Dienstag, 22. September 2026

The Most Dangerous Games von MrBeast, James Patterson

The Most Dangerous Games von MrBeast, James Patterson

The Most Dangerous Games
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 480
Verlag: HarperCollins Hardcover
Sprache: Deutsch
Originaltitel: The Most Dangerous Games
ISBN-10: 3365015965
Kaufen: Amazon.de

Viel Spektakel, null Substanz

Bewertung: 1/10 ⭐

Inhalt:

Das Buchereignis des Jahres: Eine nie dagewesene Blockbuster-Kooperation zwischen MrBeast, dem weltweit führenden Content-Creator mit mehr als einer Milliarde Follower, und James Patterson, dem großen Bestsellerautor.In einer Welt am Rande des Zusammenbruchs treten einhundert Spieler in einem gnadenlosen Wettkampf gegeneinander an. Die Belohnung? Die Chance, die Menschheit zu retten, und eine Milliarde Dollar.Doch der Einsatz könnte nicht größer sein. In einer brutalen Umwelt und durch unerbittliche Herausforderungen werden die Spieler an ihre Grenzen getrieben, während die Gefahr immer größer ― und das Überleben zur einzigen Regel wird. Rasant, filmisch und fesselnd: The Most Dangerous Games ist ein globaler Thriller, in dem Spektakel auf Spannung trifft, während die Welt zusieht. Du hast gesehen, wie MrBeast das Internet zum Beben gebracht hat.Aber nichts kann dich auf diesen unglaublichen Wettbewerb vorbereiten.

Review:

Ich habe schon schlechte Thriller gelesen. Aber „The Most Dangerous Games“ spielt noch einmal in einer eigenen Liga. Dieses Buch wirkt, als hätte jemand ein MrBeast-Video, „Squid Game“, eine Handvoll Motivationskalendersprüche und 125 Cliffhanger in einen Mixer geworfen und anschließend beschlossen, das Ergebnis müsse unbedingt 450 Seiten lang sein.

Dabei ist die Ausgangsidee nicht einmal schlecht: Tausend Menschen kämpfen in gefährlichen Spielen um eine Milliarde Dollar. Daraus könnte man einen wunderbar bösen Thriller über Geld, Moral und menschliche Gier machen. Dieses Buch macht daraus stattdessen literarisches TikTok. Kurze Kapitel. Kurze Sätze. Große Worte. Noch größere Behauptungen. Und erschreckend wenig dahinter.

Am meisten genervt hat mich, wie wenig der Roman seinem Leser zutraut. Figuren werden nicht entwickelt, sondern ständig neu erklärt. Gefühle werden nicht erzeugt, sondern angesagt. Spannung wird nicht aufgebaut, sondern am Kapitelende mit Gewalt behauptet. Ein schockierender Moment! Eine unglaubliche Enthüllung! Und zwei Seiten später ist entweder alles wieder egal oder der vermeintliche Twist löst sich in warme Luft auf.

Dann wäre da noch MrBeast selbst. Natürlich tritt er im Buch auf. Und natürlich ist er nicht einfach irgendeine Figur. Er ist souverän, mutig, clever, heldenhaft und irgendwann gefühlt eine Mischung aus Jacques Cousteau, Jason Bourne und Mutter Teresa. Ich habe selten erlebt, wie ein Roman seinem eigenen prominenten Namensgeber derart hingebungsvoll den roten Teppich ausrollt. Fremdscham lässt sich offenbar doch drucken.

Noch schlimmer ist die Sprache. Sie ist repetitiv, künstlich dramatisch und stellenweise so schematisch, dass ich gut verstehe, warum manche Leser an KI-Unterstützung denken. Belegen lässt sich das nicht. Aber wenn menschlich geschriebene Prosa den Leser ernsthaft darüber nachdenken lässt, ob sie vielleicht maschinell erzeugt wurde, hat man als Autor bereits ein bemerkenswertes Problem.

Was mich aber endgültig verloren hat, ist die völlige innere Leere dieses Romans. Angeblich geht es um nichts weniger als die Rettung der Welt. Krieg, Klimakrise, gesellschaftlicher Zerfall, alles wird einmal auf den Tisch gekippt. Nur interessiert sich das Buch selbst nicht dafür. Eine Milliarde Dollar und ein paar gefährliche Spiele sollen irgendwie den Menschen hervorbringen, der anschließend die Welt rettet. Warum? Wie? Weshalb? Egal. Hauptsache spektakulär.

„The Most Dangerous Games“ verwechselt Tempo mit Spannung, Cliffhanger mit Dramaturgie und Größenwahn mit Bedeutung. Das Resultat ist kein spannender Thriller, sondern ein sehr langes Werbevideo, bei dem jemand vergessen hat, den Skip-Button einzubauen.

Selten war ein Titel passender: Das gefährlichste Spiel besteht darin, herauszufinden, wie viele Seiten man davon aushält.

Samstag, 19. September 2026

Der Tag des toten Falken von Peter James

Der Tag des toten Falken von Peter James

Der Tag des toten Falken
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 528
Verlag: HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH
Sprache: Deutsch
Originaltitel: The Hawk Is Dead
ISBN-10: 3455022154
Kaufen: Amazon.de

Zu Gast bei der Krone, aber nicht ganz bei sich selbst

Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

»I absolutely love it!« Queen Camilla»Royale Hochspannung!« The Times»Peter James ist einer der besten Krimiautoren unserer Zeit.« Karin SlaughterDie Queen, Königin Camilla, ist unterwegs zu einer Wohltätigkeitsveranstaltung in Brighton, als ihr Zug entgleist. Während noch unklar ist, ob es sich um einen Unfall oder um einen Anschlag handelt, wird ihr Privatsekretär von einem Scharfschützen erschossen. Die Queen bleibt unversehrt, doch Scotland Yard und das Königshaus gehen davon aus, dass sie das eigentliche Ziel des Anschlags war. Nur Detective Superintendent Roy Grace, der die Ermittlungen leitet, hat einen anderen Verdacht – als plötzlich ein weiterer Mord passiert, dessen Spuren, direkt in den Buckingham Palace führen. Fesselnd, atmosphärisch und unvorhersehbar – von einem der besten Thriller-Autoren unserer Zeit.

Review:

Peter James schickt Roy Grace diesmal nicht in die dunklen Ecken Brightons, sondern direkt in den königlichen Haushalt. Das klingt zunächst nach einem reizvollen Bruch mit der Routine. Ein entgleister Royal Train, ein tödlicher Schuss, Buckingham Palace und mittendrin Roy Grace. Stoff genug für einen großen Thriller.

Ganz überzeugt hat mich dieser Ausflug allerdings nicht. James hat zweifellos gründlich recherchiert. Man erfährt viel über Sicherheitsabläufe, Gemälde, höfische Protokolle und das Innenleben des Palastes. Das ist interessant, gelegentlich sogar faszinierend. Nur wird der Kriminalroman dabei stellenweise von einer sehr ausführlichen Schlossführung verdrängt.

Mein größtes Problem sind die realen Royals als Romanfiguren. Gerade weil König Charles und Königin Camilla tatsächlich existieren, wirkt James plötzlich auffallend vorsichtig. Wo seine Figuren sonst Ecken, Schwächen und gelegentlich sehr dunkle Seiten besitzen, herrscht hier höfische Zurückhaltung. Mir fehlt die Distanz. Der Roman verbeugt sich für meinen Geschmack ein wenig zu oft vor seiner eigenen Kulisse.

Zum Glück funktioniert Roy Grace weiterhin hervorragend. Seine Skepsis gegenüber einfachen Erklärungen, die sorgfältige Ermittlungsarbeit und der Druck durch Vorgesetzte und Öffentlichkeit geben dem Buch den nötigen Zug. Sobald James sich wieder auf seinen eigentlichen Beruf besinnt, nämlich einen spannenden Kriminalfall zu erzählen, liest sich das gewohnt souverän.

Trotzdem vermisse ich Brighton. Diese Stadt war für mich immer mehr als bloße Kulisse der Reihe. Sie gab den Geschichten Charakter und eine gewisse Bodenständigkeit. Buckingham Palace bietet mehr Glanz, aber nicht automatisch mehr Atmosphäre.

„Der Tag des toten Falken“ ist deshalb für mich ein guter, aber keineswegs herausragender Roy Grace. Spannend, routiniert und hervorragend recherchiert, zugleich etwas zu ehrfürchtig gegenüber seinem prominenten Personal. Peter James kann Thriller deutlich besser, wenn er sich nicht gleichzeitig bemüht, die guten Porzellantassen stehen zu lassen.

Freitag, 18. September 2026

Schachnovelle von Stefan Zweig

Schachnovelle von Stefan Zweig

Schachnovelle
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 96
Verlag: Anaconda Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3730616013
Kaufen: Amazon.de

64 Felder zwischen Rettung und Wahnsinn

Bewertung: 9/10 ⭐

Inhalt:

Stefan Zweigs berühmter, letzter Text – ein Klassiker der Weltliteratur - mehrfach verfilmtFür den kultivierten Großmeister Dr. B. ist das Schachspiel mehr als eine geistige Beschäftigung: Es wurde ihm einst zum Überlebensmittel, denn in der zermürbenden Einsamkeit seiner Gestapohaft hatte er aus dem strengen Regelwerk des Schachs seine Widerstandskraft gezogen. Nun trifft er auf den Weltmeister Czentovic, einen stumpfen Charakter, der mit mechanischer Präzision vorgeht. Zwei Spielhaltungen prallen aufeinander und mit ihnen zwei Lebenswelten. Die sprachlich raffinierte ›Schachnovelle‹ ist das eindrucksvolle Vermächtnis des schließlich selbst am Leben verzweifelten Stefan Zweig.»Ein Glücksfall ausgereifter Erzählkunst.« Rüdiger Görner

Review:

Stefan Zweig braucht keinen großen Roman, um einen Menschen zu zerlegen. Ihm genügen ein Schiff, zwei Schachspieler und 64 Felder. Die „Schachnovelle“ ist schmal genug für einen Nachmittag und gedanklich schwer genug, um einen deutlich länger zu beschäftigen.

Dabei interessiert mich das Schach selbst erstaunlich wenig. Zweig benutzt das Spiel vielmehr als Versuchsanordnung. Auf der einen Seite steht Czentovic, Weltmeister und geistiger Grobmotoriker, außerhalb des Schachbretts nahezu unbeeindruckend, darauf jedoch eine präzise funktionierende Maschine. Ihm gegenüber Dr. B., kultiviert, empfindsam und intelligent. Ausgerechnet diese Eigenschaften machen ihn verwundbar.

Seine Geschichte ist das eigentliche Zentrum der Novelle. Die Gestapo foltert ihn nicht mit Schlägen, sondern mit Leere. Keine Bücher, keine Gespräche, keine Ablenkung, nichts, woran sich der Geist festhalten könnte. Als Dr. B. schließlich an eine Sammlung von Schachpartien gelangt, wird das Spiel zunächst zur Rettung. Er lernt die Partien, rekonstruiert sie im Kopf und beginnt schließlich gegen sich selbst zu spielen. Was ihn vor dem geistigen Zusammenbruch bewahrt, wird dabei selbst zur Obsession.

Genau hier ist Zweig großartig. Die „Schachnovelle“ handelt nicht einfach von Schach und auch nicht nur vom Terror des Nationalsozialismus. Sie handelt davon, wie der menschliche Geist versucht, sich gegen seine Zerstörung zu verteidigen und dabei eine neue Form der Selbstzerstörung hervorbringen kann. Dr. B. spaltet sich gedanklich in zwei Gegner. Rettung und Krankheit werden plötzlich zwei Seiten derselben Medaille.

Czentovic und Dr. B. könnten kaum unterschiedlicher sein. Der eine besitzt wenig Geist, kann ihn aber vollkommen kontrollieren. Der andere besitzt davon im Übermaß und droht daran zugrunde zu gehen. Ihr Duell wird deshalb zu weit mehr als einer sportlichen Begegnung. Es ist ein Kampf zwischen stumpfer Beherrschung und fiebriger Vorstellungskraft, zwischen Kontrolle und Obsession.

Bemerkenswert ist vor allem, wie wenig Zweig dafür benötigt. Keine ausufernden historischen Erklärungen, keine großen politischen Reden, keine literarische Schwerstarbeit. Die Sprache bleibt elegant und zugänglich, während darunter etwas zunehmend Beklemmendes arbeitet. Man muss übrigens keinen Springer von einem Läufer unterscheiden können. Wer Schach kennt, erkennt zusätzliche Feinheiten. Wer es nicht kennt, verliert nichts Wesentliches.

Vielleicht ist das die größte Leistung dieser Novelle: Sie macht aus einem Brettspiel ein Modell menschlicher Gefährdung. Am Ende geht es nicht darum, wer besser Schach spielt. Es geht darum, was geschieht, wenn ein Mensch nur noch einen einzigen Gedanken besitzt und dieser Gedanke irgendwann beginnt, ihn zu besitzen.

Ein kleines Buch mit erschreckend großer Reichweite. Zweig setzt kaum eine Figur zu viel aufs Brett und gewinnt trotzdem die Partie.

Montag, 14. September 2026

Der Glaube der Bestien von James Corey

Der Glaube der Bestien von James Corey

Der Glaube der Bestien
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 496
Verlag: Heyne Verlag
Sprache: Deutsch
Originaltitel: The Faith of the Beasts – The Captive's War Book 2
ISBN-10: 3453322614
Kaufen: Amazon.de
Mensch bleiben unter Bestien
Bewertung: 8/10 ⭐

Inhalt:

Was ist die Menschheit wert?Das atemberaubende Zukunftsepos von den Schöpfern von THE EXPANSEDie Zukunft: Die Menschen sind in den Weltraum aufgebrochen und haben etliche ferne Planeten besiedelt.Da tauchen eines Tages wie aus dem Nichts außerirdische Raumschiffe auf und fallen mit brutaler Gewalt über die Menschheit her.Die wenigen Überleben den werden auf die Heimatwelt der Aliens gebracht.Was sie dort entdecken, wird die Geschichte für immer verändern.Science-Fiction, wie sie spannender und aufregender nicht sein kann – »The Captive`s War« ist das neue atemberaubende Zukunftsepos von James Corey, dem Schöpfer von THE EXPANSE.

Review:

„Der Glaube der Bestien“ ist genau jene Sorte Mittelband, vor der man sich bei Trilogien fürchtet: Das große Staunen des Auftakts ist vorbei, das Finale darf noch nicht beginnen. James S. A. Corey umgehen diese Falle erstaunlich geschickt, ganz entkommen sie ihr aber nicht.

Am stärksten ist der Roman für mich dort, wo er Dafyd Alkhor ins Zentrum rückt. Er ist inzwischen Vermittler, Verwalter und in den Augen vieler Menschen beinahe Verräter. Ausgerechnet durch seine Zusammenarbeit mit den Carryx versucht er, das Überleben seiner Spezies zu sichern. Das ist sehr viel interessanter als der übliche Science Fiction Widerstand mit heroischen Reden und großen Kanonen. Dafyd muss verstehen, taktieren, manipulieren und Entscheidungen treffen, für die ihm niemand danken wird.

Auch die Carryx gewinnen deutlich an Kontur. Sie sind keine gewöhnlichen Weltraumtyrannen, sondern folgen einer Ordnung, in der nur Nützlichkeit zählt. Moral interessiert sie ungefähr so sehr wie einen Hai vegetarische Ernährung. Gerade diese Konsequenz macht sie faszinierend.

Mein Lieblingsstrang bleibt allerdings der Schwarm. Ein Werkzeug, das langsam Individualität und Bewusstsein entdeckt, während die Menschen darum kämpfen, nicht selbst zu Werkzeugen degradiert zu werden. Diese Spiegelung ist klug und gehört für mich zu den besten Ideen der bisherigen Reihe.

Nur passiert zwischendurch schlicht zu wenig. Manche Perspektiven wirken wie Pflichttermine, einige Konflikte im Weltenpalast drehen sich länger im Kreis, als ihnen guttut. Immer wieder hatte ich das Gefühl, Corey stelle Figuren auf ein Schachbrett und sage: Geduld, gleich wird es interessant. Das Problem ist nur: Ein Roman sollte nicht hauptsächlich die Aufbauphase des nächsten Romans sein.

Trotzdem funktioniert „Der Glaube der Bestien“, weil hinter der großen Space Opera eine unangenehme Frage lauert: Wie viel Menschlichkeit kann man sich leisten, wenn das Überleben der Menschheit davon abhängt, moralische Grenzen zu überschreiten?

Nicht so überwältigend wie der Auftakt, dafür reifer, düsterer und psychologisch interessanter. Ein sehr guter zweiter Band mit einigen Längen, der offensichtlich Anlauf nimmt. Jetzt muss das Finale nur noch springen.

Freitag, 11. September 2026

Die letzte Fahrt der Enora Time von Andreas Gruber

Die letzte Fahrt der Enora Time von Andreas Gruber

Die letzte Fahrt der Enora Time
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 336
Verlag: Goldmann Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3442497426
Kaufen: Amazon.de

Zwischen Sternenstaub und Zigarettenrauch

Bewertung: 6,5/10 ⭐

Inhalt:

Elf faszinierende Science-Fiction-Kurzgeschichten in attraktiver überarbeiteter Neuausgabe.August 2578. Das Raumschiff »Enora Time« ist zu seiner letzten Fahrt aufgebrochen, doch über das wahre Ziel ihrer Mission hat man die Crew im Dunkeln gelassen – und es übersteigt die Grenzen ihrer Vorstellungskraft. Wie so vieles in den Geschichten, mit denen Bestsellerautor Andreas Gruber in diesem faszinierenden Sammelband überrascht. Hier verschwinden Raumschiffe spurlos vom Radar, Menschen verschmelzen mit Computern, ein mysteriöses Autobahnmotel widersetzt sich aller Logik, ein Obdachloser am Würstelstand offenbart die Zukunft der Menschheit, und eine seltsame Firma aus dem Berlin des Jahres 1939 bietet Zeitreisen an – ohne Rücktrittsrecht ...

Review:

Manche Bücher sind wie alte Raumanzüge: Sie sitzen nicht mehr ganz perfekt, aber die Spuren, die sie tragen, erzählen von Abenteuern, die kein modernes Equipment je ersetzen könnte. Andreas Grubers Kurzgeschichtensammlung „Die letzte Fahrt der Enora Time", ursprünglich im Jahr 2001 erschienen und damals prompt mit dem Deutschen Phantastik-Preis ausgezeichnet, ist genau so ein Objekt: nostalgisch aufgeladen, handwerklich solide, und mit einem Charme begabt, der sich dem Zeitgeist beharrlich verweigert.

Gruber reist nicht in die Zukunft, er reist in eine bestimmte Vorstellung davon, jene nämlich, die sich in den Kinosälen und Taschenbüchern der 1970er und 80er Jahre sedimentiert hat. Wer hier auf das nervöse Flackern eines Black Mirror hofft, wird enttäuscht die Lektüre beiseitelegen. Wer aber bereit ist, sich auf Raumfahrerspelunken einzulassen, in denen noch geraucht wird, auf Roulette-Duelle auf fremden Planeten und auf KI-Konstrukte, die sich mit einer fast rührenden Direktheit gegen ihre Schöpfer auflehnen, der wird feststellen, dass Grubers Universum eine eigentümliche Gravitationskraft besitzt. Man gleitet hinein, bevor man es merkt.

Die elf Erzählungen entfalten eine bemerkenswerte thematische Bandbreite: Near-Future-Szenarien und galaktische Space-Operas, dystopische Schrecken und leise Liebesgeschichten, Zeitreiseparadoxa und formale Experimente mit Interviewprotokollen. Nicht alle dieser Schichten tragen gleich viel Gewicht. Einige Geschichten enden, kaum dass sie begonnen haben, andere, wie etwa „Rendezvous", dehnen sich über ihre erzählerische Substanz hinaus. Doch dann gibt es Perlen wie „Zeitreise Inc. – Wir korrigieren alles", eine Geschichte, die im Deutschland des Jahres 1939 spielt und die große Geschichte durch ein kleines, menschliches Schicksal bricht; der Ausgang überrascht, ohne zu täuschen. Oder „Das Planspiel", eine knapp gehaltene Kneipenvision mit einem allwissenden Obdachlosen, dessen Weltbild so beiläufig wie erschütternd serviert wird. Und schließlich „Joyce", eine Liebesgeschichte, die das Fantastische nicht erklärt, sondern einfach geschehen lässt. Eine Qualität, die zu selten ist.

Was den Band über das Mittelmaß hebt, ist weniger die Originalität der Einzelideen als die Persönlichkeit des Autors, die sich in kurzen Vorworten vor jeder Geschichte manifestiert. Gruber tritt als Erzähler hervor, der seine Einflüsse nicht versteckt, sondern benennt, diskutiert, reflektiert. Das schafft eine Intimität zwischen Schreibendem und Lesendem, die in der Science-Fiction eher selten anzutreffen ist. Man liest nicht nur seine Geschichten, man lernt den Mann dahinter kennen, was ihn auch dort sympathisch macht, wo die Geschichte selbst nicht ganz zündet.

„Die letzte Fahrt der Enora Time" ist kein revolutionäres Werk, und es will keines sein. Es ist das Buch eines Autors, der sein Handwerk beherrscht, der Figuren mit klaren Konturen zu zeichnen weiß und der das Kürzeste Format des Erzählens, die Kurzgeschichte, mit einem Gespür für unmittelbaren Einstieg und atmosphärische Dichte bedient. Die Sammlung macht Lust auf mehr: nicht auf eine Fortsetzung, sondern auf einen Roman. Grubers Science-Fiction-Universum verdient mehr Raum, als die Kurzform ihm zugestehen kann. Bis dahin ist dieser Band ein gepflegtes Intermezzo: aufgewärmt aus der Retorte einer schönen, vergangenen Zukunft, und dennoch mit echtem Herzschlag.

Montag, 7. September 2026

Querfeldein von Alex Capus 🎧 Hörbuch

Querfeldein von Alex Capus 🎧 Hörbuch

Querfeldein
🎙️ Gesprochen von: Alex Capus
Erscheinungsjahr: 2026
Laufzeit: 7h 10min
Auflage: Ungekürzte Lesung
Verlag: der Hörverlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3844557210
Kaufen: Amazon.de

Vom Glück, den eigenen Weg zu gehen

Bewertung: 7/10 ⭐

Handlung:

Ein Gasthof, eine Familie und die große Frage: Wie findet man innere Ruhe im Leben?In einem Schweizer Dorf an der Grenze zu Deutschland führt vor 100 Jahren der junge Wirt Arnold einen Gasthof. Bunte Vögel und düstere Gestalten überqueren die Grenze, manche kommen auch nachts und querfeldein. Am Stammtisch sitzen die Witzbolde aus dem Dorf. Eines Tages naht eine Fremde hoch zu Ross durch den Schnee. Ihr Name ist Betty. Arnold heiratet sie und bekommt mit ihr acht Kinder. Das Leben nimmt seinen Lauf, bis sich die älteste Tochter Clara 1933 in einen Schmuggler namens Hermann verliebt. Der bringt die Uniformierten auf beiden Seiten der Grenze gegen sich auf. Es kommt zum Drama – und das Dorf erhebt sich gegen eine Großmacht.Alex Capus ist ein Meister darin, aus historischen Stoffen, große Romane zu machen – und große Hörbücher. Ungekürzte Lesung mit Alex Capus1 MP3-CD, 7h 10min

Review:

Alex Capus erzählt in „Querfeldein“ von Menschen, die offenbar früh verstanden haben, dass ein vernünftiges Leben nicht zwingend darin besteht, vernünftig zu leben. Allen voran Arnold, der sich weigert, sein Dasein in Lohnarbeit zu verbringen, und schließlich einen Gasthof an der Schweizer Grenze eröffnet. Ich mochte diesen Mann sofort. Nicht, weil er ein Held wäre, sondern weil er keiner sein will.

Überhaupt liegt die Stärke des Romans für mich in seinen Figuren. Betty, Clara, Arnold: allesamt eigenwillige Menschen, die Capus nicht psychologisch seziert, sondern mit wenigen präzisen Strichen zeichnet. Besonders sympathisch ist mir, wie selbstverständlich hier Freiheit innerhalb einer Familie funktioniert. Niemand wird umerzogen, niemand muss sich passend machen.

Capus erzählt das mit trockenem Humor und angenehm unaufgeregter Sprache. Allerdings ist diese Gelassenheit zugleich das größte Problem des Romans. Bis Hermann, der Schmuggler, auftaucht und die Geschichte mit dem nationalsozialistischen Deutschland kollidiert, vergeht viel Zeit. Einige dieser erzählerischen Feldwege hätte man getrost abkürzen können.

Im letzten Drittel gewinnt „Querfeldein“ deutlich an Kraft. Aus der gemütlichen Dorfchronik wird eine Geschichte über Willkür, Mut und die erstaunliche Wirkung von Menschen, die sich gemeinsam weigern, einen Übergriff hinzunehmen. Dass dahinter eine tatsächlich überlieferte Begebenheit steht, gibt dem Ganzen zusätzliches Gewicht.

Gehört habe ich die Hörbuchfassung, gelesen von Alex Capus selbst. Und hier trennen sich für mich Buch und Hörbuch deutlich. Ich schätze es grundsätzlich, wenn Autoren ihre eigenen Texte lesen. Schließlich weiß niemand besser, welchen Ton sie im Kopf hatten. Bei Capus funktioniert das für mich trotzdem nicht besonders gut. Sein ausgeprägtes Schweizer Hochdeutsch besitzt zwar Persönlichkeit und bei einer Lesung vermutlich auch Charme, über mehrere Stunden wird es für mich jedoch eher zur Hürde. Angesichts der Vielzahl hervorragender professioneller Hörbuchsprecher hätte ich mir hier tatsächlich eine andere Besetzung gewünscht. Der Satz eines anderen Hörers bringt meinen Eindruck ziemlich genau auf den Punkt: Was bei einer Autorenlesung Originalität besitzt, funktioniert nicht automatisch als Hörbuch.

Für mich ist „Querfeldein“ nicht Capus auf dem Gipfel seiner Möglichkeiten. Dafür bleibt manches zu beiläufig und emotional etwas zu weit entfernt. Trotzdem ist das ein warmherziger, kluger und wunderbar eigensinniger Roman, angenehm frei von literarischem Imponiergehabe.

Ein gutes Buch über Eigensinn, Anstand und die Kunst, sich von Idioten nicht einschüchtern zu lassen. Nur anhören würde ich es beim nächsten Mal lieber mit einem anderen Sprecher.

Donnerstag, 3. September 2026

Der Paria von Anthony Ryan

Der Paria von Anthony Ryan

Der Paria
Erscheinungsjahr: 2023
Seiten: 720
Verlag: Klett-Cotta
Sprache: Deutsch
Originaltitel: The Pariah
ISBN-10: 3608980911
Kaufen: Amazon.de

Ein Fantasyroman, der lieber Charaktere schmiedet als Legenden erzählt

Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

»Eine mitreißende Geschichte ... ich habe jedes einzelne Wort geliebt.« John Gwynne Es ist die Zeit des großen Aufruhrs und Alwyn wächst als Gesetzloser heran. Er ist ebenso gewieft im Umgang mit einer scharfen Klinge wie mit seinem scharfen Verstand - und er liebt gleichermaßen die Freiheit der Wälder und die Kameradschaft seiner Diebesbande. Der Auftakt einer neuen sagenhaften Trilogie des Bestsellerautors Anthony Ryan.Ein Verrat trifft den Gesetzlosen Alwyn wie ein Blitz und führt auf einen Pfad voller Blut und Rache. Es dauert nicht lange, da findet er sich als Gefangener und Arbeiter in den Erzminen wieder, wo er unter den verwahrlosten Gefangenen Sihlda kennenlernt, eine Frau,die für diesen Ort seltsam gelehrt ist. Sie bringt Alwyn das Lesen und Schreiben bei. Und dann begegnet er auch noch Evadine, einer Frau, die aus ganz anderem Holz geschnitzt ist und an deren Seite er in den Kampf gegen dunkle Mächte ziehen wird. Beides wird ihn und womöglich das ganze Reich von Albermaine für immer verändern. »Anthony Ryans bestes Buch.« Michael Fletcher

Review:

Anthony Ryan hat mich mit "Der Paria" in einer Weise überrascht, die ich bei moderner Fantasy nur noch selten erlebe. Nicht, weil er das Genre neu erfindet, sondern weil er sich konsequent weigert, dessen bequemsten Verlockungen nachzugeben. Statt Drachen, Magiefeuerwerk und pausenloser Action präsentiert er einen Roman, der sich Zeit nimmt. Sehr viel Zeit. Für manche dürfte das eine Geduldsprobe sein. Für mich war es vor allem eine Erinnerung daran, wie wirkungsvoll eine sorgfältig aufgebaute Geschichte sein kann.

Schon die ersten Kapitel machten deutlich, dass hier nicht die Welt, sondern ein Mensch im Mittelpunkt steht. Alwyn Scribe wächst unter Gesetzlosen auf, lernt früh, dass Loyalität oft nur eine andere Form von Abhängigkeit ist, und bewegt sich durch eine Welt, die Härte belohnt und Schwäche bestraft. Was mich an ihm faszinierte, war nicht seine Heldenhaftigkeit, sondern das genaue Gegenteil. Alwyn ist weder der geborene Krieger noch der auserwählte Retter. Er stolpert, irrt, zweifelt und wird von den Umständen häufiger vorangetrieben, als dass er selbst die Richtung vorgibt. Gerade dadurch wirkte er auf mich glaubwürdiger als viele der üblichen Fantasy-Protagonisten, die bereits auf den ersten fünfzig Seiten wissen, welches Schicksal ihnen bestimmt ist.

Besonders beeindruckt hat mich die Erzählstimme. Ryan erzählt ausschließlich durch Alwyns Blick auf die Welt, und dieser Blick ist scharf, oft bitter und gelegentlich verdächtig selbstrechtfertigend. Man spürt ständig, dass hier jemand seine eigene Geschichte erzählt und dabei vielleicht nicht immer die ganze Wahrheit preisgibt. Diese Nähe zur Hauptfigur verleiht dem Roman eine Intensität, die ich in vielen Fantasy-Reihen vermisse, deren Perspektiven zwischen einem Dutzend Figuren hin- und herspringen.

Allerdings verlangt "Der Paria" seinem Leser auch einiges ab. Die Handlung bewegt sich oft langsam vorwärts, manche Abschnitte wirken beinahe wie ein historischer Roman. Über weite Strecken dominieren Machtkämpfe, religiöse Konflikte und politische Intrigen. Die phantastischen Elemente bleiben auffallend dezent. Mehr als einmal hatte ich das Gefühl, einen Roman zu lesen, der bewusst mit den Erwartungen seiner Zielgruppe spielt. Wer auf spektakuläre Fantasy-Momente wartet, wird lange warten müssen. Mich hat das weniger gestört, weil Ryan die Spannung nicht aus Magie, sondern aus Figuren und Ideologien gewinnt. Trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass einige der angedeuteten fantastischen Aspekte früher und entschlossener in Erscheinung treten.

Wo der Roman dann zuschlägt, tut er es mit voller Wucht. Die wenigen großen Kampfszenen gehören zum Besten, was ich in diesem Bereich gelesen habe. Ryan schildert Schlachten nicht als heroische Spektakel, sondern als blutige, chaotische Katastrophen. Gerade weil er sparsam mit ihnen umgeht, entfalten sie eine enorme Wirkung.

Nicht alles hat mich restlos überzeugt. Manche Wendungen wirken eher wie notwendige Scharniere der Handlung als wie organische Entwicklungen. Zudem hatte ich stellenweise den Eindruck, dass der Roman seine interessantesten Versprechen bewusst zurückhält, um sie erst in den Folgebänden einzulösen. Das ist legitim, ließ mich aber gelegentlich das Gefühl nicht loswerden, dass ich weniger einen abgeschlossenen Roman als vielmehr den ersten Akt eines sehr großen Plans lese.

Am Ende überwog für mich dennoch klar die Begeisterung. "Der Paria" ist ein Buch, das auf Charaktere, Atmosphäre und Sprache vertraut. Es nimmt Abkürzungen selten in Anspruch und fordert die Aufmerksamkeit seiner Leser ein. Gerade deshalb blieb mir die Geschichte länger im Gedächtnis als viele lautere Fantasy-Romane. Anthony Ryan legt hier kein Feuerwerk vor, sondern entfacht eine langsam brennende Glut. Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, wird mit einem Auftakt belohnt, der weniger durch Spektakel als durch Substanz überzeugt.