Montag, 30. März 2026

Blood Debt – Blutschuld von Tom Wood

Blood Debt – Blutschuld von Tom Wood

Titel des Buches
Seiten: 440
Verlag: Ronin-Hörverlag, ein Imprint von Omondi GmbH
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3989555588
Kaufen: Amazon.de
Ein Killer, der Probleme zerlegt
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Sie wollen Vergeltung. Er wird kämpfen – bis der letzte Tropfen Blut vergossen ist!


Was als harmloser Urlaub beginnt, wird in nur vierundzwanzig Stunden zur tödlichen Falle. MI5, die russische Mafia und der brutale Gangsterboss King John – sie alle haben nur ein Ziel: Victor! Der gefährlichste Mafiaboss Londons wurde in seiner Suite ermordet – und nur wenige sind zu so etwas fähig. . 


Victor, der eiskalte Auftragskiller, kämpft gegen Feinde auf allen Seiten, ohne dass Verbündete in Sicht sind. Aber der Beste seines Fachs denkt nicht daran zu fliehen – nicht, solange es noch eine Schuld zu begleichen gibt. 


Mit Blut. Viel Blut.


Um seine Fehler der Vergangenheit wiedergutzumachen, arbeitet Victor im Dienst des gefährlichsten Verbrechersyndikats der Welt: der russischen Mafia. Doch als sein neuer Boss in London erschossen wird, gerät Victor selbst ins Fadenkreuz. Plötzlich ist er der Hauptverdächtige in einem Mordfall, der auch ein gefährliches Machtvakuum hinterlässt. Während alles in einem brutalen Revierkampf versinkt, bleibt Victor nur eine Wahl: den wahren Mörder finden – oder den ganzen Zorn der Mafia auf sich ziehen. 

Review:

Man kann Spannung auch flüstern. Tom Wood beherrscht diese Kunst wie nur wenige im Genre. Blood Debt – Blutschuld beginnt nicht mit einem Knall, sondern mit einer Verschiebung der Kräfteverhältnisse: Ein geplantes Treffen endet in einem Mord, und plötzlich steht derjenige im Zentrum des Verdachts, der sonst im Schatten operiert. Von diesem Moment an entwickelt sich eine Geschichte, die weniger durch Lautstärke als durch Präzision fesselt.

Victor bewegt sich durch ein Geflecht aus Misstrauen, konkurrierenden Interessen und kalkulierter Gewalt. Doch die eigentliche Dynamik entsteht in seinem Kopf. Er analysiert, antizipiert, zerlegt Situationen in ihre Bestandteile und setzt sie neu zusammen. Jede Handlung wirkt wie das Ergebnis einer bereits abgeschlossenen Rechnung. Wenn er eingreift, geschieht das nicht impulsiv, sondern mit der Konsequenz eines Denkers, der seine Optionen bis ins Letzte durchgespielt hat.

Gerade diese kühle Rationalität macht die Figur so reizvoll. Victor ist kein klassischer Actionheld, sondern ein Spezialist für Kontrolle unter extremem Druck. Seine Gewalt ist Mittel zum Zweck, nie Selbstzweck. Wood kontrastiert diese Härte geschickt mit leisen Momenten, in denen Vergangenheit, Loyalität und ein Hauch von Melancholie aufscheinen. Diese Nuancen verhindern, dass Victor zur bloßen Funktion seiner Fähigkeiten reduziert wird.

Auch erzählerisch zeigt sich Wood bemerkenswert souverän. Die Handlung verzweigt sich, mehrere Akteure verfolgen eigene Ziele, und doch bleibt die Struktur jederzeit klar. London dient nicht nur als Kulisse, sondern als glaubwürdiger Raum, in dem Macht, Geld und Einfluss ineinandergreifen. Nichts wirkt aufgesetzt, vieles ist präzise beobachtet.

Dass eine so lange Serie noch immer Spannung erzeugt, ist keine Selbstverständlichkeit. Die bekannten Elemente sind vorhanden, doch sie werden variiert und weiterentwickelt. Wood vertraut auf die Stärke seiner Figur und auf die Intelligenz seines Plots, ohne in Routine zu verfallen.

Am Ende steht ein Thriller, der seine Wirkung aus Kontrolle und Klarheit bezieht. Kein überdrehtes Spektakel, sondern ein präzise komponiertes Spiel aus Denken und Handeln. Victor bleibt eine Ausnahmeerscheinung, und Tom Wood beweist erneut, dass echte Spannung dort entsteht, wo ein Autor seine Mittel vollständig beherrscht.

Mittwoch, 25. März 2026

The Sword of Kaigen von M.L. Wang

The Sword of Kaigen von M.L. Wang

Titel des Buches
Seiten: 624
Verlag: Adrian & Wimmelbuchverlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 398585274X
Kaufen: Amazon.de
Zwischen Pathos und Planlosigkeit
Bewertung: 3/10 ⭐

Inhalt:

Eine Mutter, die darum kämpft, ihre gewalttätige Vergangenheit zu verdrängen, ein Sohn, der darum kämpft, seine gewalttätige Zukunft zu begreifen, ein Vater, der blind ist für die Gefahr, die sie alle bedroht. Wird die Matsuda-Familie die Kraft haben ihr Reich zu verteidigen, wenn die Winde des Krieges ihre Halbinsel erreichen? Oder werden sie sich gegenseitig zerfleischen, bevor die wahren Feinde überhaupt die Küsten erreichen? Hoch oben an einem Berghang am Rande des Kaigenese-Reiches leben die mächtigsten Krieger der Welt, Übermenschen, die in der Lage sind, das Meer zu heben und Eisklingen zu schwingen. Seit Hunderten von Jahren haben die Kämpfer der Kusanagi-Halbinsel die Feinde des Imperiums in Schach gehalten und ihrer gefrorenen Landzunge den Namen "Das Schwert von Kaigen" eingebracht.


Der vierzehnjährige Mamoru wurde in die legendäre Matsuda-Familie von Kusanagi hineingeboren und kannte schon immer seine Bestimmung: die Kampftechniken seiner Familie zu beherrschen und seine Heimat zu verteidigen. Doch als ein Außenseiter auftaucht und den Vorhang über Kaigens angebliches Zeitalter des Friedens lüftet, wird Mamoru klar, dass er vielleicht nicht mehr viel Zeit hat, um zu dem Kämpfer zu werden, zu dem er herangezogen wird. Schlimmer noch, das Imperium, zu dessen Verteidigung er bestimmt ist, könnte auf einem Fundament von Lügen stehen.


Misaki sagte sich, dass sie die Leidenschaften ihrer Jugend hinter sich gelassen hatte, als sie in das Matsuda-Haus einheiratete. Entschlossen, eine gute Hausfrau und Mutter zu sein, versteckte sie ihr Schwert und alles aus ihrer Zeit als Kämpferin in einem fernen Land. Doch mit ihrem heranwachsenden Sohn, der Fragen über die Außenwelt stellt, der Bedrohung durch eine bevorstehende Invasion auf dem Meer und ihrem eiskalten Ehemann, der ihre Nerven reizt, findet Misakis Kämpfernatur wieder den Weg zurück an die Oberfläche.

Review:

Manchmal sind es gerade die laut bejubelten Romane, bei denen sich beim Lesen ein leiser Widerstand regt. The Sword of Kaigen von M.L. Wang ist ein solches Buch. Umgeben von einem fast einhelligen Chor der Begeisterung, entfaltet es auf den ersten Blick all jene Qualitäten, die große Fantasy verspricht, nur um sich im weiteren Verlauf zunehmend in Widersprüche zu verstricken, die man nicht ignorieren kann.

Wang entwirft eine Welt, die auf den ersten Blick fasziniert: ein eigenwilliges Amalgam aus pseudo-japanischer Tradition, moderner Technologie und elementarer Magie. Menschen schleudern Eis und Wind, während andernorts Satelliten kreisen, eine ästhetische Spannung, die durchaus ihren Reiz entfalten könnte. Auch sprachlich zeigt die Autorin immer wieder, dass sie Atmosphäre erzeugen kann, dass sie Räume und Emotionen mit sensorischer Präzision auflädt. Wenn dieses Buch funktioniert, dann in Momenten konzentrierter Intensität, insbesondere in den großen Kampfszenen, die vor Einfallsreichtum und kinetischer Wucht beinahe überquellen.

Doch genau hier beginnt das Problem: Diese Szenen sind nicht nur Höhepunkte, sie sind Überdehnungen. Was als dramatischer Kern gedacht ist, wächst sich zu epischer Selbstverliebtheit aus. Kämpfe dauern nicht Seiten, sondern Kapitel. Und während Schwerter aufeinandertreffen, verliert die Erzählung zunehmend das Gespür für Rhythmus. Das Resultat ist paradox: Ein Roman, der von spektakulären Ereignissen lebt und sich dennoch über weite Strecken unerquicklich zäh anfühlt.

Im Zentrum steht Misaki Matsuda, eine Figur, die offensichtlich als emotionales Rückgrat konzipiert ist. Eine Mutter, gefangen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen unterdrückter Identität und familiärer Pflicht. Das ist, auf dem Papier, ein vielversprechender Ansatz. Doch die Umsetzung schwankt. Misaki oszilliert zwischen Stärke und Apathie, zwischen Fürsorge und Distanz, ohne dass diese Widersprüche überzeugend ineinandergreifen. Ihre Entwicklung wirkt weniger wie ein organischer Prozess als wie eine Abfolge von Zuständen, die je nach dramaturgischem Bedarf aktiviert werden.

Hinzu kommt eine thematische Unentschlossenheit, die sich durch den gesamten Roman zieht. Ist dies eine Geschichte über familiäre Entfremdung? Über staatliche Propaganda? Über weibliche Selbstermächtigung in einem patriarchalen System? Oder doch ein Kriegsdrama? Wang scheint all diese Fragen gleichzeitig stellen zu wollen und beantwortet keine davon mit der nötigen Konsequenz. Der vielbeschworene Krieg etwa entpuppt sich eher als episodisches Ereignis denn als strukturierendes Element. Er kommt spät, explodiert kurz und verpufft dann in einem Nachklang, der sich über Hunderte Seiten zieht, ohne echte narrative Notwendigkeit zu entwickeln.

Auch strukturell wirkt der Roman erstaunlich unfokussiert. Perspektivwechsel unterbrechen mehr, als dass sie vertiefen. Spät eingeführte Handlungsstränge wirken wie nachträgliche Erweiterungen eines bereits abgeschlossenen Textes. Was als in sich geschlossenes Werk verkauft wird, hinterlässt den Eindruck eines Fragments, eines Auftakts, der nie entschieden hat, ob er tatsächlich beginnen will.

Und doch wäre es zu einfach, The Sword of Kaigen als bloß gescheitert abzutun. Dafür ist das handwerkliche Können zu offensichtlich. Die Welt besitzt Kontur, die Figuren zumindest in Ansätzen Tiefe und in den besten Momenten blitzt eine erzählerische Kraft auf, die erahnen lässt, was dieses Buch hätte sein können: ein intensives, vielschichtiges Familiendrama vor dem Hintergrund einer erschütterten Weltordnung.

So bleibt am Ende ein seltsam zwiespältiger Eindruck. Ein Roman, der gleichzeitig zu viel will und zu wenig erreicht. Der mit großem Gestus antritt, aber im entscheidenden Moment die Kontrolle über sich selbst verliert. Man legt ihn aus der Hand mit dem Gefühl, etwas Bedeutendes gelesen zu haben und zugleich mit der leisen Irritation, dass dieses Bedeutende nie ganz greifbar wurde.

Montag, 23. März 2026

Wörterbuch der Sprache der Blumen von António Lobo Antunes

Wörterbuch der Sprache der Blumen von António Lobo Antunes

Titel des Buches
Seiten: 448
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3630877362
Kaufen: Amazon.de
Ein Roman wie ein Echo – Stimmen, Blumen und ein verschwundener Mensch
Bewertung: 6/10 ⭐

Inhalt:

23 Erzähler*innen, 23 Geschichten und ein Menschenleben.


Er ist gebildet, elegant und zurückhaltend. Er ist der Sohn einer verarmten Großgrundbesitzerfamilie. Und er ist aktives Mitglied der Kommunistischen Partei Portugals. Letzteres wird ihn in die Fänge der Polizei und schließlich in die entsetzlichen Gefängnisse des Salazarregimes bringen. Dass die Partei nicht zu ihm stehen wird - vermutlich wegen seiner Homosexualität -, ist nur eines von vielen weiteren Hindernissen auf seinem Lebensweg.

Der Roman »Das Wörterbuch der Sprache der Blumen« setzt Júlio Melo Fogaça, einer bedeutenden, aber in Vergessenheit geratenen Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts ein Denkmal. In dreiundzwanzig Kapiteln erzählen dreiundzwanzig Menschen, die ihm begegnet sind, die ihn gekannt, ihn geliebt haben, von ihrem Leben und von der Rolle, die er darin gespielt hat. Es ist die Erinnerung an ein Menschenleben und eine Geschichte von Sehnsucht und Hoffnung, Armut und Einsamkeit, Schönheit und Natur, die Weltliterat António Lobo Antunes in seiner einzigartig kunstvollen Sprache heraufbeschwört.

Review:

Man kann António Lobo Antunes vieles vorwerfen, aber gewiss nicht, dass er es seinen Lesern leicht macht. „Wörterbuch der Sprache der Blumen“ ist kein Roman, den man liest, sondern einer, in den man gerät wie in eine Strömung. Wer versucht, sich an Handlung oder Orientierungspunkten festzuhalten, wird rasch merken, dass dieser Text andere Absichten verfolgt. Er will nicht erzählen. Er will erinnern. Und Erinnerungen, das weiß jeder, folgen keiner Chronologie.

Im Zentrum dieses eigentümlichen literarischen Labyrinths steht Júlio Fogaça, eine reale Figur der portugiesischen Geschichte, Kommunist, politischer Gefangener, ein Mann, über den offenbar viel gesprochen wurde und den doch niemand wirklich kannte. Antunes nähert sich ihm nicht frontal, sondern umkreist ihn mit Stimmen. Dreiundzwanzig Menschen treten auf, manche nur flüchtige Bekanntschaften, andere näher, und jeder fügt dem Porträt eine Nuance hinzu. Doch je mehr Stimmen sich melden, desto deutlicher wird die paradoxe Pointe des Buches: Die Figur in der Mitte bleibt ein Schatten.

Antunes komponiert diese Stimmen wie ein musikalisches Stück. Gedankenströme, Erinnerungsfetzen, halbe Sätze, wiederkehrende Motive treiben durch die Kapitel, als hätte jemand die inneren Monologe der Figuren direkt aus ihrem Bewusstsein abgeschrieben. Ein verstimmtes Klavier taucht immer wieder auf, Kindheitserinnerungen flackern auf, Krankheiten, Einsamkeit, Verlust. Die Sätze mäandern durch Zeiten und Gedanken, springen von Gegenwart zu Vergangenheit, von Beobachtung zu Assoziation, oft innerhalb einer einzigen langen Atembewegung der Sprache. Man liest das nicht so sehr, man hört es beinahe.

Das hat eine eigentümliche Wirkung. Einerseits entfaltet sich eine melancholische Sogkraft, die typisch für Antunes ist: diese tiefe, portugiesische Traurigkeit, in der die Kindheit wie ein verlorenes Land aufscheint. Andererseits verlangt die Prosa Geduld. Wer lineare Erzählung erwartet, wird sich durch Schichten von Sprache graben müssen, bis sich so etwas wie eine Geschichte abzeichnet. Manche Leser werden darin eine hypnotische Schönheit entdecken, andere eher eine ermüdende Wiederholung, ein Kreisen um Motive, das gelegentlich droht, sich selbst zu genügen.

Und doch besitzt dieses Buch eine merkwürdige Eleganz. Die Blumen des Titels schweben durch den Text wie ein geheimnisvoller Code, erscheinen und verschwinden wieder, ohne je vollständig entschlüsselt zu werden. Vielleicht ist genau das die Pointe. Menschen lassen sich nicht wie Wörter in einem Lexikon definieren. Sie existieren in den Erinnerungen anderer, fragmentarisch, widersprüchlich, flüchtig wie ein Duft.

„Wörterbuch der Sprache der Blumen“ ist daher kein geeigneter Einstieg in das Werk von António Lobo Antunes. Wer seine Literatur kennenlernen will, sollte vermutlich anders beginnen. Doch für Leser, die sich auf seinen eigentümlichen Rhythmus einlassen können, entfaltet dieser Roman eine seltene literarische Erfahrung. Man verlässt ihn nicht mit Klarheit über Júlio Fogaça, sondern mit etwas Interessanterem: dem Gefühl, dass menschliche Identität vielleicht immer nur aus den Stimmen der anderen besteht. Und dass diese Stimmen, wie Blumen in einer Vase, langsam verwelken, während ihre Farben noch einen Moment in der Erinnerung nachleuchten.

Donnerstag, 19. März 2026

EDEN - Wenn das Sterben beginnt von Marc Elsberg

EDEN - Wenn das Sterben beginnt von Marc Elsberg

Titel des Buches
Länge: 15h 29min
Verlag: Random House Audio
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3759900577
Kaufen: Amazon.de
Globale Krise, erzählerische Schieflage
Bewertung: 6/10 ⭐

Inhalt:

Frühjahr: In der Karibik attackiert ein Riesenkalmar vor den Augen entsetzter Touristen einen Walhai. In der Bucht von Triest treiben Schwärme toter Fische. Im Amazonas verdorrt der Boden. Lokale Einzelphänomene der Natur – so scheint es. Doch weltweit beginnt etwas zu kippen …

Als das neue KI-Programm des IT-Experten Piero Manzano Alarm schlägt, ist die Prognose eindeutig: Binnen Monaten droht eine globale Megakrise. Gemeinsam mit dem reichweitenstarken Influencer Linus Strand und der jungen Meeresbiologin Sarah Keller macht Piero die Warnung öffentlich – und sie alle damit zur Zielscheibe. Mächtige Gegenspieler tun alles, um sie zum Schweigen zu bringen, während sich am Horizont ein Sturm zusammenbraut …

Review:

Marc Elsberg hat sich längst als literarischer Katastrophenarchitekt etabliert, als jemand, der mit Zahlen, Szenarien und systemischen Kettenreaktionen mehr Spannung erzeugt als andere mit Leichenbergen. Auch in "Eden: Das Sterben beginnt" verfolgt er diese bewährte Methode, diesmal allerdings mit einem deutlich düstereren Unterton. Was hier zerbricht, ist nicht nur Infrastruktur, sondern die Illusion, man könne ökologische Krisen weiterhin als isolierte Störungen behandeln.

Der Roman entfaltet seine Wirkung vor allem dort, wo er die globalen Verflechtungen sichtbar macht. Elsberg denkt nicht in Ereignissen, sondern in Abhängigkeiten: das sterbende Plankton, die hungernden Tiefseebewohner, kollabierende Fischbestände, verdorrende Böden am Amazonas und schließlich wirtschaftliche Schockwellen bis nach Europa. Diese Ketten sind klug konstruiert und erschreckend plausibel. Besonders die Einbindung realer Stoffströme - etwa die fatale Abhängigkeit europäischer Landwirtschaft von südamerikanischem Soja - verleiht dem Szenario jene unangenehme Nähe zur Wirklichkeit, die gute Thriller von bloßer Spekulation trennt. Man spürt: Hier schreibt keiner aus dem Bauch, sondern aus dem Recherchearchiv.

Doch Elsberg ist ein Autor, der selten Maß hält. "Eden" will alles zugleich sein: Umweltstudie, Politthriller, Mediensatire und Actionroman. Das Ergebnis ist ein permanenter Szenenwechsel, der weniger Dynamik als vielmehr Unruhe erzeugt. Kaum hat man sich in eine Situation eingedacht, wird man schon weitergereicht zum nächsten Krisenherd. Dieses narrative Stakkato verhindert, dass sich Spannung wirklich aufbauen kann – es ist, als würde man einen Film sehen, der im Sekundentakt den Kanal wechselt. Gerade die extrem kurzen Kapitel verstärken diesen Effekt bis zur Erschöpfung.

Hinzu kommt ein Figurenensemble, das funktional bleibt, wo es eigentlich berühren müsste. Der Influencer, der vom eitlen Selbstdarsteller zum geläuterten Aktivisten mutiert, wirkt weniger wie eine Entwicklung als wie ein dramaturgischer Schalter. Auch andere Figuren sind eher Träger von Positionen als von Persönlichkeit. Sie diskutieren, erklären, warne, aber selten leben sie. Selbst die Konflikte zwischen Politik und Wirtschaft geraten stellenweise zur Karikatur, als hätte man die Gegenspieler vorsorglich mit dem Etikett "überzeichnet" versehen.

Am problematischsten ist jedoch die Verdichtung der Katastrophen. Elsberg beschleunigt seine Apokalypse so stark, dass sie ihre eigene Glaubwürdigkeit untergräbt. Was als analytisch durchdachtes Szenario beginnt, kippt zunehmend ins Spektakelhafte. Explosionen ersetzen Einsichten, Eskalation ersetzt Entwicklung. Man ahnt, dass hier nicht nur ein Roman, sondern bereits ein Drehbuch im Hinterkopf mitläuft.

Besonders unerquicklich wird das Ganze in der Hörbuchfassung. Dass der Stoff ohnehin zur Überfrachtung neigt, macht jede Kürzung riskant – und genau das bestätigt sich hier. Rund eine Stunde Material fehlt, und man merkt es. Übergänge wirken noch abrupter, Entwicklungen noch sprunghafter, als sie es ohnehin schon sind. Es bleibt unverständlich, warum deutsche Verlage weiterhin gekürzte Hörbücher veröffentlichen, gerade bei einem Autor, dessen Wirkung so stark von der Detaildichte abhängt. Immerhin: Dietmar Wunder verleiht dem Text mit seiner präzisen, kontrollierten Stimme eine Gravitas, die das narrative Chaos zumindest akustisch zusammenhält.

So bleibt "Eden" ein zwiespältiges Lese- beziehungsweise Hörerlebnis. Ein Thriller, der mit beeindruckendem Wissen und relevanten Fragen operiert, sich aber in seiner eigenen Ambition verheddert. Elsberg zeigt eindrucksvoll, wie fragil unsere globalen Systeme sind, verliert dabei jedoch das erzählerische Gleichgewicht. Man liest - oder hört - gebannt, aber selten wirklich ergriffen.

Am Ende steht ein Buch, das mehr alarmiert als überzeugt: klug im Ansatz, überladen in der Ausführung, spannend, aber zu sprunghaft, um nachhaltig zu wirken. Drei von fünf Sternen.

Donnerstag, 12. März 2026

Können Sie mich sehen? von Martin Suter

Können Sie mich sehen? von Martin Suter

Titel des Buches
Seiten: 208
Verlag: Diogenes
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3257073828
Kaufen: Amazon.de
Agil, proaktiv – und herrlich entlarvt
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Ihre Methoden sind agil, sie handeln proaktiv, präsentieren nachhaltige und skalierbare Lösungen – Topmanager leben in anderen Sphären. Da, wo die Luft dünn ist und ein einziger Fauxpas den Fall ins Bodenlose bedeuten kann. Doch nun halten Frauen Einzug ins Habitat der Krawattenträger, und das bei den Angestellten so beliebte Homeoffice lässt die Führungsriege mit abgesägten Hosen dastehen. Die Herausforderungen werden diverser. Wem kann man noch trauen? Den Topkadern entgleitet die Kontrolle.

Review:

Wer je eine Videokonferenz erlebt hat, in der drei Viertel der Teilnehmer stumm geschaltet, aber dennoch ungeheuer wichtig wirken, ahnt, in welchem Biotop sich Martin Suter bewegt. Können Sie mich sehen? ist kein Roman, sondern ein Sammelsurium kurzer Szenen aus der Chefetage – und zugleich ein kleines zoologisches Handbuch über eine Spezies, die sich selbst für die Krone der Evolution hält: den Manager im mittleren bis oberen Management.

Suter betrachtet diese Welt mit der Präzision eines Ethnologen und der Geduld eines Satirikers. Seine Figuren sprechen eine Sprache, die vor lauter „Agilität“, „Transformation“ und „Proaktivität“ so glattpoliert ist, dass sie kaum noch Bedeutung transportiert. Doch gerade aus dieser semantischen Nebelmaschine entsteht der Witz der Texte. Die Manager reden unentwegt über Effizienz, während sie in Meetings und Kalendern versinken; sie halten sich für strategische Visionäre, stolpern jedoch regelmäßig über die eigenen Eitelkeiten. Besonders reizvoll ist, wie Suter diese Selbstgewissheit aus der Innenperspektive vorführt. Die Protagonisten glauben aufrichtig an ihre eigene Brillanz – und genau darin liegt die Komik.

Die Pandemie liefert dabei die ideale Versuchsanordnung. Die Chefetage verlagert sich ins Homeoffice, wo plötzlich die Hierarchie mit Badelatschen und WLAN-Schwankungen kollidiert. Suter zeigt diese neue Arbeitswelt als eine Art groteske Bühne: Männer im maßgeschneiderten Anzug über dem Schreibtisch, darunter möglicherweise Jogginghose; Führungskräfte, die versuchen, im digitalen Raum ihre Autorität zu behaupten, während der Bildschirm gelegentlich einfriert. Diese kleinen Verschiebungen entlarven die fragile Architektur der Macht. Wer im Konferenzraum souverän wirkte, verliert vor der Webcam plötzlich die Kontrolle über Tonspur, Timing und Image.

Was Suter besonders gut kann, ist die Kunst der dosierten Bosheit. Seine Geschichten sind selten laut, sie arbeiten mit leiser Ironie. Ein falscher Kalendereintrag, ein missverstandener Anruf oder eine strategische Fehlinterpretation genügt, um eine Karriere ins Schlingern zu bringen. Dabei entstehen diese Momente nicht aus großer Tragik, sondern aus banalen Missverständnissen und überdimensionierten Egos. Man liest das mit einer gewissen diebischen Freude – nicht zuletzt, weil viele dieser Situationen erschreckend real wirken.

Allerdings merkt man dem Band auch an, dass Suters berühmtes Pointenfeuerwerk hier gelegentlich auf Sparflamme läuft. Manche Wendungen lassen sich erahnen, bevor sie eintreten, und nicht jede Miniatur entfaltet die gleiche Präzision. Doch selbst dort, wo die Pointe vorhersehbar ist, bleibt die Beobachtungsgabe des Autors bemerkenswert. Suter versteht die Mechanik dieser Welt zu gut, um sie wirklich langweilig werden zu lassen.

Am Ende funktioniert Können Sie mich sehen? weniger als literarisches Großereignis denn als eleganter Spiegel der modernen Arbeitskultur. Ein Spiegel, der freundlich lächelt und gleichzeitig gnadenlos entlarvt. Man klappt das Buch zu, schmunzelt – und fragt sich unwillkürlich, wie viele dieser Manager gerade jetzt in einer Videokonferenz sitzen und mit ernster Miene versuchen, die Kamera richtig auszurichten.

Dienstag, 3. März 2026

Erddämmerung – Schwarzes Glas von James Rollins

Erddämmerung – Schwarzes Glas von James Rollins 

Titel des Buches
Seiten: 896
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453321294
Kaufen: Amazon.de
Groß gedacht, zu breit erzählt
Bewertung: 4/10 ⭐

Inhalt:

In ferner Zukunft hat die Erde aufgehört, sich zu drehen. Jetzt droht ihr eine weitere Katastrophe: Der Mond wird auf sie herabstürzen und alles Leben vernichten. Nyx, die blinde Seherin, hat versucht, die Herrschenden zu warnen, doch niemand glaubte ihren Visionen – bis auf ihre Gefährten, mit denen sie sich jetzt auf den Weg in die Wüste macht. Dort, wo die Sonne erbarmungslos vom Himmel brennt, liegt eine Waffe aus uralter Zeit verborgen, die die Apokalypse verhindern kann. Doch Nyx‘ Feinde sind ihr dicht auf den Fersen, und ihr bleibt nicht mehr viel Zeit …

Review:

Manchmal ist es nicht die Apokalypse, die ein Epos ins Wanken bringt, sondern sein eigenes Übergewicht. James Rollins, als Thriller-Autor seit Jahren ein Garant für Tempo und technische Raffinesse, hat sich mit seiner Moonfall-Saga in ein ambitioniertes Fantasy-Unternehmen gestürzt. Der Mond droht auf die Urth zu stürzen, Kontinente beben, Reiche zerfallen, und irgendwo unter ewigem Eis schlummert eine Waffe aus schwarzem Glas, die Rettung oder Untergang bedeuten könnte. Das ist der Stoff, aus dem große Mythen gemacht sind.

Und tatsächlich: Rollins beherrscht das große Besteck des Worldbuildings. Luftschiffe segeln über Sandmeere, uralte Drachen wachen über vergessene Geheimnisse, politische Intrigen durchziehen die Kronlande wie Haarrisse im Gestein. Seine Welt ist detailverliebt konstruiert, mit eigenen Mythen, Völkern, Sprachen und einem Figurenarsenal, das problemlos eine Opernbühne füllen könnte. Dass dem Roman ein mehrseitiges Personenverzeichnis vorangestellt ist, ist weniger Gimmick als Überlebenshilfe.

Im Zentrum steht Nyx, jene junge Heldin, deren Gabe des Bridle-Song sie ebenso zur Hoffnungsträgerin wie zur potenziellen Gefahr macht. Sie ist die eigentliche Energiequelle des Romans. Wo sie zweifelt, hadert, Verantwortung trägt, gewinnt der Text an Kontur. Auch die moralische Kontrastfolie zu Prinz Kanthe, der bereit scheint, alles zu opfern, verleiht der Handlung philosophische Spannung: Rettet man die Welt um den Preis der Menschlichkeit oder gerade durch sie?

Doch so kraftvoll die Prämisse ist, so unerquicklich gerät ihre Ausfaltung. Der Roman verzettelt sich in Nebenkriegsschauplätzen, die wie lose Gerölllawinen vom eigentlichen Plot ablenken. Schlachten werden mit einer Ausführlichkeit zelebriert, die weniger dramatisch als ermüdend wirkt. Man spürt förmlich, wie sich das Erzähltempo im Sand der Wüste festfährt. Ganze Passagen ließen sich streichen, ohne dass das Schicksal der Welt auch nur einen Millimeter näher rückte.

Hinzu kommt eine Figurenführung, die nicht immer glücklich ist. Charaktere, die einst eigenständig und vielversprechend eingeführt wurden, verkommen zu Statisten im Schatten stärkerer Persönlichkeiten. Andere, namentlich gewisse Antagonisten, wirken eher wie dramaturgische Störgeräusche denn wie ernstzunehmende Gegenspieler. Die Vielzahl an Perspektiven erzeugt zwar ein Panorama, aber kein Brennglas. Man sieht viel – doch fühlt man weniger, als man sollte.

Das eigentliche Problem jedoch liegt in der Dramaturgie des Gesamtprojekts. Was als Trilogie angekündigt war, entpuppt sich nun als Vierteiler. Dieser Band hätte, mit straffer Komposition, durchaus als Finale funktionieren können. Stattdessen bleibt vieles in der Schwebe, als würde der drohende Mond nicht nur die Urth, sondern auch die Geduld der Leserschaft in Mitleidenschaft ziehen. Der Eindruck, dass hier erzählerisch gedehnt wird, um Raum für ein weiteres Buch zu schaffen, ist schwer zu verdrängen.

Und dennoch: Man legt das Buch nicht gleichgültig aus der Hand. Rollins’ Grundidee ist schlicht zu stark. Die Vorstellung einer Welt im kosmischen Ungleichgewicht, einer Zivilisation am Rand des Stillstands, besitzt eine fast archaische Wucht. Wer sich einmal auf Nyx’ Reise eingelassen hat, will wissen, ob sie Retterin oder Verderberin sein wird. Diese Neugier ist das Kapital des Romans.

Erddämmerung – Schwarzes Glas ist ein widersprüchliches Werk. Ein Roman voller Einfälle, dessen erzählerische Disziplin nicht immer mit seiner Imagination Schritt hält. Ein Fantasy-Epos, das zwischen Größe und Übermaß schwankt. Wer opulente Welten und epische Dimensionen liebt, wird reich belohnt. Wer jedoch narrative Straffheit und konsequente Dramaturgie erwartet, muss Geduld mitbringen – und vielleicht die Hoffnung, dass der finale Band das Versprechen einlöst, das hier allzu großzügig in die Zukunft verschoben wird.