Samstag, 27. Dezember 2025

Qwert von Walter Moers

Qwert von Walter Moers 

Titel des Buches
Länge: 19h8min
Verlag: der Hörverlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 384455534X
Kaufen: Amazon.de
Helden wider Willen und andere zamonische Zumutungen.
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Nach einem Sturz durch ein Dimensionsloch erwacht Qwert, der Gallertprinz aus der 2364. Dimension, in der Parallelwelt Orméa. Irritiert stellt er fest, dass er im Körper und der Rüstung eines attraktiven Ritters steckt, den er aus Trivialromanen kennt: Prinz Kaltbluth. Kein Wunder also, dass er zunächst eine gefesselte Schönheit befreien muss, die von einem dreiköpfigen Ungeheuer bewacht wird. Mit Hilfe seines unsichtbaren Degens Tarnmeister gelingt die Befreiung – doch die Gerettete entpuppt sich als gefährliche Janusmeduse, die alles Leben mit ihrem bösen Blick in Stein verwandeln will. Von nun an hat Prinz Kaltbluth eine ritterliche Verpflichtung: Er muss Orméa von der entfesselten Meduse erlösen. Ungünstig nur, dass er sich gerade unsterblich in sie verliebt hat.

Walter Moers schickt uns auf eine rasante Reise durch eine wahnwitzige Welt, die aus nichts als Abenteuern, Spannung, Ritterromantik, dialoglustigem Humor und reiner Fabulierlust besteht. In diesem atemlosen Pageturner, wo nichts ist, wie es scheint, und immer alles anders kommt, als man denkt, kreuzen sich die abenteuerlichsten Ideen und Bilder unserer Kultur, von antiken Mythen und Ritterromanen bis zu Fantasyfilmen; von den Nibelungen und der griechischen Sagenwelt über Don Quichote und König Artus´ Tafelrunde bis hin zu Monty Python.

Review:

Walter Moers hat es wieder getan: Er lässt uns in eine Welt stürzen, die sich gleichermaßen wie ein alter Bekannter und wie ein anarchisch schillernder Neuzugang anfühlt. Qwert ist ein Roman, der sich nicht damit begnügt, an das große Zamonien-Panorama anzuknüpfen. Er will mehr. Er will die Statik des eigenen Universums aufbrechen und in einem literarischen Spiegelkabinett vorführen, wie viel Spaß Literatur machen kann, wenn sie sich selbst nicht zu ernst nimmt und gleichzeitig über sich hinauswächst.

Im Zentrum steht ein Held, der eigentlich keiner ist. Qwert Zuiopü, Gallertprinz und Dauerfreund des Blaubären, findet sich nach einem Dimensionssturz im Körper eines Ritters wieder, dessen Ruhm auf den feingepressten Seiten zamonischer Groschenhefte gedeiht. Dieser Identitätswechsel ist nicht nur ein erzählerischer Kniff, er wird zum Motor einer Handlung, die immer dann glänzt, wenn Qwert mit sanfter Verpeiltheit an den Ansprüchen scheitert, die man an einen strahlenden Helden stellt. Die Ventile dieser Komik öffnen sich beständig: Moers spielt mit Ritterromanzen, Heldensagen, antiken Mythen, popkulturellen Versatzstücken, ja sogar mit der Frage, ob eine Welt eigentlich jemanden braucht, der sie „erdacht“ hat. Jede Szene wirkt, als hätte Moers einen ganzen Bücherschrank geplündert, die Essenzen destilliert und daraus einen Zamonien-Likör gebrannt, der gleichermaßen berauscht und gelegentlich schwindlig macht.

Diese Überfülle ist Fluch und Segen. Die 43 Aventiuren rasen in hoher Frequenz vorüber, oft mit unverhohlenem Vergnügen am eigenen Erzählschwung. Das ergibt Momente purer Wunderbarkeit, etwa wenn rostige Gnome oder kristalline Skorpione auftreten oder wenn der unsichtbare Degen Tarnmeister seine Launen auslebt. Zugleich spürt man die Mechanik dieses rasanten Episodenbetriebs. Manchmal wirkt das romaninterne Trivialwelt-Setting wie eine raffinierte Ausrede, um sich hemmungslos von Abenteuer zu Abenteuer zu werfen, ohne sich allzu lange mit Übergängen aufzuhalten. Das kann man originell finden oder ein wenig bequem. Vermutlich ist es beides.

Am stärksten ist Qwert, wenn der Roman seine ironische Oberfläche perforiert und der eigentliche Kern freiliegt: die Tragikomik eines Helden, der in eine Rolle gepresst wird, die ihm nicht passt, und der ausgerechnet die Kreatur lieben lernt, die er vernichten soll. Diese Spannung zwischen Pflicht und Begehren trägt Moers mit leichter Hand, aber sie verleiht dem Buch eine Tiefe, die über das reine Abenteuerspiel hinausreicht. Die Liebesgeschichte zwischen Ritter wider Willen und Janusmeduse besitzt eine fast zärtliche Albernheit, die man zunächst belächelt und dann, zu seiner eigenen Überraschung, ernst nimmt.

Ich habe Qwert nicht nur gelesen, sondern auch als Hörbuch erlebt, gelesen von Andreas Fröhlich. Seine Stimme trifft den Ton dieses Romans mit bemerkenswerter Präzision. Der Sprachwitz, die verschachtelten Satzgirlanden und die unzähligen Kofferwörter entfalten im Vortrag eine zusätzliche Musikalität. Dialoge gewinnen an Tempo und Pointierung, groteske Einfälle an plastischer Präsenz. Fröhlich liest nicht vor, er inszeniert, ohne sich in den Vordergrund zu drängen, und macht hörbar, wie sehr dieser Text vom Rhythmus lebt.

Moers’ Sprache bleibt dabei das, was sie immer war: ein Fest aus Wortlust, Übertreibung und kontrollierter Maßlosigkeit. Nicht jede Idee sitzt perfekt, nicht jede Eskalation wirkt notwendig, aber selbst die Überfülle ist Teil des Konzepts. Wer Moers liest oder hört, sucht keinen Minimalismus, sondern ein literarisches Feuerwerk. Qwert liefert dieses Feuerwerk mit sichtbarer und hörbarer Freude.

Der Roman ist weder der neue Blaubär noch eine zweite Stadt der träumenden Bücher. Er ist ein Werk des heutigen Moers: verspielt, eruptiv, gelegentlich selbstverliebt, aber getragen von einer ungebrochenen Lust am Erzählen. Für langjährige Leser ist Qwert ein Wiedersehen mit vertrauten Motiven und Figuren, für Neueinsteiger ein Kaleidoskop, das neugierig macht. Und für alle, die sich darauf einlassen, eine Erinnerung daran, dass Fantasie dann am stärksten ist, wenn sie sich nicht zähmen lässt.

Montag, 22. Dezember 2025

Origin – Die Erlösung von Brandon Q. Morris

Origin – Die Erlösung von Brandon Q. Morris

Titel des Buches
Seiten: 576
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453323858
Kaufen: Amazon.de
Kosmische Ambition, irdische Peinlichkeit
Bewertung: 2/10 ⭐

Inhalt:

Im 23. Jahrhundert wird eine Mission von der Erde zum neunzig Lichtjahre entfernten Omikron-System geschickt. Man nimmt an, dass Vorfahren der Menschheit vor Jahrmillionen von dort zur Erde aufgebrochen sind. Bei Omikron angekommen, trifft das Raumschiff »Wayfarer« jedoch auf Widerstand – und nur mithilfe einer Quantenintelligenz überleben die Menschen. Jetzt stehen sie vor ihrer größten Entscheidung: Retten sie sich selbst, oder retten sie den wahren Ursprung der Menschheit? Die Zukunft zweier Zivilisationen steht auf dem Spiel.

Review:

Es ist eine heikle Aufgabe, eine Trilogie zu beschließen, die von drei Autoren geschrieben wurde und Origin – Die Erlösung ist der unglückliche Beweis dafür, wie leicht ein solches Experiment aus dem Gleichgewicht geraten kann. Nach dem nüchtern-ambitionierten Auftakt von Andreas Brandhorst und der wohltuend fokussierten, psychologisch ernst zu nehmenden Fortsetzung von Joshua Tree wirkt Brandon Q. Morris’ Finale weniger wie ein Abschluss als wie ein hastig zusammengesetzter Projektbericht kurz vor Abgabeschluss.

Dabei wäre fachlich alles vorhanden. Morris versteht sein Handwerk im naturwissenschaftlichen Sinne, beherrscht die Werkzeuge der Hard Science Fiction und weiß, wie man technische Konzepte plausibel durchdenkt. Umso schmerzhafter ist der Kontrast zu den Dialogen, die diesem Roman das literarische Genick brechen. Das Problem ist nicht erklärende Überfrachtung oder kommunikatives Aneinander-vorbeireden, sondern etwas weit Fundamentaleres: Diese Gespräche klingen schlicht albern, unausgereift und unfreiwillig komisch. Nicht, weil sie witzig wären, sondern weil sie es verzweifelt sein wollen.

Morris versucht seinen Figuren immer wieder einen lockeren Ton, ironische Spitzen oder humorvolle Schlagabtausche in den Mund zu legen und scheitert daran jedes Mal. Der Humor wirkt aufgesetzt, zeitweise geradezu kindlich, als stamme er aus einer sehr frühen Entwurfsfassung, die nie die zweite Überarbeitung gesehen hat. Pointen landen nicht, sondern verhallen peinlich im Raum. Man liest diese Passagen nicht mit einem Schmunzeln, sondern mit hochgezogenen Schultern, begleitet von der leisen Frage, ob das hier wirklich so gemeint war.

Hinzu kommt eine Sprache, die so hölzern ist, dass sie jede Szene lähmt. Sätze stehen nebeneinander wie schlecht verleimte Bretter, ohne Rhythmus, ohne Musikalität, ohne Gespür für gesprochene Sprache. So redet niemand miteinander, weder unter Stress, noch im Alltag, noch in lebensbedrohlichen Ausnahmesituationen. Figuren reagieren mit formelhaften Floskeln, gestelzten Wendungen und merkwürdig künstlichen Ausrufen, die weder Natürlichkeit noch Charakter transportieren. Was hier als Dialog firmiert, ist oft nichts weiter als vertonter Text.

Diese sprachliche Unreife hat fatale Folgen für die Figuren. Weil niemand glaubwürdig spricht, kann auch niemand glaubwürdig existieren. Charaktere bleiben leere Hüllen, deren Emotionen behauptet, aber nie erfahrbar werden. Selbst dramatische Momente kippen ins Lächerliche, weil die Wortwahl jede Ernsthaftigkeit untergräbt. Statt Spannung entsteht Irritation, statt Empathie Distanz.

Erzählerisch verschärft sich dieses Problem durch die ohnehin sprunghafte Struktur des Romans. Die ständigen Perspektivwechsel verhindern Tiefe, die Dialoge verhindern Nähe. Man bekommt keine Gelegenheit, bei einer Figur anzukommen, geschweige denn, sich für sie zu interessieren. Nach mehr als der Hälfte des Buches weiß man zwar, was technisch passiert, aber nicht, warum es einen kümmern sollte.

Das Finale bemüht sich schließlich, alle Handlungsstränge zusammenzuführen, und rein formal gelingt das auch. Doch emotional bleibt es wirkungslos, weil die Figuren nie zu Menschen geworden sind. Was gesagt wird, berührt nicht. Was entschieden wird, bleibt folgenlos.

Für mich war dies das erste Buch von Brandon Q. Morris - und möglicherweise auch das letzte, sollte diese Form des Schreibens tatsächlich repräsentativ für sein übriges Werk sein, wie es sich aus zahlreichen Rezensionen seiner anderen Titel herauslesen lässt. Das ist kein Urteil über seine Ideen oder sein Fachwissen, sondern über ihre literarische Umsetzung. Origin – Die Erlösung scheitert nicht an mangelnder Ambition, sondern an Sprache, Ton und Reife. Als Abschluss einer einst vielversprechenden Trilogie ist das bitter enttäuschend. Erlösung stellt sich hier nicht ein, höchstens die Erleichterung, wenn die letzte Seite erreicht ist.

Sonntag, 21. Dezember 2025

Denial of Service von Aiki Mira

Denial of Service von Aiki Mira

Titel des Buches
Seiten: 256
Verlag: FISCHER Tor
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3596711827
Kaufen: Amazon.de
Zukunft ohne Erläuterungen, aber mit Nachhall
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Vollautomatisiert, supersmart … und tödlich. Aiki Miras visionärer SF-Thriller über die Zukunft unserer Städte.

In Frankfurt am Main sind Dank der ersten Krypto-Milliardärin Deutschlands Polizei, Transport und Stadtverwaltung privatisiert. Ein künstliches neuronales Netzwerk unterstützt alle Institutionen und ist auch Teil des Hirn-Stadt-Interface: implantierte Chips, die eine intuitive Interaktion mit Gebäuden, Straßen und Transportsystemen der Stadt ermöglichen. Das KNN sorgt für ein reibungsloses Funktionieren der Infrastruktur und das größtmögliche Glück aller Bürger. Als es zu Problemen kommt und ein obdachloser Teenager stirbt, machen sich eine Coderin und ein Bot auf die Suche nach der Ursache für seinen Tod. Sie stoßen auf Ungeheuerliches, doch bevor sie irgend jemandem davon erzählen können, schaltet sich das Militär ein …

Review:

Denial of Service ist ein Roman, der nicht um Aufmerksamkeit bittet, sondern sie einfordert. Aiki Mira schreibt kein gefälliges Zukunftspanorama, sondern ein literarisches Störsignal. Wer dieses Buch aufschlägt, betritt kein bequem ausgeleuchtetes Szenario, sondern eine Stadt, die pulsiert, rauscht, knistert. Frankfurt erscheint hier nicht als Kulisse, sondern als Zustand: vernetzt, reguliert, optimiert bis zur Selbstvergessenheit. Alles funktioniert. Und genau das ist das Problem.

Mira interessiert sich weniger für Handlung im klassischen Sinn als für Reibung. Die Geschichte entfaltet sich fragmentarisch, in schnellen Schnitten, aus Perspektiven, die eher Antennen als Identifikationsangebote sind. Figuren tauchen auf, verschwinden wieder, bleiben bewusst unscharf, fast wie Avatare eines Systems, das Menschen nur noch als Datenpunkte kennt. Das kann distanzieren, ja. Aber diese Distanz ist kein Mangel, sondern Methode. Wer hier emotionale Nähe sucht, wird enttäuscht. Wer begreift, dass Entfremdung das eigentliche Thema ist, liest plötzlich ein sehr präzises Buch über Gegenwart, nicht Zukunft.

Sprachlich arbeitet Mira mit Rhythmus statt Ornament. Kurze Sätze, harte Übergänge, eine Prosa mit Beat. Man spürt, dass diese Stadt im Takt eines neuronalen Netzes atmet. Vieles wird nicht erklärt, manches nur angedeutet. Der Text vertraut darauf, dass Leserinnen und Leser mitdenken, Lücken füllen, Unbehagen aushalten. Das macht die Lektüre anspruchsvoll, gelegentlich sperrig, aber auch ungewöhnlich produktiv. Hier wird Science Fiction nicht als Technikschau betrieben, sondern als Denkraum, in dem Fragen wichtiger sind als Antworten. Kontrolle, Privatisierung, Verantwortung, Ethik werden nicht ausformuliert, sondern ins System eingespeist und sich selbst überlassen. Wie in der Stadt selbst.

Am Ende bleibt kein befriedigender Abschluss, sondern ein Nachhall. Denial of Service schließt nicht, es bricht ab, wie ein Signal, das plötzlich unterbrochen wird. Wer darin ein Versäumnis sieht, hat möglicherweise recht. Wer darin Konsequenz erkennt, ebenfalls. Dieses Buch will nicht gefallen, sondern wirken. Es ist keine Wohlfühllektüre und kein sauber gebautes Lehrstück, sondern ein literarischer Angriff auf unsere Vorstellung von Fortschritt. Aiki Mira liefert kein Meisterwerk im klassischen Sinn, aber einen der eigenwilligsten und relevantesten deutschsprachigen Science-Fiction-Romane der letzten Jahre. Ein Buch, das man nicht unbedingt liebt, das man aber ernst nehmen muss.

Samstag, 20. Dezember 2025

Der Tote mit dem Silberzeichen von Robert Galbraith

Der Tote mit dem Silberzeichen von Robert Galbraith 

Titel des Buches
Länge: 31H57M
Verlag: Random House Audio
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3759900674
Kaufen: Amazon.de
Zu viel Ballast, zu wenig Fokus
Bewertung: 5/10 ⭐

Inhalt:

Ein brutaler Mord und eine mysteriöse Freimaurerloge – Der hochspannende achte Kriminalroman von SPIEGEL-Bestsellerautor Robert Galbraith, dem Pseudonym von J. K. Rowling!


Im Tresorraum eines Silberhändlers wird eine verstümmelte Leiche gefunden. Die Polizei geht davon aus, dass es sich um einen verurteilten Einbrecher handelt. Doch Decima Mullins, die Privatdetektiv Comoran Strike um Hilfe bittet, ist überzeugt davon, dass es sich bei der Leiche um ihren Freund handelt, der unter mysteriösen Umständen verschwand. Je tiefer Strike und seine Geschäftspartnerin Robin Ellacott in den Fall eintauchen, desto undurchsichtiger wird er. Denn der Silberladen neben der Freemasons' Hall ist kein gewöhnliches Geschäft: Er hat sich auf Freimaurersilber spezialisiert. Und es werden noch weitere Männer vermisst, die auf das Profil der Leiche passen könnten. Neben dem komplizierten Fall steht Strike vor einem weiteren Dilemma. Robins Beziehung zu ihrem Freund Ryan scheint immer ernster zu werden. Doch Strikes Wunsch, ihr endlich seine Gefühle zu gestehen, ist größer denn je ...

Review:

Manchmal öffnet man einen neuen Band einer etablierten Reihe und spürt schon nach wenigen Seiten, dass etwas aus dem Takt geraten ist. Genau dieses Gefühl überkam mich bei Der Tote mit dem Silberzeichen, Rowlings jüngstem Strike-Roman unter dem Namen Robert Galbraith. Die Serie, sonst getragen von erzählerischer Souveränität und kriminalistischer Eleganz, wirkt hier seltsam schwerfällig, als müsse sie ihr eigenes Gewicht schleppen. Rowling, die in den besten Momenten dieser Reihe scharf zeichnende Figurenporträts mit labyrinthartigen Rätseln zu verweben weiß, lässt ihre Stärken diesmal nur in kurzen, flüchtigen Passagen aufblitzen – während der Rest des Romans ungewohnt knarrt.

Natürlich blitzt hier und da das alte Können auf. Rowling versteht es noch immer, London mit ein paar Federstrichen atmosphärisch zu verdichten, Dialoge mit trockenem Humor zu schärfen und die Schattenzonen der britischen Gesellschaft auszuleuchten. Doch diese Momente wirken in diesem Roman wie verstreute Inseln im Nebel, während der Rest der Handlung sich in einem wirren Archipel verliert. Die zentrale Ermittlungsarbeit, sonst das pulsierende Herz der Serie, entfaltet sich diesmal wie ein genealogisches Labyrinth, in dem jeder Verdacht neue Figuren gebiert, die kaum Profil gewinnen, bevor sie wieder im Dickicht versinken. Statt detektivischer Finesse entsteht ein Gefühl fortwährender Überforderung, als müsste man sich durch Karteikästen kämpfen, die jemand unbarmherzig durcheinandergeworfen hat.

Erschwerend kommt hinzu, dass das eigentliche Drama diesmal weniger im Kriminalfall als im Innenleben der Protagonisten spielt. Was in früheren Bänden als reizvolles emotionales Unterströmchen diente, wird hier zum breiten, schwerfälligen Strom aus selbstbetrügerischen Gedankenschleifen, Missverständnissen und psychologischer Stagnation. Robin, sonst eine der überzeugendsten Figuren der jüngeren Krimiliteratur, wirkt, als habe sie unterwegs ihren Kompass verloren. Strike wiederum verharrt in einem Zustand pubertärer Blockade, der seine professionelle Schärfe stumpf erscheinen lässt. Der berühmte „Slow Burn“ zwischen beiden gleicht eher einem Kaminfeuer, das ständig neu entfacht werden soll, aber nicht recht brennen will. Statt Spannung entsteht Seufzen.

Am Ende bleibt ein Roman, der weniger eine Weiterentwicklung als eine Wiederholung ist und zwar eine jener Wiederholungen, die nicht vertiefen, sondern ausfransen. Die Fülle der Andeutungen wirkt wie das Aufschieben eines eigentlichen Höhepunkts, den die Autorin offenbar für spätere Bände reserviert. Das ist legitim, aber literarisch unbefriedigend: Niemand liest 900 Seiten, um am Ende wieder am Ausgangspunkt zu stehen.

Und doch: Ganz abschreiben möchte ich die Serie nicht. Dazu sind die Figuren trotz aller Regression zu lebendig angelegt, ist die Welt, die Rowling erschaffen hat, zu reich, zu eigenwillig, zu voller erzählerischer Möglichkeiten. Der Tote mit dem Silberzeichen ist kein Totalschaden, aber ein deutlicher Warnhinweis. Ein Roman, der zeigt, wie sehr selbst eine erfolgreiche Reihe unter ihrem eigenen Gewicht einknicken kann, wenn sie den Mut zur Konzentration verliert. Hoffen wir, dass der nächste Band die Metallplatte wieder poliert, statt weiter daran zu kratzen.

Zum Hörbuch:
Erwähnt werden muss allerdings das Hörbuch, gesprochen von Dietmar Wunder, das dieser schwerfälligen Textmasse stellenweise eine zweite, erstaunlich tragfähige Ebene verleiht. Wunder, dessen Stimme sonst Leinwänden und Agenten eine unverwechselbare Gravität schenkt, erweist sich hier als eigentlicher Strukturgeber. Mit präziser Modulation, klarem Rhythmus und einem feinen Gespür für ironische Untertöne rettet er Szenen, die auf dem Papier zu zerfasern drohen. Wo der Roman sich verzettelt, hält sein Vortrag die Fäden zumindest hörbar zusammen. Besonders in den Dialogen verleiht Wunder den Figuren Kontur und Temperament, das der Text selbst nicht immer einlösen kann. Man ertappt sich dabei, wie man weniger der Geschichte als der Stimme folgt – ein ungewöhnliches, aber durchaus wirksames Leseerlebnis auf Umwegen. Dass man diesen Roman als Hörbuch eher durchhält als als Lektüre, ist kein Verdienst der Autorin, sondern eine eindrucksvolle Demonstration interpretatorischer Souveränität.

Dienstag, 16. Dezember 2025

To Cage a Wild Bird von Brooke Fast

To Cage a Wild Bird von Brooke Fast

Titel des Buches
Seiten:448
Verlag: Bramble HC
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3426566133
Kaufen: Amazon.de
Liebe im Schnellverfahren, Dystopie im Standby 

 

Bewertung: 3/10 ⭐

Inhalt:

Das Leben in Dividium beruht auf einer einzigen Regel: Disziplin oder Tod. Denn in Dividium führt nicht nur jedes Verbrechen in das brutale Gefängnis Endlock, sondern reiche Bürger der Oberschicht bekommen außerdem die Gelegenheit, die Gefängnisinsassen zu jagen und zu töten.Als der Bruder der 23-jährigen Raven verhaftet wird, schleust sie sich selbst als Gefangene in Endlock ein, um ihn zu befreien. Schon bald muss sie alles daransetzen, damit sie und ihr Bruder die brutalen Spiele im Gefängnis überleben. Die einzige Hilfe, die sie dabei erhält, kommt ausgerechnet von dem mysteriösen Wachmann Vale.

Doch kann Raven wirklich dem Mann vertrauen, der für all das steht, was sie an Dividium so verabscheut?

Review:

Brooke Fast hat mit To Cage a Wild Bird einen jener Romane vorgelegt, die im ersten Moment wirken, als wolle jemand das dystopische Erbe der frühen 2010er Jahre wachküssen – nur um dann festzustellen, dass der Deckel der Vergangenheit zwar klapprig geöffnet wurde, der Inhalt aber merkwürdig schal geblieben ist. Ein Buch, das sich anfühlt wie ein Echo einer Ära, in der Heldinnen mit düsterem Blick und moralisch aufgeladenen Missklängen durch zerfallene Regime stolperten, nur dass diesem Echo etwas Entscheidendes fehlt: Resonanz.

Fast präsentiert eine Welt voller Wölfe, Zäune, Hunger und staatlich organisierter Grausamkeit. Das Setting verfügt über ein bedrückend interessantes Detail: ein Gefängnis, in dem die Reichen sich an der Jagd auf Gefangene ergötzen dürfen. Diese Idee besitzt durchaus das Potenzial zu einer bissigen Gesellschaftssatire, einem Spiegel, der uns zwingt, die Absurdität realer Machtstrukturen zu erkennen. Doch wie so oft in diesem Roman bleibt der Spiegel beschlagen. Die Welt ist da, aber sie wirkt wie ein Bühnenbild, das hastig zwischen zwei Szenen eingeschoben wurde: funktionsfähig, aber nie lebendig. Die politischen Systeme, die moralischen Grauzonen, die wirtschaftlichen Abgründe – all das flimmert kurz auf, bevor es wieder im Hintergrund verschwindet, als ginge es weniger um die Welt als um die Kulisse für ein zügiges Liebesdrama.

Im Zentrum steht Raven Thorne, eine Heldin, deren Vergangenheit als kompromisslose Kopfgeldjägerin eine faszinierende Reibungsfläche hätte bilden können. Doch statt innere Konflikte zu schärfen, statt moralische Spannungen glühend werden zu lassen, zieht der Roman ihr die Zähne. Raven darf tapfer, müde und pflichtbewusst sein, aber nie wirklich ambivalent. Ihr Handeln bleibt seltsam glatt, selbst wenn sie buchstäblich jenen Menschen gegenübersteht, die wegen ihr hinter Gittern verrotten. Es ist, als traue das Buch seiner eigenen Idee nicht über den Weg.

Das gleiche Schicksal ereilt Vale, den männlichen Love Interest. Er ist einer dieser Figuren, die weniger Charakter als Funktion darstellen: ein freundlicher Wärter mit traurigem Blick und einer auffällig spontanen Neigung, sich unsterblich zu verlieben. Seine Gefühle für Raven entstehen in einer Geschwindigkeit, die man nur als literarischen Geschwindigkeitsrausch bezeichnen kann. Schon nach wenigen Begegnungen wirft er mit Kosenamen um sich, als wäre er seit Jahren ihr heimlicher Briefeschreiber. Dass die beiden dennoch als leidenschaftliches Paar gedacht sind, lässt einen eher ratlos zurück. Nicht, weil man das Konzept verbotener Liebe nicht kennt – sondern weil man hier nie versteht, warum ausgerechnet diese beiden Figuren füreinander entscheidend sein sollen.

Gerade in einem Genre, das sich von inneren und äußeren Konflikten nährt, wirkt eine solch voraussetzungslose Zuneigung eher wie ein dramaturgischer Kurzschluss. Während die politischen Risse der Welt allenfalls angedeutet werden, dominieren heimliche Treffen, vorsichtige Berührungen, Blicke über Zellentüren hinweg – alles in einer Intensität, die die ohnehin fragile Welt noch weiter entkernt. Die Figuren rennen durch eine dystopische Kulisse und verhalten sich dabei, als würden sie in einem anderen Roman leben.

Dabei gibt es Momente, in denen Fast zeigt, dass sie durchaus versteht, woraus ein erwachsenenorientierter dystopischer Roman besteht: die Brutalität ökonomischer Abhängigkeit, die Verführungskraft autoritärer Systeme, die Frage, wie viel Menschlichkeit im Angesicht ständiger Bedrohung noch übrig bleibt. Doch diese Momente sind selten, fast wie Funken, die nach wenigen Sekunden erlöschen. Man spürt: Es könnte alles viel schärfer sein. Viel mutiger. Viel unbequemer.

Am Ende bleibt To Cage a Wild Bird ein Roman voller ungenutzter Möglichkeiten. Ein Buch, das vom Wunsch beseelt scheint, Dystopie und Romanze miteinander zu verweben, aber beide Stränge nur halbherzig ausspielt. Leserinnen und Leser, die ihr Herz an schlichte Nostalgie für die Hochphase jugendlicher Rebellionsfantasien verloren haben, finden hier vielleicht ein kurzes Aufflackern dieses Gefühls. Wer jedoch literarische Schärfe, gesellschaftliche Wucht oder anspruchsvoll gezeichnete Figuren erwartet, wird eher das Gefühl haben, einen Vogel einzufangen, der gar nicht erst versucht hat zu fliegen.

Ein enttäuschendes Debüt im dystopischen Erwachsenengenre – und gleichzeitig ein Roman, der zeigt, wie viel mehr möglich gewesen wäre, hätte er seinem eigenen Mut vertraut.

Freitag, 12. Dezember 2025

Täuschungsmanöver von Tom Clancy, Mike Maden

Täuschungsmanöver von Tom Clancy, Mike Maden 

Titel des Buches
Seiten: 544
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453275411
Kaufen: Amazon.de
Thriller oder politisches Essay? Ein Roman im Spagat
Bewertung: 5/10 ⭐

Inhalt:

Jack Ryan Jr. hat sich geschworen, den Mörder einer alten Freundin ausfindig zu machen – doch dieser Fall ist eine Nummer größer als gedacht

Jack Ryan Jr. wird in Barcelona Zeuge eines Selbstmordattentats. Unter den Opfern befindet sich auch seine alte Freundin Renée, die mit dem CIA zusammengearbeitet hat. Kurz bevor sie in Jacks Armen stirbt, flüstert sie ihm noch ein einziges Wort zu: »Sammler«.

Der spanische Geheimdienst vermutet eine katalanische Terrorgruppe hinter dem Anschlag, doch Jack Ryan Jr. hat seine Zweifel an dieser Theorie. Er stellt eigene Ermittlungen an und findet heraus, dass Renée in Kontakt mit einem amerikanischen Datenwissenschaftler stand, der an einem streng geheimen Regierungsprogramm gearbeitet hat, Codename RAPTURE. Aber in welcher Verbindung steht das Programm mit dem Attentat? Jack Ryan Jr. bleibt nicht viel Zeit, denn seine Nachforschungen haben Aufmerksamkeit erregt – und er muss aufpassen, nicht vom Jäger zum Gejagten zu werden.

Review:

Kaum ein Setting eignet sich so gut für einen Agententhriller wie eine Stadt, die vor Geschichte, Konflikten und mediterraner Sinnlichkeit vibriert. Barcelona ist dafür ein Geschenk an jeden Autor – und zugleich eine Herausforderung. In Täuschungsmanöver stürzt sich Mike Maden mit sichtbarer Begeisterung in diese Kulisse und schickt Jack Ryan Jr. auf einen Weg, der zwischen persönlicher Tragödie, politischer Brisanz und altbekanntem Serienpathos mäandert. Doch je weiter die Handlung voranschreitet, desto deutlicher wird, wie schmal der Grat ist zwischen atmosphärischer Dichte und erzählerischer Überfrachtung.

Mike Maden lässt Jack Ryan Jr. in Barcelona vom lässigen Urlauber zum missionarisch motivierten Einzelkämpfer mutieren, nachdem eine alte Studienfreundin vor seinen Augen in einem Bombenanschlag stirbt. Was zunächst wie der Auftakt zu einem kompakten Verschwörungsthriller klingt, öffnet sich bald zu einem politisch aufgeladenen Erzählraum, in dem die katalanische Unabhängigkeitsfrage ausführlicher behandelt wird als manch realpolitische Analyse. Man spürt, wie sehr der Autor sich für die historischen und gegenwärtigen Spannungen interessiert. Nur wird dieses Interesse gelegentlich zum Hemmschuh: Die Handlung schlendert durch kulturelle Exkurse, statt die Spannung entschlossen voranzutreiben. Das wäre nicht einmal ein Makel, hätte Maden den Mut zu einem Roman über politische Identität und historische Brüche – doch Täuschungsmanöver will zugleich ein Clancy-Thriller bleiben, und dieser Spagat gelingt nicht immer überzeugend.

Das zweite Problem ist Jack Ryan Jr. selbst, dessen Tarnidentität als harmloser Banker seit Jahren wie ein running gag funktioniert. In einer Welt, in der Nebenfiguren über satellitengestützte biometrische Systeme verfügen, wirkt die Prämisse, niemand könne die Existenz des gleichnamigen Präsidentensohns aufdecken, doch etwas museal. Dass Jack Jr. regelmäßig allein ermittelt, obwohl er ein Backup-Team von Elite-Operatoren besitzt, gehört inzwischen zu den eher liebenswerten Marotten der Reihe – aber die Konstruktion wirkt hier besonders bemüht. Maden hat in früheren Bänden gezeigt, dass er Spannung, Technik und plausible Charakterführung verbinden kann. Umso erstaunlicher, wie häufig dieser Roman die eigene Logik unterminiert.

Trotz allem blitzt zwischendurch das auf, was die Faszination des Jack-Ryan-Universums ausmacht: die parallele Erzählung zweier Krisenstränge, der analytisch denkende Präsident Ryan, der mit kühler Präzision internationale Schieflagen sortiert, und eine Welt, die im Schatten der Machtpolitik in Flammen aufgeht. Wenn beide Ebenen sich gegen Ende zusammenfügen, erreicht der Roman tatsächlich einen Sog, der an alte Clancy-Größen erinnert. Nur endet dieser Moment so abrupt, dass man sich fragt, ob der Autor selbst überrascht war, plötzlich auf die Zielgerade einzubiegen.

Am Ende bleibt ein Roman, der unterhaltsam ist, wenn man bereit ist, seine Unzulänglichkeiten als Teil des Seriencharakters zu akzeptieren. Täuschungsmanöver ist kein Desaster, aber ein Werk, das zeigt, wie schwer es ist, ein literarisches Erbe weiterzutragen, ohne es zu verwässern. Maden liefert solide Action, atmosphärische Schauplätze und ehrliches Bemühen um historische Tiefe, doch das Ergebnis wirkt nicht wie ein präzise geführter Thriller, sondern wie ein Werk, das zu viele Interessen gleichzeitig bedienen möchte. Wer die Reihe liebt, wird die vertrauten Figuren und den Anflug von nostalgischer Clancy-DNA genießen. Wer auf der Suche nach erzählerischer Stringenz ist, dürfte die Lektüre eher als höflich enttäuschend empfinden.

Donnerstag, 11. Dezember 2025

Das Kreuz des Pilgers von Petra Schier

Das Kreuz des Pilgers von Petra Schier

Titel des Buches
Länge: 14 Stunden und 39 Minuten
Verlag: Harper Audio
Sprache: Deutsch
ISBN-10: B09JZD27BK
Kaufen: Amazon.de
Ein Roman zwischen Aberglauben und Alltag
Bewertung: 5/10 ⭐

Inhalt:

Koblenz, 1379: Als die junge Grafentochter Reinhild von Wegelagerern übermannt wird, wähnt sie sich dem Tode nah. Zum Glück kommen ihr der Pilger Palmiro und sein Weggefährte Conlin zu Hilfe, bringen die Übeltäter zur Strecke und retten Reinhild. Für ihren Mann kommt die Rettung allerdings zu spät. Auf ihrem Weg zurück in die Heimat begleiten Conlin und Palmiro die junge Frau. Nur langsam erholt sie sich von den schrecklichen Ereignissen, und doch entwickelt sie zarte Gefühle für Conlin. Dabei weiß sie genau, dass ihr Vater eine solche Verbindung niemals gutheißen würde. Und damit nicht genug, führt Palmiro einen Schatz mit sich, der sie alle erneut in Gefahr bringen kann.

Review:

Es gibt historische Romane, die ihre Leser mit der eleganten Selbstverständlichkeit eines erfahrenen Wirts an die Hand nehmen, sie an einen holzgetäfelten Tisch setzen und sagen: Hier, nimm Platz, hör zu, ich erzähle dir eine Geschichte. Petra Schier hingegen fordert in Das Kreuz des Pilgers zunächst Geduld und Wohlwollen ein. Ihr Roman öffnet sich nicht sofort, er sperrt sich sogar ein wenig – und genau darin liegt sein Reiz ebenso wie seine Schwäche.

Der Auftakt ist fulminant, beinahe brachial. Ein Überfall, der einen abrupt in eine Welt katapultiert, in der Reliquien nicht nur Glaubensobjekte, sondern soziale Währungen sind, in der Gerüchte schneller reisen als Pilger, und in der Koblenz und Köln sich nicht als pittoreske Kulisse, sondern als vibrierende, mitunter gefährliche Lebensräume präsentieren. Die Figuren treten früh ins Licht: Reinhild, die trauernde, suchende junge Frau; Palmiro, dessen neu erworbenes Kontor weniger belastend ist als das Kreuz, das er hütet wie eine zweite Seele; Conlin, ein Mann gefangen zwischen familiärer Loyalität und persönlicher Kränkung. Sie alle tragen jene Ecken und Kanten, die glaubwürdige Protagonisten ausmachen. Und doch: Man steht ihnen merkwürdig fern. Man sieht sie handeln, man sieht sie ringen, aber man spürt sie nicht.

Das liegt nicht an mangelnder Sorgfalt. Schier schreibt kenntnisreich, ihr Blick auf mittelalterliche Lebenswelten ist präzise, detailbewusst, geradezu liebevoll recherchiert. Die alten Rangordnungen, die sozialen Verwerfungen, das allgegenwärtige Gewicht kirchlicher Institutionen – all das ist greifbar. Zugleich jedoch hemmt diese Ausführlichkeit den Fluss der Erzählung. Was als atmosphärische Dichte intendiert ist, gerät über weite Strecken zu narrativer Viskosität. Die Handlung tritt auf der Stelle, während das Personal sorgfältig arrangiert wird, und das sirrende, ja beinahe übergriffige Kreuz, das als zentrales Motiv fungiert, gewinnt an Bedeutung, bevor die Geschichte selbst ausreichend Traktion entwickelt hat.

Hier zeigt sich die Ambivalenz dieses Romans: Er wagt ein Spiel mit Mystik und Aberglauben, das den historischen Rahmen sprengt. Mal wirkt dieser Zugriff mutig, weil er das mittelalterliche Denken ernst nimmt, statt es museal zu glätten. Dann wieder schiebt sich die Reliquie zu dominant in den Vordergrund, wird zum erzählerischen Motor, dem das erzählte Leben kaum folgen kann. Die Themenvielfalt – Spiritualität, psychische Fragilität, gesellschaftliche Ächtung, versteckte Sehnsüchte – verleiht dem Text durchaus Tiefenschärfe, doch nicht zwingend Spannung.

Sobald die Handlung in der zweiten Hälfte anzieht, zeigt sich, was dieser Roman hätte sein können: ein klug komponiertes Panorama von Freundschaft, Abhängigkeit und moralischen Zumutungen. Doch der Weg dorthin ist lang, für manche Leser zu lang. Die Reise lohnt sich am Ende, aber sie verlangt Durchhaltevermögen.

Das Kreuz des Pilgers ist ein grundsolider, ambitionierter Auftaktband, der Mut zur Komplexität beweist, jedoch an seiner eigenen Ausführlichkeit zu tragen hat. Wer historische Romane mit pointierter Dramaturgie sucht, wird ungeduldig sein. Wer hingegen Lust hat auf ein langsames Eintauchen in die gedämpften Farben des mittelalterlichen Alltags und bereit ist, einem etwas sperrigen Erzählrhythmus zu folgen, wird hier fündig werden. Schier hat ohne Zweifel einen weiten Bogen gespannt – man darf hoffen, dass die folgenden Bände ihn straffer ziehen.

Samstag, 6. Dezember 2025

Felix Blom - Mord an der Spree von Alex Beer

Felix Blom - Mord an der Spree von Alex Beer 

Titel des Buches
Seiten: 320
Verlag: Limes
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3809027960
Kaufen: Amazon.de
Ein Kriminalfall mit Tempo, aber ohne Herzschlag
Bewertung: 6/10 ⭐

Inhalt:

Berlin, 1879. Als Privatdetektiv Felix Blom und seine Partnerin Mathilde Voss im Zuge eines Auftrags den Mord an einer ehemaligen Prostituierten untersuchen, werden sie von der Vergangenheit eingeholt: Vor neun Jahren verschwand eine Freundin von Mathilde auf rätselhafte Weise – und nun deuten Hinweise darauf, dass beide Ereignisse zusammenhängen. Als es ein weiteres Mordopfer gibt, erkennen Felix und Mathilde, dass jemand bereit ist, über Leichen zu gehen, um ein düsteres Geheimnis zu bewahren. Bald steht nicht nur ihre berufliche Existenz, sondern auch ihr Leben auf dem Spiel – denn der Täter ist gefährlich nahe …

Review:

Manchmal begegnet einem ein Roman wie eine Stadt, die man bereits kennt, aber plötzlich aus einem neuen Blickwinkel betrachtet. „Mord an der Spree“ ist ein solcher Fall: vertraut in der Handschrift, bestechend in der Atmosphäre, doch überraschend zurückhaltend, wenn es um das emotionale Fundament seiner Figuren geht. Alex Beer lässt Berlin im Jahr 1879 wieder mit jener mühelosen Selbstverständlichkeit lebendig werden, die ihr längst Markenzeichen geworden ist – nur wirkt diese Kulisse diesmal beinahe großzügiger ausgeleuchtet als die Menschen, die sich darin bewegen.

Alex Beer versteht ihr Handwerk, daran besteht kein Zweifel. Kaum eine Autorin inszeniert das historische Berlin so glaubhaft, so sorgfältig recherchiert, so angenehm frei von nostalgischem Zierrat. Dieses Berlin, das sich wie eine sich häutende Schlange ständig neu erfindet, ist der heimliche Star des Romans. Man spürt den Schmutz der Gassen, die nervöse Modernisierung, den moralischen Bodennebel zwischen Gerichtssälen und Hinterhöfen. Und doch jagt die Handlung uns dieses Mal mit spürbarem Tempo hindurch, als wäre der Aufenthalt im Roman auf knapp bemessene Minuten begrenzt.

Dass Mathilde ins Zentrum rückt, hätte dem Band eigentlich die emotionale Tiefenschärfe verleihen können, die ihre Figur seit Langem verspricht. Ihre Vergangenheit schimmert durch die Ritzen der Geschichte, bleibt aber merkwürdig unberührt. Die dramatische Zuspitzung, die ihr droht, gibt zwar Anlass für Empathie, doch die Figuren wirken hier eher begleitet als durchlebt. Selbst Felix Blom, sonst ein angenehm ambivalenter Protagonist, bleibt eigenartig distanziert. Sein innerer Konflikt, sein Ringen mit alten Versuchungen, bleibt eher eine interessante Fußnote als ein fühlbarer Antrieb.

Dabei hat die Geschichte ohne Zweifel Zugkraft. Der Fall ist klug konstruiert, die Spuren führen in die Unterwelt, ins Gefängnis, in alte Wunden. Die Rückblenden sitzen, der Twist kommt überraschend, und handwerklich bleibt Beer verlässlich wie immer. Was jedoch fehlt, ist jene feine, beinahe unterschwellige emotionale Bindung, die ihre früheren Werke so nachhaltig gemacht hat. Man fliegt durch die Seiten – nicht, weil man nicht anders kann, sondern weil nichts wirklich zum Verweilen einlädt.

So bleibt „Mord an der Spree“ ein solider historischer Krimi, atmosphärisch dicht und gewandt erzählt. Er unterhält, er überrascht, er setzt die Reihe fort. Doch er berührt weniger als er könnte. Für die kommenden Bände bleibt der Wunsch, dass Alex Beer wieder jene Tiefe in ihre Figuren legt, die ihre Geschichten einst ganz selbstverständlich getragen hat.

Montag, 1. Dezember 2025

Lázár von Nelio Biedermann

Lázár von Nelio Biedermann

Titel des Buches
Seiten: 336
Verlag: Rowohlt Berlin
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3737102260
Kaufen: Amazon.de
Ein Talent, das heller brennt als sein Roman
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Alles beginnt, sogar das Ende, als Lajos von Lázár, das blonde Kind mit den wasserblauen Augen, zur Welt kommt. Seinem Vater, dem Baron, wird der Sohn nie geheuer sein, als ob er dessen Geheimnis ahnte. Mit Lajos’ Geburt im Waldschloss bricht auch das 20. Jahrhundert an, das das alte Leben der Barone Lázár im südlichen Ungarn für immer verändern wird. Der Untergang des Habsburgerreichs berührt erst nur ihre Traditionen, aber alle spüren das Beben der Zeit, die schöne Mária ebenso wie der geisterhafte Onkel Imre. Als Lajos in den zwanziger Jahren sein Erbe antritt, scheint der alte Glanz noch einmal aufzublühen. Doch die Kinder Eva und Pista – der das Dunkle so liebt – müssen erleben, wie totalitäre Zeiten ihre wuchtigen Schatten werfen – und lernen, gegen sie zu bestehen.

Ein Roman wie eine Welt, die überwältigende Saga einer Familie, getrieben von der Liebe und der Sehnsucht nach ihr, in den Strudeln des 20. Jahrhunderts. Fesselnd und berührend, zugleich voller Leichtigkeit, voller Träume und Geheimnisse, in denen sich die ganze Tragik und Schönheit der Existenz spiegelt. Und – ob angesichts historischer Katastrophen oder schöner Sommertage – die ewige Frage, wie man leben soll.

Review:

Es gibt Romane, die mit so viel Vorschusslorbeeren auf den Tisch krachen, dass man unwillkürlich den Kopf einzieht. Nelio Biedermanns Lázár gehört zweifellos dazu. Kaum erschienen, bereits in zwanzig Sprachen verkauft, umjubelt als literarisches Wunder eines 22-Jährigen. Und wie so oft, wenn das Etikett „Wunderkind“ zu früh auf die Verpackung geklebt wird, wächst der Verdacht, dass hier weniger ein Buch gefeiert wird als die schillernde Möglichkeit seiner Entstehungsgeschichte. Doch jenseits dieses Rummels steht ein Roman, der sich ambitioniert in eine Epoche stürzt, an der selbst erfahrene Schriftsteller regelmäßig scheitern, und der dabei gleichermaßen fasziniert wie irritiert.

Biedermann wählt die große Geste: den Untergang einer aristokratischen Familie vor der Kulisse eines Jahrhunderts, das aus Blut, Ideologien und Entzauberung besteht. Man spürt auf jeder Seite, wie sehr er die Literaturgeschichte inhaliert hat. Die Ahnengalerie der Anspielungen reicht von Thomas Mann bis Marcel Proust, von Joseph Roth bis zur dunklen Romantik. All das ist nicht bloß Ornament, sondern das bewusste Selbstverständnis eines Autors, der sich im Spiegel der Tradition betrachtet und diesem Spiegel zugleich hinterherspringt, als könne er darin verschwinden. Dass er die Erzählung mit filmischer Schärfe inszeniert, ist kein Zufall; Bilder werden hier gesetzt wie Kader, das Pathos schießt schnell hoch, und oft gelingt es ihm, das Grauen des 20. Jahrhunderts in körperlich spürbare Szenen zu pressen.

Doch je deutlicher der Wille zur Größe hervortritt, desto stärker macht sich der Riss im Fundament bemerkbar. Lázár ist in seiner Direktheit ein zutiefst heutiges Buch; es denkt, spricht und begehrt aus einer Gegenwart heraus, die mit dem historischen Setting nur höflich bekannt ist. Die Figuren bewegen sich durch die Jahrzehnte, als würden sie einen Zeitreiseanbieter gebucht haben, der ihnen moderne Sensibilitäten und Haltungen als unverzichtbares Handgepäck erlaubt. Dadurch entsteht bisweilen die merkwürdige Optik eines Historiendramas, dessen Darsteller aus einer anderen Produktionsfirma stammen. Nicht der historische Raum formt die Menschen, sondern eine Gegenwart, die sich in Kostümen austobt.

Am polarisierendsten ist die Art, wie der Roman Sexualität und Gewalt inszeniert. Manche loben die Unverblümtheit als Ehrlichkeit, als Weigerung, menschliche Körperlichkeit in sepiabraunen Historienstaub zu legen. Andere empfinden die Häufung von sexuellen Grenzüberschreitungen als stilistisch unscharf, als verzweifelte Geste eines Autors, der Intensität mit Überschreitung verwechselt. Tatsächlich wirken diese Stellen häufig überzeichnet, mal unfreiwillig komisch, mal schlicht unreflektiert, und sie drohen die viel interessantere Frage zu übertönen, wie Menschen in Zeiten politischer Erschütterungen ihre Identität behaupten können, wenn die Geschichte selbst zum Feind wird.

Und dennoch: Man ertappt sich immer wieder dabei, wie man weiterliest, manchmal widerständig, häufiger neugierig. Wo dem Text historische Präzision fehlt, besitzt er erzählerische Energie. Wo der Ton ungestüm wird, schimmert ein echtes Talent durch. Biedermann weiß, wie man Rhythmus erzeugt, wie man Figuren mit wenigen Details charakterisiert, wie man Tempo variiert. Seine Sprache ist jung, fiebrig, nicht selten schön in ihrer Ungeduld.

Lázár ist kein großer Roman, aber ein bemerkenswerter. Einer, der zu viel will, weil sein Autor noch nicht gelernt hat, wie viel ein Text überhaupt tragen kann. Einer, der strauchelt, weil er mutig ist. Einer, der an manchen Stellen fast scheitert, aber selten langweilt. Wer Literatur ausschließlich als Perfektionssport begreift, wird an diesem Buch verzweifeln. Wer jedoch Lust hat, das Auflodern eines Talents zu beobachten, das noch nicht weiß, wie mächtig es bereits ist, findet hier ein Werk voller glitzernder, unfertiger Möglichkeiten.

Man wird von Nelio Biedermann noch hören. Vielleicht ist Lázár weniger das Versprechen seines Könnens als der Beweis seiner Entschlossenheit – und beides ist, literarisch betrachtet, ein guter Anfang.