Wuthering Heights von Emily Brontë

Wuthering Heights von Emily Brontë

Titel des Buches
Seiten: 416
Verlag: Anaconda
Sprache: Englisch
ISBN-10: 3730615610
Kaufen: Amazon.de
Kein Liebesroman, sondern ein Experiment über menschliche Besessenheit
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

The estate of Wuthering Heights sits on a hill in the rugged Yorkshire countryside. It lies defenceless against the wind, which blows harder here than anywhere else. Its owner, the kind-hearted Mr Earnshaw, takes in the foundling Heathcliff. Earnshaw's daughter Cathy soon falls madly in love with him. But their love ends in tragedy, and a web of revenge and betrayal is woven around the estate. Emily Brontë's classic dark love story, set in a romantic and untamed landscape, remains one of the most intense reads to this day.

Review:

Ich habe „Wuthering Heights“ zum ersten Mal in der englischen Originalsprache gelesen, dank einer Rezensionsausgabe des Anaconda Verlags. Es war ein seltsames, beinahe widersprüchliches Vergnügen. Zum einen ist Brontës Sprache in ihrer rohen Klarheit viel zugänglicher, als ich erwartet hatte, geradezu schnörkellos, beinahe modern. Zum anderen wirkt das Englische in seiner rhythmischen Härte und emotionalen Direktheit noch kälter, noch gnadenloser als jede Übersetzung. Ich muss gestehen: Im Original gefällt mir dieses Buch besser. Nicht, weil es „näher“ an der Autorin wäre, sondern weil ihre Welt darin schärfer konturiert, präziser, weniger verklärt erscheint.

Emily Brontës einziger Roman ist kein Liebesroman, sondern eine anatomische Studie des Gefühlswahns. Wer Heathcliff und Catherine als romantisches Paar begreift, hat entweder die Nerven eines Märtyrers oder den Text nicht verstanden. Diese beiden sind ein emotionales Unwetter, das alles in seiner Umgebung verheert. Sie lieben nicht, sie verschlingen sich. Was sie antreibt, ist keine Zärtlichkeit, sondern der Wille zur totalen Verschmelzung, der jede Grenze zwischen Begehren und Zerstörung auslöscht. Brontë beobachtet dieses Inferno mit der Gelassenheit einer Naturwissenschaftlerin, die weiß, dass man den Vulkan nicht aufhalten kann, man kann ihn nur genau beschreiben.

Dass diese Beschreibung in eine derart irritierende Erzählkonstruktion gegossen wurde, gehört zu den großen Frechheiten des 19. Jahrhunderts. Nelly Dean, diese vermeintlich nüchterne Chronistin, ist keine verlässliche Zeugin. Ihr Blick ist von Vorurteilen und Eitelkeiten durchsetzt. Was sie erzählt, wissen wir nicht sicher. Und doch müssen wir ihr glauben, weil Brontë uns keine andere Möglichkeit lässt. Das Ergebnis ist ein Roman, der Misstrauen zum Leseprinzip erhebt und uns zwingt, Wahrheit aus Widerspruch zu gewinnen.

Der Schauplatz tut das Übrige. Die einsame Weite der Yorkshire Moors, vom Wind zerschnitten und vom Regen gepeitscht, ist mehr als Kulisse. Sie ist eine psychologische Landschaft, ein Resonanzraum der Figuren. In dieser Unwirtlichkeit wachsen keine Konventionen, nur Leidenschaften. Zwischen Wuthering Heights und Thrushcross Grange existiert keine bürgerliche Mitte. Hier herrschen Extreme, und Brontë schreibt sie mit einer sprachlichen Unerbittlichkeit, die für ihre Zeit fast unverschämt war.

Heathcliff, dieser Findling aus der Gosse, wird zu einer Chiffre für soziale Ausgrenzung und emotionale Entstellung. Sein Hass ist das Echo einer Welt, die ihn nie anerkannt hat. Catherine wiederum ist Gefangene ihrer eigenen Widersprüche, zu stolz für Unterwerfung, zu feige für Freiheit. Gemeinsam bilden sie ein System der wechselseitigen Zerstörung, in dem Liebe nichts Erlösendes hat, sondern zur Obsession, zur Krankheit wird. Dass Brontë dies ohne moralisches Urteil schildert, macht den Roman so modern. Sie versteht, was Psychologen erst ein Jahrhundert später zu benennen versuchten: dass Trauma ansteckend ist, dass Gewalt sich forterbt, dass Gefühle sich vererben wie ein Fluch.

Gerade deshalb bleibt das Buch, bei aller Finsternis, nicht hoffnungslos. In der Generation danach blitzt ein Rest von Menschlichkeit auf, eine zarte Ahnung von Versöhnung. Brontë, die keine Idealisierung kannte, lässt die Möglichkeit offen, dass das Leben weitergeht, wenn auch leiser, vorsichtiger, demütiger.

Ich bewundere „Wuthering Heights“ nicht, weil es schön ist, sondern weil es sich dem Schönen verweigert. Es ist ein Roman, der die romantische Tradition nicht fortführt, sondern sprengt. Ein Buch, das seine Leser prüft, nicht umarmt. Und doch liegt in dieser Härte eine eigentümliche Form der Wahrheit. In der englischen Sprache klingt sie noch unmittelbarer, direkter, weniger abgefedert. Vielleicht liest man dieses Buch am besten so, wie Brontë es geschrieben hat: gegen den Wind.

Freitag, 24. Oktober 2025

Aus Sternen und Staub von T. J. Klune

Aus Sternen und Staub von T. J. Klune

Titel des Buches
Seiten: 496
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453322746
Kaufen: Amazon.de
Ein Science-Fiction-Thriller mit Herz
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Nate Cartwright steht vor den Trümmern seines Lebens: seine Eltern sind tot, sein Bruder will nichts von ihm wissen und seinen Job hat er auch verloren. Er beschließt, nach Roseland in Oregon zu fahren. In der Abgeschiedenheit der Berge will er wieder zu sich selbst finden. Pläne schmieden. Vielleicht endlich einen Roman schreiben. Nate war schon seit Jahren nicht mehr in der Hütte seiner Familie. Seit seine Eltern ihn nach seinem Coming-out rausgeworfen haben nicht mehr. Soweit er weiß, sollte die Hütte verlassen sein. Nur, dass sie das nicht ist. Ein Mann namens Alex hat sich dort versteckt und mit ihm ein kleines Mädchen, das auf den obskuren Namen Artemis Darth Vader hört. Die Geschichte, die Alex und Artemis erzählen, ist so unglaublich, dass sie eigentlich nur wahr sein kann. Und plötzlich muss Nate eine Entscheidung treffen: Will er sich weiter den Dämonen seiner Vergangenheit ergeben oder will er für eine Zukunft kämpfen, die er nie für möglich gehalten hätte?

Review:

T.J. Klune ist ein Autor, der sein Publikum gewohnt hat an Herz und Wärme, an verschrobene Figuren und leise Ironie. In Aus Sternen und Staub überrascht er, indem er seine vertrauten Motive in ein deutlich dunkleres Licht taucht. Statt sanfter Magie gibt es hier eine Mischung aus Verschwörungsthriller und Science-Fiction, die schon auf den ersten Seiten ein unterschwelliges Unbehagen erzeugt. Ein heruntergekommenes Haus im Wald, ein Journalist auf der Flucht vor der eigenen Vergangenheit, ein schweigsamer Beschützer und ein Mädchen mit dem absurden Namen Artemis Darth Vader – aus diesem Personal entwickelt Klune ein Szenario, das so bedrückend wie fesselnd ist.

Die Geschichte treibt mit fast filmischer Wucht voran. Dialoge und kurze Szenen schieben die Handlung unaufhörlich weiter, manchmal so drängend, dass die Figuren kaum Gelegenheit haben, sich zu entfalten. Wer Klune vor allem wegen seiner liebenswerten Exzentriker liest, vermisst hier vielleicht den vertrauten Schalk. Die Atmosphäre ist ernst, gelegentlich beklemmend. Gerade das verleiht dem Roman jedoch eine unerwartete Spannung. Man liest weiter, auch wenn man den Kloß im Magen spürt, weil jederzeit etwas Bedrohliches geschehen könnte.

Dennoch bleibt Klune sich treu, wo es zählt. Zwischen dem resignierten Nate, dem verschlossenen Alex und der unerschütterlich neugierigen Art entsteht langsam jene Wahlfamilie, die seine Bücher so unverwechselbar macht. Die Zuneigung entwickelt sich behutsam, eher in Gesten als in großen Liebeserklärungen. Die plötzliche erotische Szene, die Klune einfügt, wirkt deshalb eher befremdlich, als hätte sich ein anderes Buch kurz in die Handlung geschlichen.

Seine eigentliche Stärke zeigt der Autor in den stillen Momenten. Er kontrastiert Gefahr und Zärtlichkeit, Trauer und Hoffnung, kosmische Spekulation und banale Alltagskomik. Artemis’ ungebrochene Begeisterung für Bacon etwa bringt eine Leichtigkeit in den Text, die ihn vor reiner Düsternis bewahrt. Manche Nebenfiguren bleiben blass, manche Passagen dehnen sich zu lang, doch die zentrale Frage trägt: Was bedeutet es, Mensch zu sein, wenn Verlust und Angst alle Sicherheiten zerstören.

Aus Sternen und Staub ist kein Roman für Leser, die sich an wohltemperierter Romantik erfreuen wollen. Er ist rauer, spannungsreicher, manchmal unbequem und gerade deshalb lesenswert. Klune beweist hier, dass er mehr kann als süße Eskapaden. Er zeigt, wie sich Trost finden lässt, selbst wenn der Himmel voller bedrohlicher Lichter steht und die Welt aus den Fugen gerät.

Mittwoch, 22. Oktober 2025

Frühling der Revolution von Christopher Clark

Frühling der Revolution von Christopher Clark 

Titel des Buches
Seiten: 1168
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 978-3-421-04829-5
Kaufen: Amazon.de
Ein Buch wie ein Kontinent – gewaltig, widersprüchlich, notwendig
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

In der Geschichte Europas gibt es keinen Moment, der aufregender, aber auch keinen, der beängstigender war als der Frühling des Jahres 1848. Scheinbar aus dem Nichts versammelten sich in unzähligen Städten von Palermo bis Paris und Venedig riesige Menschenmengen, manchmal in friedlicher, oft auch in gewalttätiger Absicht. Die politische Ordnung, die seit Napoleons Niederlage alles zusammengehalten hatte, brach in sich zusammen.
Christopher Clarks spektakuläres neues Buch erweckt mit Schwung, Esprit und neuen Erkenntnissen diese außergewöhnliche Epoche zum Leben. Überall brachen sich neue politische Ideen, Glaubenssätze und Erwartungen Bahn. Es ging um die Rolle der Frau in der Gesellschaft, das Ende der Sklaverei, das Recht auf Arbeit, nationale Unabhängigkeit und die jüdische Emanzipation. Dies waren plötzlich zentrale Lebensthemen für unendlich viele Menschen - und es wurde hart um sie gekämpft.
Die Ideen von 1848 verbreiteten sich um die ganze Welt und veränderten die Verhältnisse zum Bessern, zuweilen aber auch zum viel Schlechteren. Und aus den Trümmern erhob sich ein neues und ganz anderes Europa.

Review:

Christopher Clarks Frühling der Revolution ist eines jener Bücher, die man weniger liest als durcharbeitet – und dennoch kaum beiseitelegen kann. Der australisch-britische Historiker, längst zum eleganten Schwergewicht der europäischen Geschichtsschreibung avanciert, unternimmt den Versuch, das Jahr 1848 aus dem Staub der Schulbücher zu befreien und als das zu zeigen, was es war: ein kontinentales Fieber, in dem die politischen und sozialen Symptome der Moderne zum ersten Mal in voller Heftigkeit ausbrachen.

Clark hat sich einem Thema verschrieben, das so sprunghaft und widersprüchlich ist wie Europa selbst. Er erzählt von einem Kontinent, der sich im Aufbruch wähnt und doch an seiner eigenen Zerrissenheit scheitert. Revolutionäre in Paris, Prag, Wien oder Mailand glaubten an die Möglichkeit eines neuen Zeitalters, doch die alten Mächte waren besser organisiert, die neuen Ideen zu uneins, um Bestand zu haben. Clark beobachtet dieses Drama mit der Gelassenheit eines Chirurgen, der das leblose Gewebe seziert, um zu zeigen, dass in ihm noch ein Rest von Bewegung steckt.

Er entwirft ein vielstimmiges Oratorium politischer Leidenschaften, in dem Liberale, Radikale, Nationalisten und Idealisten aneinandergeraten. Seine Figuren – von Bismarck über Mazzini bis Marx – sind keine Denkmäler, sondern Akteure in einem historischen Experiment, dessen Ergebnis niemand kannte. Was Clark von vielen Historikern unterscheidet, ist sein Misstrauen gegenüber der bequemen Erzählung vom Scheitern. Für ihn endeten die Revolutionen zwar im Rückschritt, doch hinterließen sie Spuren, die das 19. Jahrhundert entscheidend prägten. Nach 1849 lernte Europa, dass Fortschritt nicht nur auf Barrikaden errungen wird, sondern auch in Stadtplanung, Statistik und öffentlicher Hygiene. Selbst die restaurativen Regierungen, die ihre Macht zurückeroberten, waren gezwungen, sich zu verändern.

Das Buch verlangt Aufmerksamkeit und ein gewisses Maß an Demut vor der Komplexität. Clark schreibt in einem Stil, der zwischen nüchterner Präzision und barocker Ausschweifung schwankt, und er traut seinem Leser etwas zu. Wer flüssige Unterhaltung sucht, wird sich hier verirren, wer jedoch die Geduld aufbringt, wird reich belohnt. Die 1848er erscheinen nicht mehr als blasse Fußnote, sondern als jene Generation, die den politischen Code der Moderne schrieb: Freiheit gegen Sicherheit, Gleichheit gegen Besitz, Ideal gegen Macht.

Clark zieht leise Linien in die Gegenwart. Sein Vergleich mit dem Arabischen Frühling mag kühn wirken, ist aber klug. Beide Male war die Hoffnung groß, der Ausgang ernüchternd, und doch veränderten beide Epochen die politische Temperatur der Welt. Frühling der Revolution liest sich in solchen Momenten wie eine Warnung: Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich – und ihre Verse klingen oft vertraut.

Was bleibt, ist ein Werk von beeindruckender Gelehrsamkeit und gedanklicher Disziplin. Clark zwingt den Leser, langsamer zu lesen und genauer zu denken, als es die Gegenwart gewöhnlich verlangt. Kein Buch für Eilige, aber eines, das bleibt.

Samstag, 18. Oktober 2025

Briefe an einen jungen Dichter von Rainer Maria Rilke

Briefe an einen jungen Dichter von Rainer Maria Rilke

Titel des Buches
Seiten: 96
Verlag: Anaconda
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3730615262
Kaufen: Amazon.de
Ein Briefwechsel als Selbstgespräch der Moderne
Bewertung: 8/10 ⭐

Inhalt:

Briefe sind ebenso Mittel zur Selbsterkenntnis wie ein Weg zum Gedankenaustausch mit anderen. Nur wenige waren sich dessen so tief bewusst wie der leidenschaftliche Briefeschreiber Rainer Maria Rilke. In seinen zehn »Briefen an einen jungen Dichter«, die er in den Jahren 1903/04 und 1908 an den literarisch begabten Offizier Franz Xaver Kappus schrieb, spiegeln sich Empfindsamkeit und Weitsicht, unverbrüchliches Mitgefühl und lebendige Weisheit. Mit ihrer bewundernswerten Offenheit gehören diese Briefe zum Eindrucksvollsten und Schönsten, was je in deutscher Sprache geschrieben wurde. Ergänzt werden sie in dieser Schmuckausgabe mit Kupferprägung von den ebenso kunstsinnigen und mitfühlenden »Briefen an eine junge Frau«.

Review:

Rainer Maria Rilkes Briefe an einen jungen Dichter gehören zu jenen Büchern, die man nicht liest, sondern erfährt. Sie sind ein geistiges Destillat aus Melancholie, Demut und unbedingtem Glauben an die schöpferische Notwendigkeit. Rilke antwortet in diesen zehn Briefen an den jungen Franz Xaver Kappus nicht als überlegener Meister, sondern als Suchender, der den Weg kennt, aber selbst an dessen Steinen gestrauchelt ist.

Was diese Briefe so einzigartig macht, ist ihre Haltung: Rilke belehrt nicht, er bekennt. Er erhebt seine Stimme nicht, um zu überzeugen, sondern um zu ermutigen. „Gehe in dich selbst“, mahnt er, „prüfe, ob du schreiben musst.“ Dieser Satz, der längst zum geflügelten Wort geworden ist, enthält das ganze Ethos seines Denkens. Für Rilke entsteht Kunst nicht aus Ehrgeiz oder Geltungssucht, sondern aus innerer Not. Wer schreiben will, weil er schreiben muss, der soll es tun. Wer es nur will, um gelesen zu werden, der sollte es bleiben lassen.

Dabei zeigt sich Rilke als radikaler Verteidiger der Einsamkeit. Er fordert den jungen Dichter auf, sich von der Welt zurückzuziehen, um in der Stille zu reifen. Solitude, so begreift er sie, ist keine Flucht, sondern ein Raum, in dem Gedanken Gestalt annehmen können. Seine Worte erinnern daran, dass Kunst aus dem Schweigen wächst, nicht aus dem Lärm der Meinungen. Dass er die Kritik am Kunstwerk als etwas Fremdes, ja Zerstörerisches empfindet, ist eine jener Beobachtungen, die in Zeiten allgegenwärtiger Rezensionen und Rankings beinahe subversiv wirken.

Doch Rilke bleibt kein weltabgewandter Asket. Seine Briefe atmen eine tiefe Menschlichkeit, eine Wärme, die selbst in den dunkelsten Sätzen glüht. Wenn er über Liebe spricht, dann nicht in romantischer Verklärung, sondern mit einem Blick, der die Zukunft ahnt. Er erkennt die Gleichwertigkeit der Geschlechter, das Recht der Frau auf Selbstsein, und beschreibt eine Liebe, die nicht Besitz, sondern Begegnung ist. Solche Gedanken, formuliert im frühen 20. Jahrhundert, wirken heute erstaunlich gegenwärtig.

Freilich kann man Rilke nicht lesen, ohne Geduld. Seine Briefe sind Kreise, die sich immer enger um denselben Kern winden. Es gibt Wiederholungen, lange Atemzüge, Passagen, die sich fast selbst vergessen. Wer eine pointierte Anleitung zur Dichtkunst sucht, wird enttäuscht sein. Wer jedoch bereit ist, sich auf diesen stillen, ernsthaften Ton einzulassen, wird reich beschenkt. Denn Rilkes Sprache ist von jener leisen Intensität, die nicht argumentiert, sondern verwandelt.

Man kann diesem Buch vieles vorwerfen: seine Feier der Einsamkeit, seine fast religiöse Strenge, seine Abwesenheit von Humor. Doch alles, was an ihm schwer ist, gehört zu seiner Wahrheit. Rilke fordert vom Leser dasselbe, was er von seinem jungen Dichter verlangt: Geduld, Vertrauen, Hingabe an das Schwierige.

Briefe an einen jungen Dichter ist kein Trostbuch und kein Ratgeber, sondern eine Prüfung. Wer sie besteht, erkennt in Rilke einen Gefährten, nicht einen Lehrer. Seine Briefe sind leise Spiegel, in denen man sich selbst begegnet – und vielleicht für einen Augenblick versteht, dass das Wachsen der Seele ein stilles Geschäft ist.

Ein schmales Buch, das lange nachhallt, weil es nicht über das Leben spricht, sondern davon ausgeht, dass wir es führen.

Freitag, 17. Oktober 2025

Was wir wissen können von Ian McEwan

Was wir wissen können von Ian McEwan

Titel des Buches
Seiten: 480
Verlag: Diogenes
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3257073577
Kaufen: Amazon.de
Die Vergangenheit als Liebhaber, die Wahrheit als Phantom
Bewertung: 8/10 ⭐

Inhalt:

Im Jahr 2119: Die Welt ist überschwemmt, Europa eine Insellandschaft, Freiheit und Reichtum unserer Gegenwart – ein ferner Traum. Der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe sucht ein verschollenes Gedicht von Weltrang. Der Dichter Francis Blundy hat es 2014 seiner Frau Vivien gewidmet und nur ein einziges Mal vorgetragen. In all den Spuren, die das berühmte Paar hinterlassen hat, stößt Thomas auf eine geheime Liebe, aber auch auf ein Verbrechen. Ian McEwan entwirft meisterhaft eine zukünftige Welt, in der nicht alles verloren ist.

Review:

Ian McEwan ist ein Autor, der die großen Fragen unserer Existenz mit chirurgischer Präzision zerlegt. In Was wir wissen können richtet er seinen Blick auf die brüchige Beziehung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, auf das unstillbare Verlangen des Menschen, aus Fragmenten Sinn zu schaffen. Wie immer bei McEwan geht es weniger um das, was geschieht, als um das, was wir daraus zu wissen glauben.

Wir befinden uns im 22. Jahrhundert, in einer Welt, die nach ökologischer und kultureller Katastrophe zur Ruhe gekommen ist, aber geistig leer erscheint. Thomas Metcalfe, Gelehrter einer sterbenden Geisteswissenschaft, widmet sich mit fast religiösem Eifer dem verschollenen Werk eines Dichters aus dem 21. Jahrhundert. Er lebt in einem Zeitalter, das nichts mehr glaubt und doch vom Bedürfnis nach Bedeutung verzehrt wird. Seine Forschung nach einem verlorenen Gedicht wird zum Spiegel einer allgemeinen menschlichen Sehnsucht: der Wunsch, das Unbegreifliche zu ordnen, den Nebel der Vergangenheit in eine erzählerische Form zu zwingen.

McEwan schildert diesen akademischen Wahn mit kalter Eleganz und einer feinen Ironie, die an Nabokov erinnert. Sein Held ist kein romantischer Sucher, sondern ein Getriebener, dessen Liebe zur Geschichte zur Selbstvergessenheit wird. Die Zukunft, die McEwan entwirft, bleibt bewusst unscharf, eine Skizze aus Resten: ein England, das zur Inselgruppe zerfallen ist, eine Welt, in der Afrika das intellektuelle Zentrum bildet und Europa zu einem melancholischen Archiv geworden ist. Doch das eigentliche Drama spielt sich nicht im Außen ab, sondern in den windstillen Räumen der Erinnerung.

Dann vollzieht sich ein Bruch, wie ihn nur McEwan beherrscht. Plötzlich übernimmt eine andere Stimme die Erzählung. Vivien Blundy, die Frau des Dichters, dessen Werk Metcalfe obsessiv rekonstruiert, tritt aus dem Schatten der Fußnoten hervor und erzählt ihre eigene Geschichte. Mit einer Wucht, die den gelehrten Ton des ersten Teils förmlich zerreißt, gewinnt das Buch eine ungeahnte Körperlichkeit. Vivien spricht mit der Klarheit einer Frau, die begriffen hat, dass jedes Erinnern auch ein Verfälschen ist. Ihr Bericht stellt alles infrage, was wir zuvor zu wissen glaubten, und verwandelt die literarische Konstruktion in ein moralisches Echo.

McEwan gelingt hier ein Kunststück, das man fast altmodisch nennen könnte: Er zeigt, wie aus einer ästhetischen Form eine ethische Erkenntnis wird. Denn wer über die Vergangenheit spricht, spricht immer auch über Macht, über Deutungshoheit, über das Recht, gehört zu werden. Vivien verschiebt die Perspektive, sie entreißt sich dem Zugriff der männlichen Erinnerung und verwandelt das Objekt der Forschung in ein Subjekt des Erzählens.

Natürlich ist nicht alles makellos. Die Zukunftsschilderung bleibt blass, fast beliebig. Manchmal wirkt McEwans intellektuelle Architektur zu streng, zu sehr darauf bedacht, seine Themen zu kontrollieren. Doch sobald er loslässt, sobald er die Figuren atmen lässt, öffnet sich ein Raum, in dem Literatur das tut, was sie am besten kann: sie erinnert uns daran, dass Wissen nichts anderes ist als die Form, die wir dem Zweifel geben.

Am Ende bleibt ein Roman, der in seiner Strenge ebenso herausfordernd ist wie in seiner emotionalen Sprengkraft. Was wir wissen können ist ein Buch über die Sehnsucht nach Gewissheit und die Würde des Nichtwissens. McEwan erzählt von Menschen, die im Angesicht der Geschichte nach Wahrheit greifen und nur sich selbst finden. Ein stilles, kluges, zutiefst beunruhigendes Werk, das lange nachhallt, wie das Echo eines Gedichts, das vielleicht nie existiert hat.

Donnerstag, 16. Oktober 2025

The Secret of Secrets von Dan Brown

The Secret of Secrets von Dan Brown

Titel des Buches
Seiten: 800
Verlag: Lübbe
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3785727704
Kaufen: Amazon.de
Ein Thriller wie ein Drehbuch: Tempo ja, Tiefe nein
Bewertung: 6/10 ⭐

Inhalt:

Robert Langdon, Symbolforscher aus Harvard, begleitet seine Freundin Katherine Solomon nach Prag. Katherine bereitet die Veröffentlichung eines Buches vor, das bahnbrechende Entdeckungen über die wahre Natur des menschlichen Bewusstseins offenbart. Doch ein brutaler Mord stürzt die Reise in ein unvorhersehbares Chaos, und Katherine verschwindet plötzlich, ebenso ihr Manuskript. Langdon sieht sich fortan einer mächtigen Organisation gegenüber und wird von einem unheimlichen Angreifer verfolgt, der aus Prags ältester Mythologie entsprungen zu sein scheint und nur ein Ziel verfolgt: gnadenlose Rache.

Review:

Dan Brown hat ein Buch geschrieben, das die meisten seiner Leser wahrscheinlich schon beim ersten Umblättern zu erkennen glauben. The Secret of Secrets ist in Prag angesiedelt, und Brown führt uns durch diese Stadt, als halte er selbst die Kamera in der Hand: schneebedeckte Brücken, gotische Türme, geheimnisvolle Gassen. Alles wirkt durchkomponiert, jede Szene drängt sich als potenzielles Netflix-Bild auf. Man liest, als sähe man einen Film, und die Figuren reden, als hielten sie einen Vortrag. Robert Langdon und Katherine Solomon sind weniger Menschen aus Fleisch und Blut als wandelnde TED-Talks, die ihre Thesen über Bewusstsein und Quantenphänomene in den Raum stellen.

Katherine vertritt die Idee, dass das menschliche Gehirn lediglich ein Empfänger sei, der Signale einer universellen Bewusstseinssphäre aufnimmt. Man kann das für eine poetische Metapher halten oder für den Versuch, Jung, Quantenphysik und Parapsychologie in einen Cocktail zu schütteln, der betörend riecht, aber wässrig schmeckt. Dass Brown wissenschaftliche Fakten mit esoterischem Gedankengut verquirlt, ist kein neues Verfahren, doch selten war die Mischung so offenkundig durchsichtig. Da wird eine biochemische Substanz wie GABA zum Tor in andere Realitäten verklärt, obwohl sie in der Neurobiologie schlicht als beruhigender Botenstoff dient. So etwas lässt sich in einem Vortrag vielleicht als gewagte Spekulation goutieren, in einem Roman aber wirkt es schnell wie eine Schimäre aus Wikipedia und Esoterikladen.

Und doch darf man Dan Brown nicht unterschätzen. Er weiß, wie man Leser bei der Stange hält. Kaum ein Kapitel endet ohne Cliffhanger, die Handlung hastet von Verfolgungsjagden über Entführungen bis hin zu kryptischen Manuskripten, die plötzlich verschwinden. Prag bietet den pittoresken Hintergrund, das Manuskript dient als MacGuffin, und die CIA ist immer nur eine halbe Stunde entfernt. Man kennt das schon, aber es funktioniert immer noch. Dass Brown nebenbei noch kleine Liebesszenen zwischen Langdon und Katherine einstreut, wirkt eher wie ein Zugeständnis an die Serienlogik, ohne dass daraus literarische Funken sprühen.

Das Problem liegt nicht im Tempo, sondern in der Wiederholung. Wer Dan Brown zum ersten Mal liest, wird fasziniert sein von der Mischung aus Rätseln, exotischen Orten und metaphysischen Behauptungen. Wer seit Sakrileg dabei ist, erkennt das Muster sofort und spürt die Abnutzung. Brown hat in seiner Masterclass einst die drei Cs beschworen, die jeden Thriller tragen sollen: contract, crucible, clock. In diesem Buch erfüllt er diesen Vertrag zwar, doch die Uhr tickt diesmal ohne Überraschung, und die Feuerprobe seiner Helden wirkt wie eine Reprise.

Am Ende bleibt ein Buch, das man mit Vergnügen verschlingen kann, solange man keine literarische Kost erwartet. Ein Werk, das so tut, als öffne es die Türen zum letzten Geheimnis, das aber tatsächlich nur die immer gleiche Schatzkammer des Autors wieder aufschließt. Unterhaltsam ja, originell nein. Wer Dan Brown liebt, wird auch dieses Werk lesen; wer auf eine Weiterentwicklung hoffte, wird sich fragen, ob der Autor seine eigenen Lektionen nicht allzu wörtlich genommen hat.

Montag, 13. Oktober 2025

Schmutz von Yasmin Zaher

Schmutz von Yasmin Zaher

Titel des Buches
Seiten: 272
Verlag: Karl Blessing
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3896677772
Kaufen: Amazon.de

Eine Odyssee der inneren Reinigung

Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Eine junge Emigrantin in New York City ringt mit einem Idealbild ihrer selbst, das unerreichbar scheint. Ihr geerbtes Vermögen ist für sie unzugänglich, ihr Heimatland Palästina existiert nur in der Erinnerung, ein Kindheitstrauma verfolgt sie hartnäckig. Und es fällt ihr zunehmend schwer, sich anzupassen. Als Lehrerin experimentiert sie mit unkonventionellen Unterrichtsmethoden und entwickelt zudem einen verrückten Plan, der ihr auf dem Schwarzmarkt zu Geld verhilft. Doch auf Fragen nach Wert und der Wahrhaftigkeit des Lebens findet sie keine einfachen Antworten. Durch obsessives Reinigen ihres Körpers mit teuren Produkten versucht sie, Kontrolle über ihr Leben zu erlangen.

Review:

In Yasmin Zahers Debütroman "Schmutz" – ein Titel, der wie ein Echo der verborgenen Verunreinigungen widerhallt – entfaltet sich die Geschichte einer jungen Palästinenserin, die in das pulsierende Herz New Yorks eintaucht. Als Erbin eines tragischen Vermächtnisses, das sie von ihrer Familie trennt, navigiert sie durch eine Welt, die von äußerem Glanz und innerem Chaos geprägt ist. Zaher, selbst eine Journalistin mit palästinensischen Wurzeln, webt hier eine Erzählung, die weniger eine lineare Handlung als vielmehr eine introspektive Strömung darstellt: ein Bewusstseinsfluss, der die Protagonistin in ihrer Suche nach Identität und Reinheit begleitet. Es ist ein Roman, der die Fassade des Amerikanischen Traums seziert und darunter Schichten von Entfremdung und Selbstzerstörung freilegt – ein Werk, das Leser herausfordert, ohne sie zu überfordern.

Im Kern steht die namenlose Erzählerin, eine Frau, die sich in der Metropole als Lehrerin an einer Schule für benachteiligte Jungen versucht. Ihre Pädagogik ist alles andere als konventionell: Statt starren Lehrplänen folgt sie einem impulsiven Drang, die Jungen zur Reflexion über Moral und Überleben in einer korrupten Gesellschaft anzuregen. Hier zeigt Zaher ihre Stärke in der Charakterzeichnung – die Protagonistin ist keine Heldin, sondern ein Spiegel gesellschaftlicher Widersprüche. Sie umgibt sich mit Symbolen des Wohlstands, von exquisiter Mode bis hin zu ikonischen Accessoires, die nicht nur Status signalisieren, sondern auch als Schutzschild dienen. Doch dieser äußere Panzer bröckelt unter dem Druck innerer Dämonen: Eine obsessive Hingabe an Reinigungsrituale, die von kosmetischen Pflegen zu radikalen Säuberungen eskalieren, enthüllt eine tiefe Abneigung gegen die "Schmutzigkeit" der Stadt und, vor allem, gegen sich selbst. Zaher nutzt diese Motive geschickt, um Themen wie Kolonialismus, Rassismus und Geschlechterrollen zu erkunden. Die Erzählerin, als Frau aus dem Nahen Osten in einem Land der weißen Dominanz, ringt mit internalisierten Vorurteilen – ihr Körper wird zum Schlachtfeld, auf dem sie gegen unsichtbare Verunreinigungen kämpft, die aus Kindheitstraumata stammen. Ein verschlucktes Objekt aus ihrer Vergangenheit, das in ihr haust, symbolisiert diese bleibende Wunde: Es verkörpert nicht nur persönliches Leid, sondern auch die Last historischer Unterdrückung, die sich in den Körper eingräbt und nicht abwaschen lässt.

Stilistisch erinnert "Schmutz" an die introspektiven Werke von Autorinnen wie Ottessa Moshfegh oder Mona Awad, mit einem Hauch surrealer Intensität, die an Clarice Lispector anknüpft. Zahers Prosa ist scharf und witzig, durchsetzt mit pointierten Beobachtungen zur amerikanischen Konsumkultur – einer Welt, in der Wert durch Knappheit und Exklusivität entsteht, während Armut und Marginalisierung unsichtbar bleiben. Die Erzählerin balanciert auf dem Grat zwischen Anziehung und Abscheu: Sie jagt den Glanz des Kapitalismus, nur um ihn als vergiftend zu empfinden. Beziehungen, sei es zu einem wohlhabenden Liebhaber oder einem rätselhaften Straßenbekannten, dienen als Katalysatoren für ihren Niedergang. Zaher vermeidet Subtilität in ihren Metaphern, was dem Roman eine rohe Kraft verleiht – die Dualität von Sauberkeit und Dreck, Reichtum und Armut wird greifbar, ohne in Abstraktion zu verfallen. Dennoch ist der Roman nicht fehlerfrei: Die Erzählung mäandert gelegentlich, und der finale Abstieg in eine Art selbstgewählte Isolation wirkt stellenweise konventionell, als ob er die Individualität betont, die er eigentlich kritisieren will. Doch diese Unwuchten machen den Reiz aus; sie spiegeln die Unordnung des Lebens wider.

"Schmutz" ist ein Debüt, das beeindruckt durch seine Authentizität und Tiefe, auch wenn es nicht jedermanns Geschmack trifft. Es ist kein leichter Lesestoff, sondern einer, der unter die Haut geht und zum Nachdenken anregt über die unsichtbaren Flecken, die wir alle tragen. Zaher hat ein Werk geschaffen, das die Komplexität der Exil-Existenz einfängt, ohne zu belehren – empfehlenswert für alle, die in der Literatur nach roher Ehrlichkeit suchen. Ich vergebe vier von fünf Sternen: Ein vielversprechender Einstieg einer Stimme, die wir noch öfter hören sollten.

Sonntag, 12. Oktober 2025

Der stille Freund von Ferdinand von Schirach

Der stille Freund von Ferdinand von Schirach

Titel des Buches
Seiten: 176
Verlag: Luchterhand
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3630878121
Kaufen: Amazon.de
Ein Buch wie Glas: klar, hart, manchmal brüchig
Bewertung: 6/10 ⭐

Inhalt:

Ferdinand von Schirach schreibt über die Verletzlichkeit des Menschen, über seine Triumphe und sein Scheitern. Seine Geschichten erzählen von der Gesellschaft, vom Tod und von Verbrechen, von Musik, Film, Malerei und Philosophie. Sie spielen in Berlin, Kapstadt, Rom, Wien und an der Côte d´Azur. Sie berichten von privaten Begegnungen, von historischen Ereignissen und von Persönlichkeiten wie dem Tennisspieler Gottfried von Cramm, dem Architekten Adolf Loos oder dem Wiener Schriftsteller, Schauspieler und Kulturphilosophen Egon Friedell. Und immer wieder erzählt sein neues Buch »Der stille Freund« von Zufällen, die ein Leben unaufhaltsam verändern, von der Unbegreiflichkeit und Großartigkeit des Menschen, von der Unsicherheit des Daseins und der Sehnsucht nach Schutz, Sicherheit und Freiheit.

Das neue Buch bildet zugleich die Grundlage für Ferdinand von Schirachs großes Bühnenprogramm »Der stille Freund«, mit dem er ab Herbst 2026 durch Deutschland, Österreich und die Schweiz auf Tournee geht.

Review:

Ferdinand von Schirach gehört zu jenen Autoren, die mit einem Minimum an sprachlichen Mitteln ein Maximum an Wirkung erzielen. Auch in Der stille Freund bleibt er seiner Methode treu: kurze Sätze, kühle Lakonie, eine Prosa, die niemals vorgibt, Gefühle erzeugen zu wollen, und gerade deshalb so eindringlich wirkt. Doch die vierzehn Geschichten dieses Bandes zeigen, dass Reduktion nicht gleichbedeutend mit Stringenz ist. Vieles leuchtet auf, manches verpufft.

Da sind Texte, die den Leser mit voller Wucht treffen. In der Betrachtung Adolf Loos’ stellt sich die Frage, ob wir das Werk eines Künstlers noch bewundern dürfen, wenn seine Biographie moralisch oder gar kriminell befleckt ist. In der Erzählung „Wirklichkeit und Wahrheit“ entfaltet sich ein verstörendes Panorama der Gegenwart, in dem Terror und digitale Medien Wahrheit in Meinungen auflösen und Täter wie Opfer austauschbar erscheinen. Die titelgebende Geschichte konfrontiert uns mit der Fragilität des Lebens selbst, mit dem Augenblick, in dem die Selbstverständlichkeit unserer Existenz bricht.

Andere Erzählungen hingegen wirken beiläufig. Schirach reiht Anekdoten aneinander, erzählt von Reisen, Begegnungen, Gesprächen mit Freunden, die stets aus einer privilegierten Gesellschaftsschicht stammen. Der Autor scheint hier zu sehr der Gentleman-Flaneur, der die Welt als Kulisse für seine Reflexionen nutzt. Frauenfiguren bleiben dabei meist schmückendes Beiwerk, ein Umstand, der der Modernität des Bandes schadet.

Und doch: selbst dort, wo die Erzählungen im Anekdotischen verharren, bleibt der Ton unverwechselbar. Schirach schreibt nicht, um zu gefallen. Er schreibt, um Unruhe zu stiften, um den Leser auf die unbequemen Fragen des Lebens zurückzuwerfen. Immer wieder geht es um Schuld und Verantwortung, um die Unausweichlichkeit des Todes, um die Zumutungen der Geschichte. Figuren wie der Tennisspieler Gottfried von Cramm oder der Kabarettist Egon Friedell treten aus dem Schatten der Vergangenheit hervor, nicht als biographische Porträts, sondern als Mahnungen, die auch in der Gegenwart gültig sind.

So ist Der stille Freund kein vollkommenes Buch. Manche Texte hallen lange nach, andere verlieren sich im Belanglosen. Wer bei Schirach Trost oder gar Erklärungen sucht, wird enttäuscht. Wer sich jedoch einlässt auf das Unfertige, das Offene, wird reich belohnt. Es ist ein Werk, das nicht abschließt, sondern aufstößt, das Fragen stellt, die jeder Leser selbst beantworten muss. Und genau darin liegt seine literarische Bedeutung.

Dienstag, 7. Oktober 2025

Alchemised von SenLinYu

Alchemised von SenLinYu

Titel des Buches
Seiten: 1232
Verlag: Forever
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3958188192
Kaufen: Amazon.de
Viel Pathos, wenig Haltung: Warum Alchemised mich nicht überzeugt
Bewertung: 4/10 ⭐

Inhalt:

Helena Marino ist die letzte Überlebende des Widerstands, vergessen in Gefangenschaft. Bis sie durch einen Zufall in die Hände von Kaine Ferron gerät, dem erbarmungslosen High Reeve. Eingesperrt auf seinem eisernen Anwesen, will Helena die letzten Geheimnisse des Widerstands wahren, während Kaine versucht, mit alchemistischer Gewalt in ihren Kopf einzudringen. Denn Helena erinnert sich nicht an die letzten Jahre des Krieges. War sie wirklich nur eine einfache Heilerin in den Reihen der Ewigen Flamme? Helena ringt um ihr Überleben – und beginnt zu ahnen, dass Kaine und sie weit mehr verbindet, als ihre Feinde je erfahren dürfen … 

Review:

Selten stößt man auf ein Buch, das so viele Emotionen weckt und zugleich so viele Kopfschmerzen bereitet wie SenLinYus Alchemised. Auf den ersten Blick will man hier ein Epos von tragischer Wucht erkennen, ein Werk, das den Schrecken des Krieges mit der zerstörerischen Kraft einer unmöglichen Liebe verknüpft. Tatsächlich gelingt es der Autorin, Szenen von beklemmender Intensität zu erschaffen, die in ihrer Kompromisslosigkeit einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Doch je länger man liest, desto deutlicher treten die Brüche, Schwächen und Abgründe dieses Romans zutage.

Die Beziehung zwischen Helena und Kaine ist der Kern des Buches, und sie ist alles andere als eine klassische Romanze. Sie entspringt Schmerz, Zwang und Überleben, ihre Kraft liegt in der Unausweichlichkeit, nicht in romantischer Verklärung. Gerade darin liegt die Faszination, aber auch das Problem. Denn Kaine bleibt nicht nur ein ambivalenter Held, er ist ein Täter, dessen Verbrechen im Text immer wieder durch narrative Verrenkungen entschuldigt werden. Statt einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung begegnet man einer gefährlichen Neigung zur Relativierung. Es ist, als wolle der Roman das Publikum gleichzeitig erschüttern und zum Mitgefühl mit einem Unversöhnlichen zwingen.

Auch sprachlich ist Alchemised eine Zumutung. Was man als stilistisches Experiment hätte deuten können, entpuppt sich allzu oft als handwerkliche Schwäche. Schiefe Bilder, grotesk verschobene Satzglieder und eine Prosa, die zwischen pathetischer Schwulstigkeit und schockierender Schlichtheit pendelt, lassen die Lektüre streckenweise zu einer Geduldsprobe werden. Dass ein Werk von solchem Umfang und Anspruch in dieser Form auf den Markt gelangt ist, spricht weniger für die literarische Substanz als für das Versagen von Lektorat und Verlag.

Am schwersten wiegt jedoch die ethische Dimension. Gewalt, insbesondere sexualisierte Gewalt, wird hier in einem Kontext erzählt, der den Verdacht nahelegt, man wolle aus ihr erzählerisches Kapital schlagen. Es bleibt die Frage, ob der Schmerz der Figuren als notwendiges Opfer oder als Stoff für eine problematische Romantisierung dient. Dass die Grenzen verschwimmen, ist kein Zeichen von literarischer Tiefe, sondern von fragwürdiger Verantwortung. Wer sich auf dieses Buch einlässt, wird unweigerlich in eine Debatte hineingezogen, die nicht allein die Literatur betrifft, sondern auch die Haltung gegenüber Gewalt und Machtmissbrauch in der Kunst.

So ist Alchemised letztlich ein Werk, das gleichzeitig fesselt und abstößt. Es will große Literatur sein und hinterlässt doch den Eindruck, dass unter all dem Pathos, den opulenten Schlachtfeldern und der vermeintlichen Tragik wenig mehr steckt als die Fortschreibung einer Fanfiktion, die nicht genügend Distanz zu ihren Ursprüngen gefunden hat. Es ist ein Buch, das man nicht einfach empfehlen kann, und doch eines, das man so schnell nicht vergisst. Man verlässt es nicht mit Bewunderung, sondern mit einem Kopfschütteln, das schwerer wiegt als jeder inszenierte Schmerz auf den Seiten.

Sonntag, 5. Oktober 2025

Die Assistentin von Caroline Wahl

Die Assistentin von Caroline Wahl

Titel des Buches
Seiten: 359
Verlag: Rowohlt
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 1234567890
Kaufen: Amazon.de
Ein Roman, der an den eigenen Ansprüchen scheitert
Bewertung: 2/10 ⭐

Inhalt:

Eine Karriere als Musikerin – das war eigentlich Charlottes größter Wunsch. Aber jetzt ist es ja eh zu spät, und sie muss sich um einen vernünftigen Job kümmern, schon wegen der Eltern. Sie findet eine Stelle in einem Verlag, auch nicht schlecht, und München ist eine schöne Stadt, vor allem im Sommer.

Im Vorzimmer des Verlegers sitzt Charlotte ganz nah am Zentrum der Macht. Dass der seine Assistentinnen oft auswechselt, kriegt sie schnell mit. Aber sie entwickelt ein gutes Verhältnis zu ihrem Chef, der ihre Stärken erkennt, ihr vertraut. Und dafür muss sie eben viel in Kauf nehmen, sehr viel, vielleicht auch selbst mit harten Bandagen kämpfen, vielleicht ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Vielleicht sogar Bo verlieren, in den sie sich doch gerade erst verliebt hat …

Review:

Caroline Wahls dritter Roman Die Assistentin will vieles zugleich sein und erreicht am Ende erstaunlich wenig. Er möchte Abrechnung mit der Verlagsbranche, Selbstporträt und Sprachspiel sein, wirkt aber wie ein allzu lang geratener Selbstversuch. Wahl führt ihre Leserschaft durch die Geschichte der jungen Verlagsmitarbeiterin Charlotte, die von einem übergriffigen Chef ausgenutzt wird und schließlich als Musikerin ein neues Leben beginnt. Doch aus dem Stoff, der nach einer scharfen Analyse von Machtmissbrauch und Hierarchien riefe, wird kaum mehr als ein schmaler Konflikt zwischen zwei Figuren, der weder die Branche erhellt noch den Charakteren Tiefe verleiht.

Wahl kommentiert ständig ihren eigenen Text, spricht die Leserinnen und Leser direkt an, kündigt künftige Szenen an und wiederholt Wendungen so hartnäckig, dass man sich im Kreis zu drehen glaubt. Was als metapoetische Raffinesse gedacht sein mag, entpuppt sich als zähes Stilmittel, das den Roman aufbläht, ohne ihn zu bereichern. Die vielbeschworene „riesengroße Fehlentscheidung“ taucht so oft auf, dass sie bald nur noch als unfreiwilliges Leitmotiv wirkt. Charlottes plötzliche musikalische Karriere bleibt ebenso unglaubwürdig wie die episodischen Liebesszenen, die aufscheinen und wieder verschwinden, als müssten sie nur das Genre bedienen.

Auch sprachlich verwechselt Wahl lakonische Kürze mit literarischer Präzision. Ihre Sätze klingen nach Poetry Slam im Dauerlauf, Füllwörter und Gesprächsfetzen sollen Authentizität erzeugen, verflachen aber jede Beobachtung. Passagen, in denen psychische Krisen oder selbstverletzendes Verhalten auftauchen, bleiben Randnotizen, deren Wirkung sich im beiläufigen Ton verliert. Selbst das Hörbuch, von der Autorin eigenhändig eingesprochen, bestätigt den Eindruck einer privatistischen Übung: monoton, ohne Rhythmus, ohne dramaturgischen Atem.

Natürlich darf ein Roman autobiografische Züge tragen. Doch wer so demonstrativ auf das eigene Leben anspielt, muss literarisch umso mehr bieten. Wahl verwechselt persönliche Erfahrung mit erzählerischer Notwendigkeit und übersieht, dass gute Literatur Distanz schafft, um Nähe zu erzeugen. So entsteht ein Text, der sein eigenes Scheitern vorwegnimmt, es ironisch kommentiert und dennoch nicht verhindert. Wer wissen will, wie die Mechanismen der Macht in der Buchbranche funktionieren, ist mit einer Reportage besser beraten. Die Assistentin ist ein Buch, das sich permanent entschuldigt und erklärt, aber nie zu jener Klarheit findet, die große Literatur auszeichnet.

Donnerstag, 2. Oktober 2025

Nussknacker und Mausekönig. Eine Weihnachtsgeschichte von E.T.A. Hoffmann

Nussknacker und Mausekönig. Eine Weihnachtsgeschichte von E.T.A. Hoffmann 

Titel des Buches
Seiten: 96
Verlag: Anaconda
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3730615386
Kaufen: Amazon.de
Ein romantisches Kunstwerk von bleibender Kraft
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Am Weihnachtsabend naht im Haus des Medizinalrats Stahlbaum die Bescherung. Für die Kinder hat ihr Pate Droßelmeier wie jedes Jahr hübsches mechanisches Spielzeug im Gepäck, doch die kleine Marie spielt bis tief in die Nacht hinein lieber mit einem ganz und gar nicht hübschen Nussknacker. Als um Mitternacht plötzlich die Schar der Spielzeuge lebendig wird und sich unter dem Befehl des Nussknackers in eine erbitterte Schlacht mit dem Heer des bösen Mausekönigs stürzt, öffnet sich für Marie das Tor ins märchenhafte Reich der Fantasie. E. T. A. Hoffmanns

Review:

E.T.A. Hoffmanns Nussknacker und Mausekönig ist jener seltene Weihnachtsklassiker, der seine Leser mit funkelnder Fantasie verführt und zugleich das wohlige Fest mit einem Schuss Abgründigkeit versieht. Wer nur Tschaikowskys Ballett kennt, erlebt hier eine Überraschung: Hoffmanns Erzählung ist weniger Zuckerstange als bittersüße Praline, kunstvoll gewürzt mit romantischer Schwermut und einer Prise Schauer.

Im Mittelpunkt steht Marie, die sich an Heiligabend in eine Welt hineinzubewegen scheint, in der sich Spielzeug und Wirklichkeit untrennbar vermischen. Der hölzerne Nussknacker tritt gegen den siebenköpfigen Mausekönig an, und während die Mäusearmee marschiert, schwankt der Leser zwischen Traum und Wahn. Hoffmann hält diese Schwebe meisterhaft durch, lässt uns nie ganz sicher sein, ob wir Zeugen eines magischen Abenteuers oder einer fiebrigen Einbildung sind. Gerade diese Ungewissheit, dieses Flirren zwischen Einbildungskraft und Realität, macht die Erzählung so reizvoll.

Seine Sprache ist detailverliebt, fast barock in der Beschreibung des Nussknackers mit seiner hussarischen Pracht, dann wieder scharf und unheimlich, wenn der Mausekönig mit seinen vielen Kronen auftritt. Wer eine gradlinige Handlung sucht, wird sich an den plötzlichen Tempowechseln stoßen, doch gerade das Unstete verleiht dem Text seinen Sog. Hoffmann lässt Marie träumen, fallen, erwachen, wieder zweifeln und erneut hoffen, und in dieser Folge liegt eine Psychologie, die weit über ein gefälliges Kindermärchen hinausweist.

Ob man Maries Erlebnisse als fantastische Initiation liest oder als fiebrige Bewusstseinsreise eines verletzten Kindes, bleibt offen. Hoffmann hütet sich vor jeder Eindeutigkeit und schenkt uns damit einen Text, der heute noch irritiert und fasziniert. Nussknacker und Mausekönig ist kein weihnachtliches Schaustück für das Kaminfeuer, sondern ein romantisches Kunstwerk, das mit funkelndem Zuckerguss lockt und unter der Oberfläche den kalten Atem des Unheimlichen spüren lässt. Wer sich darauf einlässt, entdeckt ein Meisterstück, das seine Leser auch zweihundert Jahre nach seiner Entstehung nicht aus der Hand entlässt.

Mittwoch, 1. Oktober 2025

Wie der Mensch denkt, so lebt er von James Allen

Wie der Mensch denkt, so lebt er von James Allen 

Titel des Buches
Seiten: 80
Verlag: Anaconda
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3730615769
Kaufen: Amazon.de
Der Geist als Garten
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Mit »As a Man Thinketh« schuf der englische Schriftsteller und Selbsthilfe-Pionier James Allen 1902 einen wegweisenden Klassiker der Selbsthilfe-Literatur. Allens Arbeit basiert auf der Idee, dass wir unsere Lebensrealität durch unsere Gedanken selbst erschaffen. Mit einfachen, aber tiefgreifenden Einsichten befähigt uns Allen, positives, diszipliniertes Denken zu kultivieren, um so unseren Charakter und unser Schicksal selbst zu formen. Mit seiner inspirierenden Botschaft und praktischen Weisheit wird dieses Buch vielleicht auch Ihnen den Weg zu einem sinnvollen Leben und innerem Frieden weisen.

Review:

James Allens Büchlein Wie der Mensch denkt, so lebt er umfasst kaum achtzig Seiten und besitzt doch eine erstaunliche Strahlkraft. Allen verdichtet seine Botschaft in ein Bild, das man so schnell nicht vergisst: Der menschliche Geist ist ein Garten. Wer ihn hegt, erntet Klarheit und Gelassenheit; wer ihn verwildern lässt, bekommt Unkraut. Diese Metapher, getragen von buddhistischen Anklängen und stoischer Nüchternheit, entfaltet eine aphoristische Präzision, die man sich als Kalenderspruch an den Kühlschrank heften könnte.

Literarisch ist dieses kleine Buch von bestechender Eleganz. Jedes Wort sitzt, jedes Bild bleibt hängen. Vielleicht liegt genau darin der Grund, warum Generationen von Lesern immer wieder zu diesem schmalen Band greifen – ob als Gläubige oder Skeptiker. Allens Text ist weniger eine Anleitung zum Glück als ein konzentrierter Denkanstoß: eine Einladung, das eigene Denken als schöpferische Kraft wahrzunehmen.

Man kann diesen Text lesen, um sich zu ermutigen, Verantwortung für die eigene innere Haltung zu übernehmen. Oder schlicht, um sich von der klaren, fast poetischen Sprache anregen zu lassen. Sicher ist: Er entfaltet einen Reiz, der weit über den Selbsthilfecharakter hinausgeht. Für mich ist das Grund genug, ihn gut sichtbar im Regal stehen zu lassen – als stillen Hinweis darauf, wie mächtig ein paar wohlgesetzte Sätze sein können.