Donnerstag, 30. Juli 2026

Moby-Dick von Herman Melville

Moby-Dick von Herman Melville

Moby-Dick
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 704
Verlag: Anaconda Verlag
Sprache: Englisch
ISBN-10: 3730616153
Kaufen: Amazon.de

Der große Roman, der sich hartnäckig gegen seine Leser wehrt

Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

“Call me Ishmael”On the vast, unpredictable oceans, Captain Ahab of the whaling vessel “Pequod” is a man possessed. Haunted by the loss of his leg to the elusive white whale who claimed it, Ahab's thirst for revenge knows no bounds. Heedless of any consequences, he and his crew pursue his ghostlike nemesis: Moby Dick. Herman Melville's classic tale is a thrilling maritime adventure novel as well as a powerful allegory on the untamable essence of nature and fate.»Better to sleep with a sober cannibal than a drunk Christian ...« IshmaelMoby Dick gilt als das Meisterwerk der amerikanischen Literatur»Think not, is my eleventh commandment; and sleep when you can, is my twelfth.« Captain Ahab

Review:

Klassiker haben einen unfairen Vorteil: Ihr Rang steht meist schon fest, bevor man die erste Seite aufschlägt. Herman Melvilles Moby-Dick gehört zu jenen Büchern, denen der Ruf Jahrzehnte voraussegelt. Gelesen habe ich den Roman im englischen Original, und gerade dort offenbart sich seine eigentliche Natur. Melville schreibt nicht einfach Englisch. Er schreibt eine Sprache, die halb Bibel, halb Shakespeare und halb nautisches Fachlexikon ist. Dass diese Rechnung mathematisch nicht aufgeht, ist durchaus symptomatisch für dieses Buch.

Der eigentliche Roman wäre nämlich grandios. Ein von Hass zerfressener Kapitän jagt den weißen Wal, der ihm einst ein Bein nahm, und macht seine Mannschaft zur Geisel einer Obsession, die längst jede Vernunft verschlungen hat. Ahab zählt zu den großen Monomanen der Weltliteratur, ein Mann, der das Universum zwingend als persönliche Beleidigung missversteht. Der Wal hingegen bleibt wohltuend frei von jeder Symbolik, die ihm sein Verfolger aufbürdet. Moby Dick ist kein Dämon. Er ist ein Wal. Die eigentliche Bestie dieses Romans trägt einen Holzschaft als Bein.

Melville besitzt die seltene Gabe, Sätze zu schreiben, die einen förmlich vom Stuhl heben. Dann entfaltet seine Prosa eine biblische Wucht, die bis heute ihresgleichen sucht. Plötzlich scheint das Meer selbst zu sprechen, und man versteht, weshalb Generationen von Schriftstellern dieses Buch ehrfürchtig verehrten. In solchen Momenten ist Moby-Dick kein Roman mehr, sondern Literatur im denkbar größten Maßstab.

Leider verwechselt Melville Größe allzu häufig mit Umfang.

Zwischen diese sprachlichen Sternstunden schiebt er seitenlange Abhandlungen über Harpunen, Walarten, Tauwerk, Tranverarbeitung und die Anatomie von Pottwalen. Nicht als beiläufige Ausschmückung, sondern mit der Ausdauer eines Dozenten, der fest entschlossen ist, seine Vorlesung bis zur letzten Fußnote zu halten. Man liest irgendwann nicht mehr einen Roman, sondern ein schwimmendes Handbuch des Walfangs. Dass diese Exkurse symbolisch aufgeladen sind und philosophische Funktionen erfüllen, steht außer Frage. Dass sie den Lesefluss regelmäßig kielholen, allerdings ebenso.

Gerade im englischen Original wird diese Ambivalenz besonders deutlich. Die archaische Sprachgewalt entfaltet dort eine Faszination, die jede Übersetzung zwangsläufig nur annähernd einfangen kann. Gleichzeitig trifft einen die schiere Dichte der nautischen Terminologie mit ungebremster Wucht. Mehr als einmal hatte ich den Eindruck, weniger Leser als unfreiwilliger Lehrling auf der Pequod zu sein.

Erstaunlich modern wirkt dagegen Ishmaels Beziehung zu Queequeg. Ihre Freundschaft besitzt eine Wärme und Selbstverständlichkeit, die einem Roman von 1851 überraschend gut zu Gesicht steht. Überhaupt ist Melvilles Blick auf Herkunft, Religion und kulturelle Unterschiede oft differenzierter, als man es von einem Werk dieses Alters erwarten würde. Hier zeigt sich ein Autor, der seiner Zeit gelegentlich weit voraus war.

Moby-Dick ist deshalb eines jener seltenen Bücher, die man gleichzeitig bewundern und verfluchen kann. Seine literarische Bedeutung ist völlig verdient. Sein Einfluss auf die Weltliteratur, die Popkultur und unser Verständnis von Besessenheit lässt sich kaum überschätzen. Als Leseerlebnis bleibt der Roman jedoch ein widerspenstiger Koloss. Wer ihn ausschließlich nach seinem Unterhaltungswert beurteilt, wird vermutlich kapitulieren. Wer bereit ist, sich auf seine Eigenwilligkeit einzulassen, entdeckt ein Werk von ungeheurer geistiger Kraft, das sich allerdings immer wieder selbst im Weg steht.

Moby-Dick ist kein Roman, den ich jedem Leser bedenkenlos empfehlen würde. Wohl aber einer, den jeder leidenschaftliche Leser zumindest einmal bezwungen haben sollte. Nicht weil jede Seite Vergnügen bereitet, sondern weil nur wenige Bücher eindrucksvoller demonstrieren, wie schmal der Grat zwischen literarischem Genie und selbstverliebter Maßlosigkeit sein kann.

Dienstag, 28. Juli 2026

King Sorrow II von Joe Hill

King Sorrow II von Joe Hill

King Sorrow II
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 640
Verlag: Heyne Verlag
Sprache: Deutsch
Originaltitel: King Sorrow
ISBN-10: 3453275799
Kaufen: Amazon.de

Das wahre Monster ist die Gewöhnung

Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Mit seinen Romanen erobert Joe Hill regelmäßig die Spitze der internationalen BestsellerlistenJahr für Jahr fordert der mächtige Drache King Sorrow von Arthur Oakes, der inzwischen Professor für Englische Literatur ist, und seinen Freunden ein Menschenopfer. Die Folgen ihrer Wahl werden immer drastischer, immer mehr unschuldige Menschen kommen bei King Sorrows Beutezügen ums Leben. Arthur ist klar, dass sie den Drachen zurück in die Große Dunkelheit verbannen müssen. Doch einer seiner Freunde spielt ein falsches Spiel ...Der Originalroman »King Sorrow« erscheint auf Deutsch in zwei Teilen »King Sorrow 1« und »King Sorrow 2«.

Review:

Nach dem ersten Teil war ich gespannt, ob Joe Hill die enorme Fallhöhe seines Romans tatsächlich würde halten können. Solche Geschichten neigen dazu, sich in ihrem eigenen Anspruch zu verlieren. Umso erfreulicher war für mich, dass „King Sorrow II“ genau das nicht tut. Im Gegenteil: Erst hier entfaltet der Roman seine eigentliche Wucht.

Mich hat vor allem beeindruckt, wie konsequent Hill seine Grundidee zu Ende denkt. Der Drache ist längst nicht mehr das eigentliche Monster. King Sorrow bleibt zwar eine faszinierende, bedrohliche Figur, doch der wahre Schrecken entsteht dort, wo seine Beschwörer anfangen, mit seiner Existenz zu leben. Schuld wird zur Routine, moralische Grenzen verschieben sich beinahe unmerklich, und irgendwann diskutieren die Figuren nicht mehr darüber, ob etwas falsch ist, sondern nur noch darüber, wer den Preis bezahlen soll. Genau dort entwickelt der Roman seine größte Stärke.

Besonders gelungen finde ich, dass Hill seine Figuren nie zu bloßen Symbolen degradiert. Arthur und seine Freunde altern, scheitern, lieben, hassen und treffen Entscheidungen, die sich selten eindeutig bewerten lassen. Gerade Donna hat mich überrascht. Aus einer Figur, die zunächst fast klischeehaft wirkt, entwickelt Hill einen der komplexesten Charaktere des gesamten Romans. Diese Ambivalenz zieht sich durch das ganze Buch und macht es deutlich interessanter als viele Fantasyromane, die ihre Figuren vorschnell in Gut und Böse aufteilen.

Natürlich bleibt Hill ein Autor, der gern ausschweift. Auch im zweiten Teil hätte ich auf einige Umwege verzichten können. Manche Episoden wirken eher wie Demonstrationen erzählerischer Lust als erzählerischer Notwendigkeit. Gleichzeitig musste ich mir eingestehen, dass gerade diese Breite den Figuren erlaubt, glaubwürdig über Jahrzehnte hinweg zu wachsen. Vieles, was zunächst nebensächlich erscheint, gewinnt später überraschendes Gewicht.

Das Finale empfand ich als ausgesprochen gelungen. Hill setzt stärker auf Spektakel als zuvor, verliert dabei aber nie aus dem Blick, worum es eigentlich geht. Nicht der Kampf gegen den Drachen steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, was Macht, Schuld und Verantwortung aus Menschen machen. Genau deshalb funktioniert das Ende für mich nicht nur als spannender Abschluss, sondern auch als logische Konsequenz der gesamten Geschichte.

Bereits beim ersten Teil habe ich die Entscheidung kritisiert, den Roman für die deutsche Ausgabe künstlich in zwei Bände zu zerlegen. Nach der Lektüre des zweiten Teils bin ich davon noch überzeugter. „King Sorrow“ ist als ein großer Roman gedacht. Die Trennung unterbricht einen Erzählbogen, der gerade von seiner Langsamkeit und Unausweichlichkeit lebt.

Für mich ist „King Sorrow“ eines der ambitioniertesten Werke, die Joe Hill bislang geschrieben hat. Nicht jede Seite ist notwendig, nicht jede Episode trifft ins Schwarze. Doch die Mischung aus Fantasy, Horror und moralischem Roman besitzt eine gedankliche Tiefe, die im Genre selten geworden ist. Wer sich auf diese Reise einlässt, bekommt weit mehr als eine Geschichte über Drachen. Er bekommt einen Roman darüber, wie erschreckend leicht der Mensch lernt, mit dem Ungeheuer zu leben.

Dienstag, 21. Juli 2026

Die besten Geschichten von Thomas Mann

Die besten Geschichten von Thomas Mann

Die besten Geschichten
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 368
Verlag: Anaconda Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3730616137
Kaufen: Amazon.de

Die Kunst der kurzen Form

Bewertung: 8/10 ⭐

Inhalt:

Ausgewählte Erzählungen aus Thomas Manns vielschichtigem Œuvre - von den frühen Anfängen bis zum Gipfel seiner ErzählkunstWas Thomas Mann in dicke Romane gepackt hat, wusste er auch in kürzerer Form zu erzählen. Die sechs Geschichten in diesem Band bilden einen Querschnitt seiner großen Themenvielfalt und Sprachmagie: Von berührenden Kindheitsgeschichten wie »Unordnung und frühes Leid« (1925) über die Nöte von Außenseitern (»Der kleine Herr Friedemann«, 1897) und Künstlern (»Tonio Kröger«, 1903) bis hin zur zart ironischen Neufassung des biblischen Stoffes um Moses und die Zehn Gebote in »Das Gesetz« (1944). Außerdem enthalten sind die Erzählungen »Das Wunderkind« (1903) und »Mario und der Zauberer« (1930). Ausgewählte Prosatexte zum Kennenlernen.Neu zusammengestellt - nur bei AnacondaDer ideale Zugang zu einem der größten deutschsprachigen Autoren»Thomas Manns Werk gehört zum herausragenden Schatz deutscher Literatur.« Deutschlandfunk»Wer sich seine Werke wieder vornimmt, stellt verwundert fest, dass die Klischees, die sich über die Romane und Erzählungen angesammelt haben, mit dieser Literatur selbst wenig zu tun haben. Sie ist von satter, überraschender Gegenwärtigkeit.« Die Zeit»Thomas Mann genießt eine posthume Berühmtheit, an die heute weder Goethe noch Brecht, weder Ingeborg Bachmann noch Christa Wolf, weder Kleist noch Kafka heranreichen.« Die Zeit

Review:

Thomas Mann gilt vielen noch immer als Autor monumentaler Romane, deren Ruf ebenso ehrfurchtgebietend wie abschreckend ist. Dabei offenbart sich seine eigentliche Meisterschaft oft gerade dort, wo er sich beschränkt. Eine gute Erzählung zwingt einen Schriftsteller zur Präzision. Jeder Satz muss sitzen, jede Figur mit wenigen Strichen Kontur gewinnen. Kaum jemand beherrscht diese Kunst so souverän wie Thomas Mann. Der Anaconda Verlag versammelt in Die besten Geschichten sechs Texte aus unterschiedlichen Schaffensphasen und macht damit vor allem eines sichtbar: wie erstaunlich vielseitig dieser Autor tatsächlich war.

Den eindrucksvollsten Moment liefert für mich Mario und der Zauberer. Was zunächst wie eine harmlose Urlaubsschilderung beginnt, entwickelt sich beinahe unmerklich zu einer beklemmenden Studie über Macht, Verführung und die freiwillige Unterwerfung des Menschen. Mann schrieb die Erzählung lange bevor Europa endgültig in den Faschismus stürzte. Gerade deshalb wirkt sie heute beinahe unheimlich hellsichtig. Der Zauberer Cipolla ist keine bloße Figur, sondern die Verkörperung eines Mechanismus, der bis heute erschreckend aktuell geblieben ist: Charisma ersetzt Argumente, Demütigung wird zur Unterhaltung und die Masse applaudiert, obwohl sie längst ihre Freiheit eingebüßt hat.

Ganz anders, aber nicht weniger eindringlich, begegnet einem Der kleine Herr Friedemann. Mann erzählt hier keine große Tragödie, sondern die leise Zerstörung eines Menschen, der sein Leben mühsam um seine Verletzlichkeit herum organisiert hat. Friedemann glaubt, sich mit seiner Einsamkeit arrangiert zu haben. Erst die Begegnung mit einer Frau lässt diese fragile Ordnung zusammenbrechen. Ohne Sentimentalität und ohne moralische Belehrung beschreibt Mann, wie Sehnsucht einen Menschen zugleich beleben und vernichten kann. Gerade diese Zurückhaltung macht die Novelle so schmerzhaft.

Mit Das Gesetz überrascht Mann dann noch einmal auf ganz andere Weise. Seine Neuerzählung der Moses-Geschichte ist weder religiöse Nacherzählung noch historische Illustration. Sie ist eine faszinierende Reflexion darüber, wie Moral überhaupt entsteht. Mann interessiert sich weniger für göttliche Offenbarung als für die zivilisierende Kraft von Regeln. Die Zehn Gebote erscheinen hier nicht als starre Dogmen, sondern als Voraussetzung dafür, dass aus einer Horde von Individuen überhaupt erst eine Gesellschaft werden kann. Diese philosophische Tiefe entfaltet die Erzählung mit einer Eleganz, die nie belehrend wirkt.

Etwas stiller fällt Unordnung und frühes Leid aus. Vordergründig schildert Mann den Alltag einer bürgerlichen Familie während der Inflationsjahre der Weimarer Republik. Doch hinter den familiären Beobachtungen liegt eine Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs, deren Spannungen in jeder Szene spürbar bleiben. Gerade weil Mann auf große politische Gesten verzichtet, entsteht ein bemerkenswert feines Bild einer Epoche, die ihre Stabilität bereits verloren hat.

Fast heiter wirkt dagegen Das Wunderkind. Hier genügt Mann ein Klavierkonzert, um mit feinem Humor den gesamten Kulturbetrieb zu sezieren. Nicht das musikalische Genie steht im Mittelpunkt, sondern die Menschen, die es betrachten, bewundern und für ihre eigenen Bedürfnisse vereinnahmen. Mit wenigen Beobachtungen entlarvt Mann Eitelkeit, Bildungspathos und bürgerliche Selbstinszenierung. Die Erzählung besitzt eine Leichtigkeit, die man mit dem Autor oft gar nicht verbindet.

Über Tonio Kröger viele Worte zu verlieren, wäre an dieser Stelle überflüssig. Die Novelle gehört zu den bekanntesten Werken Thomas Manns und zählt für mich weiterhin zu seinen größten literarischen Leistungen. Wer meine ausführliche Besprechung bereits gelesen hat (Tonio Kröger und andere Erzählungen von Thomas Mann - GosuReviews), weiß, weshalb sie ihren festen Platz im Kanon der deutschsprachigen Literatur verdient.

Gerade diese Vielfalt macht den Reiz der Sammlung aus. Der Band springt mühelos zwischen psychologischer Studie, politischer Parabel, philosophischer Reflexion und feinsinniger Gesellschaftssatire. Natürlich erreichen nicht alle Texte dieselbe Wucht. Manche wirken eher wie literarische Skizzen als vollendete Meisterwerke. Doch selbst in seinen kleineren Arbeiten besitzt Mann eine sprachliche Präzision und intellektuelle Eleganz, an der viele Autoren mit deutlich umfangreicheren Romanen scheitern.

Wer Thomas Mann bislang nur als Verfasser einschüchternder Klassiker wahrgenommen hat, findet hier den vielleicht besten Einstieg in sein Werk. Und wer ihn bereits kennt, wird daran erinnert, dass seine eigentliche Größe nicht allein in monumentalen Romanen liegt, sondern in seiner Fähigkeit, auf wenigen Seiten ganze Welten zu entwerfen. Diese Sammlung ist deshalb weit mehr als eine beliebige Anthologie. Sie ist ein überzeugender Querschnitt durch das Schaffen eines Autors, dessen Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis auch ein Jahrhundert später kaum etwas von ihrer Schärfe verloren haben.

Sonntag, 19. Juli 2026

Dem Meer entgegen von Lidija Hilje

Dem Meer entgegen von Lidija Hilje

Dem Meer entgegen
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 400
Verlag: hanserblau
Sprache: Deutsch
Originaltitel: SLANTING TOWARDS THE SEA
ISBN-10: 3446287248
Kaufen: Amazon.de

Liebe als selbstgewählte Gefangenschaft

Bewertung: 7,5/10 ⭐

Inhalt:

Ein poetischer Sommerroman vor der Küste Kroatiens über alte Gefühle, eine zweite Chance auf die Liebe und den Mut zu einem Neubeginn.In ihren späten Dreißigern kehrt Ivona in ihre Heimatstadt Zadar an der kroatischen Küste zurück. Das Meer schimmert, die Luft duftet nach Sommer, und der Wind streicht sanft durch den alten Olivenhain ihrer Großmutter – doch Ivona hadert mit dem, was nicht geworden ist. Ihre Ehe ist an einem alles verändernden Geheimnis zerbrochen, und statt als Biologin arbeitet sie in einem Schreibwarenladen. Als sich ihre Wege nach Jahren wieder mit ihrem Ex-Mann Vlaho kreuzen, erwachen alte Gefühle, aber gerade jetzt eröffnet ein unerwartetes Angebot Ivona die Chance auf einen Neubeginn in Italien – und sie muss sich entscheiden, ob sie Vergangenes hinter sich lassen kann. Ein atmosphärischer, kraftvoller Roman zwischen Sommerlicht, Erinnerungen und der Möglichkeit eines anderen Lebens.

Review:

Liebesromane leiden häufig an derselben Krankheit: Sie verwechseln große Gefühle mit großen Gesten. "Dem Meer entgegen" verweigert sich diesem Missverständnis erfreulich hartnäckig. Lidija Hilje interessiert sich weder für romantischen Kitsch noch für sentimentale Erlösung. Sie schreibt über Menschen, die ihr Unglück mit derselben Beharrlichkeit pflegen wie andere ihren Rosengarten. Das machte mich beim Lesen nicht selten ratlos, gelegentlich sogar ungeduldig. Und dennoch entwickelte dieser Roman einen Sog, dem ich mich kaum entziehen konnte. Gerade weil Hilje ihren Figuren jede einfache Flucht aus ihrer Vergangenheit verweigert, entsteht eine emotionale Wucht, die lange nachhallt.

Ivona gehört zu jenen literarischen Figuren, die einem den letzten Nerv rauben und gerade deshalb im Gedächtnis bleiben. Immer wieder traf sie Entscheidungen, die ich am liebsten lautstark infrage gestellt hätte. Ihre Opferbereitschaft erscheint zunächst nobel, verwandelt sich jedoch zunehmend in eine Form emotionaler Selbstbestrafung. Hilje zeichnet das mit bemerkenswerter Konsequenz nach. Aus einer Liebe wird keine Erlösung, sondern ein lebenslanges Echo. Ivona und Vlaho bleiben auch nach ihrer Trennung unauflöslich aneinander gebunden. Nicht durch gemeinsame Erinnerungen allein, sondern durch das, was unausgesprochen zwischen ihnen stehen bleibt.

Gerade diese psychologische Genauigkeit macht den Roman so überzeugend. Hilje verlangt ihren Figuren nichts Heroisches ab. Sie dürfen widersprüchlich sein, irrational handeln und sich immer wieder in ihren eigenen Gefühlen verfangen. Das ist bisweilen unerquicklich, aber erschreckend glaubwürdig. Ich musste die Figuren nicht mögen, um ihnen zu glauben. Tatsächlich empfand ich ihre Schwächen oft als die größte Stärke des Romans.

Hinzu kommt ein Schauplatz, der weit mehr ist als bloße Kulisse. Das Kroatien der jungen Demokratie, die Adriaküste, die Hitze, das Meer und die Olivenhaine verleihen der Geschichte eine stille Melancholie. Die Landschaft illustriert die Handlung nicht, sie trägt sie. Selten habe ich einen Roman gelesen, in dem Ort und Stimmung so selbstverständlich miteinander verschmelzen. Das Meer wird zum Sinnbild einer Vergangenheit, die lockt, tröstet und zugleich jede Bewegung nach vorn erschwert.

Auch sprachlich beeindruckte mich Hilje. Ihre Prosa besitzt eine ruhige Eleganz und eine bemerkenswerte emotionale Präzision. Immer wieder gelingen ihr Bilder und Beobachtungen, die lange nachwirken. Gelegentlich greift sie allerdings zu Metaphern, die eher Aufmerksamkeit erzeugen als Erkenntnis. Solche Ausreißer bleiben glücklicherweise selten und ändern nichts daran, dass dieser Roman sprachlich über weite Strecken eine erstaunliche Reife ausstrahlt.

Wer hier eine klassische Geschichte über zweite Chancen erwartet, dürfte enttäuscht werden. "Dem Meer entgegen" erzählt vielmehr von Menschen, die den Mut zur Veränderung immer wieder gegen die Vertrautheit ihres Schmerzes eintauschen. Das ist kein Wohlfühlroman. Er fordert Geduld, Mitgefühl und bisweilen starke Nerven. Dafür schenkt er etwas, das weit seltener geworden ist: Figuren, die sich nicht nach den Erwartungen des Lesers richten, sondern ihrer eigenen inneren Wahrheit folgen.

Ich habe mich über Ivona geärgert. Ich habe ihre Entscheidungen oft nicht verstanden. Und doch hat mich dieses Buch bis zur letzten Seite festgehalten. Vielleicht gerade deshalb. Gute Literatur muss nicht trösten. Manchmal genügt es, wenn sie den Finger so präzise in eine Wunde legt, dass man sie noch lange spürt, nachdem das Buch längst wieder im Regal steht.

Donnerstag, 16. Juli 2026

Der Betrachter von Judith Fanto

Der Betrachter von Judith Fanto

Der Betrachter
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 464
Verlag: Kein & Aber
Sprache: Deutsch
Originaltitel: Narcis
ISBN-10: 3036951881
Kaufen: Amazon.de

Die Anatomie eines schleichenden Verrats

Bewertung: 8/10 ⭐

Inhalt:

1916. Nach dem Tod seiner Mutter muss der zehnjährige Manno seine Heimatstadt Haarlem verlassen und zur Familie seines Vaters nach Wien ziehen. In der neuen Stadt fühlt er sich einsam und verloren, bis er in der Sommerschule Béla, Franzi, Max, Bertl und Lotte kennenlernt. Es entsteht eine Freundschaft, die die sechs jeden Sommer erneuern. Außerhalb Wiens bei den gemeinsamen Ferien in Altaussee scheint es keine Rolle zu spielen, dass Béla schwul ist, oder dass Max und Franzi jüdisch sind. Doch im antisemitischen Wien wird ihre Freundschaft zunehmend politisch, und spätestens als Hitler am Vorabend des Zweiten Weltkriegs in Österreich einmarschiert, tun sich innerhalb der Freundesgruppe Abgründe auf, die unüberwindbar scheinen. 1948 blickt der Kunstrestaurator Manno zurück und legt die Freundschaft Stück für Stück frei.

Review:

Historische Romane scheitern oft an derselben Versuchung: Sie erklären die Vergangenheit, anstatt sie erfahrbar zu machen. Judith Fanto wählt den klügeren Weg. Der Betrachter verzichtet auf moralische Lautsprecher und vertraut stattdessen auf die stille Wucht menschlicher Beziehungen. Gerade darin liegt die eigentliche Kraft dieses Romans.

Im Mittelpunkt steht keine Heldengeschichte, sondern ein Mann, der beobachtet, erinnert und versucht zu begreifen. Manno ist kein charismatischer Anführer, sondern ein leiser Erzähler, dessen Blick auf seine Freunde den Roman trägt. Seine Zurückhaltung wird zur literarischen Stärke. Wo andere Figuren laut Position beziehen, registriert er feine Verschiebungen: einen beiläufigen Satz, eine neue Überzeugung, einen kaum wahrnehmbaren Riss im Gefüge einer Freundschaft. Fanto zeigt eindrucksvoll, dass der Faschismus selten mit einem Paukenschlag beginnt. Er schleicht sich in Gespräche, in Gewohnheiten und schließlich in Menschen ein, die gestern noch ganz gewöhnlich erschienen.

Besonders beeindruckt hat mich, wie konsequent die Autorin ihre Figuren als widersprüchliche Persönlichkeiten ernst nimmt. Niemand wird auf die Rolle des Guten oder Bösen reduziert. Herkunft, Loyalität, Angst und Selbstschutz greifen ineinander und machen verständlich, weshalb selbst enge Freundschaften unter dem Druck der Geschichte zerbrechen können. Das wirkt nie konstruiert, sondern erschreckend plausibel. Gerade weil Fanto auf einfache Urteile verzichtet, entfaltet der Roman eine nachhaltige moralische Sprengkraft.

Auch sprachlich überzeugt Der Betrachter nahezu durchgehend. Fanto schreibt mit einer Eleganz, die niemals geschniegelt wirkt. Atmosphären entstehen aus wenigen präzisen Beobachtungen, Wien und Haarlem werden nicht bloß beschrieben, sondern erhalten eine spürbare Textur. Immer wieder gelingen ihr Sätze, die lange nachhallen, weil sie Emotionen nicht behaupten, sondern aus den Figuren heraus entstehen lassen.

Nicht alles ist makellos. Bis der Roman seine volle Sogwirkung entfaltet, verlangt er etwas Geduld, und gegen Ende hätte ich mir mehr Zeit für den Abschluss gewünscht. Einige Entwicklungen wirken dort überraschend abrupt, obwohl die Geschichte zuvor mit bemerkenswerter Ruhe erzählt wurde. Das schmälert den Gesamteindruck allerdings nur geringfügig.

Der Betrachter ist weit mehr als ein Roman über den Nationalsozialismus. Er ist eine kluge Untersuchung darüber, wie Freundschaften entstehen, was sie zusammenhält und woran sie scheitern können. Vor allem aber erinnert Judith Fanto daran, dass historische Katastrophen nicht abstrakt beginnen, sondern in den Entscheidungen gewöhnlicher Menschen. Genau deshalb fühlt sich dieser Roman nicht wie ein Blick zurück an, sondern wie ein Blick in einen Spiegel.

Dienstag, 14. Juli 2026

Adriatica von Massimo Gezzi

Adriatica von Massimo Gezzi

Adriatica
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 200
Verlag: nonsolo Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3947767366
Kaufen: Amazon.de

Zwei Gestrandete am Ufer der Nacht

Bewertung: 6/10 ⭐

Inhalt:

Emilie und Tullio treffen zufällig an der Strandpromenade aufeinander. Zwei Generationen, zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten: eine wütende junge Frau voller Träume, die aufbegehrt gegen ihr Umfeld, und ein fast Siebzigjähriger, der sein ungelebtes Leben Revue passieren lässt. Doch ihre tiefe Einsamkeit verbindet sie. Ihre Begegnung findet in einer imaginären Stadt an der adriatischen Küste statt, die beispielhaft ist für das Lebensgefühl in der italienischen Provinz.

Review:

Die Adria kennt keine Gnade, wenn sich die Nacht über kaputte Existenzen legt, und in Massimo Gezzis Debütroman "Adriatica" wird das Meer selbst zum heimlichen Hauptdarsteller, während zwei Menschen am Rand ihres Lebens aneinander vorbei und doch ineinander finden.

Neunzehn ist Emilie, und sie hat für sich längst entschieden, dass sie eine Verliererin ist. Die Mutter hält mit Härte nicht hinterm Berg, der Vater ist kriminell geworden, und als die beste Freundin Giada ihr eigenes Geheimnis offenbart, zerbricht die letzte verlässliche Bindung in einer einzigen Mainacht am Hafen. Tullio dagegen ist über sechzig, raucht gegen jeden ärztlichen Rat seit seinem Schlaganfall und trauert einer Liebe nach, die Cinzia hieß und längst zur Reliquie geworden ist. Zwei Uhrwerke, aus der Zeit gefallen, begegnen sich auf der Hafenpromenade jener fiktiven Küstenstadt, die dem Buch seinen Titel gibt, und reden, bis der Morgen graut.

Gezzi verzichtet auf jede dramaturgische Volte und baut stattdessen auf das leise Nebeneinander zweier Monologe, die sich langsam zum Dialog verdichten. Das ist redlich gemacht, streckenweise anrührend, fast filmisch in seiner Konzentration auf einen nächtlichen Schauplatz, doch dieses Verfahren hat seinen Preis. Wo das Rauschen der Adria als Resonanzraum für Einsamkeit und Erinnerung funktioniert, gerät der Roman zu stiller, dichter Meditation. Wo er sich mit der bloßen Behauptung von Gefühl begnügt, kippt die Meditation ins Klischee, und man wartet vergeblich auf eine Wendung, die dieses Kammerspiel aus seiner Vorhersehbarkeit befreien könnte.

Vor allem das Ende bleibt halbherzig, als hätte der Autor sich nicht entscheiden können, ob er Trost spenden oder Ratlosigkeit stehen lassen will, und lässt mehr Fäden offen, als man einem so schmalen Buch zumuten sollte. Wer freilich lieber Stimmungen als Handlung liest, findet in "Adriatica" eine kleine, melancholische Volte, die noch lange nachklingt wie eine ferne Brandung.

Mein Urteil: ein achtbares, atmosphärisch überzeugendes Debüt, das seine Ambition zur leisen Prosa nicht durchweg in erzählerische Substanz übersetzt. Solide drei von fünf Muscheln.

Samstag, 11. Juli 2026

Die Seele suchen: Freud, Wien und die Erfindung der Psychoanalyse von Frank Tallis

Die Seele suchen: Freud, Wien und die Erfindung der Psychoanalyse von Frank Tallis

Die Seele suchen: Freud, Wien und die Erfindung der Psychoanalyse
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 560
Verlag: btb Verlag
Sprache: Deutsch
Originaltitel: Mortal Secrets
ISBN-10: 3442763371
Kaufen: Amazon.de

Nicht Freud ist der Star. Es ist Wien.

Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

»Faszinierend ... das beste Buch, das ich je über Freud und Wien gelesen habe. Hellsichtig, skeptisch, klug.« Times Literary Supplement-Books of the YearDer Romanautor und klinische Psychologe Frank Tallis beleuchtet auf brillante Weise Sigmund Freud und seine Zeit. Er nimmt die Leser mit in die Gedankenwelt eines der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts, zeichnet die Entwicklung der Psychoanalyse nach. Tallis erklärt, dass wohl nur wenige große Denker mehr verunglimpft worden sind als Sigmund Freud (1856-1939). Dem »extremen Freud-Bashing« stünden jedoch ebenso wenig hilfreiche, allzu ehrfürchtige Anhänger gegenüber. Als Bewunderer, aber definitiv nicht als Verehrer, liefert Tallis das sachkundige Porträt einer brillanten, obsessiven und rücksichtslosen Persönlichkeit. Als ehrgeiziger junger Neurologe in einer Zeit, in der psychische Störungen als Erkrankungen des Gehirns angesehen wurden, war Freud nicht der erste, der sie als Folge traumatischer Erinnerungen betrachtete oder die »sprechende Heilung« anwandte, aber sein Charisma, seine Energie und seine literarischen Fähigkeiten brachten »eine neue Art des Verständnisses von Geist, Beziehungen, Geschichte und Kultur« hervor, wie sie vielleicht nur in der Zeit des Goldenen Wiens um die Wende zum 20. Jahrhundert möglich war. So bietet Frank Tallis nicht nur einen äußerst fundierten Blick auf die Ikone Sigmund Freud, sondern zugleich auch auf das Kultur- und Geistesleben einer Stadt zwischen Tradition und Moderne, die einen besonderen Nährboden für Kunst und Architektur, Philosophie, Musik und Literatur bot.

Review:

Sigmund Freud ist eine jener Figuren, an denen sich jede Generation aufs Neue abarbeitet. Die einen verehren ihn als Entdecker des Unbewussten, die anderen würden seine Theorien am liebsten gemeinsam mit den Zigarren in einem Wiener Aschenbecher entsorgen. Frank Tallis versucht gar nicht erst, diesen Streit zu schlichten. Er schlägt einen klügeren Weg ein: Er erklärt, weshalb ein Mann wie Freud ausgerechnet im Wien der Jahrhundertwende entstehen konnte. Das ist die eigentliche Leistung dieses Buches.

Mich hat dabei weniger Freud fasziniert als die Stadt, die Tallis heraufbeschwört. Dieses Wien erscheint wie ein überhitzter Dampfkessel aus Größenwahn, Dekadenz, Antisemitismus, Kunstbesessenheit und intellektuellem Hochmut. Kaffeehäuser werden zu Denkfabriken, Salons zu Versuchslaboren der Moderne und Neurosen fast schon zum guten Ton. Man versteht plötzlich, warum ausgerechnet hier jemand auf die Idee kommen konnte, Träume als Landkarten der Seele zu lesen.

Genau dort ist Tallis am stärksten. Immer wenn er den Blick von Freud hebt und die Kulisse betrachtet, beginnt das Buch zu leuchten. Dann wird aus einer Biografie ein kulturhistorisches Panorama, das weit interessanter ist als die ewige Frage, ob Freud nun ein Genie, ein Scharlatan oder beides zugleich war.

Weniger überzeugt hat mich Tallis dort, wo er historische Persönlichkeiten mit einer Selbstsicherheit psychologisiert, die ausgerechnet einem Buch über Psychoanalyse schlecht zu Gesicht steht. Manche Diagnosen wirken eher wie elegante Gedankenspiele als wie belastbare Schlussfolgerungen. Hinzu kommt ein irritierender Blick auf einige Frauenfiguren, der modern wirken möchte, sich aber erstaunlich häufig in Klischees verfängt. Das lässt Zweifel daran aufkommen, ob hier wirklich historische Einordnung betrieben wird oder gelegentlich doch die Fantasie des Autors Regie führt.

Auch strukturell ist das Buch nicht frei von Schwächen. Tallis verliert sich immer wieder in Exkursen, die für sich genommen brillant geschrieben sind, den eigentlichen Erzählfluss aber ausbremsen. Ich hatte mehrfach den Eindruck, ein Gast würde auf einer Party ständig neue Anekdoten beginnen, bevor die vorherige überhaupt zu Ende erzählt ist. Unterhaltsam? Ja. Diszipliniert? Eher nicht.

Und trotzdem habe ich dieses Buch gern gelesen. Nicht, weil es Freud rehabilitiert oder endgültig demontiert, sondern weil es etwas viel Spannenderes tut: Es zeigt, wie Ideen entstehen. Nicht im Elfenbeinturm, sondern zwischen politischen Umbrüchen, gesellschaftlichen Neurosen und persönlichen Eitelkeiten. Tallis erinnert daran, dass auch große Denker Kinder ihrer Zeit bleiben. Das ist weder revolutionär noch neu, aber selten so anschaulich erzählt.

Wer eine nüchterne Einführung in die Psychoanalyse sucht, wird hier nicht immer glücklich werden. Wer jedoch verstehen möchte, weshalb Wien um 1900 zum Epizentrum einer geistigen Explosion wurde, findet ein ebenso kenntnisreiches wie streitbares Buch. Nicht jede These trägt, nicht jede Interpretation überzeugt. Aber ein Buch, das Widerspruch provoziert, ist mir allemal lieber als eines, das sich in der Harmlosigkeit akademischer Ausgewogenheit einrichtet. Gerade darin liegt sein Reiz.

Donnerstag, 9. Juli 2026

The Rainshadow Orphans von Naomi Ishiguro

The Rainshadow Orphans von Naomi Ishiguro

The Rainshadow Orphans
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 640
Verlag: Eichborn
Sprache: Deutsch
Originaltitel: The Rainshadow Orphans
ISBN-10: 3847902334
Kaufen: Amazon.de

Der Boba-Roboter im Ghibli-Kostüm: Naomi Ishiguros „Rainshadow Orphans"

Bewertung: 5/10 ⭐

Inhalt:

Mit Motiv-Farbschnitt in der ErstauflageDas Leben ist nicht leicht in Rainshadow City. Jenseits des prunkvollen Palastes herrschen Armut und Ungerechtigkeit. Die kriminelle Untergrundorganisation Lucky Crows verbreitet Angst und Schrecken. In der düsteren Metropole kämpfen die Wahlgeschwister Toshiko, Jun und Mei ums Überleben - und um Gerechtigkeit. Derweil freundet sich Haru, der Sohn der skrupellosen Kaiserin, mit magischen Sonnengeistern an. Und Theo, der wie so viele andere auf illegalem Weg nach Rainshadow City gelangt ist, wird versehentlich in kriminelle Machenschaften verstrickt.Ihre aller Schicksale werden verwoben, als Toshiko dem Anführer der Lucky Crows eine geheimnisvolle Drachenperle stiehlt und dadurch eine Reihe von Ereignissen ins Rollen bringt, die nicht nur das Leben der drei Geschwister gefährden, sondern das Schicksal von ganz Rainshadow City für immer verändern könnten.»Ein Roman voller unvergesslicher Charaktere, erzählt in einem Tempo, das süchtig macht.« Samantha Shannon, Autorin von Der Orden des geheimen Baumes

Review:

Wer ein Buch mit dem Versprechen bewirbt, es atme den Geist von Studio Ghibli, Pokémon und Akira zugleich, hat entweder ein literarisches Wunderwerk geschaffen oder schlicht keine Ahnung, wovon diese drei Referenzen eigentlich handeln. Naomi Ishiguros „Rainshadow Orphans", Auftakt einer geplanten Trilogie, gehört leider in die zweite Kategorie. Auf 640 Seiten entfaltet sich hier eine Geschichte, die sich mit dem Mut eines Buffets an jedem Genre-Tablett bedient, Fantasy, Science-Fiction, Gesellschaftskritik, Coming-of-Age, und am Ende doch nur einen überladenen Teller serviert, auf dem nichts richtig satt macht.
Die Grundidee hat Charme. Eine Inselwelt zwischen Wolkenkratzern und Zauberwesen, Sonnengeister neben Serviceroboter, ein Kaiserreich, das seine Ärmsten in ein Elendsviertel namens Halbmond verbannt, während die Reichen sich hinter Palastgärten verschanzen. Fünf junge Protagonisten, darunter drei verwaiste Geschwister und ein zehnjähriger Kronprinz, sollen dieses Panorama aus wechselnden Perspektiven zum Leben erwecken. Und tatsächlich gelingen Ishiguro einzelne Momente von echter Wärme, vor allem dort, wo sie den Prinzen Haru und seine Gabe, die Sonnengeister zu sehen, in den Mittelpunkt rückt. Da blitzt für Absätze auf, was der Klappentext verspricht: jene träumerische, leicht melancholische Zärtlichkeit, die man aus japanischen Animationsfilmen kennt.
Nur währt dieser Zauber selten lange. Ishiguro leidet an einer Krankheit, die halbe Verlagslektorate offenbar für heilbar halten: dem Zwang, jede Figur, jeden Gegenstand, jede Nebensächlichkeit mit einer ausführlichen Vorgeschichte zu unterfüttern, bevor die Handlung überhaupt Fahrt aufnehmen darf. Das Ergebnis ist ein Buch, das binnen 48 fiktiver Stunden spielt und sich dafür 640 reale Seiten Zeit lässt, ein Missverhältnis, das selbst geduldige Leser irgendwann zur Verzweiflung treibt. Die politischen Themen, Vertreibung, Ausbeutung migrantischer Arbeitskräfte, autoritäre Willkür, sind alle vorhanden und alle richtig gewählt, werden aber mit der Subtilität eines Vorschulhammers verhandelt. Die Bösewichte tragen ihre Boshaftigkeit wie einen Zwirbelbart vor sich her, und der Gedanke, ein Zehnjähriger könne ernsthaft ein Reich anführen, verlangt dem Text eine Glaubwürdigkeit ab, die er sich nicht verdient hat.
Am Ende bleibt ein Buch, das genau zwischen den Stühlen sitzt, auf denen es sich eigentlich hätte niederlassen wollen. Für erwachsene Leser zu betulich erzählt, für junge Leser zu behäbig ausgebremst, für eine Trilogie mit Ambitionen zu unfokussiert in der Fülle ihrer eigenen Einfälle. Der bubbleteebrauende Roboter, den Ishiguro ihren Figuren als running gag mitgibt, wird so unfreiwillig zum Sinnbild des ganzen Unternehmens: ein hübsches Detail, technisch aufwendig konstruiert, aber letztlich ohne echten Zweck für das große Ganze. Wer sich mit angenehmer Ghibli-Nostalgie berieseln lassen will und über erzählerische Längen hinwegsehen kann, wird hier durchaus Trost finden. Wer aber die versprochene erwachsene Wucht sucht, sollte lieber gleich zu den Originalen greifen, die diesen Vergleich tatsächlich verdienen.

Dienstag, 7. Juli 2026

Red Star Rebels von Amie Kaufman 🎧 Hörbuch

Red Star Rebels von Amie Kaufman 🎧 Hörbuch

Red Star Rebels
🎙️ Gesprochen von: Aileen Wrozyna, Tim Gössler
Erscheinungsjahr: 2026
Laufzeit: 7 Stunden und 22 Minuten
Auflage: Ungekürzte Ausgabe
Verlag: Argon Verlag
Sprache: Deutsch
Originaltitel: Red Star Rebels
ISBN-10: 3426570319
Kaufen: Amazon.de

Home Alone im Orbit: Solide, aber schon mal besser gesehen

Bewertung: 6/10 ⭐

Handlung:

Das hier ist eine Situation auf Leben und Tod – seien wir realistisch: eher auf Tod2067: Die UN-Station auf dem Mars wird evakuiert. Zurück bleiben nur Hunter Graves, Sprössling des Mega-Konzerns, der für die Besiedelung verantwortlich ist, und Cleo, illegale Einwanderin. Hunter ist gutaussehend, ehrgeizig – und in Cleos Augen ein arrogantes Trustfund-Baby. Doch um zu überleben, müssen sie sich zusammentun. Die Evakuierung war nur eine Ablenkung, und jetzt gilt es, eine Bombe zu entschärfen – und sich nicht zu verlieben …Actionreiches Science-Fiction-Abenteuer in einer gar nicht so fernen Zukunft auf dem Mars»Red Star Rebels« begeistert mit Witz, Tempo und der perfekten Mischung aus Einfallsreichtum, Humor und Herz: ein unvergessliches Weltraum-Abenteuer für alle Fans von »Illuminae«, »Aurora Rising« und der »Skyward«-Reihe von Brandon Sanderson.Der Marsianer meets Kevin allein zu Haus – so viel Spaß hat ein Weltraum-Desaster noch nie gemacht!Zu Amie Kaufmans Faktenprüfern gehören NASA-Wissenschaftler – diese Geschichte könnte genau so passieren. Und der Mars ist gar nicht mehr so weit weg, wie man denkt: Bei den Artemis-Missionen 2026 landen Astronauten auf dem Mond und bereiten die Mars-Missionen für die 2030er-Jahre vor. Ein unvergessliches Abenteuer auf der Reise zum Mars. Hier findest du genau das Drama, den Humor und die Tension, die du suchst!»Red Star Rebels ist ein mitreißendes, kluges und humorvolles Weltraum-Abenteuer, das wissenschaftliche Fundierung mit großem erzählerischem Tempo verbindet. Wer actionreiche Science-Fiction mit Herz, Witz und einer ordentlichen Portion Romantik sucht, findet hier einen Roman, der genau das verspricht – und hält.« – Nextgengamersnet

Review:

Amie Kaufman hat sich mit „These Broken Stars" einst selbst das Messlatte gelegt, an der sie seitdem gemessen wird, und mit „Red Star Rebels" liefert sie den Beweis, dass sie diese Latte inzwischen eher umkurvt als überspringt. Wer die Grundmelodie kennt, kennt auch dieses Buch: eine Raumstation, eine tickende Uhr, zwei Teenager, die sich binnen weniger Stunden ineinander verlieben, während im Hintergrund Söldner das Ende einläuten. Diesmal heißen die Protagonisten Hunter und Cleo, der reiche Junge und das hungrige Mädchen, das sich als blinde Passagierin durchschlägt, aber im Grunde könnten sie auch anders heißen, das Muster bliebe identisch.
Kaufmans Talent für Tempo ist unbestreitbar. Die Wechsel zwischen Actionsequenzen und ruhigeren Momenten funktionieren handwerklich sauber, und die Idee, Hunters Softwarekenntnisse mit Cleos Geschick für Hardware zu einem Survival-Duo zu verschmelzen, das sich seine Gegner mit Home-Alone-artigen Fallen vom Leib hält, hat einen gewissen schelmischen Charme. Genau hier liegt die Stärke des Buches: wenn die beiden improvisieren, tüfteln, Systeme austricksen, entfaltet der Roman eine verspielte Energie, die an bessere Zeiten des Genres erinnert.
Nur leider vertraut Kaufman ihrer eigenen Situationskomik nicht genug und lässt ihre Figuren stattdessen ständig innerlich referieren, was sie gerade fühlen und warum ihre jeweilige Vergangenheit sie zu genau diesem Moment prädestiniert hat. Diese Trauma-Buchhaltung, mitten im Countdown vorgetragen, bremst jede Spannung aus, die die Handlung sich mühsam erarbeitet hat. Dass sich zwei Menschen in einem einzigen Tag, ja eigentlich in wenigen Stunden, unumstößlich ineinander verlieben, verlangt dem Leser ohnehin einiges an Nachsicht ab. Wenn dieses Wunder dann auch noch mit hölzernen Rückblenden statt mit glaubwürdigen Dialogen begründet wird, kippt die romantische Prämisse endgültig ins Unfreiwillige.
Am Ende bleibt ein Buch, das genau das liefert, was es verspricht, und nicht mehr. Wer Kaufmans frühere Werke, allen voran die Illuminae-Reihe, noch nicht kennt, wird an diesem forschen, leichtfüßigen Weltraumabenteuer seinen Spaß haben. Wer aber bereits weiß, wie gut diese Autorin sein kann, wird „Red Star Rebels" als das lesen, was es ist: eine solide Fingerübung im immer gleichen Takt, geschrieben von jemandem, der eigentlich mehr könnte, es aber gerade nicht will.

Sonntag, 5. Juli 2026

Odyssee von Homer

Odyssee von Homer

Odyssee
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 384
Verlag: Anaconda Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3730616234
Kaufen: Amazon.de

Weinrotes Meer, schillernder Schurke

Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Von Sirenen, Seeungeheuern und einäugigen RiesenDie »Odyssee« ist eines der ältesten Meisterwerke der Weltliteratur und ihr Name längst zum geflügelten Wort avanciert. Erzählt wird die zehnjährige Irrfahrt des tapferen und schlauen Königs Odysseus, die im kleinasiatischen Troja beginnt und nach zahllosen gefahrvollen Abenteuern mit seiner Heimkehr nach Ithaka endet. In einem grandiosen Finale befreit er seine mutige und treue Gattin Penelope aus den Fängen ihrer aufdringlichen Freier und feiert das Wiedersehen mit seinem Sohn Telemachos.»Die Mutter aller Irrfahrten« WDRHomers Epen begründen die Literaturgeschichte und sind Vorlage für immer neue monumentale Verfilmungen: Als nächstes von Star-Regisseur Christopher Nolan, ab Juli 2026 im Kino!Mit Homers antiker Dichtung beginnt die eurpäische Literatur»Geschrieben von Homer, übersetzt von Johann Heinrich Voß. Und was für eine Übersetzung: singend wie ein Gedicht, die fremdartigen Hexameter so geschmeidig, als seien sie von Anfang an auf Deutsch geschrieben.« WDR

Review:

Ich gebe es zu: Als ich die Odyssee zum ersten Mal las, war ich fünfzehn, hielt Homer für einen überbewerteten Toten und fand das weinrote Meer bestenfalls malerisch. Ich hatte Unrecht. Nicht über das Meer, das ist tatsächlich eine der schönsten Formulierungen der Weltliteratur, aber über alles andere.
Denn die Odyssee ist kein Heldenepos. Sie ist ein Kriminalroman, in dem der Täter gleichzeitig der Detektiv ist. Odysseus lügt. Odysseus betrügt. Odysseus schläft sich durch den halben Götterhimmel, testet anschließend seine Sklaven auf Loyalität und kehrt heim, um anstatt seiner Frau schlicht zu sagen "Hallo, ich bin's" zunächst einen Bogenwettbewerb zu veranstalten, der in einem Massaker endet. Hundertzwanzig Männer. Erschossen, erstochen, aufgehängt. Danach lässt er Mägde hinrichten, die sich mit den Freiern eingelassen haben. Wer das einen Helden nennt, hat ein entspanntes Verhältnis zum Begriff.
Homer weiß das. Er nennt seinen Protagonisten schon im ersten Vers polytropos, einen Mann der vielen Wendungen, der vielen Masken. Emily Wilson, die erste Frau, die den Text ins Englische übertragen hat, übersetzt schlicht: "a complicated man". Das ist keine Verharmlosung, das ist Präzision. Odysseus ist kompliziert wie ein Messer kompliziert ist: funktional, gefährlich, kalt.
Was mich bei dieser Wiederlektüre wirklich erschüttert hat, ist die Erkenntnis, dass wir diesem Mann die ganze Geschichte aus seinem eigenen Mund verdanken. Die berühmten Bücher neun bis zwölf, Kyklop, Sirenen, Skylla, Charybdis, die ganze mythologische Prachtentfaltung, erzählt Odysseus selbst, als Gast am phäakischen Königshof, um großzügige Gastgeschenke zu erwirken. Kein einziger Zeuge ist dabei. Und wer jemals beobachtet hat, wie ein begabter Geschichtenerzähler eine Tischrunde unterhält, weiß: Je größer das Publikum, desto größer der Einäugige. Odysseus ist nicht nur der erste Held der Weltliteratur, er ist auch ihr erster unzuverlässiger Erzähler.
Penelope hingegen, die in seiner zwanzigjährigen Abwesenheit mit stiller Raffinesse eine Meute rüpelhafter Freier in Schach hält und nachts heimlich ihr eigenes Gewebe aufribbt, um Zeit zu gewinnen, bekommt in der Rezeptionsgeschichte nie jene Aufmerksamkeit, die ihr gebührt. Das ist eine literarische Ungerechtigkeit von antiken Ausmaßen. Während ihr Mann sich durch Nymphen und Göttinnen schläft, hält sie einen ganzen Staat zusammen. Wenn das kein Roman werden soll, weiß ich nicht, was einer ist. Margaret Atwood hat das begriffen. Madeline Miller auch. Höchste Zeit, dass die Leser es endlich tun.
Das Epos endet bekanntlich mit Blut, das die Wände der Festhalle hinunterläuft, und einem kurzen, fast schüchternen Wiedersehen zwischen Ehemann und Ehefrau. Kein Triumphmarsch, kein Festmahl, kein Happy End im modernen Sinne. Nur zwei Menschen, die sich nach zwanzig Jahren misstrauisch beäugen, und eine Zivilisation, die auf diesem Misstrauen gebaut ist. Wäre Homer Drehbuchautor in Hollywood gewesen, hätte er gut mit Coppola und Tarantino zusammengearbeitet. Gut möglich, dass er das bereits war, nur dreitausend Jahre früher.
Die Odyssee ist das älteste Buch, das ich kenne, und eines der modernsten. Wer es mit fünfzehn gelesen und gehasst hat: Lesen Sie es noch einmal. Das weinrote Meer wartet. Und diesmal werden Sie es sehen.

Mittwoch, 1. Juli 2026

Die Frauen jenseits des Flusses von Kristin Hannah

Die Frauen jenseits des Flusses von Kristin Hannah

Die Frauen jenseits des Flusses
Erscheinungsjahr: 2024
Seiten: 542
Verlag: Rütten & Loening
Sprache: Deutsch
Originaltitel: The Women
ISBN-10: 3352009449
Kaufen: Amazon.de

Heldinnen, die niemand sehen wollte

Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

»Eine wichtige Hommage an die mutigen Frauen, die in Vietnam gedient haben.« Bonnie GarmusAuch Frauen können Helden sein – für die junge Krankenschwesterschülerin Frances McGrath gleichen diese Worte einer Offenbarung. In der sich wandelnden Welt des Jahres 1965 wagt sie es, von dem ihr vorbestimmten Pfad abzuweichen, und folgt ihrem Bruder nach Vietnam. Und während sie inmitten der Grausamkeit des Krieges über sich hinauswächst, erwartet sie die wahre Herausforderung bei ihrer Rückkehr nach Hause.Wie schon in »Die Nachtigall« erzählt Kristin Hannah von den historischen Leistungen jener Frauen, deren Mut und Tatkraft oft vergessen werden.»Fesselnd, mitreißend, erschütternd. Ein Pageturner, der lange nachwirkt.« Freundin

Review:

Kristin Hannah hat mit Die Frauen jenseits des Flusses einen jener Romane geschrieben, die ihre Leser mit chirurgischer Präzision dort treffen, wo Literatur besonders wirksam wird: im Spannungsfeld zwischen historischem Gedächtnis und persönlicher Verwundung. Dass Hannah ein Talent für emotional aufgeladene Stoffe besitzt, ist bekannt. Neu ist hier jedoch der Fokus. Statt sich erneut im längst überliterarisierten Zweiten Weltkrieg einzurichten, richtet sie den Blick auf jene Frauen, die im Vietnamkrieg dienten und anschließend aus dem kollektiven Gedächtnis radiert wurden. Allein dieser Perspektivwechsel verleiht dem Roman eine Dringlichkeit, die weit über das übliche historische Unterhaltungskino hinausreicht.

Frances McGrath beginnt ihre Reise als Tochter eines patriotischen amerikanischen Bilderbuchhaushalts, geschniegelt von Idealen, geschniegelt auch von der Erwartung, hübsch zu lächeln, den richtigen Mann zu heiraten und ansonsten möglichst wenig Aufsehen zu erregen. Der Vietnamkrieg zertrümmert diese Kulisse schneller, als Frankie begreift, worauf sie sich eingelassen hat. Hannah schildert die Lazarette, die Hitze, den metallischen Geruch von Blut und verbrannter Haut mit einer Wucht, die bisweilen beinahe dokumentarisch wirkt. Das ist kein dekorativer Historienroman, der Krieg als exotische Kulisse missbraucht. Hier wird amputiert, geschrien, gestorben. Man spürt förmlich die Erschöpfung jener Menschen, die versuchen, Körper zusammenzuhalten, während ringsum jede politische und moralische Ordnung kollabiert.

Besonders stark ist der Roman dort, wo er die Rückkehr nach Amerika beschreibt. Der eigentliche Skandal dieses Buches liegt nämlich nicht im Krieg selbst, sondern in der gesellschaftlichen Verdrängung danach. Männer kehrten als traumatisierte Veteranen zurück. Frauen kehrten zurück und mussten sich anhören, sie seien nie dort gewesen. Hannah macht aus dieser historischen Absurdität den emotionalen Kern ihres Romans. Frankie wird nicht nur vom Krieg beschädigt, sondern auch von einer Heimat, die keinerlei Sprache für ihre Erfahrung besitzt. Gerade darin liegt die nachhaltigste Qualität des Buches: Es erzählt PTSD nicht als abstraktes Diagnoseetikett, sondern als soziale Isolation, als Entfremdung vom eigenen Leben, als permanente Unsichtbarkeit.

Und doch ist Hannah nicht frei von ihren bekannten Schwächen. Sie liebt die große emotionale Geste manchmal etwas zu sehr. Das Drama wird hier nicht selten mit der Schaufel nachgelegt. Kaum verheilt eine Wunde, öffnet sich bereits die nächste. Manche Wendungen wirken kalkuliert tränenheischend, einige romantische Verwicklungen besitzen ungefähr die Subtilität einer Krankenhausserie aus den Achtzigern. Gerade die Liebesgeschichten geraten oft erstaunlich kitschig und stehen seltsam quer zur sonstigen Härte des Romans. Manchmal scheint Hannah ihrem Stoff nicht ganz zu vertrauen und polstert deshalb jede emotionale Erschütterung zusätzlich mit Sentimentalität aus. Das ist schade, weil die historischen Aspekte stark genug wären, um ganz ohne melodramatische Verstärker auszukommen.

Dennoch wäre es kleinlich, diesen Roman auf seine dramaturgischen Übertreibungen zu reduzieren. Hannah versteht etwas Entscheidendes über populäre Literatur: Sie weiß, wie man Geschichte emotional erfahrbar macht, ohne dabei in trockene Pädagogik abzugleiten. Ihre Figuren mögen gelegentlich wie Träger maximaler Gefühle konstruiert wirken, aber sie bleiben lebendig genug, um einen nicht loszulassen. Vor allem die Freundschaften unter den Krankenschwestern besitzen jene glaubwürdige Wärme, die den Roman immer wieder rettet, wenn er Gefahr läuft, in sentimentales Fahrwasser abzudriften.

Am Ende bleibt ein Buch, das weniger durch literarische Feinmechanik überzeugt als durch seine moralische Wucht. Die Frauen jenseits des Flusses ist kein makelloser Roman. Er ist zu laut, zu emotional, zu verliebt in seine Tragödien. Aber vielleicht braucht genau dieses verdrängte Kapitel amerikanischer Geschichte ein Buch, das nicht flüstert, sondern insistiert. Hannah gibt den Frauen von Vietnam keine nüchterne Fußnote der Historie. Sie gibt ihnen ein Denkmal aus Schmerz, Wut und Überlebenswillen. Und das hinterlässt Wirkung.