Donnerstag, 28. Mai 2026

Dostojewski - Drei Bände im Schuber. Schuld und Sühne. Der Idiot. Weiße Nächte von Fjodor M. Dostojewski

Dostojewski - Drei Bände im Schuber. Schuld und Sühne. Der Idiot. Weiße Nächte von Fjodor M. Dostojewski

Dostojewski - Drei Bände im Schuber. Schuld und Sühne. Der Idiot. Weiße Nächte
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 2208
Verlag: Anaconda Verlag
Sprache: Deutsch
Originaltitel: Prestuplenije i nakasanije, Idiot, Belye nochi
ISBN-10: 3730616498
Kaufen: Amazon.de

Dostojewski im Dreiklang der menschlichen Abgründe

Bewertung: 9/10 ⭐

Inhalt:

Zwei große Romane & die wichtigsten Erzählungen, gebunden im SchuberBand 1 »Der Idiot« Der kindlich-naive, an Epilepsie leidende Fürst Myschkin wirkt anziehend auf seine von Schmerz und Bosheit geprägte Umgebung. Immer tiefer verstrickt er sich in die Ränkespiele um die schöne Nastasja und seinen Rivalen Rogoschin ... Band 2 »Schuld und Sühne« Der von Idealen und Theorien verblendete Student Raskolnikow begeht einen grausamen Doppelmord. Von Schuldgefühlen geplagt, sehnt er sich nach Bestrafung. Rettung verspricht ihm höchstens seine Liebe zur Prostituierten Sofja. Band 3 »Weiße Nächte. Die großen Erzählungen« Neben den Erinnerungen eines Träumers an eine unerfüllte Liebe in den »Weißen Nächten« enthält der Band einen Querschnitt durch Dostojewskis erzählerisches Werk: Von frühen Werken (»Herr Prochartschin«, »Der ehrliche Dieb«) über satirisch-fantastische Texte (»Bobok«, »Das Krokodil«) zu den »Aufzeichnungen aus dem Kellerloch« und weiteren Erzählungen.

Review:

Der Schuber „Dostojewski – Drei Bände im Schuber. Schuld und Sühne. Der Idiot. Weiße Nächte“ ist kein bloßes Sammlerstück für Menschen, die sich im Regal gern mit russischer Weltliteratur schmücken. Er wirkt eher wie eine Einladung zu einem psychologischen Langstreckenlauf: drei Bücher, drei Formen menschlicher Selbstzerstörung, drei literarische Expeditionen in jene Zonen des Bewusstseins, in denen Moral, Sehnsucht und Wahn ununterscheidbar werden. Und bemerkenswert ist dabei vor allem, wie unterschiedlich Dostojewski seine Figuren an denselben inneren Abgrund führt.

Über „Weiße Nächte“ habe ich bereits ausführlicher an anderer Stelle geschrieben, weshalb hier nur so viel gesagt sei: Diese frühe Erzählung zeigt Dostojewski von seiner ungewöhnlich sanften Seite. Der namenlose Träumer, der in den hellen Petersburger Nächten für einen kurzen Moment glaubt, dem Leben näherzukommen, gehört zu den melancholischsten Figuren der Weltliteratur. Anders als viele spätere Dostojewski Figuren zerbricht er nicht spektakulär an Schuld oder Größenwahn, sondern an etwas viel Alltäglicherem: an der schlichten Tatsache, dass Gefühle nicht automatisch erwidert werden. Gerade diese stille Form des Verlusts macht die Erzählung bis heute so eindringlich. Wer mehr dazu lesen möchte, findet die ausführliche Besprechung bereits im separaten Blogbeitrag.

Das eigentliche Schwergewicht dieses Schubers liegt allerdings in „Schuld und Sühne“ und „Der Idiot“, zwei Romanen, die sich wie Gegenpole eines einzigen moralischen Experiments lesen.

„Schuld und Sühne“ besitzt jene seltene Qualität großer Literatur: Man verlässt das Buch nicht einfach, man trägt es eine Zeitlang wie eine Krankheit mit sich herum. Raskolnikow mordet nicht aus Leidenschaft, sondern aus Theorie. Genau darin liegt der Schrecken dieses Romans. Dostojewski interessiert sich nicht primär für die Tat selbst, sondern für die geistige Vergiftung, die ihr vorausgeht. Der Roman entwickelt daraus eine fiebrige Sogwirkung, die auch dann funktioniert, wenn man sich zwischendurch an den endlosen Monologen, den Abschweifungen und den eruptiven Dialogen beinahe erschöpft fühlt. Dostojewski schreibt nicht elegant im klassischen Sinn. Er schreibt wie ein Mensch, der unter Strom steht. Seine Figuren reden sich um Kopf und Seele, verlieren den Faden, widersprechen sich, delirieren und gerade dadurch wirken sie erschreckend lebendig.

Bemerkenswert ist, wie modern dieser Roman geblieben ist. Hinter der historischen Kulisse von St. Petersburg arbeitet ein zutiefst zeitloser Gedanke: dass Menschen sich moralische Ausnahmen für sich selbst konstruieren, sobald sie glauben, intellektuell überlegen zu sein. Raskolnikow will kein gewöhnlicher Verbrecher sein; er will beweisen, dass gewisse Menschen über den Regeln stehen. Dostojewski demontiert diese Idee mit brutaler Konsequenz. Nicht das Gericht vernichtet Raskolnikow, sondern sein eigenes Bewusstsein. Schuld wird hier zu einer psychischen Dauervergiftung. Genau deshalb wirkt der Roman bis heute so verstörend aktuell.

„Der Idiot“ schlägt anschließend einen völlig anderen Ton an und ist vielleicht gerade deshalb der noch schwierigere Roman. Wo „Schuld und Sühne“ von einem Menschen handelt, der sich moralisch über andere erhebt, erzählt „Der Idiot“ von einem Menschen, der scheinbar vollkommen gut sein möchte. Fürst Myschkin kehrt wie ein Fremdkörper in eine Gesellschaft zurück, die von Geld, Eitelkeit, sexueller Obsession und sozialem Machtspiel beherrscht wird. Die große Provokation des Romans besteht darin, dass Dostojewski ernsthaft versucht, einen „guten Menschen“ in die moderne Welt zu setzen und dann beobachtet, wie alles um ihn herum daran zerbricht.

Gerade Myschkin macht den Roman so faszinierend und gleichzeitig so irritierend. Man schwankt permanent zwischen Mitgefühl und Ärger. Einerseits besitzt er eine beinahe entwaffnende Aufrichtigkeit, andererseits wirkt seine Güte oft erschreckend passiv. Er versteht Menschen intuitiv, aber hilft ihnen selten wirklich. Viele Figuren um ihn herum, Rogoschin, Nastassja Filippowna oder Aglaja, erscheinen letztlich widersprüchlicher, leidenschaftlicher und menschlicher als der titelgebende „Idiot“ selbst. Und genau darin könnte Dostojewskis eigentliche Genialität liegen: Vielleicht ist Myschkin gar kein überzeugendes Heiligenbild, sondern der Beweis dafür, dass reine Güte in einer nervösen, modernen Gesellschaft beinahe zwangsläufig zur sozialen Katastrophe wird.

Besonders stark wird der Roman immer dann, wenn Dostojewski seine Figuren nicht diskutieren, sondern emotional kollidieren lässt. Dann verwandelt sich das Buch stellenweise fast in ein hysterisches Gesellschaftsdrama voller Eifersucht, Demütigung, religiöser Verzweiflung und zerstörerischer Liebe. Die berühmten philosophischen Passagen über Glauben, Nihilismus oder Moral sind interessant, die eigentliche Wucht entsteht aber aus den zwischenmenschlichen Spannungen. Dostojewski zeigt Menschen, die verzweifelt nach Sinn suchen und gleichzeitig unfähig sind, einander wirklich zu erreichen.

Dieser Schuber funktioniert deshalb so gut, weil die drei Bücher unterschiedliche Seiten desselben Autors freilegen. „Weiße Nächte“ zeigt den melancholischen Romantiker. „Schuld und Sühne“ den psychologischen Sezierer. „Der Idiot“ den religiösen und gesellschaftlichen Provokateur. Zusammen ergeben sie kein harmonisches Gesamtbild, sondern ein literarisches Spannungsfeld voller Widersprüche, genau das macht Dostojewski bis heute so lebendig.

Man liest diese Bücher nicht, um sich wohlzufühlen. Man liest sie, weil kaum ein anderer Schriftsteller die menschliche Seele derart kompromisslos freilegt. Und weil Dostojewski etwas gelingt, das nur sehr wenigen Autoren gelingt: Seine Figuren fühlen sich nicht wie erfundene Charaktere an, sondern wie Menschen, denen man irgendwann im eigenen Leben bereits begegnet ist, vermutlich im ungünstigsten Moment.

Samstag, 23. Mai 2026

Aus dem Dunkel von Naja Marie Aidt

Aus dem Dunkel von Naja Marie Aidt

Aus dem Dunkel
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 256
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Sprache: Deutsch
Originaltitel: Øvelser i mørke- (Exercises in Darkness)
ISBN-10: 363087830X
Kaufen: Amazon.de

Ein Roman wie ein langsamer Heilungsprozess

Bewertung: 8,5/10 ⭐

Inhalt:

Die große weibliche Stimme der skandinavischen Literatur. Ausgezeichnet mit dem Nordischen Preis der Schwedischen Akademie.Eine Geschichte, in der sich jede Frau wiedererkennt: über männliche Übergriffigkeit und weibliche Solidarität. Und über die Kraft der Freundschaft. Die preisgekrönte dänische Schriftstellerin Naja Marie Aidt erzählt von einer Frau in einer Lebenskrise. Und von vier Freundinnen, die ein Ziel vereint: ihr zu helfen, wieder Licht in das Dunkel zu bringen. Das Leben könnte so unbeschwert und hell sein. Sie lebt in einer gemütlichen Wohnung, hat drei erwachsene Söhne und wunderbare Enkelkinder. Eines Abends jedoch wird sie aus der Bahn geworfen. Als sie vom Kino nach Hause radelt, beobachtet sie, wie ein Mann eine junge Frau angreift. Sie will dazwischengehen, wird dabei aber selbst verletzt. Wie mit der Angst weiterleben? Ein Therapeut hilft ihr, aus dem Dunkel zu treten. Doch zugleich werden Erinnerungen wach - an den gewalttätigen Vater, den frühen Tod der Schwester, einen sexuellen Übergriff. Wie bleibt man im Kern intakt, egal was einem widerfährt? Es ist ein schier endloses Ringen mit den Gespenstern der Vergangenheit. Wären da nicht die Frauen, die Freundinnen, die sie stützen. Sie sitzen mit ihr am Küchentisch, gehen mit ihr schwimmen und geben ihr letztlich das, wonach sie sucht: Halt, Fürsorge, Verständnis. »Nicola mit den krausen Haaren und kräftigen Händen. Und Annie und Lea und Rose. Meine Freundinnen. Wir sitzen gern in einer unserer Küchen zusammen und trinken Kaffee. Ohne diese Freundinnen, diese Frauen, die alle ihr Päckchen zu tragen haben, hätte ich mein Leben nie bewältigt. So sehe ich das. Sie sind meine Gefolgschaft und umgekehrt.«

Review:

Man könnte diese Prosa leicht missverstehen. „Aus dem Dunkel“ tarnt sich zunächst als stilles Buch, beinahe unscheinbar in seiner Bewegung, zurückhaltend im Ton, sparsam in der Dramaturgie. Doch gerade in dieser Verweigerung des literarischen Spektakels liegt seine Wucht. Das ist kein Roman, der mit grellen Traumabildern hantiert oder seine Verletzungen marktschreierisch ausstellt. Er arbeitet vielmehr wie Wasser auf Stein: langsam, geduldig, unerbittlich.

Die Erzählerin bewegt sich durch ein Leben, das von männlicher Gewalt, psychischer Erschöpfung und den Nachbeben vergangener Verwundungen gezeichnet ist. Aber die eigentliche Leistung dieses Romans besteht darin, Trauma nicht als Ausnahmezustand zu schildern, sondern als atmosphärische Dauerlage. Angst sitzt hier nicht in einzelnen Szenen, sondern in Blicken, Körpern, Erinnerungsfetzen, in der Art, wie jemand einen Raum betritt oder das Licht meidet. Der Titel ist dabei nicht bloß Metapher, sondern Programm: Dunkelheit wird zu einem Erfahrungsraum, den die Erzählerin nicht besiegen, sondern zunächst überhaupt aushalten lernen muss.

Was dabei fasziniert, ist die eigentümliche Balance zwischen Nüchternheit und Poesie. Die Sprache bleibt kontrolliert, beinahe vorsichtig, als fürchte sie selbst, zu tief in die offenen Wunden zu greifen. Und gerade deshalb treffen einzelne Bilder mit umso größerer Kraft. Wenn Mutterschaft als kosmische Erfahrung beschrieben wird, wenn aus Schmerz plötzlich Schwerelosigkeit entsteht, dann öffnet sich mitten im grauen Alltag eine sprachliche Schönheit, die nie kitschig wird. Diese Autorin weiß offenbar genau, dass Pathos nur funktioniert, wenn man es sich nicht anmerkt.

Besonders klug ist zudem, wie der Roman weibliche Solidarität zeichnet. Hier werden keine idealisierten Freundschaftstableaus aufgebaut, keine kalenderreifen Schwesternschaftsparolen verkündet. Stattdessen entsteht etwas viel Glaubwürdigeres: Frauen, die bleiben. Die aushalten. Die zuhören, ohne alles heilen zu wollen. In einer Literatur, die weibliche Beziehungen oft entweder als Konkurrenzarena oder Wellnessgemeinschaft inszeniert, wirkt diese stille Loyalität fast radikal.

Bemerkenswert ist auch, wie der Roman männliche Gewalt behandelt. Nicht sensationslüstern, nicht didaktisch, nicht mit der Absicht moralischer Eindeutigkeit. Die Gewalt steht nicht im Zentrum der Erzählung und dominiert dennoch jede Seite, wie ein Schatten, der nie ganz verschwindet. Gerade diese Zurückhaltung macht sie so beklemmend. Man versteht schnell: Das Entscheidende sind nicht die Taten selbst, sondern ihre Langzeitwirkung auf Körper und Bewusstsein.

Natürlich verlangt „Aus dem Dunkel“ Geduld. Wer Handlung im klassischen Sinn sucht, dürfte sich streckenweise verloren fühlen. Der Roman bewegt sich in kleinen Kreisen, tastend, wiederholend, beinahe therapeutisch. Doch genau darin liegt seine Konsequenz. Heilung verläuft nun einmal selten dramaturgisch elegant. Sie stockt, taumelt, schweigt. Dieses Buch akzeptiert das und gewinnt daraus seine Wahrhaftigkeit.

Am Ende bleibt weniger die Erinnerung an konkrete Ereignisse als an ein Gefühl: an diese merkwürdige Gleichzeitigkeit von Bitterkeit und Wärme, Verzweiflung und Fürsorge. „Aus dem Dunkel“ ist kein Trostbuch. Aber es ist ein Roman, der begreift, dass Menschen manchmal nicht gerettet werden müssen, sondern lediglich jemanden brauchen, der mit ihnen in der Dunkelheit sitzen bleibt, bis sich die Augen langsam daran gewöhnen.

Donnerstag, 21. Mai 2026

Lady Trents Memoiren 2: Der Wendekreis der Schlangen von Marie Brennan

Lady Trents Memoiren 2: Der Wendekreis der Schlangen von Marie Brennan

Lady Trents Memoiren 2: Der Wendekreis der Schlangen
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 389
Verlag: Cross Cult Entertainment
Sprache: Deutsch
Originaltitel: The Tropic of Serpents
ISBN-10: 398666825X
Kaufen: Amazon.de

Die klügste Fantasyreihe für Menschen, die eigentlich keine Fantasy mögen

Bewertung: 8/10 ⭐

Inhalt:

Aufmerksame Leser wissen bereits, wie sich die belesene und zielstrebige Isabella auf den historischen Weg gemacht hat, der sie eines Tages zur führenden Drachenforscherin der Welt machen würde. In diesem beeindruckend offenherzigen Nachfolger blickt Lady Trent auf die nächsten Schritte ihrer glorreichen (und gelegentlich skandalösen) Karriere zurück. Drei Jahre nach ihrer schicksalhaften Reise durch die abschreckenden Gebirge von Vystrana ignoriert Lady Trent gängige Konventionen und bricht zu einer Expedition auf, die sie auf den wilden, kriegszerrütteten Kontinent Erga führt. Dort liegt die Heimat solch exotischer Drachenarten wie die Grasschlangen der Savanne, Baumschlangen und die geheimnisvollste von allen, die legendären Sumpfwürmer der Tropen. Die Expedition gestaltet sich als schwierig. In Begleitung einer alten Freundin und einer Thronerbin auf der Flucht, muss sich Isabella drückender Hitze, gnadenlosen Fiebern, Palastintrigen, Klatsch und Tratsch und anderen Bedrohungen stellen, um ihre grenzenlose Faszination alles Drachen betreffende zu befriedigen. Selbst wenn sie dafür tief in den verbotenen Dschungel vordringen muss, der gemeinhin die Grüne Hölle genannt wird. Dort werden ihr Mut, ihr Einfallsreichtum und ihre wissenschaftliche Neugierde auf Proben gestellt, wie sie es bislang noch nicht erlebt hat.

Review:

Marie Brennan betreibt mit „Lady Trents Memoiren“ ein literarisches Vexierspiel: Auf den ersten Blick verkauft sie uns Drachenfantasy, tatsächlich aber schreibt sie etwas viel Raffinierteres: den Abenteuerroman einer Frau, die sich weigert, von ihrer Epoche domestiziert zu werden. „Der Wendekreis der Schlangen“ führt diese Idee mit bemerkenswerter Konsequenz fort und riskiert dabei etwas, das heute fast schon als mutig gelten muss: Geduld.

Wer nach feuerspeiender Daueraction sucht, wird vermutlich schon nach hundert Seiten unruhig auf dem Sofa herumrutschen wie ein Kind im Opernhaus. Brennan interessiert sich nicht für Drachen als pyrotechnisches Spektakel. Ihre Drachen sind keine Reittiere für testosterongeschwängerte Heldenfantasien, sondern Forschungsobjekte. Isabella Trent nähert sich ihnen wie eine Feldbiologin einem scheuen Raubtier: beobachtend, respektvoll, wissenschaftlich besessen. Genau darin liegt die eigentliche Originalität dieser Reihe. Brennan schreibt keine Fantasy über Macht, sondern über Erkenntnisdrang.

Dass der Roman deshalb streckenweise eher wie ein ethnologischer Reisebericht aus dem viktorianischen Zeitalter wirkt als wie klassische Fantasy, ist kein Unfall, sondern Programm. Eriga, dieses fiebrige, politisch zerrissene Tropenland, erinnert unverkennbar an koloniale Expeditionsliteratur des 19. Jahrhunderts, mitsamt kulturellen Spannungen, Fremdheitsfantasien und den Machtmechanismen europäischer Einflussnahme. Brennan übernimmt diese Tradition allerdings nicht blindlings, sondern seziert sie. Isabella stolpert nicht mehr mit der arroganten Selbstverständlichkeit der westlichen Forscherin durch fremde Kulturen wie noch im ersten Band. Sie lernt Sprachen, beobachtet Rituale, reflektiert ihre eigenen Vorurteile. Gerade dadurch gewinnt die Figur an Tiefe.

Überhaupt ist Isabella Trent das eigentliche Wunder dieser Reihe. Ihre größte Qualität besteht darin, dass sie niemals zur makellosen Identifikationsfigur weichgespült wird. Sie ist brillant, eigensinnig, mutig und zugleich unbequem. Besonders eindrucksvoll gerät dabei der Umgang mit Mutterschaft. Fantasy neigt sonst gern dazu, Frauen entweder zu Heiligen oder zu Monstern zu erklären, sobald Kinder ins Spiel kommen. Brennan erlaubt ihrer Heldin stattdessen etwas wesentlich Menschlicheres: Ambivalenz. Isabella liebt ihren Sohn, aber sie liebt eben auch ihre Arbeit. Diese Spannung wird nicht sentimental aufgelöst, sondern bleibt schmerzhaft bestehen. Genau dadurch wirkt sie glaubwürdig.

Natürlich hat der Roman Schwächen. Die politische Gemengelage wird bisweilen so detailverliebt ausgebreitet, dass man das Gefühl bekommt, Brennan wolle einem ein komplettes Kolonialverwaltungsseminar aufzwingen. Namen, Fraktionen, Stammeskonflikte, diplomatische Interessen, manches davon entfaltet eher die trockene Faszination einer historischen Monografie. Der Roman verliert sich gelegentlich in seinem eigenen Weltenbau und verwechselt atmosphärische Dichte mit narrativer Trägheit. Es gibt Passagen, in denen selbst Isabella zu ahnen scheint, dass die Leser inzwischen lieber wieder einem Drachen begegnen würden.

Und doch: Sobald Brennan ihre Expedition tief in den „Grünen Höllendschungel“ führt, entfaltet das Buch eine eigentümliche Magie. Diese schwüle, lebensfeindliche Wildnis mit ihren morschen Hängebrücken, Krankheiten und lautlosen Gefahren wirkt greifbar genug, um Schweißflecken auf den Buchseiten zu hinterlassen. Dort entstehen die stärksten Momente des Romans: nicht in Kämpfen, sondern im Staunen. Wenn Isabella auf neue Erkenntnisse über die Drachen stößt, spürt man jene fast kindliche Ehrfurcht vor dem Unbekannten, die große Entdeckerliteratur seit jeher antreibt.

„Der Wendekreis der Schlangen“ ist deshalb ein Roman, der sich entschieden gegen moderne Fantasygewohnheiten sperrt. Er will nicht berauschen, sondern faszinieren. Nicht eskalieren, sondern beobachten. Marie Brennan schreibt mit der Seele einer Naturforscherin und dem Blick einer Historikerin. Das macht dieses Buch manchmal sperrig, gelegentlich langatmig, aber zugleich ungewöhnlich intelligent. Wer bereit ist, sich auf diese gemächliche, neugierige Art des Erzählens einzulassen, entdeckt hier etwas Seltenes: Fantasy, die tatsächlich denkt.

Mittwoch, 20. Mai 2026

Die Manufaktur der magischen Worte von Allison King

Die Manufaktur der magischen Worte von Allison King

Die Manufaktur der magischen Worte
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 512
Verlag: Heyne Verlag
Sprache: Deutsch
Originaltitel: The Phoenix Pencil Company
ISBN-10: 3453275438
Kaufen: Amazon.de

Zwischen Shanghai und Silicon Valley: Ein Roman über das Gedächtnis der Welt

Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Welche Geschichten sind es wert, geteilt und bewahrt zu werden?Als die Studentin Monica von dem Geheimnis erfährt, das ihre Großmutter mit einer alten Bleistiftfabrik in Shanghai verbindet, will sie alles wissen. Was geschah damals wirklich in der Phoenix Pencil Company? Welcher Zauber liegt in den Bleistiften verborgen? Je tiefer Monica in die Vergangenheit ihrer Familie eintaucht, umso schmerzlicher werden die Erinnerungen und umso schwerer die Worte, die ausgesprochen werden müssen, um den Fluch der Vergangenheit zu brechen.Ein ergreifendes Romandebüt über Familie, Liebe und Verlust und über die magische Kraft von Geschichten – mit dem Allison King von Reese Witherspoon entdeckt und in ihrem Book Club gefördert wurde.

Review:

Manchmal offenbart ein Bleistift mehr als jede Feder. Allison Kings Debütroman „Die Manufaktur der magischen Worte" kreist um genau diese unscheinbare Wahrheit und entfaltet daraus eine Geschichte, die sich hartnäckig jeder Schublade widersetzt.
Im Zentrum steht Monica Tsai, Informatikstudentin und Enkelin mit überwältigender Zuneigung zu den Großeltern, die sie großgezogen haben. Als ihre Großmutter mit Alzheimer diagnostiziert wird, beginnt Monica in alten Briefen und Tagebüchern zu graben und stößt auf ein Geheimnis, das in den 1930er Jahren im kriegsgeplagten Shanghai seinen Anfang nahm: Die Familie besaß einst eine Bleistiftfabrik. Doch die Stifte, die dort gefertigt wurden, waren keine gewöhnlichen. Sie speicherten die Erinnerungen ihrer Besitzer und konnten von bestimmten Frauen „umgeschmiedet" werden, sodass das Geschriebene wieder lebendig wurde, ein Vorgang, der in Kriegszeiten zum Instrument der Spionage geriet. King nennt diesen Prozess „Reforging", und man muss zugeben: Als Metapher für das Wesen des Erzählens selbst ist das von bestechender Eleganz.
Kings größte Stärke liegt darin, wie sie diesen magisch-realistischen Kern mit historischem Gewissen verbindet. Die Shanghaier Kriegsjahre, die japanische Besatzung, der chinesische Bürgerkrieg: All das wird nicht als dekorative Kulisse behandelt, sondern als die eigentliche Substanz, aus der ihre Figuren geformt sind. Wer in der westlichen Literatur bislang vor allem die europäische oder amerikanische Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg kannte, bekommt hier eine dringend notwendige Erweiterung des Blickfeldes. Historisch ist das Buch ein echter Gewinn. Literarisch indes schwankt es zwischen zwei Tempi, die nicht immer harmonieren: Die Vergangenheitsebene besitzt Dichte, atmosphärische Wucht und emotionale Resonanz. Die Gegenwartsebene, mit ihrem technikaffinen Subplott rund um eine Daten-App namens EMBRS, wirkt dagegen gelegentlich wie ein Fremdkörper, ein gut gemeinter Versuch, analoge Erinnerung und digitale Überwachung in Dialog zu bringen, der konzeptionell aber nicht ganz aufgeht.
Was hingegen vollauf aufgeht, ist die Beziehung zwischen Monica und ihrer Großmutter. Diese intergenerationelle Zärtlichkeit, die in ihrer Zurückhaltung so viel mehr sagt als jede sentimentale Aussprache, ist das emotionale Herzstück des Romans, bisweilen erschütternd schön. Die Liebesgeschichte zwischen Monica und Louise hingegen ist das schwächste Glied: Ein Vertrauensbruch im dritten Akt, der zu schnell und zu milde aufgelöst wird, hinterlässt ein Unbehagen, das der Roman selbst nicht ernst genug nimmt.
King schreibt für ein Debüt bemerkenswert sicher, gelegentlich sogar zart. Ihr Buch ist kein makelloses Meisterwerk, dafür jongliert es zu viele Genres gleichzeitig, ohne alle davon vollständig einzufangen. Aber es ist ein Roman mit echtem Herz, mit historischem Bewusstsein und einem Grundgedanken, der lange nachhallt: Geschichten verschwinden nicht, wenn wir sie aufschreiben. Sie leben im Material selbst weiter, darauf wartend, dass jemand den Bleistift in die Hand nimmt und sie zurückruft.

Samstag, 16. Mai 2026

Gliff von Ali Smith

Gliff von Ali Smith

Gliff
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 304
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Sprache: Deutsch
Originaltitel: Gliff
ISBN-10: 3630878172
Kaufen: Amazon.de

Wenn Sprache das letzte Mittel des Widerstands ist

Bewertung: 8/10 ⭐

Inhalt:

Der neue Roman der preisgekrönten britischen Kultautorin: Zwei junge Menschen in einem feindlich gesinnten Staat, in dem die Vergangenheit entgleitet und jeder Widerstand unmöglich scheint.»Was Gliff bedeutet: Ein kurzer Augenblick. Eine leise Ähnlichkeit. Eine unverhoffte oder zufällige Aussicht. Ein flüchtiger Blick. Ein unvermittelter Schauder. Ein Wink. Etwas Schlaf. Ein Anflug von Krankheit, leichtes Angeschlagensein. Ein Hauch. Ein Schrecken. Ein Schock. Ein Beben. Ein Wimpernschlag.«Es war einmal, in nicht allzu weiter Zukunft: Zwei Geschwister, Bri und Rose, müssen sich von ihrer Mutter trennen, weil diese in einer weit entfernten Stadt Arbeit findet. Als die beiden nach Hause kommen, entdecken sie eine Linie aus noch nasser roter Farbe, die ihr Grundstück umgibt. Was hat das zu bedeuten, in diesem Land, das seine Einwohner mithilfe von Technologie streng kontrolliert und völlig entmenschlicht? Bri und Rose jedenfalls vermuten nichts Gutes und verstecken sich in einem leer stehenden Haus am anderen Ende der Stadt. Dort treffen sie bald auf eine Gruppe von Widerständlern, auf ein Pferd namens Gliff, und auf eine neue Form des Überlebens.»Gliff« erzählt mit Verweisen auf Klassiker der dystopischen Literatur eine elektrisierende, und so märchenhafte wie erschreckende Geschichte über zwei junge Menschen auf der Suche nach Halt in dieser schönen neuen Welt. Ali Smith zeigt uns, »wo Tapferkeit und Güte über Gefahr und Angst triumphieren.« (Financial Times)

Review:

Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass die Gegenwart längst das Rohmaterial für Dystopien liefert, die wir einst als Fantasien abgetan hätten. Ali Smith weiß das, und in ihrem ersten Roman seit dem gefeierten Jahreszeitenquartett macht sie daraus Literatur von bemerkenswerter Dringlichkeit klug, sprachbesessen und von einer zornigen Zärtlichkeit durchzogen, die ihre besten Werke auszeichnet.

„Gliff" spielt in einem Morgen, das sich erschreckend wie heute anfühlt. Großbritannien ist in eine Überwachungsgesellschaft abgeglitten, in der algorithmische Kategorien über Menschenwürde entscheiden. Wer den Kontrollmechanismen des Staates entgeht oder sich ihnen widersetzt, wird zum „Unverifizierbaren" gestempelt zur Nichtperson, zur Randnotiz in einem Datensatz, aus dem man mit einem behördlichen Befehl einfach gelöscht werden kann. Inmitten dieser beklemmenden Ordnung stehen zwei Geschwister: die nonbinäre Bri und die jüngere Rose, allein in einer fremden Stadt, von ihrer Mutter getrennt, von roten Markierungen an ihrem Haus als gesellschaftlich unerwünscht gebrandmarkt. Und dann ist da noch Gliff ein grauer Wallach, dem die Schlachtbank bestimmt ist, dem Rose einen Namen gibt und damit, nach der Logik dieses Romans, eine Art Freiheit.

Denn nichts interessiert Smith mehr als Sprache, und nie war diese Besessenheit so politisch aufgeladen wie hier. In einer Welt, in der Begriffe von Konzernen gekapert und von Regierungen umgedeutet werden, in der Bildung verboten und Bibliotheken geschlossen sind, wird das Wort zur letzten Bastion des Widerstands. Smith demonstriert mit spielerischer Unnachgiebigkeit, wie Benennung Macht ist und wie die Verweigerung eindeutiger Kategorien ein Akt der Subversion sein kann. Bri, dessen Weigerung sich in binäre Geschlechterrollen einschreiben zu lassen in dieser Gesellschaft als bedrohliche Anomalie gilt, verkörpert genau jene Polysemie, die Smith zum Programm erhebt: die Möglichkeit, vieles zu bedeuten und sich keiner Definition vollständig zu ergeben.

Als literarische Vorlage schimmert Aldous Huxleys „Brave New World" durch den Text doch Smith beerbt Huxley nur, um ihn zu überschreiben. Wo Huxley ein androzentrisches Schreckensgemälde entwarf, das seine Misogynie mitunter unhinterfragt ließ, stellt Smith das Individuelle, das Weibliche, das Nichtkategorisierbare ins Zentrum. Die dystopische Architektur bleibt bewusst skizzenhaft, die Konturen des Regimes unscharf weil Smith weniger an totalitären Systemen als solchen interessiert ist als an dem, was sie mit Menschen machen. Dieser Fokus auf menschliche Textur, auf die kleinen Gesten der Fürsorge und des Trotzes, gibt dem Roman seine emotionale Wucht.

Formal ist „Gliff" zugänglicher als Smiths frühere Werke linearer, weniger labyrinthisch als etwa das Jahreszeitenquartett, wenngleich ihr Markenzeichen, das Wortspiel als erkenntnistheoretisches Werkzeug, auf jeder Seite präsent ist. Gelegentlich kippt der gesellschaftskritische Impuls ins Didaktische, und die Gegenüberstellung von Analogem und Digitalem wirkt manchmal zu schematisch, zu moralisch aufgeräumt für eine Autorin, die sonst so virtuos in Ambivalenzen lebt. Doch das sind Einwände am Rand eines Buches, das im Kern trifft, was es treffen will.

„Gliff" ist der erste Teil eines Diptychons der zweite Band, „Glyph", soll eine verborgene Geschichte im ersten enthüllen. Man legt diesen Roman aus der Hand und beginnt sofort, anders zu lesen: aufmerksamer auf die Wörter, misstrauischer gegenüber den Kategorien, neugieriger auf das, was zwischen den Zeilen wartet. Dass Literatur das kann uns als veränderte Leser zu entlassen ist ihr schönstes Privileg. Ali Smith nutzt es meisterhaft.

Dienstag, 12. Mai 2026

Paradise Garden von Elena Fischer

Paradise Garden von Elena Fischer

Paradise Garden
Erscheinungsjahr: 2023
Seiten: 352
Verlag: Diogenes
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3257072503
Kaufen: Amazon.de

Ein Roadtrip, der mehr tröstet als erschüttert

Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Die 14-jährige Billie verbringt die meiste Zeit in ihrer Hochhaussiedlung. Am Monatsende reicht das Geld nur für Nudeln mit Ketchup, doch ihre Mutter Marika bringt mit Fantasie und einem großen Herzen Billies Welt zum Leuchten. Dann reist unerwünscht die Großmutter aus Ungarn an, und Billie verliert viel mehr als nur den bunten Alltag mit ihrer Mutter. Als sie Marika keine Fragen mehr stellen kann, fährt Billie im alten Nissan allein los – sie muss den ihr unbekannten Vater finden und herausbekommen, warum sie so oft vom Meer träumt, obwohl sie noch nie da war.

Review:

„Paradise Garden" ist das diesjährige Buch der Aktion „Koblenz liest ein Buch", die vom 5. Mai bis zum 25. Juni stattfindet, und die Wahl hätte passender kaum ausfallen können.

Debütromane haben eine eigentümliche Unverfrorenheit. Sie wissen noch nicht, dass man bestimmte Dinge nicht tun darf: zu viel fühlen, zu direkt auf die großen Wunden zeigen, zu offen lieben. Elena Fischer hat dieses Unwissen produktiv gemacht. „Paradise Garden" ist ein Coming-of-Age-Roman, der sich um literarische Konventionen herzlich wenig schert und genau deshalb funktioniert.

Billie ist vierzehn, lebt mit ihrer Mutter Marika in einer Hochhaussiedlung, und die Welt dieser beiden ist klein, aber vollständig. Marika schleppt zwei Jobs, und trotzdem, oder gerade deshalb, hat diese Mini-Familie eine Lebendigkeit, die sich gegen jeden Mangel behauptet. Liegestühle auf dem Laubengang statt Sommerurlaub. Der „Paradise Garden", der größte Eisbecher im Café Venezia, als Luxus. Es ist diese Fähigkeit der Autorin, Armut nicht als Kulisse des Elends zu inszenieren, sondern als Raum echter menschlicher Wärme, die den Roman von Beginn an trägt. Dann stirbt die Mutter. Und Billie, allein und wütend, schnappt sich das Auto und fährt zur Nordsee, auf der Spur eines Vaters, den sie nie kannte.

Der Roadtrip, der daraus entsteht, erinnert unweigerlich an Herrndorfs „Tschick", und Fischer ist klug genug, diesem Vergleich nicht auszuweichen, sondern ihn mit eigenen Mitteln zu bestehen. Wo Herrndorf in die Abgründe stürzte, wählt Fischer das Streiflicht. Ihre Figuren bleiben nicht im Schmerz stecken; sie bewegen sich durch ihn hindurch. Das ist keine Schwäche, sondern eine Entscheidung, eine, die man diskutieren kann. Denn gelegentlich wünscht man sich, die Autorin würde die Dunkelheit, die sie so präzise aufmacht, auch wirklich betreten, statt ihr mit einem glitzernden Stern zu begegnen. Die psychologische Tiefe, die der Plot andeutet, wird nicht immer ausgeschöpft. Manche Fügungen sind zu glatt, manche Begegnungen auf Billies Weg zu gütig, um ganz glaubhaft zu sein.

Und doch: Was Fischer am besten kann, überwiegt. Ihre Charaktere sind unvergesslich. Nicht wegen dramatischer Überzeichnung, sondern wegen der kleinen, präzisen Details, mit denen sie sie zeichnet. Ein Anrufbeantworter. Ein zerrissenes Foto. Ein Kassenzettel als Wegweiser. Die Sprache ist kurz, temporeich, treffsicher und trägt bisweilen Sätze, die man nicht so schnell wieder loswird. „Mein Leben war in zwei Teile zerfallen. In ein Davor und in ein Danach. Davor war meine Mutter die Antwort, danach war sie die Frage." Das ist kein Zufallstreffer; das ist Haltung.

„Paradise Garden" ist kein makelloses Buch. Aber es ist eines, das man nicht kalt lässt, und das ist im Literaturbetrieb die seltenere Leistung. Elena Fischer hat mit ihrem Debüt eine Stimme etabliert, der man gerne zuhört, auch wenn man ihr gelegentlich zurufen möchte, sie möge sich ruhig mehr zutrauen. Der nächste Roman wird zeigen, ob sie das hört. Man darf gespannt sein. 7 von 10.

Sonntag, 10. Mai 2026

Die Riesinnen von Hannah Häffner

Die Riesinnen von Hannah Häffner

Die Riesinnen
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 416
Verlag: Penguin Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3328604332
Kaufen: Amazon.de

Wenn Sprache stärker ist als Handlung

Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

»›Die Riesinnen‹ saugen einen auf der ersten Seite ein, und am Ende dieses Drei-Generationen-Porträts großer Frauen wird man atemlos ausgespuckt. Wüst, wild, bewegend und voller Poesie.« DORIS KNECHT»Mager ist sie, wie ein Kleiderhaken, zurechtgebogen zu Menschenform. Dünn und stark und langgestreckt: Keine ist größer als sie, im Dorf nicht, und auch nicht im nächsten. Dazu die Kupferwollehaare, die wütend nach dem Himmel greifen. Wer sie sieht, weiß, wer sie ist, man weiß es sofort, und sie hasst es, hasst es, hasst es. Vielleicht hätte sie es, an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, auch lieben können, aber das geht nicht, nicht hier.«Wittenmoos, ein kleines Dorf im Schwarzwald, ist die Heimat dreier Frauen. Groß und dünn überragen sie alle anderen und wollen so gar nicht in die Dorfgemeinschaft passen. Und doch sind sie hier verwurzelt und müssen ihren eigenen Weg in den engen Grenzen des Dorfes finden. Liese, die still und unerbittlich die Metzgerei führt. Cora, ihre Tochter, die Wütende, die ausbrechen wird und lernen muss, dass Heimkehr keine Niederlage ist. Und Eva, Coras Tochter, die den Wald so sehr liebt und sich dessen erst bewusst werden muss.In dunkler, satter, aber auch zarter Poesie erzählt Hannah Häffner mit stilistischer Präzision, feinem Humor und einer subtilen Beobachtungsgabe die Geschichte dreier Frauen, die sich von den 60-er Jahren bis in unsere Zeit spannt. Ein lange nachhallender Roman über die Sehnsucht nach Freiheit und Wurzeln, über Mütter und Töchter und über die Kraft der Natur. »Der zauberhafte Roman ›Die Riesinnen‹ von Hannah Häffner wird für Furore sorgen.« Peer Teuwsen, Neue Zürcher Zeitung»Neue deutsche Heimatliteratur auf den Spuren Dörte Hansens.« Denis Scheck

Review:

Wer sich in den Schwarzwald dieser Erzählung begibt, betritt kein Postkartenidyll, sondern ein Gelände aus Moos, Blut und stillen Zumutungen. Die Riesinnen ist ein Roman, der weniger durch Handlung voranschreitet als durch Verdichtung, ein tastendes Fortschreiben von Leben über Generationen hinweg, getragen von einer Sprache, die sich ihrer eigenen Schönheit sehr bewusst ist.

Im Zentrum stehen drei Frauen, die schon durch ihre physische Präsenz aus der Ordnung des Dorfes herausfallen. Doch die eigentliche Größe dieser „Riesinnen“ liegt nicht im Körperlichen, sondern im Beharren auf Selbstbestimmung, auf Abweichung, auf einem Leben jenseits der zugedachten Bahnen. Die Großmutter Liese eröffnet diesen Reigen mit einer Entscheidung, die zugleich Emanzipationsgestus und erzählerische Sollbruchstelle ist. Dass sie ohne erkennbare fachliche Grundlage eine Metzgerei übernimmt, wirkt weniger wie ein realistisches Szenario als wie ein symbolischer Akt, ein literarischer Befreiungsschlag, der sich nicht um handwerkliche Plausibilität schert. Das kann man als Schwäche lesen, weil es die erzählte Welt unterminiert. Man kann es aber auch als bewusste Setzung verstehen, als Priorisierung der inneren Wahrheit über die äußere Wahrscheinlichkeit.

Die nachfolgenden Generationen variieren dieses Motiv. Cora, die Tochter, bleibt dabei seltsam entrückt, ein Charakter, der mehr behauptet als durchdrungen wird, dessen Wut eher behauptet als erfahrbar ist. Erst mit Eva, der Enkelin, gewinnt der Roman wieder Bodenhaftung. Ihre Rückkehr ins Dorf wirkt weniger wie ein erzählerischer Zwang als wie eine Konsequenz, die aus dem zuvor Erzählten tatsächlich erwächst. Hier schließt sich ein Kreis, ohne dass er vollständig befriedigt.

Was diesen Roman jedoch über weite Strecken trägt, ist seine Sprache. Sie changiert zwischen spröder Nüchternheit und poetischer Verdichtung, zwischen kühler Beobachtung und plötzlicher Zärtlichkeit. Man liest Sätze, die sich festsetzen, die nachhallen, die mehr Atmosphäre erzeugen als manch ausgeklügelte Handlung. Der Schwarzwald wird dabei nicht zur Kulisse, sondern zum Resonanzraum, ein Ort, der die Figuren formt, begrenzt und zugleich schützt.

Und doch bleibt ein leiser Vorbehalt. So eindringlich die Sprache ist, so vorhersehbar verlaufen oft die erzählerischen Linien. Der Roman bewegt sich auf bekanntem Terrain, Herkunft, Ausbruch, Rückkehr. Die Konflikte wirken bisweilen wie aus der Gegenwart heraus rückprojiziert, wodurch die historische Dimension an Glaubwürdigkeit verliert. Auch manche Figur bleibt skizzenhaft, wo Tiefe möglich gewesen wäre.

Am Ende ist „Die Riesinnen“ ein Roman, der sich weniger durch narrative Kühnheit als durch stilistische Souveränität behauptet. Er erzählt keine radikal neue Geschichte, aber er erzählt sie mit einer solchen sprachlichen Intensität, dass man ihm bereitwillig folgt, auch über jene Unebenheiten hinweg, an denen andere Texte scheitern würden. Ein Buch, das nicht vollkommen überzeugt, aber lange nachwirkt.

Donnerstag, 7. Mai 2026

Bredouille: Der achtzehnte Fall für Bruno, Chef de police von Martin Walker

Bredouille: Der achtzehnte Fall für Bruno, Chef de police von Martin Walker

Bredouille: Der achtzehnte Fall für Bruno, Chef de police
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 384
Verlag: Diogenes
Sprache: Deutsch
Originaltitel: An Enemy in the Village
ISBN-10: 3257073844
Kaufen: Amazon.de

Zwischen Trüffelduft und Leerlauf: Ein Dorf, ein Toter, wenig Dringlichkeit

Bewertung: 6/10 ⭐

Inhalt:

An einem malerischen Aussichtspunkt über dem Vézère-Tal findet Bruno die Leiche von Monique, einer erfolgreichen Geschäftsfrau. Auf dem Beifahrersitz drei Abschiedsbriefe, der Fall scheint klar. Doch Bruno wird ein ungutes Gefühl nicht los. Gleichzeitig verbreiten sich in Saint-Denis heimtückische Gerüchte, und schon bald steht sein Posten auf dem Spiel. Trotz allem bleibt Bruno Bruno. Er lässt sich ein köstliches Essen in prickelnder weiblicher Gesellschaft nicht entgehen und macht sich daran herauszufinden, was wirklich mit Monique passiert ist.

Review:

Bredouille: Der achtzehnte Fall für Bruno, Chef de police von Martin Walker ist ein Roman, der sich seiner eigenen Verlässlichkeit beinahe trotzig verschreibt. Wer diese Reihe liest, kehrt nicht wegen der Spannung zurück, sondern wegen eines Lebensgefühls, das sich irgendwo zwischen Rotwein, Trüffelduft und dörflicher Gemächlichkeit eingerichtet hat. Bruno, dieser stoisch charmante Dorfpolizist, bleibt sich treu: ein Mann, der kocht, liebt, schlichtet und ermittelt, allerdings nicht zwingend in dieser Reihenfolge und selten mit wirklicher Dringlichkeit.

Gerade darin liegt die eigentümliche Stärke wie auch die wachsende Schwäche dieses achtzehnten Falls. Walker entwirft erneut ein Dordogne-Idyll, das weniger Bühne für ein Verbrechen ist als vielmehr ein literarischer Sehnsuchtsort. Die eigentliche Ermittlung ausgelöst durch den Fund einer toten Frau wirkt dabei fast wie eine Pflichtübung, die sich zwischen opulenten Mahlzeiten, lokalen Machtspielchen und Brunos sozialem Mikrokosmos verliert. Man folgt weniger einer Handlung als einem Lebensrhythmus. Das kann betörend sein, wenn man sich darauf einlässt; es kann aber auch ermüden, wenn man vom Kriminalroman mehr als bloße Kulisse erwartet.

Die Figur Bruno selbst oszilliert weiterhin zwischen archetypischem Sympathieträger und etwas zu glatt geratenem Wunschbild. Seine Welt ist bevölkert von bemerkenswert kompetenten Frauen und eher blassen männlichen Nebenfiguren, was mitunter wie eine bewusst gesetzte Schieflage wirkt. Auch Balzac, der treue Basset, bekommt mehr Aufmerksamkeit, als es der Dramaturgie guttut ein Running Gag, der sich längst abgenutzt hat. Überhaupt scheint Walker gelegentlich mehr Interesse an kulinarischen Exkursen und atmosphärischen Abschweifungen zu haben als an narrativer Stringenz. Der Plot zerfasert, Nebenstränge verlaufen im Sand, und die Auflösung wirkt eher nachgereicht als erarbeitet.

Und doch wäre es zu einfach, dieses Buch als bloße Selbstkopie abzutun. Denn dort, wo Walker sich auf das Lokale konzentriert, auf die feinen sozialen Verwerfungen eines Dorfes, auf politische Spannungen im Kleinen, blitzt immer wieder jene erzählerische Qualität auf, die die frühen Bände ausgezeichnet hat. Wenn Bruno nicht gegen internationale Bedrohungen, sondern gegen die Unordnung des Alltäglichen antritt, gewinnt die Reihe ihre eigentliche Kontur zurück.

Am Ende bleibt ein Roman, der sich wie ein vertrautes Ritual liest wohltuend für jene, die genau das suchen, aber unerquicklich für Leser, die sich nach erzählerischer Verdichtung sehnen. „Bredouille“ ist weniger ein Kriminalfall als ein Stimmungsbild mit gelegentlichem Leichenfund. Man kann sich darin verlieren wie in einem langen französischen Abendessen. Die Frage ist nur, ob man satt oder bloß träge zurückbleibt.

Dienstag, 5. Mai 2026

Ghost Stories von Siri Hustvedt

Ghost Stories von Siri Hustvedt

Ghost Stories
Seiten: 400
Verlag: Rowohlt Hardcover
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3498007882
Kaufen: Amazon.de
Ein Gespräch, das der Tod nicht beenden kann
Bewertung: 9/10 ⭐

Inhalt:

Als er im Sterben lag, sagte Paul Auster seiner Frau, er wolle ein Geist werden. Und das ist er für Siri Hustvedt geworden: eine allzeit spürbare Präsenz, schmerzlich und tröstlich zugleich. Sie trägt seine Jacke, sie meint, seine Zigarillos im Haus zu riechen, sie liest seine Bücher von Neuem. Und zum ersten Mal seit langer Zeit liest sie ihre eigenen Liebesbriefe, vom Beginn einer gemeinsamen Geschichte, die 43 Jahre währen sollte.Mit ihrem beispiellosen Trauer-, Gedächtnis- und Liebesbuch nähert sie sich dem unmöglichen Wunsch, Paul zu neuem Leben zu erwecken. Und Paul selbst kommt zu Wort, mit Briefen, die er für den Monate vor seinem Tod geborenen Enkel Miles hinterlassen hat.In diesem großen Werk der Erinnerung werden Fragen aufgeworfen, die alle Menschen angehen; es lässt eine einzigartige Liebes- und Lebensgemeinschaft wiedererstehen, die des legendär gewordenen Autorenpaars aus Brooklyn.

Review:

Man kann dieses Buch lesen wie ein Gespräch, das nie hätte enden dürfen – und das gerade deshalb weitergeführt wird, in einer Sprache, die sich weigert, den Tod als letzten Punkt zu akzeptieren. Ghost Stories ist kein Erinnerungsband im herkömmlichen Sinn, sondern eine literarische Beschwörung: zart, insistierend, manchmal fast unheimlich in ihrer stillen Intensität.

Siri Hustvedt schreibt über Paul Auster, aber eigentlich schreibt sie mit ihm weiter. Ihre Seiten sind bevölkert von Briefen, Fragmenten, Gedankenfetzen – Spuren eines gemeinsamen Denkens, das sich über vier Jahrzehnte hinweg ineinander verschränkt hat. Was hier sichtbar wird, ist weniger die Chronik einer großen Ehe als deren intellektuelle Topografie: zwei Bewusstseine, die sich gegenseitig geschärft, herausgefordert und getragen haben.

Der eigentliche Gegenstand dieses Buches ist nicht der Verlust, sondern seine eigentümliche Produktivität. Hustvedt interessiert sich nicht für das Pathos der Trauer, sondern für ihre Struktur. Wie bleibt ein Mensch anwesend, obwohl er fehlt? Wie verändert sich Identität, wenn der wichtigste Resonanzraum plötzlich verstummt? In diesen Fragen liegt die eigentliche Radikalität dieses Textes. Der Verstorbene wird hier nicht verabschiedet, sondern in eine andere Form von Gegenwart überführt – in Gerüchen, in Sätzen, in wiederentdeckten Briefen, die plötzlich wie Botschaften aus einer Zwischenwelt wirken.

Auffällig ist die formale Offenheit. Das Buch verweigert sich einer linearen Erzählung und gleicht eher einem Mosaik, in dem sich Privates und Politisches überlagern. Die Geschichte dieser Beziehung ist untrennbar verwoben mit der Geschichte Amerikas, mit seinen Verwerfungen, seinem moralischen Taumeln. Der körperliche Verfall Austers scheint sich stellenweise unheimlich mit einem gesellschaftlichen Verfall zu synchronisieren – als würde das Individuelle plötzlich eine politische Resonanz bekommen. Das ist kein Zufall, sondern literarische Setzung: Hustvedt denkt immer im größeren Zusammenhang.

Dabei bleibt ihre Sprache bemerkenswert diszipliniert. Kein Ausstellen von Schmerz, kein sentimentales Drängen auf Rührung. Stattdessen eine präzise, fast essayistische Klarheit, die gerade durch ihre Zurückhaltung erschüttert. Man liest diese Sätze und spürt, dass hier jemand nicht nur fühlt, sondern versteht – und dieses Verstehen gegen das Vergessen in Stellung bringt.

Natürlich verlangt dieses Buch Geduld. Es ist kein Text, den man konsumiert, sondern einer, in den man sich einschreibt. Wer schnelle Dramaturgie sucht, wird hier nicht fündig. Wer jedoch bereit ist, sich auf die langsame Bewegung des Erinnerns einzulassen, erlebt etwas Seltenes: Literatur, die nicht nur von Liebe und Verlust erzählt, sondern beides in eine neue, beinahe tröstliche Form überführt.

Am Ende bleibt weniger Trauer als eine eigentümliche Form von Bewunderung. Für eine Beziehung, die über den Tod hinaus denkt. Und für eine Autorin, die den Mut besitzt, genau dort weiterzuschreiben, wo andere verstummen würden.

Samstag, 2. Mai 2026

Dungeon Crawler Carl von Matt Dinniman

Dungeon Crawler Carl von Matt Dinniman

Dungeon Crawler Carl
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 512
Verlag: TOR
Sprache: Deutsch
Originaltitel: Dungeon Crawler Carl
ISBN-10: 3596712483
Kaufen: Amazon.de

Gamifizierte Dystopie ohne Seele: viel Blut, Loot und Ironie, kaum Empathie oder Tiefe. Laut, leer, ermüdend.

Bewertung: 2/10 ⭐

Inhalt:

Arschwitzig, einfallsreich und absolut suchterzeugend. Die legendäre LitRPG-Fantasyserie um Dungeon Crawler Carl und die Perserkatze Princess Donut gibt es endlich auf Deutsch. Willkommen im Dungeon. Entertainment ist Pflicht. Überleben nicht.Das Leben ist nicht fair. Erst wird Carl von seiner Freundin sitzengelassen, und dann muss er mitten in der Nacht in Boxer Shorts und Lederjacke raus, um ihre Katze Prinzessin Donut zu retten. Noch unfairer wird es, als er von außerirdischen Invasoren gezwungen wird, an einer sadistischen, intergalaktischen Spielshow teilzunehmen.In einem Dungeon voller Fallen, explodierender Goblins, Drogen dealenden Lamas besteht sein Leben von nun an vor allem darin, am Leben zu bleiben. Und dafür muss er neue Fähigkeiten entwickeln, mächtige Waffen finden und Sponsoren, die ihn in einer perversen und intriganten Medienwelt unterstützen, gegen die Panem ein Kindergarten ist. Zum Glück hat er Donut dabei, eine Katze mit viel Erfahrung im Showbusiness. Und dem unbedingten Willen zum Erfolg.„Frisch. Kreativ. Urkomisch. Ich bin obsessed ... Princess Donut ist meine Königin.“ Felicia Day„Wenn es ein besseres LitRPG als Dungeon Crawler Carl gibt, habe ich es noch nicht gelesen.“ Shirtaloon, Autor von He Who Fights Monsters„Wie kann eine Serie nur so viel Tiefe, Gefühl und Komplexität unter ihrer derben, blutrünstigen Oberfläche verbergen? Was für eine verrückte und unerwartete Freude.“ Scott Lynch

Review:

Dungeon Crawler Carl von Matt Dinniman ist ein literarisches Paradox: ein Buch, das ebenso ungeheuer populär wie philosophisch hohl ist, ebenso technisch präzise wie emotional leer. Kurz gesagt: ein spektakuläres Monument der Gamifizierung menschlicher Verzweiflung – und vielleicht die aggressivste juvenile Dystopie, die mir in den letzten Jahren begegnet ist. Man muss Dinniman eine gewisse Art von Talent zugestehen: Er baut Welten nicht, um moralische Nuancen oder psychologische Tiefe zu erkunden, sondern um sie fröhlich unter einer Lawine aus Lootboxen, Erfahrungspunkten und pubertären Sprüchen zu begraben. Dieses Buch zu lesen fühlt sich an wie ein Zwölf-Stunden-Binge eines Diablo-Livestreams, garniert mit „edgy“ Witzen und dem Beharren darauf, man habe Satire neu erfunden.

Das Grundkonzept ist brutal simpel: Sieben Milliarden Menschen werden in einem Augenblick ausgelöscht, und die wenigen Überlebenden in einen sadistischen, intergalaktisch übertragenen Dungeon-Crawl gezwungen. Was wie The Hunger Games für die Twitch-Generation klingt, entpuppt sich rasch als unablässige Prozession von Blut, Level-Systemen und infantilem Geplänkel zwischen einem muskelbepackten Jedermann und seiner tierischen Begleiterin Donut – einer sprechenden Katze mit Laseraugen und besseren Stats als der Protagonist. Es wäre zum Lachen, wäre es nicht so ermüdend.

Dinniman flirtet nicht nur mit dem Nihilismus; er heiratet ihn, schläft mit ihm und filmt danach die Hochzeitsreise. Sein Roman ist eine unbarmherzige Symphonie aus Verstümmelung und Erniedrigung, erzählt mit der flapsigen Ironie eines Teenagers, der gerade Reddit entdeckt hat. Auf jeden grotesken Tod oder jede angedeutete sexuelle Gewalt folgt eine Pointe, die schon in den Startlöchern steht – denn warum sollte man den Untergang der Menschheit nicht in einen Gag-Reel verwandeln? Das ist keine schwarze Komödie. Es ist eine Art spirituelle Erosion, getarnt als Unterhaltung, in der Horror ästhetisiert und Empathie wie ein optionales Mod-Paket behandelt wird.

Der vielgepriesene Humor? Weniger Witz als weißes Rauschen. Der Ton schwebt irgendwo zwischen Borderlands und einem YouTube-Kommentarthread, reichlich gewürzt mit Achievements wie „Trailblazing Crazy Cat Lady“ oder „Empty Pockets“ – das literarische Äquivalent zu Motivsocken. Man schmunzelt vielleicht ein- oder zweimal, bewundert sogar die Konsequenz des Autors, aber letztlich altert diese Art von „Komik“ schneller als Milch in der Sonne. Das Problem ist nicht, dass die Witze anstößig wären – sie sind schlicht langweilig.

Charakterentwicklung? Carl, der titelgebende Crawler, ist weniger eine Figur als ein animiertes Spreadsheet. Er erleidet keine sichtbaren Traumata, keine existenziellen Erschütterungen, keine echte Entwicklung – denn das würde bedeuten, den Komfortbereich der Genre-Mechaniken zu verlassen. Seine Innenwelt ist irrelevant. Er existiert, um Dinge zu töten, aufzuleveln und gelegentlich seine Katze anzusehen, die bei weitem interessanter ist als er. Der Roman ist so allergisch gegen Introspektion, dass man sich fragt, ob irgendeine dieser Figuren begreift, dass sie die letzten Reste eines toten Planeten sind. Aber nein – Carl trauert nicht, reflektiert nicht. Er verpasst Goblins Barfuß-Tritte und zuckt mit den Schultern. Man könnte beinahe die Reinheit dieses Desinteresses an menschlichen Gefühlen bewundern.

Man könnte versucht sein, das Ganze als schlicht „nicht mein Genre“ abzutun – eine Geschmacksfrage, ein stilistischer Bruch. Aber Dungeon Crawler Carl ist mehr als das. Es ist der Kanarienvogel in der Kohlemine einer bestimmten literarischen Subkultur, einer, die Systeme über Geschichten, Mechanik über Bedeutung stellt. Ein Roman, in dem das Trauma der Auslöschung zu Hintergrundrauschen für Item-Beschreibungen verkommt. Ein Roman, in dem Humor Einsicht ersetzt und Blut Konsequenzen verdrängt.

Und doch – Millionen lieben ihn. Er hat eine Kultgemeinde, begeisterte Rezensionen, mehrere Fortsetzungen. Das ist nicht zu ignorieren. Aber Beliebtheit ist kein Synonym für Qualität. Zuckerwasser verkauft sich auch besser als Bordeaux. Am Ende ließ mich Dungeon Crawler Carl nicht empört oder schockiert zurück, sondern einfach müde. Müde vom Lärm, der Ironie, dem als Spaß verkauften Gemetzel. Ich beendete das Buch, schloss es – und fühlte mich leerer als zuvor.

Matt Dinniman kann schreiben, daran besteht kein Zweifel. Aber die Frage bleibt: Wozu? Was bewirkt dieses komplexe, groteske Videospiel-Simulacrum außer dem Simulieren von Tod und dem Sammeln stilistischer Punkte? Literatur offenbart im besten Fall etwas über die menschliche Existenz. Dieser Roman hingegen behandelt Menschlichkeit wie einen weiteren Mob, den man für XP farmt.

Ich werde die Fortsetzungen nicht lesen. Ich habe genug gesehen.

Freitag, 1. Mai 2026

Rendezvous mit einer Leiche (Der Tod wartet): Ein Hercule Poirot Krimi von Agatha Christie 🎧 Hörbuch

Rendezvous mit einer Leiche (Der Tod wartet): Ein Hercule Poirot Krimi von Agatha Christie 🎧 Hörbuch

Rendezvous mit einer Leiche (Der Tod wartet): Ein Hercule Poirot Krimi
🎙️ Gesprochen von: Christoph Maria Herbst
Erscheinungsjahr: 2026
Laufzeit: 6h 46min
Auflage: Ungekürzte Lesung
Verlag: der Hörverlag
Sprache: Deutsch
Originaltitel: Appointment with Death
ISBN-10: 3844556214
Kaufen: Amazon.de

Psychologischer Druck statt klassischer Spannung

Bewertung: 7/10 ⭐

Handlung:

Hercule Poirot ermittelt in dem tragischen Familiendrama – und einem Mordfall»Du siehst doch ein, dass sie sterben muss!«Diesen Satz, den Raymond Boynton an seine Schwester richtet, hört Hercule Poirot zufällig in seinem Jerusalemer Hotel mit. Als Mrs Boynton, die tyrannische Stiefmutter der Geschwister, wenig später auf dem Weg nach Petra ermordet wird, erinnert sich Poirot an die verschwörerischen Worte. Er hat nur 24 Stunden, um den Fall zu lösen. Genug Zeit jedoch, um Überraschendes zu Tage zu fördern ...Ungekürzte Lesung mit Christoph Maria Herbst1 MP3-CD, 6h 46min

Review:

Wer sich auf "Rendezvous mit einer Leiche" einlässt, betritt kein klassisches Krimiparkett, sondern ein psychologisches Minenfeld. Agatha Christie verlegt den Mord diesmal nicht nur geografisch in die flirrende Kulisse des Nahen Ostens, sondern vor allem in die klaustrophobischen Abgründe einer dysfunktionalen Familie. Das Ergebnis ist ein Roman, der sich weniger für die Tat als für ihre beinahe zwangsläufige Entstehung interessiert.

Im Zentrum steht eine Figur, die man kaum anders als monströs nennen kann: Mrs. Boynton, eine Matriarchin von erschreckender seelischer Grausamkeit, deren Macht über ihre Kinder weniger auf Autorität als auf systematischer Zermürbung beruht. Christie gönnt uns ungewöhnlich viel Zeit mit diesem Ungeheuer, bevor es stirbt – eine erzählerische Entscheidung, die gleichermaßen fasziniert wie strapaziert. Man versteht schnell, warum ihr Tod weniger Schock als Erleichterung auslöst. Der eigentliche Nervenkitzel liegt nicht im „Ob“, sondern im „Wer endlich“.

Dass Hercule Poirot vergleichsweise spät die Bühne betritt, wirkt zunächst wie ein dramaturgischer Fehlgriff, entpuppt sich jedoch als kalkulierte Verschiebung: Der Roman gehört lange nicht dem Ermittler, sondern dem Opfer und seinem toxischen Einfluss. Wenn Poirot schließlich erscheint, agiert er weniger als klassischer Detektiv, sondern als analytischer Psychologe, der ein bereits längst entgleistes System seziert. Seine berühmten „kleinen grauen Zellen“ arbeiten diesmal unter Zeitdruck, doch die eigentliche Vorarbeit hat die Autorin bereits im seelischen Zerfall der Figuren geleistet.

Formal geht Christie hier einen eigenwilligen Weg. Der allwissende Erzähler ersetzt die vertraute Perspektive eines Begleiters wie Hastings, was Distanz schafft – und zugleich eine gewisse Kälte. Man beobachtet, statt teilzunehmen. Das erschwert die Identifikation, steigert aber die klinische Präzision, mit der die Dynamiken offengelegt werden. Allerdings hat diese Entscheidung ihren Preis: Das Miträtseln verliert an Fairness. Die Auflösung wirkt weniger wie ein Triumph der Logik als wie ein letzter, überraschender Dreh aus dem Ärmel der Autorin.

Ich habe diese Geschichte in der aktuellen Hörbuchfassung erlebt – einer ungekürzten Lesung aus dem Jahr 2026 (Laufzeit 6 Stunden 46 Minuten, erschienen bei der der Hörverlag), gelesen von Christoph Maria Herbst. Und hier geschieht etwas Bemerkenswertes: Herbst hebt den Stoff auf eine neue Ebene. Mit feiner Ironie, präzisem Timing und einem untrüglichen Gespür für Tonlagen modelliert er jede Figur mit hörbarer Lust an der Nuance. Seine Mrs. Boynton ist kein bloßes Scheusal, sondern eine akustische Zumutung – kalt, zersetzend, nahezu körperlich spürbar. Gleichzeitig verleiht er Poirot jene elegante Selbstgewissheit, die zwischen Charme und leiser Selbstparodie balanciert. Wie so oft bei Herbst: brillant, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

Und doch entfaltet der Roman unabhängig vom Medium seine eigentümliche Sogwirkung. Jeder ist verdächtig, jeder hat Grund genug – ein klassisches Christie-Setup, das hier durch die moralische Ambivalenz der Figuren zusätzlich geschärft wird. Dass die finale Erklärung nicht jeden vollständig überzeugt, gehört fast schon zum Markenkern: Christie interessiert sich weniger für kriminalistische Wahrscheinlichkeit als für narrative Eleganz.

Am Ende bleibt ein Werk, das innerhalb des Poirot-Kanons eine Sonderstellung einnimmt. Atmosphärisch dicht, psychologisch düster und strukturell ungewöhnlich, aber nicht ohne Schwächen in Rhythmus und Auflösung. Kein makelloser Klassiker – doch gerade in seinen Brüchen zeigt sich eine Autorin, die bereit ist, ihre eigene Formel zu dehnen. Und in der Interpretation von Herbst wird selbst diese Unvollkommenheit zu einem ausgesprochen hörenswerten Vergnügen.