Donnerstag, 29. Januar 2026

Woman Down von Colleen Hoover

Woman Down von Colleen Hoover

Titel des Buches
Seiten: 416
Verlag: dtv
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3423285494
Kaufen: Amazon.de
Zu persönlich, zu leer, zu lang
Bewertung: 4/10 ⭐

Inhalt:

Der Shitstorm um die Verfilmung ihres Romans stürzte Bestsellerautorin Petra Rose in eine Schreibkrise. Sie hat erlebt, wie es sich anfühlt, wenn sich das Internet gegen einen wendet. Nur mithilfe ihrer Kollegin Nora findet sie allmählich zur Normalität zurück: Sie geht wieder live online und mietet eine abgelegene Hütte am See, um endlich ihren nächsten Thriller zu schreiben. 

Dann taucht er plötzlich auf.

Nathaniel, ein Detective, berichtet von einem verstörenden Ereignis in unmittelbarer Nähe. Er ist das Ebenbild des Cops in ihrem Roman – und heizt Petras Kreativität unerwartet an. Nie hat sie sich lebendiger gefühlt, als wenn er sie berührt. Doch das Spiel, auf das sie sich einlässt, ist gefährlich und bedroht ihre Existenz …

Review:

Colleen Hoover ist eine Autorin, die wie kaum eine andere vom unmittelbaren Austausch mit ihrem Publikum lebt. Ihre Bücher suchen Nähe, sie wollen berühren, verstanden werden, im besten Fall sogar trösten. Woman Down jedoch wirkt, als habe sich diese Nähe gegen den Text selbst gewendet. Statt eines Romans, der nach außen erzählt, liest man hier ein Buch, das unablässig nach innen spricht – und dabei vergisst, dass Literatur mehr sein muss als ein gut gemeinter Seelenstriptease.

Im Zentrum steht eine Schriftstellerin, die nach einem öffentlich gescheiterten Filmprojekt, digitaler Häme und lähmender Schreibblockade den Rückzug antritt. Was als psychologisch interessante Ausgangslage taugt, wird jedoch mit einer solchen Ausdauer ausgewalzt, dass sich früh Ermüdung einstellt. Hoover insistiert auf dem seelischen Zustand ihrer Figur, wiederholt Gedanken, Stimmungen und Rechtfertigungen in leicht variierter Form, bis man das Gefühl hat, weniger einen Roman zu lesen als einem inneren Monolog ohne Lektor beizuwohnen. Die ausdrücklich formulierte Versicherung, diese Geschichte habe nichts mit der Autorin selbst zu tun, verstärkt den gegenteiligen Eindruck nur noch. Je vehementer der Text Distanz behauptet, desto deutlicher verschwimmt die Grenze zwischen Fiktion und persönlicher Abrechnung.

Erzählerisch bleibt Woman Down über weite Strecken erstaunlich spannungsarm. Das Buch wird als Thriller oder zumindest als düstere Romantic Suspense gehandelt, verweigert sich aber lange jeder echten Zuspitzung. Stattdessen entfaltet sich eine Beziehung, die weniger elektrisierend als befremdlich wirkt. Grenzüberschreitungen werden romantisiert, bedrohliche Situationen als erotische Intensität missverstanden. Was als dunkle Anziehung gedacht ist, kippt immer wieder ins Unbehagliche, nicht weil es mutig wäre, sondern weil es erzählerisch unreflektiert bleibt. Wenn schließlich ein größerer Twist präsentiert wird, blitzt kurz das alte Hoover’sche Gespür für Wendungen auf – nur um kurz darauf ins Leere zu laufen. Die Enthüllung verändert wenig, verschärft nichts und hinterlässt vor allem die Frage, warum all das zuvor so umständlich vorbereitet wurde.

Dabei wäre es unfair zu behaupten, Hoover habe ihr Handwerk verlernt. Das Buch liest sich schnell, teilweise geradezu gierig, und einzelne dramaturgische Kniffe funktionieren durchaus. Auch die innere Entwicklung der Hauptfigur ist erkennbar und nicht völlig belanglos. Doch all das steckt in einem Text, der sich zu sehr um seine eigene Rechtfertigung dreht und zu wenig um narrative Konsequenz. Themen wie öffentliche Kritik, künstlerische Verletzbarkeit und kreative Krise hätten literarische Schärfe verdient. Stattdessen werden sie in Endlosschleifen beschworen, bis sie ihre Wirkung verlieren.

Am Ende fühlt sich Woman Down an wie ein Roman, der zu groß für seine Idee geworden ist. Vieles wirkt aufgebläht, repetitiv, unfertig gedacht. Es ist kein völliger Fehltritt, aber ein deutlicher Tiefpunkt im Werk einer Autorin, die bewiesen hat, dass sie emotionale Wucht und erzählerische Präzision vereinen kann. Wer Colleen Hoover seit Jahren liest, wird auch dieses Buch nicht liegen lassen. Begeisterung aber stellt sich kaum ein. Woman Down stolpert über seine eigene Intention – und bleibt genau dort liegen.

Dienstag, 27. Januar 2026

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen von Lisa Ridzén

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen von Lisa Ridzén 

Titel des Buches
Seiten: 384
Verlag: btb
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3442762960
Kaufen: Amazon.de
Ein stilles Buch von unerbittlicher Wahrhaftigkeit
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Bo ist 89, und ihm läuft die Zeit davon. Andererseits ist Zeit wenigstens etwas, das er noch zur Genüge hat. Denn seit seine Frau in einem Pflegeheim für Demenzkranke lebt, sind Bos Tage viel zu lang. Sein Kontakt beschränkt sich auf seinen Hund Sixten und die täglichen Besuche vom Pflegedienst. Hans, sein Sohn, kommt dagegen nur selten vorbei und traut ihm vor allem gar nichts mehr zu. Jetzt will er ihm auch noch den Hund wegnehmen. Dabei braucht Bo seinen geliebten Vierbeinigen so dringend wie noch nie. Warum versteht das niemand? Der drohende Verlust seines Hundes bringt Bo dazu, die Schlüsselmomente seines Lebens zu überdenken. Wenn die Kraniche nach Süden ziehen ist ein brillant geschriebener, weltweit gefeierter Roman voller Witz und Wärme über das, was im Leben wichtig ist und uns mit Zuversicht erfüllt.

Review:

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen von Lisa Ridzén ist ein stilles, unerbittliches Buch. Es hebt nicht an, um den Leser zu verführen, sondern um ihn festzuhalten. Wer sich auf diese Geschichte einlässt, tut gut daran, sich innerlich zu rüsten, denn hier wird nichts beschönigt, nichts abgefedert. Alter erscheint nicht als milde Lebensphase, sondern als schleichender Entzug: von Würde, von Autonomie, von Selbstverständlichkeiten.

Im Zentrum steht ein Mann, dessen Körper sich von Tag zu Tag weiter zurückzieht, während sein Inneres wach, erinnerungssatt und empfindsam bleibt. Diese Diskrepanz ist der eigentliche Schmerzpunkt des Romans. Bo ist nicht dement, nicht entrückt, nicht abwesend. Er ist präsent, zu präsent vielleicht, um das eigene Verschwinden ertragen zu können. Die Welt um ihn herum jedoch beginnt, ihn bereits wie einen Abwesenden zu behandeln. Pflegekräfte, Protokolle, gut gemeinte Fürsorge und ein Sohn, der schützen will und dabei nimmt, was dem Vater Halt gibt. Ridzén beschreibt diese Konstellation mit großer Präzision: Das Böse tritt hier nie als Bösartigkeit auf, sondern als Rationalität ohne Zärtlichkeit.

Besonders eindringlich ist die innere Ansprache an die abwesende Ehefrau, die längst nicht mehr teilhat an dem gemeinsamen Leben. Dieses „Du“, das sich durch den Text zieht, ist kein literarischer Kunstgriff, sondern ein Überlebensmechanismus. Erinnerung wird hier zur letzten Form von Gegenwart. Gleichzeitig offenbart der Roman eine bittere Wahrheit über familiäre Beziehungen: Nähe entsteht nicht automatisch durch Verwandtschaft, sondern muss immer wieder neu errungen werden. Zwischen Vater und Sohn steht nicht nur die aktuelle Krise, sondern ein ganzes, nie ganz geklärtes Leben voller Versäumnisse und unausgesprochener Sätze.

Der Hund, um den sich der Konflikt zuspitzt, ist dabei weit mehr als ein sentimentales Accessoire. Er verkörpert das letzte Stück Selbstbestimmung, den letzten Beweis, dass Verantwortung und Liebe noch möglich sind. Die Frage, was Fürsorge wirklich bedeutet, wird hier nicht theoretisch verhandelt, sondern existenziell zugespitzt. Ist es menschlich, jemandem das zu nehmen, was ihm Sinn gibt, um ihn zu schützen? Oder ist genau das der Moment, in dem Schutz in Entmündigung kippt?

Dieses Buch ist keine tröstliche Lektüre, aber eine notwendige. Es zwingt dazu, über das eigene Altern nachzudenken, über die Eltern, über die Rolle des Kindes, über die eigene Fähigkeit, rechtzeitig zu sprechen, solange Sprache noch möglich ist. Das Ende ist konsequent und von einer stillen Schönheit, die nicht erlöst, aber aufrichtet. Wenn die Kraniche nach Süden ziehen ist ein Roman, der weh tut, weil er wahr ist, und der lange nachhallt, weil er den Mut hat, den Blick nicht abzuwenden.

Samstag, 24. Januar 2026

Der letzte Tag des Fährmanns von Frode Grytten

Der letzte Tag des Fährmanns von Frode Grytten 

Titel des Buches

Seiten: 192
Verlag: Penguin
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3328603980
Kaufen: Amazon.de
Die Würde der Unsichtbaren
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Mit sanftem Ton und warmem Humor erzählt Frode Grytten von einer großen Liebe und dem Glück eines einfachen Lebens

An einem ruhigen Novembertag beschließt Nils Vik, dass dies der letzte Tag seines Lebens sein wird. Er trinkt einen Kaffee, schließt sein Haus ab und begibt sich ein letztes Mal zu seiner Fähre, mit der er sein Leben lang Menschen über den Fjord gefahren hat. Doch nun führt eine Brücke über das Wasser, sein Boot hat seine Aufgabe erfüllt. Und auch Nils Vik hat die Aufgaben seines Lebens erfüllt. Auf dieser letzten Fahrt durchstreifen noch einmal die Menschen, die seinen Weg kreuzten, seine Gedanken und verweilen für eine Weile an seiner Seite, auch seine große Liebe Marta. Bis es für den Fährmann an der Zeit ist, den letzten Teil seiner Reise anzutreten.

Mit großer Klarheit und Empathie erzählt Frode Grytten von einem Mann, der sich mit dem Leben und dem Tod aussöhnt, und schreibt gleichzeitig eine Hymne auf die norwegischen Fjorde und die Menschen, die so fest mit ihnen verbunden sind.

Review:

Manchmal genügt ein einziger Tag, um ein ganzes Leben zu vermessen. Der letzte Tag des Fährmanns nimmt diese kühne literarische Abkürzung und beweist, wie trügerisch schlicht sie ist. Frode Grytten lässt seinen Protagonisten Nils Vik an einem Novembermorgen erwachen, wissend, dass dies sein letzter sein wird, und schickt ihn hinaus auf den Fjord, nicht um noch einmal Strecke zu machen, sondern um Bilanz zu ziehen. Was folgt, ist kein Abschiedsspektakel, sondern eine stille Inventur, geführt von einem Mann, der nie laut gelebt hat und gerade deshalb umso genauer erinnert.

Grytten erzählt dieses Leben nicht entlang dramatischer Höhepunkte, sondern über Begegnungen, Blicke, beiläufige Gesten. Der Fährmann war ein Mittler, kein Gestalter großer Ereignisse, und genau darin liegt die literarische Raffinesse dieses Romans. Die Menschen, die auf seiner letzten Fahrt zu ihm an Bord kommen, sind keine Gespenster im klassischen Sinn, sondern Erinnerungen mit Gewicht, Stimmen aus einem Alltag, der sich im Rückblick als erstaunlich reich erweist. Die Gespräche fließen ohne typografische Markierungen, fast so, als wollte der Text selbst jede Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Leben und Nachleben auflösen. Anfangs irritierend, entfaltet diese Form bald eine eigentümliche Sogwirkung, weil sie den Gedankenstrom des Protagonisten präzise spiegelt.

Was diesen Roman vor der Gefahr sentimentaler Verklärung bewahrt, ist seine Haltung. Grytten schreibt mit einer Ruhe, die nichts beschönigt und doch alles ernst nimmt. Krankheit bleibt Andeutung, Verlust eine Tatsache, Einsamkeit ein Zustand, der nicht beklagt, sondern getragen wird. Nils Vik ist kein Held, sondern ein Mensch von jener unscheinbaren Integrität, die Literatur selten feiert, obwohl sie das soziale Gefüge zusammenhält. Seine Güte wirkt nie wie moralische Pose, sondern wie ein erlernter, gelebter Reflex, entstanden aus Jahrzehnten des Hin- und Herfahrens zwischen Menschen, Orten, Lebensphasen.

Der Fjord ist dabei mehr als Kulisse. Er ist Gedächtnisraum, Taktgeber, Spiegel eines Daseins, das sich kaum verändert und gerade deshalb Tiefe gewinnt. Wenn am Ende die Zeit rückwärts zu laufen scheint, wirkt das nicht wie ein erzählerischer Kunstgriff, sondern wie eine folgerichtige Konsequenz: Wer so konsequent im Erinnern lebt, bewegt sich zwangsläufig gegen den Strom. Der letzte erhoffte Fahrgast gibt diesem leisen Roman schließlich seine emotionale Schwere, ohne ihn je ins Rührselige kippen zu lassen.

Der letzte Tag des Fährmanns ist ein schmales Buch mit der Dichte eines ganzen Lebens. Grytten zeigt, dass literarische Größe nicht im Lärm der Handlung liegt, sondern in der Genauigkeit des Blicks. Wer sich auf diese ruhige, meditative Fahrt einlässt, wird das Gefühl haben, nach der Lektüre etwas langsamer zu gehen, genauer zuzuhören und vielleicht neu zu bewerten, was ein reiches Leben eigentlich ausmacht.

Donnerstag, 22. Januar 2026

Oscar Wilde Das Bildnis des Dorian Gray

Oscar Wilde Das Bildnis des Dorian Gray

Titel des Buches
Seiten: 288
Verlag: Anacondagb
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3730615254
Kaufen: Amazon.de
Die Kunst, sich selbst zu verlieren: Über Oberfläche, Verführung und Verwesung
Bewertung: 8/10 ⭐

Inhalt:

Oscar Wildes Dorian Gray ist eine der berühmtesten Figuren der Weltliteratur: So staunenswert schön er ist, so unverdorben und naiv ist sein Blick auf die Welt. Verführt durch den geistreichen Zyniker Lord Wotton, stürzt Dorian sich haltlos ins lüsterne Londoner Nachtleben. Ausschweifung und Genuss wecken in ihm den innigen Wunsch nach unvergänglicher Jugend – und auf wundersame Weise altert fortan nicht mehr er selbst, sondern ein Porträt von ihm. Doch Dorians unbedachter Pakt mit dunklen Mächten hat grausame Folgen ...

Review:

Man kann „Das Bildnis des Dorian Gray“ lesen wie eine elegant vergiftete Praline: außen glatt poliert, innen eine Füllung aus Abgrund. Was daran bis heute so unangenehm gut funktioniert, ist nicht die Mechanik des Pakts, dieses literarisch vertraute „Ich gebe dir dies, und du gibst mir jenes“, sondern die Art, wie Wilde die Sehnsucht nach Straflosigkeit in eine gesellschaftsfähige Form gießt. Dorian bekommt nicht einfach ewige Jugend. Er bekommt die Illusion, sein Leben könne ohne Bilanz geführt werden, als sei Moral ein Rechenfehler, den man an ein Stück Leinwand delegiert.

Wilde ist dabei kein Moralist im Talar, eher ein Ästhet mit Skalpell. Er schneidet den schönen Schein auf, bis darunter die feuchte Anatomie der Eitelkeit sichtbar wird. Dorian ist nicht bloß „verführt“, er ist empfänglich, und diese Empfänglichkeit ist sein eigentlicher Makel: ein Selbst, das sich nur im Spiegel der Bewunderung erkennt. Aus dieser Leerstelle wächst jene grässliche Logik, die den Roman antreibt: Wenn Schönheit der höchste Wert ist, wird der Mensch zur bloßen Trägerfolie; Beziehungen werden zu Accessoires, Gefühle zu Dekoration. Dorians Grausamkeit ist deshalb so kalt, weil sie nicht einmal als Grausamkeit empfunden werden muss. Sie erscheint ihm als Stilfrage. Der Roman lässt einen spüren, wie leicht „Leben“ in „Kuratorenroutine“ kippt: das Sammeln von Eindrücken, das Jagen nach Sensationen, die kultivierte Gier nach dem nächsten ästhetischen Kick.

Lord Henry ist dabei der funkelnde Brandbeschleuniger. Seine Sätze sind so brillant gebaut, dass man beim Lesen manchmal ertappt, wie man ihnen zustimmt, noch bevor man merkt, wozu man gerade genickt hat. Wilde macht aus ihm eine Maschine für geistreiches Gift, ein Salon-Alchemist, der aus Zynismus Parfum destilliert. Gerade weil Henry selten handelt und vor allem spricht, wirkt er so modern: Er ist das Prinzip Einfluss als Unterhaltung, die Verführungskraft einer Haltung, die sich jederzeit aus der Verantwortung stehlen kann. Basil hingegen ist der Roman in seiner verletzlichen, vielleicht ehrlichsten Form: die Liebe, die sich als Bewunderung tarnt und doch mehr will als ein Objekt. In diesem Dreieck liegt Wildes eigentliche Präzision. Er schreibt nicht „Gut gegen Böse“, sondern zeigt, wie sich das Gute in Schwärmerei verausgabt, während das Böse sich als Charme verkleidet und das Opfer am Ende beides wird: Täter und Ausstellungsstück.

Dass „Dorian Gray“ oft im Schaufenster des Horrors steht, ist verständlich, aber ein wenig bequem. Der Schrecken kommt nicht aus dunklen Fluren, sondern aus hell erleuchteten Räumen, in denen man über Kunst und Tugend plaudert, während man Menschen ruiniert wie man ein Glas fallen lässt. Das Gemälde ist keine Spukattraktion, sondern ein buchstäbliches Gewissen, das nicht mehr wehtut, weil es ausgelagert wurde. Darin steckt eine Bosheit, die der Roman genial ausspielt: Wer die Konsequenzen nicht mehr spürt, verliert nicht nur Scham, sondern auch Wirklichkeitssinn. Dorian wird zur perfekt erhaltenen Oberfläche, hinter der alles fault. Und Wilde, der große Entertainer, lässt uns bei diesem Verfall nicht in düsterer Schwere versinken, sondern in einem Feuerwerk aus Dialog, Witz und glänzendem Stil. Genau das macht die Lektüre so gefährlich verführerisch: Man genießt, wie man sich entsetzt.

Am Ende bleibt für mich ein Urteil, das man dem Buch kaum hoch genug anrechnen kann: Es ist nicht bloß ein Roman über Eitelkeit, sondern über die Bankrotterklärung eines Lebens, das nur noch aus Wirkung besteht. Dorian ist die radikale Fantasie, keine Rechnung mehr zu bekommen, und zugleich die Strafe dafür, sie haben zu wollen. Wildes Kunst besteht darin, dass er die Moral nicht predigt, sondern ästhetisch zwingend macht: Man sieht das Verderben, man versteht es, und man ertappt sich dabei, wie man für einen Moment trotzdem mitgehen möchte. Ein Klassiker, ja, aber einer, der nicht ehrfürchtig im Museum hängt, sondern einem im eigenen Wohnzimmer den Spiegel so hinhält, dass man unwillkürlich wegschaut.

Freitag, 16. Januar 2026

Wir haben keine Antimemetik-Abteilung von Sam Hughes

Wir haben keine Antimemetik-Abteilung von Sam Hughes

Titel des Buches
Seiten: 320
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453275535
Kaufen: Amazon.de
Was bleibt, wenn die Erinnerung verschwindet
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Willkommen in der Antimemetik-Abteilung!

Ein Antimeme ist eine Idee, die sich selbst zensiert – ein Gedanke, der von Natur aus verhindert, dass Menschen ihn mit anderen teilen wollen oder können. Passwörter zum Beispiel fallen ebenso darunter wie schmutzige Geheimnisse, komplexe mathematische Gleichungen, langweilige Geschichten, zufällige Zahlenkombinationen oder der Inhalt Ihrer Träume. Das sind normale Antimemes.

Anomale Antimemes hingegen sind eine ganze andere Sache. Wie behält man etwas unter Kontrolle, von dem man keine Aufzeichnungen erstellen und an das man sich nicht erinnern kann? Wie kämpft man gegen einen Feind, der sich so perfekt tarnt, dass man nicht einmal mitbekommt, dass man sich im Krieg befindet?

Um das herauszufinden, haben wir die Abteilung für Antimemetik.

Nein, das ist nicht Ihr erster Arbeitstag hier.

Review:

Es gibt Bücher, die man liest, und solche, die einen lesen. Wir haben keine Antimemetik-Abteilung gehört entschieden zur zweiten Kategorie. Sam Hughes legt hier kein wohltemperiertes Science-Fiction-Narrativ vor, sondern ein intellektuelles Minenfeld, das sich mit jeder Seite neu verlegt. Wer nach Orientierung sucht, wird sie verlieren; wer bereit ist, sie aufzugeben, gewinnt etwas Seltenes: das Gefühl, dass Literatur noch in der Lage ist, das Denken selbst anzugreifen.

Hughes’ zentrale Idee ist so schlicht wie beunruhigend: Was, wenn es Informationen gibt, die sich ihrer eigenen Wahrnehmung entziehen, Gedanken, die gelöscht werden, sobald sie gedacht werden? Aus diesem Gedanken spinnt der Autor ein Geflecht aus Fragmenten, Protokollen, Erinnerungslücken und erzählerischen Aussetzern. Das ist kein stilistischer Spleen, sondern Methode. Die Form sabotiert den Leser genauso wie der Inhalt. Man stolpert, vergisst, liest zurück, zweifelt an dem, was man gerade verstanden zu haben glaubt. Das Buch zwingt zur aktiven Mitarbeit, und es tut das mit einer fast sadistischen Konsequenz.

Besonders wirkungsvoll ist dabei, dass der Horror nicht primär aus Monstern oder Effekten entsteht, sondern aus Erkenntnis. Die eigentliche Bedrohung ist epistemologisch: Wenn Wissen selbst zum Feind wird, kollabiert jede Gewissheit. Hughes trifft damit einen Nerv unserer Zeit, in der Wirklichkeit zunehmend verhandelbar erscheint und Wahrnehmung zur manipulierbaren Ressource wird. Die Schrecken, die hier verhandelt werden, sind kosmisch, ja, aber sie sind vor allem zutiefst menschlich. Immer dann, wenn das Buch sich auf einzelne Figuren konzentriert, auf ihre Verwirrung, ihre Opfer, ihre verzweifelte Pflichterfüllung, gewinnt es eine emotionale Schärfe, die lange nachwirkt.

Gleichzeitig ist dieses Buch alles andere als makellos. Die Prosa wirkt stellenweise roh, manchmal ungezügelt, als hätte ein strenger Lektor gutgetan. Erklärpassagen häufen sich, Figuren bleiben Skizzen, und das große Finale überschreitet für manchen Leser womöglich die Grenze vom Kühnen zum Willkürlichen. Doch gerade diese Unordnung passt unheimlich gut zu einem Text, der von ausgelöschten Zusammenhängen und zerfallender Kohärenz handelt. Die Schwächen sind nicht immer entschuldbar, aber sie sind produktiv.

Am Ende bleibt ein Buch, das man nicht einfach zuklappt und beiseitelegt. Es nistet sich ein, arbeitet weiter, stellt Fragen, die sich nicht beantworten lassen, ohne neue Abgründe zu öffnen. Wir haben keine Antimemetik-Abteilung ist keine gefällige Lektüre, kein literarisch poliertes Schmuckstück. Es ist ein riskantes, forderndes, manchmal widerspenstiges Werk, das dort erfolgreich ist, wo es wehtut. Und genau deshalb ist es eines der klügsten und verstörendsten Science-Fiction-Bücher der letzten Jahre.

Sonntag, 11. Januar 2026

Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104 von Susanne Abel

Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104 von Susanne Abel 

Titel des Buches
Seiten: 544
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3423283920
Kaufen: Amazon.de
Nachkriegskinder und ihre späten Stimmen
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Es gibt keinen Weg, der nicht irgendwann nach Hause führt

Am Ende des Zweiten Weltkriegs wird mitten in Deutschland ein kleiner Junge gefunden, der nichts über sich selbst und seine Herkunft weiß. Sein Alter wird geschätzt, er bekommt den Namen Hartmut und wächst in einem katholischen Kinderheim auf, in dem viel Ordnung und noch mehr Zucht herrscht.

Wer ist man, wenn man niemand ist? 

Dort lernt er die etwas ältere Kriegswaise Margret kennen, die ihn Hardy nennt und schon im Heim zu beschützen versucht. Die beiden werden zu einer unverzichtbaren Stütze füreinander und beschließen, sich nie wieder loszulassen.

Klug, einfühlsam und berührend erzählt Susanne Abel in ihrem neuen Roman von der lebenslangen Liebe zweier Heimkinder.

Doch während sie mit aller Kraft versuchen, gemeinsam das Geschehene zu vergessen und ein normales Leben zu führen, werden die Folgen ihrer Vergangenheit auch für die nachkommenden Generationen bestimmend.

Eindringlich und aufrüttelnd. Ein bewegender Familienroman über den Einfluss unserer Vergangenheit auf unsere Nachkommen.

Die kleine Emily leidet unter dem hartnäckigen Schweigen ihrer Urgroßeltern Margret und Hardy, bei denen sie wegen des unsteten Lebenswandels ihrer Mutter aufwächst. Als Jugendliche beginnt sie schließlich, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Wird es ihr gelingen, das Erbe der unverarbeiteten Traumata ihrer Familie endlich aufzubrechen?

Review:

Dieses Buch beginnt dort, wo Literatur wehtut: bei der Erkenntnis, dass Leid nicht vergeht, nur weil Zeit vergeht. Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104 von Susanne Abel ist kein Roman, der um Aufmerksamkeit buhlt, sondern einer, der sie einfordert. Mit leiser Beharrlichkeit zieht er den Leser in eine Geschichte hinein, deren emotionale Wucht sich nicht aus dramaturgischen Kunstgriffen speist, sondern aus der nüchternen Konsequenz menschlicher Erfahrung.

Im Zentrum stehen Hardy und Margret, zwei Kinder, die sich im Nachkriegsdeutschland in einem katholischen Heim begegnen, einem Ort systematischer Entwürdigung, der weniger Zuflucht als Verwaltungseinheit des Grauens ist. Abel beschreibt diese Welt ohne sensationslüsterne Überzeichnung. Gerade darin liegt ihre Stärke. Die Gewalt wirkt umso erschütternder, weil sie als Alltag erscheint, als Normalität eines Systems, das Kinder nummeriert, bricht und anschließend vergisst. Parallel dazu entfaltet sich die Geschichte der Urenkelin Emily in der Gegenwart, ein kluger erzählerischer Schachzug, denn hier wird sichtbar, was Traumata anrichten, wenn sie verschwiegen, verdrängt und weitervererbt werden. Familie erscheint nicht als romantischer Schutzraum, sondern als fragiles Gefüge aus Abhängigkeiten, Versäumnissen und gelegentlichen Rettungen.

Abel interessiert sich weniger für große historische Thesen als für ihre seelischen Nachbeben. Sie zeigt, wie aus erlittener Ohnmacht stille Sanftmut werden kann oder pragmatische Härte, wie Schutzinstinkte kippen, wie Nähe misslingt, obwohl sie gewollt ist. Ihre Figuren sind nicht darauf angelegt, geliebt zu werden. Manche bleiben sperrig, widersprüchlich, ja unangenehm. Gerade das verleiht dem Roman Glaubwürdigkeit. Die Gegenwartsebene mit Emily führt schmerzhaft vor Augen, wie aktuell diese Geschichten sind, wie schnell gesellschaftliche Strukturen wieder versagen können und wie dünn die Schicht der Sicherheit ist, die wir Fortschritt nennen.

Sprachlich bewegt sich der Roman bewusst auf verständlichem Terrain. Das ist kein literarisches Hochseil, sondern solides Erzählen, manchmal fast zu schlicht, um der thematischen Schwere ganz gerecht zu werden. Doch Abel kompensiert dies durch akribische Recherche und einen respektvollen Umgang mit dem Stoff. Nichts wirkt ausgestellt, nichts als bloßer Schockeffekt missbraucht. Dass sie dunkle Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte sichtbar macht, ohne sie zu instrumentalisieren, ist eine bemerkenswerte Leistung. Der Roman informiert, ohne belehrend zu sein, und rührt, ohne sentimental zu werden.

Am Ende steht ein Buch, das erschöpft zurücklässt, aber nicht leer. Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104 ist keine angenehme Lektüre, doch eine notwendige. Es erinnert daran, dass Erinnerung Arbeit ist und Verantwortung. Susanne Abel gelingt ein Roman, der nicht tröstet, sondern ernst nimmt. Und genau darin liegt seine nachhaltige Kraft.

Dienstag, 6. Januar 2026

Die Chronik der Drachenlanze von Tracy Hickman, Margaret Weis

Die Chronik der Drachenlanze von Tracy Hickman, Margaret Weis 

Titel des Buches
Seiten: 1280
Verlag: Penhaligon 
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3764533706
Kaufen: Amazon.de
Die ehrliche Naivität der großen Fantasy
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

»Die Chronik der Drachenlanze« gehört ohne Zweifel zu den größten Klassikern der Fantasy-Literatur. Allein im deutschsprachigen Raum verschlangen hunderttausende Leser*innen die Romane über die Rückkehr der Drachen und die mächtigen Lanzen, welche als einzige Waffen die Bestien zu Fall bringen können. Endlich sind die Abenteuer der Helden der Drachenlanze wieder in gedruckter Form lieferbar. Alle drei Bände der Chronik der Drachenlanze gemeinsam in dieser prächtigen Sonderausgabe lassen die Herzen aller Drachenfans höherschlagen. Der hochwertig veredelte Einband, die farbigen Karten auf dem Vorsatz und die Schwarz-Weiß-Illustrationen im Innenteil machen dieses Buch zu einem echten Hingucker und einem begeisternden Geschenk.

Review:

Manche Fantasyzyklen verdanken ihren Rang weniger literarischer Raffinesse als einer historischen Wirkungsmacht, die sich erst im Rückblick vollständig erschließt. Die Chronik der Drachenlanze ist genau ein solches Werk. Tracy Hickman und Margaret Weis haben mit ihrer Trilogie keinen Gegenentwurf zur klassischen Fantasy geschrieben, sondern deren Reinform destilliert: pathetisch, direkt, voller Überzeugung. Das Ergebnis ist eine Erzählung, die sich nicht entschuldigt, nicht ironisiert und nichts dekonstruiert, sondern mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit an das glaubt, was sie erzählt. Genau das macht sie heute zugleich angreifbar und bemerkenswert.

Wer mit dem abgeklärten Blick eines modernen Fantasylesers nach Krynn zurückkehrt, wird schnell feststellen, dass hier kein literarisches Feinschmeckermenü serviert wird. Gut und Böse sind klar markiert, Emotionen werden nicht angedeutet, sondern ausformuliert, und erzählerische Überraschungen bewegen sich meist innerhalb vertrauter Bahnen. Die Chronik liebt die großen Gesten, die klare Moral, das Schicksalhafte. Das kann vorhersehbar wirken, gelegentlich auch unbeholfen. Doch gerade diese Unverfrorenheit verleiht der Trilogie ihre eigentümliche Kraft. Sie will nicht subtil sein, sondern wirksam. Und sie ist es.

Ihr größtes Kapital sind die Figuren, auch wenn sie streng genommen eher Archetypen als psychologisch fein modellierte Charaktere sind. Dennoch bleiben sie haften. Der zerrissene Halbelf, der ehrenbesessene Ritter, der brummige Zwerg, die idealisierte Liebe, die an der Realität scheitert. Vor allem aber der Magier Raistlin Majere, diese faszinierende Fehlstelle im moralischen Gefüge der Reihe. In ihm öffnet sich ein Abgrund, der über das klassische Abenteuermuster hinausweist. Sein Hunger nach Macht, sein Leiden, seine bewusste Abkehr vom Trost der Gemeinschaft verleihen der Chronik eine dunklere Note, die bis heute nachwirkt. Dass ausgerechnet diese Figur für viele Leser zur zentralen Identifikationsfigur wurde, spricht Bände über die unterschwellige Ambivalenz, die das Werk trotz aller Vereinfachung durchzieht.

Erzählerisch folgt die Trilogie einem klaren Spannungsbogen. Der erste Band lebt vom Zusammenfinden, vom Entwurf einer Welt, die sich großzügig öffnet und ihre Mythen beinahe beiläufig ausbreitet. Der zweite Band verschärft den Ton, zerlegt die Gemeinschaft und treibt die Handlung voran, nicht immer elegant, mitunter sprunghaft, aber spürbar ambitionierter. Der Abschluss schließlich findet zu erzählerischer Geschlossenheit zurück, zieht das Tempo an und gönnt selbst den Antagonisten eine Präsenz, die ihnen zuvor gefehlt hat. Nicht alles greift perfekt ineinander, manches wirkt hastig oder überladen, doch das Finale besitzt jene befriedigende Wucht, die man von einer klassischen Heldensage erwartet.

All dies gilt umso mehr für diese prachtvolle Gesamtausgabe, die dem Werk auch äußerlich den Rang eines Klassikers zuspricht. Der hochwertig veredelte Einband, die farbigen Karten, die Illustrationen im Innenteil machen unmissverständlich klar, dass hier nicht bloß Unterhaltung, sondern ein Stück Genre-Geschichte präsentiert wird. Dieses Buch will nicht nur gelesen, sondern besessen werden. Es ist ein Gegenstand, der Wertschätzung signalisiert und die erzählerische Welt von Krynn haptisch erfahrbar macht.

Die Chronik der Drachenlanze ist keine große Literatur im strengen, akademischen Sinn. Aber sie ist große Fantasy im ursprünglichen Verständnis des Wortes: ein offenes Tor, durch das zahllose Leserinnen und Leser erstmals in andere Welten getreten sind. Man mag heute komplexere, düsterere, formal gewagtere Romane bevorzugen. Doch man vergisst selten die Reise, mit der alles begann. In dieser Ausgabe erinnert die Drachenlanze daran, warum Fantasy überhaupt die Kraft besitzt, Generationen zu prägen.

Donnerstag, 1. Januar 2026

Die Holländerinnen von Dorothee Elmiger

Die Holländerinnen von Dorothee Elmiger

Titel des Buches
Seiten: 160
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 344628298X
Kaufen: Amazon.de
Wenn Form zur Hauptfigur wird
Bewertung: 4/10 ⭐

Inhalt:

Dorothee Elmigers bildgewaltiger Roman – eine mitreißende Erfahrung. Wer diesen Text betritt, fällt in den Abgrund unserer Welt und blickt mit aufgerissenen Augen in die Finsternis. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis, dem Schweizer Buchpreis und dem Bayerischen Buchpreis 2025


Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter Theatermacher, der sie für sein neuestes Vorhaben zu gewinnen versucht – ein in den Tropen angesiedeltes Stück, die Rekonstruktion eines Falls. Wenige Wochen später bricht sie auf, um sich der Theatergruppe auf ihrem Gang ins tiefe Innere des Urwalds anzuschließen. Dorothee Elmiger erzählt eine beunruhigende Geschichte von Menschen und Monstren, von Furcht und Gewalt, von der Verlorenheit im Universum und vom Versagen der Erzählungen.

Review:

Dorothee Elmigers Die Holländerinnen ist ein Buch, das seine Leserinnen und Leser nicht umwirbt, sondern prüft. Schon auf den ersten Seiten macht es unmissverständlich klar, dass es keine Geschichte im herkömmlichen Sinn erzählen will, sondern eine Versuchsanordnung eröffnet: Angst als ästhetisches Prinzip, vermittelt durch Distanz, Verlagerung und formale Strenge. Wer hier Orientierung sucht, bekommt Schwebezustand. Wer Sinn erwartet, erhält Andeutung. Das ist konsequent, mutig und unerquicklich zugleich.

Elmiger entscheidet sich für eine Erzählhaltung, die alles Gesagte unter Vorbehalt stellt. Der durchgängige Konjunktiv wirkt wie eine Glasscheibe zwischen Text und Leser: Man sieht alles, aber man berührt nichts. Diese indirekte Rede erzeugt eine eigentümliche Kälte, die formal klug ist, emotional jedoch auszehrt. Angst soll nicht erlebt, sondern berichtet werden; nicht lodern, sondern zirkulieren. Der Dschungel, dieser traditionsreiche Ort literarischer Projektionen, bleibt dabei erstaunlich abstrakt. Er wird beschworen, umkreist, rhetorisch aufgeladen, doch nie wirklich bewohnt. Was als existenzielle Bedrohung gedacht ist, verfestigt sich in Wiederholungen, bis aus Beklemmung Behauptung wird.

Hinzu kommt eine Struktur, die sich beharrlich jeder Bündelung verweigert. Episoden aus dem Leben der Beteiligten drängen sich in den Text, lose verknüpft durch das Leitmotiv der Angst, aber ohne dramatische Notwendigkeit. Sie behaupten Bedeutung, ohne sie einzulösen. Die eigentliche Ausgangslage – das künstlerische Nachstellen eines realen Verschwindens – verdampft zur Folie, auf der Macht, Projektion und koloniale Schatten verhandelt werden sollen. Gedanklich ist das anspruchsvoll, literarisch oft präzise, doch erzählerisch bleibt es schwebend. Wo man Zuspitzung erwartet, folgt Abbruch. Wo Erkenntnis möglich wäre, endet der Text.

Man kann das als konsequente Verweigerung lesen, als bewussten Akt gegen narrative Ausbeutung und psychologische Vereindeutigung. Man kann es aber auch als Ermüdung empfinden: als Text, der seine eigenen Verfahren so ausstellt, dass sie am Ende mehr Aufmerksamkeit beanspruchen als das, was sie transportieren sollen. Elmiger vertraut der Komposition, dem Echo der Referenzen, der Strenge der Form. Vertrauen in die Lesenden hat sie ebenfalls. Vielleicht zu viel.

Mein Urteil fällt daher zwiespältig aus. Ich erkenne die Intelligenz dieses Buches, seine Ambition und seine handwerkliche Konsequenz. Ich sehe die Vision und respektiere ihre Radikalität. Doch Literatur darf anspruchsvoll sein, ohne sich zu entziehen, und komplex, ohne sich zu vernebeln. Die Holländerinnen ist ein Roman, der viel über Angst sagt, ohne sie spürbar zu machen, und der am Ende mehr Bewunderung als Beteiligung erzeugt. Das ist nicht nichts, aber es ist mir zu wenig.