Dienstag, 22. September 2026

The Most Dangerous Games von MrBeast, James Patterson

The Most Dangerous Games von MrBeast, James Patterson

The Most Dangerous Games
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 480
Verlag: HarperCollins Hardcover
Sprache: Deutsch
Originaltitel: The Most Dangerous Games
ISBN-10: 3365015965
Kaufen: Amazon.de

Viel Spektakel, null Substanz

Bewertung: 1/10 ⭐

Inhalt:

Das Buchereignis des Jahres: Eine nie dagewesene Blockbuster-Kooperation zwischen MrBeast, dem weltweit führenden Content-Creator mit mehr als einer Milliarde Follower, und James Patterson, dem großen Bestsellerautor.In einer Welt am Rande des Zusammenbruchs treten einhundert Spieler in einem gnadenlosen Wettkampf gegeneinander an. Die Belohnung? Die Chance, die Menschheit zu retten, und eine Milliarde Dollar.Doch der Einsatz könnte nicht größer sein. In einer brutalen Umwelt und durch unerbittliche Herausforderungen werden die Spieler an ihre Grenzen getrieben, während die Gefahr immer größer ― und das Überleben zur einzigen Regel wird. Rasant, filmisch und fesselnd: The Most Dangerous Games ist ein globaler Thriller, in dem Spektakel auf Spannung trifft, während die Welt zusieht. Du hast gesehen, wie MrBeast das Internet zum Beben gebracht hat.Aber nichts kann dich auf diesen unglaublichen Wettbewerb vorbereiten.

Review:

Ich habe schon schlechte Thriller gelesen. Aber „The Most Dangerous Games“ spielt noch einmal in einer eigenen Liga. Dieses Buch wirkt, als hätte jemand ein MrBeast-Video, „Squid Game“, eine Handvoll Motivationskalendersprüche und 125 Cliffhanger in einen Mixer geworfen und anschließend beschlossen, das Ergebnis müsse unbedingt 450 Seiten lang sein.

Dabei ist die Ausgangsidee nicht einmal schlecht: Tausend Menschen kämpfen in gefährlichen Spielen um eine Milliarde Dollar. Daraus könnte man einen wunderbar bösen Thriller über Geld, Moral und menschliche Gier machen. Dieses Buch macht daraus stattdessen literarisches TikTok. Kurze Kapitel. Kurze Sätze. Große Worte. Noch größere Behauptungen. Und erschreckend wenig dahinter.

Am meisten genervt hat mich, wie wenig der Roman seinem Leser zutraut. Figuren werden nicht entwickelt, sondern ständig neu erklärt. Gefühle werden nicht erzeugt, sondern angesagt. Spannung wird nicht aufgebaut, sondern am Kapitelende mit Gewalt behauptet. Ein schockierender Moment! Eine unglaubliche Enthüllung! Und zwei Seiten später ist entweder alles wieder egal oder der vermeintliche Twist löst sich in warme Luft auf.

Dann wäre da noch MrBeast selbst. Natürlich tritt er im Buch auf. Und natürlich ist er nicht einfach irgendeine Figur. Er ist souverän, mutig, clever, heldenhaft und irgendwann gefühlt eine Mischung aus Jacques Cousteau, Jason Bourne und Mutter Teresa. Ich habe selten erlebt, wie ein Roman seinem eigenen prominenten Namensgeber derart hingebungsvoll den roten Teppich ausrollt. Fremdscham lässt sich offenbar doch drucken.

Noch schlimmer ist die Sprache. Sie ist repetitiv, künstlich dramatisch und stellenweise so schematisch, dass ich gut verstehe, warum manche Leser an KI-Unterstützung denken. Belegen lässt sich das nicht. Aber wenn menschlich geschriebene Prosa den Leser ernsthaft darüber nachdenken lässt, ob sie vielleicht maschinell erzeugt wurde, hat man als Autor bereits ein bemerkenswertes Problem.

Was mich aber endgültig verloren hat, ist die völlige innere Leere dieses Romans. Angeblich geht es um nichts weniger als die Rettung der Welt. Krieg, Klimakrise, gesellschaftlicher Zerfall, alles wird einmal auf den Tisch gekippt. Nur interessiert sich das Buch selbst nicht dafür. Eine Milliarde Dollar und ein paar gefährliche Spiele sollen irgendwie den Menschen hervorbringen, der anschließend die Welt rettet. Warum? Wie? Weshalb? Egal. Hauptsache spektakulär.

„The Most Dangerous Games“ verwechselt Tempo mit Spannung, Cliffhanger mit Dramaturgie und Größenwahn mit Bedeutung. Das Resultat ist kein spannender Thriller, sondern ein sehr langes Werbevideo, bei dem jemand vergessen hat, den Skip-Button einzubauen.

Selten war ein Titel passender: Das gefährlichste Spiel besteht darin, herauszufinden, wie viele Seiten man davon aushält.

Samstag, 19. September 2026

Der Tag des toten Falken von Peter James

Der Tag des toten Falken von Peter James

Der Tag des toten Falken
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 528
Verlag: HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH
Sprache: Deutsch
Originaltitel: The Hawk Is Dead
ISBN-10: 3455022154
Kaufen: Amazon.de

Zu Gast bei der Krone, aber nicht ganz bei sich selbst

Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

»I absolutely love it!« Queen Camilla»Royale Hochspannung!« The Times»Peter James ist einer der besten Krimiautoren unserer Zeit.« Karin SlaughterDie Queen, Königin Camilla, ist unterwegs zu einer Wohltätigkeitsveranstaltung in Brighton, als ihr Zug entgleist. Während noch unklar ist, ob es sich um einen Unfall oder um einen Anschlag handelt, wird ihr Privatsekretär von einem Scharfschützen erschossen. Die Queen bleibt unversehrt, doch Scotland Yard und das Königshaus gehen davon aus, dass sie das eigentliche Ziel des Anschlags war. Nur Detective Superintendent Roy Grace, der die Ermittlungen leitet, hat einen anderen Verdacht – als plötzlich ein weiterer Mord passiert, dessen Spuren, direkt in den Buckingham Palace führen. Fesselnd, atmosphärisch und unvorhersehbar – von einem der besten Thriller-Autoren unserer Zeit.

Review:

Peter James schickt Roy Grace diesmal nicht in die dunklen Ecken Brightons, sondern direkt in den königlichen Haushalt. Das klingt zunächst nach einem reizvollen Bruch mit der Routine. Ein entgleister Royal Train, ein tödlicher Schuss, Buckingham Palace und mittendrin Roy Grace. Stoff genug für einen großen Thriller.

Ganz überzeugt hat mich dieser Ausflug allerdings nicht. James hat zweifellos gründlich recherchiert. Man erfährt viel über Sicherheitsabläufe, Gemälde, höfische Protokolle und das Innenleben des Palastes. Das ist interessant, gelegentlich sogar faszinierend. Nur wird der Kriminalroman dabei stellenweise von einer sehr ausführlichen Schlossführung verdrängt.

Mein größtes Problem sind die realen Royals als Romanfiguren. Gerade weil König Charles und Königin Camilla tatsächlich existieren, wirkt James plötzlich auffallend vorsichtig. Wo seine Figuren sonst Ecken, Schwächen und gelegentlich sehr dunkle Seiten besitzen, herrscht hier höfische Zurückhaltung. Mir fehlt die Distanz. Der Roman verbeugt sich für meinen Geschmack ein wenig zu oft vor seiner eigenen Kulisse.

Zum Glück funktioniert Roy Grace weiterhin hervorragend. Seine Skepsis gegenüber einfachen Erklärungen, die sorgfältige Ermittlungsarbeit und der Druck durch Vorgesetzte und Öffentlichkeit geben dem Buch den nötigen Zug. Sobald James sich wieder auf seinen eigentlichen Beruf besinnt, nämlich einen spannenden Kriminalfall zu erzählen, liest sich das gewohnt souverän.

Trotzdem vermisse ich Brighton. Diese Stadt war für mich immer mehr als bloße Kulisse der Reihe. Sie gab den Geschichten Charakter und eine gewisse Bodenständigkeit. Buckingham Palace bietet mehr Glanz, aber nicht automatisch mehr Atmosphäre.

„Der Tag des toten Falken“ ist deshalb für mich ein guter, aber keineswegs herausragender Roy Grace. Spannend, routiniert und hervorragend recherchiert, zugleich etwas zu ehrfürchtig gegenüber seinem prominenten Personal. Peter James kann Thriller deutlich besser, wenn er sich nicht gleichzeitig bemüht, die guten Porzellantassen stehen zu lassen.

Freitag, 18. September 2026

Schachnovelle von Stefan Zweig

Schachnovelle von Stefan Zweig

Schachnovelle
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 96
Verlag: Anaconda Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3730616013
Kaufen: Amazon.de

64 Felder zwischen Rettung und Wahnsinn

Bewertung: 9/10 ⭐

Inhalt:

Stefan Zweigs berühmter, letzter Text – ein Klassiker der Weltliteratur - mehrfach verfilmtFür den kultivierten Großmeister Dr. B. ist das Schachspiel mehr als eine geistige Beschäftigung: Es wurde ihm einst zum Überlebensmittel, denn in der zermürbenden Einsamkeit seiner Gestapohaft hatte er aus dem strengen Regelwerk des Schachs seine Widerstandskraft gezogen. Nun trifft er auf den Weltmeister Czentovic, einen stumpfen Charakter, der mit mechanischer Präzision vorgeht. Zwei Spielhaltungen prallen aufeinander und mit ihnen zwei Lebenswelten. Die sprachlich raffinierte ›Schachnovelle‹ ist das eindrucksvolle Vermächtnis des schließlich selbst am Leben verzweifelten Stefan Zweig.»Ein Glücksfall ausgereifter Erzählkunst.« Rüdiger Görner

Review:

Stefan Zweig braucht keinen großen Roman, um einen Menschen zu zerlegen. Ihm genügen ein Schiff, zwei Schachspieler und 64 Felder. Die „Schachnovelle“ ist schmal genug für einen Nachmittag und gedanklich schwer genug, um einen deutlich länger zu beschäftigen.

Dabei interessiert mich das Schach selbst erstaunlich wenig. Zweig benutzt das Spiel vielmehr als Versuchsanordnung. Auf der einen Seite steht Czentovic, Weltmeister und geistiger Grobmotoriker, außerhalb des Schachbretts nahezu unbeeindruckend, darauf jedoch eine präzise funktionierende Maschine. Ihm gegenüber Dr. B., kultiviert, empfindsam und intelligent. Ausgerechnet diese Eigenschaften machen ihn verwundbar.

Seine Geschichte ist das eigentliche Zentrum der Novelle. Die Gestapo foltert ihn nicht mit Schlägen, sondern mit Leere. Keine Bücher, keine Gespräche, keine Ablenkung, nichts, woran sich der Geist festhalten könnte. Als Dr. B. schließlich an eine Sammlung von Schachpartien gelangt, wird das Spiel zunächst zur Rettung. Er lernt die Partien, rekonstruiert sie im Kopf und beginnt schließlich gegen sich selbst zu spielen. Was ihn vor dem geistigen Zusammenbruch bewahrt, wird dabei selbst zur Obsession.

Genau hier ist Zweig großartig. Die „Schachnovelle“ handelt nicht einfach von Schach und auch nicht nur vom Terror des Nationalsozialismus. Sie handelt davon, wie der menschliche Geist versucht, sich gegen seine Zerstörung zu verteidigen und dabei eine neue Form der Selbstzerstörung hervorbringen kann. Dr. B. spaltet sich gedanklich in zwei Gegner. Rettung und Krankheit werden plötzlich zwei Seiten derselben Medaille.

Czentovic und Dr. B. könnten kaum unterschiedlicher sein. Der eine besitzt wenig Geist, kann ihn aber vollkommen kontrollieren. Der andere besitzt davon im Übermaß und droht daran zugrunde zu gehen. Ihr Duell wird deshalb zu weit mehr als einer sportlichen Begegnung. Es ist ein Kampf zwischen stumpfer Beherrschung und fiebriger Vorstellungskraft, zwischen Kontrolle und Obsession.

Bemerkenswert ist vor allem, wie wenig Zweig dafür benötigt. Keine ausufernden historischen Erklärungen, keine großen politischen Reden, keine literarische Schwerstarbeit. Die Sprache bleibt elegant und zugänglich, während darunter etwas zunehmend Beklemmendes arbeitet. Man muss übrigens keinen Springer von einem Läufer unterscheiden können. Wer Schach kennt, erkennt zusätzliche Feinheiten. Wer es nicht kennt, verliert nichts Wesentliches.

Vielleicht ist das die größte Leistung dieser Novelle: Sie macht aus einem Brettspiel ein Modell menschlicher Gefährdung. Am Ende geht es nicht darum, wer besser Schach spielt. Es geht darum, was geschieht, wenn ein Mensch nur noch einen einzigen Gedanken besitzt und dieser Gedanke irgendwann beginnt, ihn zu besitzen.

Ein kleines Buch mit erschreckend großer Reichweite. Zweig setzt kaum eine Figur zu viel aufs Brett und gewinnt trotzdem die Partie.

Montag, 14. September 2026

Der Glaube der Bestien von James Corey

Der Glaube der Bestien von James Corey

Der Glaube der Bestien
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 496
Verlag: Heyne Verlag
Sprache: Deutsch
Originaltitel: The Faith of the Beasts – The Captive's War Book 2
ISBN-10: 3453322614
Kaufen: Amazon.de
Mensch bleiben unter Bestien
Bewertung: 8/10 ⭐

Inhalt:

Was ist die Menschheit wert?Das atemberaubende Zukunftsepos von den Schöpfern von THE EXPANSEDie Zukunft: Die Menschen sind in den Weltraum aufgebrochen und haben etliche ferne Planeten besiedelt.Da tauchen eines Tages wie aus dem Nichts außerirdische Raumschiffe auf und fallen mit brutaler Gewalt über die Menschheit her.Die wenigen Überleben den werden auf die Heimatwelt der Aliens gebracht.Was sie dort entdecken, wird die Geschichte für immer verändern.Science-Fiction, wie sie spannender und aufregender nicht sein kann – »The Captive`s War« ist das neue atemberaubende Zukunftsepos von James Corey, dem Schöpfer von THE EXPANSE.

Review:

„Der Glaube der Bestien“ ist genau jene Sorte Mittelband, vor der man sich bei Trilogien fürchtet: Das große Staunen des Auftakts ist vorbei, das Finale darf noch nicht beginnen. James S. A. Corey umgehen diese Falle erstaunlich geschickt, ganz entkommen sie ihr aber nicht.

Am stärksten ist der Roman für mich dort, wo er Dafyd Alkhor ins Zentrum rückt. Er ist inzwischen Vermittler, Verwalter und in den Augen vieler Menschen beinahe Verräter. Ausgerechnet durch seine Zusammenarbeit mit den Carryx versucht er, das Überleben seiner Spezies zu sichern. Das ist sehr viel interessanter als der übliche Science Fiction Widerstand mit heroischen Reden und großen Kanonen. Dafyd muss verstehen, taktieren, manipulieren und Entscheidungen treffen, für die ihm niemand danken wird.

Auch die Carryx gewinnen deutlich an Kontur. Sie sind keine gewöhnlichen Weltraumtyrannen, sondern folgen einer Ordnung, in der nur Nützlichkeit zählt. Moral interessiert sie ungefähr so sehr wie einen Hai vegetarische Ernährung. Gerade diese Konsequenz macht sie faszinierend.

Mein Lieblingsstrang bleibt allerdings der Schwarm. Ein Werkzeug, das langsam Individualität und Bewusstsein entdeckt, während die Menschen darum kämpfen, nicht selbst zu Werkzeugen degradiert zu werden. Diese Spiegelung ist klug und gehört für mich zu den besten Ideen der bisherigen Reihe.

Nur passiert zwischendurch schlicht zu wenig. Manche Perspektiven wirken wie Pflichttermine, einige Konflikte im Weltenpalast drehen sich länger im Kreis, als ihnen guttut. Immer wieder hatte ich das Gefühl, Corey stelle Figuren auf ein Schachbrett und sage: Geduld, gleich wird es interessant. Das Problem ist nur: Ein Roman sollte nicht hauptsächlich die Aufbauphase des nächsten Romans sein.

Trotzdem funktioniert „Der Glaube der Bestien“, weil hinter der großen Space Opera eine unangenehme Frage lauert: Wie viel Menschlichkeit kann man sich leisten, wenn das Überleben der Menschheit davon abhängt, moralische Grenzen zu überschreiten?

Nicht so überwältigend wie der Auftakt, dafür reifer, düsterer und psychologisch interessanter. Ein sehr guter zweiter Band mit einigen Längen, der offensichtlich Anlauf nimmt. Jetzt muss das Finale nur noch springen.

Freitag, 11. September 2026

Die letzte Fahrt der Enora Time von Andreas Gruber

Die letzte Fahrt der Enora Time von Andreas Gruber

Die letzte Fahrt der Enora Time
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 336
Verlag: Goldmann Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3442497426
Kaufen: Amazon.de

Zwischen Sternenstaub und Zigarettenrauch

Bewertung: 6,5/10 ⭐

Inhalt:

Elf faszinierende Science-Fiction-Kurzgeschichten in attraktiver überarbeiteter Neuausgabe.August 2578. Das Raumschiff »Enora Time« ist zu seiner letzten Fahrt aufgebrochen, doch über das wahre Ziel ihrer Mission hat man die Crew im Dunkeln gelassen – und es übersteigt die Grenzen ihrer Vorstellungskraft. Wie so vieles in den Geschichten, mit denen Bestsellerautor Andreas Gruber in diesem faszinierenden Sammelband überrascht. Hier verschwinden Raumschiffe spurlos vom Radar, Menschen verschmelzen mit Computern, ein mysteriöses Autobahnmotel widersetzt sich aller Logik, ein Obdachloser am Würstelstand offenbart die Zukunft der Menschheit, und eine seltsame Firma aus dem Berlin des Jahres 1939 bietet Zeitreisen an – ohne Rücktrittsrecht ...

Review:

Manche Bücher sind wie alte Raumanzüge: Sie sitzen nicht mehr ganz perfekt, aber die Spuren, die sie tragen, erzählen von Abenteuern, die kein modernes Equipment je ersetzen könnte. Andreas Grubers Kurzgeschichtensammlung „Die letzte Fahrt der Enora Time", ursprünglich im Jahr 2001 erschienen und damals prompt mit dem Deutschen Phantastik-Preis ausgezeichnet, ist genau so ein Objekt: nostalgisch aufgeladen, handwerklich solide, und mit einem Charme begabt, der sich dem Zeitgeist beharrlich verweigert.

Gruber reist nicht in die Zukunft, er reist in eine bestimmte Vorstellung davon, jene nämlich, die sich in den Kinosälen und Taschenbüchern der 1970er und 80er Jahre sedimentiert hat. Wer hier auf das nervöse Flackern eines Black Mirror hofft, wird enttäuscht die Lektüre beiseitelegen. Wer aber bereit ist, sich auf Raumfahrerspelunken einzulassen, in denen noch geraucht wird, auf Roulette-Duelle auf fremden Planeten und auf KI-Konstrukte, die sich mit einer fast rührenden Direktheit gegen ihre Schöpfer auflehnen, der wird feststellen, dass Grubers Universum eine eigentümliche Gravitationskraft besitzt. Man gleitet hinein, bevor man es merkt.

Die elf Erzählungen entfalten eine bemerkenswerte thematische Bandbreite: Near-Future-Szenarien und galaktische Space-Operas, dystopische Schrecken und leise Liebesgeschichten, Zeitreiseparadoxa und formale Experimente mit Interviewprotokollen. Nicht alle dieser Schichten tragen gleich viel Gewicht. Einige Geschichten enden, kaum dass sie begonnen haben, andere, wie etwa „Rendezvous", dehnen sich über ihre erzählerische Substanz hinaus. Doch dann gibt es Perlen wie „Zeitreise Inc. – Wir korrigieren alles", eine Geschichte, die im Deutschland des Jahres 1939 spielt und die große Geschichte durch ein kleines, menschliches Schicksal bricht; der Ausgang überrascht, ohne zu täuschen. Oder „Das Planspiel", eine knapp gehaltene Kneipenvision mit einem allwissenden Obdachlosen, dessen Weltbild so beiläufig wie erschütternd serviert wird. Und schließlich „Joyce", eine Liebesgeschichte, die das Fantastische nicht erklärt, sondern einfach geschehen lässt. Eine Qualität, die zu selten ist.

Was den Band über das Mittelmaß hebt, ist weniger die Originalität der Einzelideen als die Persönlichkeit des Autors, die sich in kurzen Vorworten vor jeder Geschichte manifestiert. Gruber tritt als Erzähler hervor, der seine Einflüsse nicht versteckt, sondern benennt, diskutiert, reflektiert. Das schafft eine Intimität zwischen Schreibendem und Lesendem, die in der Science-Fiction eher selten anzutreffen ist. Man liest nicht nur seine Geschichten, man lernt den Mann dahinter kennen, was ihn auch dort sympathisch macht, wo die Geschichte selbst nicht ganz zündet.

„Die letzte Fahrt der Enora Time" ist kein revolutionäres Werk, und es will keines sein. Es ist das Buch eines Autors, der sein Handwerk beherrscht, der Figuren mit klaren Konturen zu zeichnen weiß und der das Kürzeste Format des Erzählens, die Kurzgeschichte, mit einem Gespür für unmittelbaren Einstieg und atmosphärische Dichte bedient. Die Sammlung macht Lust auf mehr: nicht auf eine Fortsetzung, sondern auf einen Roman. Grubers Science-Fiction-Universum verdient mehr Raum, als die Kurzform ihm zugestehen kann. Bis dahin ist dieser Band ein gepflegtes Intermezzo: aufgewärmt aus der Retorte einer schönen, vergangenen Zukunft, und dennoch mit echtem Herzschlag.

Montag, 7. September 2026

Querfeldein von Alex Capus 🎧 Hörbuch

Querfeldein von Alex Capus 🎧 Hörbuch

Querfeldein
🎙️ Gesprochen von: Alex Capus
Erscheinungsjahr: 2026
Laufzeit: 7h 10min
Auflage: Ungekürzte Lesung
Verlag: der Hörverlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3844557210
Kaufen: Amazon.de

Vom Glück, den eigenen Weg zu gehen

Bewertung: 7/10 ⭐

Handlung:

Ein Gasthof, eine Familie und die große Frage: Wie findet man innere Ruhe im Leben?In einem Schweizer Dorf an der Grenze zu Deutschland führt vor 100 Jahren der junge Wirt Arnold einen Gasthof. Bunte Vögel und düstere Gestalten überqueren die Grenze, manche kommen auch nachts und querfeldein. Am Stammtisch sitzen die Witzbolde aus dem Dorf. Eines Tages naht eine Fremde hoch zu Ross durch den Schnee. Ihr Name ist Betty. Arnold heiratet sie und bekommt mit ihr acht Kinder. Das Leben nimmt seinen Lauf, bis sich die älteste Tochter Clara 1933 in einen Schmuggler namens Hermann verliebt. Der bringt die Uniformierten auf beiden Seiten der Grenze gegen sich auf. Es kommt zum Drama – und das Dorf erhebt sich gegen eine Großmacht.Alex Capus ist ein Meister darin, aus historischen Stoffen, große Romane zu machen – und große Hörbücher. Ungekürzte Lesung mit Alex Capus1 MP3-CD, 7h 10min

Review:

Alex Capus erzählt in „Querfeldein“ von Menschen, die offenbar früh verstanden haben, dass ein vernünftiges Leben nicht zwingend darin besteht, vernünftig zu leben. Allen voran Arnold, der sich weigert, sein Dasein in Lohnarbeit zu verbringen, und schließlich einen Gasthof an der Schweizer Grenze eröffnet. Ich mochte diesen Mann sofort. Nicht, weil er ein Held wäre, sondern weil er keiner sein will.

Überhaupt liegt die Stärke des Romans für mich in seinen Figuren. Betty, Clara, Arnold: allesamt eigenwillige Menschen, die Capus nicht psychologisch seziert, sondern mit wenigen präzisen Strichen zeichnet. Besonders sympathisch ist mir, wie selbstverständlich hier Freiheit innerhalb einer Familie funktioniert. Niemand wird umerzogen, niemand muss sich passend machen.

Capus erzählt das mit trockenem Humor und angenehm unaufgeregter Sprache. Allerdings ist diese Gelassenheit zugleich das größte Problem des Romans. Bis Hermann, der Schmuggler, auftaucht und die Geschichte mit dem nationalsozialistischen Deutschland kollidiert, vergeht viel Zeit. Einige dieser erzählerischen Feldwege hätte man getrost abkürzen können.

Im letzten Drittel gewinnt „Querfeldein“ deutlich an Kraft. Aus der gemütlichen Dorfchronik wird eine Geschichte über Willkür, Mut und die erstaunliche Wirkung von Menschen, die sich gemeinsam weigern, einen Übergriff hinzunehmen. Dass dahinter eine tatsächlich überlieferte Begebenheit steht, gibt dem Ganzen zusätzliches Gewicht.

Gehört habe ich die Hörbuchfassung, gelesen von Alex Capus selbst. Und hier trennen sich für mich Buch und Hörbuch deutlich. Ich schätze es grundsätzlich, wenn Autoren ihre eigenen Texte lesen. Schließlich weiß niemand besser, welchen Ton sie im Kopf hatten. Bei Capus funktioniert das für mich trotzdem nicht besonders gut. Sein ausgeprägtes Schweizer Hochdeutsch besitzt zwar Persönlichkeit und bei einer Lesung vermutlich auch Charme, über mehrere Stunden wird es für mich jedoch eher zur Hürde. Angesichts der Vielzahl hervorragender professioneller Hörbuchsprecher hätte ich mir hier tatsächlich eine andere Besetzung gewünscht. Der Satz eines anderen Hörers bringt meinen Eindruck ziemlich genau auf den Punkt: Was bei einer Autorenlesung Originalität besitzt, funktioniert nicht automatisch als Hörbuch.

Für mich ist „Querfeldein“ nicht Capus auf dem Gipfel seiner Möglichkeiten. Dafür bleibt manches zu beiläufig und emotional etwas zu weit entfernt. Trotzdem ist das ein warmherziger, kluger und wunderbar eigensinniger Roman, angenehm frei von literarischem Imponiergehabe.

Ein gutes Buch über Eigensinn, Anstand und die Kunst, sich von Idioten nicht einschüchtern zu lassen. Nur anhören würde ich es beim nächsten Mal lieber mit einem anderen Sprecher.

Donnerstag, 3. September 2026

Der Paria von Anthony Ryan

Der Paria von Anthony Ryan

Der Paria
Erscheinungsjahr: 2023
Seiten: 720
Verlag: Klett-Cotta
Sprache: Deutsch
Originaltitel: The Pariah
ISBN-10: 3608980911
Kaufen: Amazon.de

Ein Fantasyroman, der lieber Charaktere schmiedet als Legenden erzählt

Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

»Eine mitreißende Geschichte ... ich habe jedes einzelne Wort geliebt.« John Gwynne Es ist die Zeit des großen Aufruhrs und Alwyn wächst als Gesetzloser heran. Er ist ebenso gewieft im Umgang mit einer scharfen Klinge wie mit seinem scharfen Verstand - und er liebt gleichermaßen die Freiheit der Wälder und die Kameradschaft seiner Diebesbande. Der Auftakt einer neuen sagenhaften Trilogie des Bestsellerautors Anthony Ryan.Ein Verrat trifft den Gesetzlosen Alwyn wie ein Blitz und führt auf einen Pfad voller Blut und Rache. Es dauert nicht lange, da findet er sich als Gefangener und Arbeiter in den Erzminen wieder, wo er unter den verwahrlosten Gefangenen Sihlda kennenlernt, eine Frau,die für diesen Ort seltsam gelehrt ist. Sie bringt Alwyn das Lesen und Schreiben bei. Und dann begegnet er auch noch Evadine, einer Frau, die aus ganz anderem Holz geschnitzt ist und an deren Seite er in den Kampf gegen dunkle Mächte ziehen wird. Beides wird ihn und womöglich das ganze Reich von Albermaine für immer verändern. »Anthony Ryans bestes Buch.« Michael Fletcher

Review:

Anthony Ryan hat mich mit "Der Paria" in einer Weise überrascht, die ich bei moderner Fantasy nur noch selten erlebe. Nicht, weil er das Genre neu erfindet, sondern weil er sich konsequent weigert, dessen bequemsten Verlockungen nachzugeben. Statt Drachen, Magiefeuerwerk und pausenloser Action präsentiert er einen Roman, der sich Zeit nimmt. Sehr viel Zeit. Für manche dürfte das eine Geduldsprobe sein. Für mich war es vor allem eine Erinnerung daran, wie wirkungsvoll eine sorgfältig aufgebaute Geschichte sein kann.

Schon die ersten Kapitel machten deutlich, dass hier nicht die Welt, sondern ein Mensch im Mittelpunkt steht. Alwyn Scribe wächst unter Gesetzlosen auf, lernt früh, dass Loyalität oft nur eine andere Form von Abhängigkeit ist, und bewegt sich durch eine Welt, die Härte belohnt und Schwäche bestraft. Was mich an ihm faszinierte, war nicht seine Heldenhaftigkeit, sondern das genaue Gegenteil. Alwyn ist weder der geborene Krieger noch der auserwählte Retter. Er stolpert, irrt, zweifelt und wird von den Umständen häufiger vorangetrieben, als dass er selbst die Richtung vorgibt. Gerade dadurch wirkte er auf mich glaubwürdiger als viele der üblichen Fantasy-Protagonisten, die bereits auf den ersten fünfzig Seiten wissen, welches Schicksal ihnen bestimmt ist.

Besonders beeindruckt hat mich die Erzählstimme. Ryan erzählt ausschließlich durch Alwyns Blick auf die Welt, und dieser Blick ist scharf, oft bitter und gelegentlich verdächtig selbstrechtfertigend. Man spürt ständig, dass hier jemand seine eigene Geschichte erzählt und dabei vielleicht nicht immer die ganze Wahrheit preisgibt. Diese Nähe zur Hauptfigur verleiht dem Roman eine Intensität, die ich in vielen Fantasy-Reihen vermisse, deren Perspektiven zwischen einem Dutzend Figuren hin- und herspringen.

Allerdings verlangt "Der Paria" seinem Leser auch einiges ab. Die Handlung bewegt sich oft langsam vorwärts, manche Abschnitte wirken beinahe wie ein historischer Roman. Über weite Strecken dominieren Machtkämpfe, religiöse Konflikte und politische Intrigen. Die phantastischen Elemente bleiben auffallend dezent. Mehr als einmal hatte ich das Gefühl, einen Roman zu lesen, der bewusst mit den Erwartungen seiner Zielgruppe spielt. Wer auf spektakuläre Fantasy-Momente wartet, wird lange warten müssen. Mich hat das weniger gestört, weil Ryan die Spannung nicht aus Magie, sondern aus Figuren und Ideologien gewinnt. Trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass einige der angedeuteten fantastischen Aspekte früher und entschlossener in Erscheinung treten.

Wo der Roman dann zuschlägt, tut er es mit voller Wucht. Die wenigen großen Kampfszenen gehören zum Besten, was ich in diesem Bereich gelesen habe. Ryan schildert Schlachten nicht als heroische Spektakel, sondern als blutige, chaotische Katastrophen. Gerade weil er sparsam mit ihnen umgeht, entfalten sie eine enorme Wirkung.

Nicht alles hat mich restlos überzeugt. Manche Wendungen wirken eher wie notwendige Scharniere der Handlung als wie organische Entwicklungen. Zudem hatte ich stellenweise den Eindruck, dass der Roman seine interessantesten Versprechen bewusst zurückhält, um sie erst in den Folgebänden einzulösen. Das ist legitim, ließ mich aber gelegentlich das Gefühl nicht loswerden, dass ich weniger einen abgeschlossenen Roman als vielmehr den ersten Akt eines sehr großen Plans lese.

Am Ende überwog für mich dennoch klar die Begeisterung. "Der Paria" ist ein Buch, das auf Charaktere, Atmosphäre und Sprache vertraut. Es nimmt Abkürzungen selten in Anspruch und fordert die Aufmerksamkeit seiner Leser ein. Gerade deshalb blieb mir die Geschichte länger im Gedächtnis als viele lautere Fantasy-Romane. Anthony Ryan legt hier kein Feuerwerk vor, sondern entfacht eine langsam brennende Glut. Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, wird mit einem Auftakt belohnt, der weniger durch Spektakel als durch Substanz überzeugt.

Montag, 31. August 2026

Die Reise nach Pandora von Frank Herbert

Die Reise nach Pandora von Frank Herbert

Die Reise nach Pandora
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 304
Verlag: Heyne Verlag
Sprache: Deutsch
Originaltitel: Destination Void – The Pandora Sequence Book 1
ISBN-10: 3453324293
Kaufen: Amazon.de

Gott aus Schaltkreisen: Frank Herbert denkt sich ins Unendliche

Bewertung: 7,5/10 ⭐

Inhalt:

Der Auftakt des Pandora-Zyklus – neben »DUNE: Der Wüstenplanet« das zweite große Epos von Frank HerbertDie Menschheit bricht ins All auf. An Bord der gigantischen Raumschiffe liegen tausende Siedler im Kälteschlaf. Nur ein kleines Team an Wissenschaftlern bleibt wach, um die Arbeit der organisch-mechanischen Gehirne, die das Schiff steuern, zu überwachen. Als weit jenseits der Plutobahn die Gehirne versagen und sterben, beginnt für die Crew ein Wettlauf gegen die Zeit. Sie können nicht zur Erde zurückkehren, also bleibt ihnen nur, eine künstliche Intelligenz zu entwickeln. Doch ist das überhaupt möglich?Frank Herbert, der Autor von »DUNE – Der Wüstenplanet«, schrieb einen der ersten KI-Romane überhaupt – der atemberaubende Auftakt zum vierbändigen Pandora-Zyklus liegt erstmals vollständig übersetzt auf Deutsch vor!

Review:

„Die Reise nach Pandora“ ist für mich eines dieser Bücher, bei denen Bewunderung und Erschöpfung erstaunlich friedlich nebeneinander existieren. Frank Herbert nimmt eine grandiose Science Fiction Idee, sperrt sie mit vier Menschen in ein Raumschiff und beschließt anschließend, daraus weniger ein Abenteuer als ein philosophisches Verhör zu machen.

Die Ausgangslage gefällt mir außerordentlich: Der Bordcomputer versagt, Tausende Menschen befinden sich im Kälteschlaf und die verbliebene Besatzung muss etwas erschaffen, das eigentlich nicht erschaffen werden kann: echtes künstliches Bewusstsein. Also nicht bloß eine besonders flinke Rechenmaschine, sondern etwas, das denkt, erkennt und vielleicht irgendwann selbst entscheidet, was richtig und falsch ist.

Herbert interessiert dabei vor allem eine Frage: Was passiert, wenn der Mensch plötzlich Gott spielen muss, aber nicht einmal genau erklären kann, was Bewusstsein eigentlich ist?

Das ist faszinierend. Und manchmal mörderisch anstrengend.

Denn Herbert schreibt stellenweise so, als wolle er gleichzeitig einen Roman, eine Vorlesung über Kybernetik und ein Seminar über Metaphysik abhalten. Die Figuren reden über Mathematik, Psychologie, Religion und künstliche Intelligenz, bis ich gelegentlich das Gefühl hatte, nicht mehr einen Roman zu lesen, sondern versehentlich in eine Diskussion geraten zu sein, für die ich drei Semester Vorbereitung gebraucht hätte.

Trotzdem hat mich das Buch gepackt. Gerade die Enge funktioniert hervorragend. Fast alles spielt sich innerhalb des Raumschiffs ab, jeder misstraut jedem, jeder scheint etwas zu wissen, das die anderen nicht wissen, und hinter jeder Wahrheit wartet bereits die nächste Manipulation. Dieses permanente gegenseitige Belauern erzeugt eine beinahe klaustrophobische Spannung. Man könnte sagen: Sartre im Weltraum, nur mit mehr Technik und schlechteren Fluchtmöglichkeiten.

Besonders spannend finde ich, wie modern Herbert dabei wirkt. Künstliche Intelligenz ist hier kein futuristisches Spielzeug, sondern ein moralisches Problem. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir eine denkende Maschine bauen können. Herbert fragt vielmehr, ob wir überhaupt begreifen, was wir da erschaffen, wenn es uns tatsächlich gelingt.

Genau darin liegt für mich die Stärke des Romans. Herbert liefert keine gemütliche Zukunftsvision. Er bohrt. Er provoziert. Er zwingt seine Figuren und damit auch den Leser dazu, Begriffe wie Bewusstsein, Identität und Verantwortung nicht einfach hinzunehmen.

Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass er gelegentlich daran denkt, dass ein Roman auch erzählen darf. Manche Dialoge sind brillant, andere wirken wie intellektuelle Hindernisparcours. Wer hier einfach nur wissen möchte, wie es weitergeht, könnte irgendwann einen Schraubenschlüssel suchen, um den Bordcomputer persönlich auszuschalten.

Ich halte „Die Reise nach Pandora“ deshalb nicht für Herberts zugänglichstes Buch, aber für eines seiner interessanteren. Es ist sperrig, überambitioniert, gelegentlich selbstverliebt und genau deshalb faszinierend.

Ein Roman, der mir nicht immer Spaß gemacht hat, über den ich aber deutlich länger nachgedacht habe als über viele Bücher, die sich wesentlich leichter lesen lassen. Und vielleicht ist das am Ende das größere Kompliment.

Mittwoch, 26. August 2026

Farm der Tiere von George Orwell

Farm der Tiere von George Orwell

Farm der Tiere
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 144
Verlag: Anaconda Verlag
Sprache: Deutsch
Originaltitel: Animal Farm
ISBN-10: 3730616188
Kaufen: Amazon.de

Alle Tiere sind gleich. Manche nur etwas erfolgreicher.

Bewertung: 9,5/10 ⭐

Inhalt:

Schmuckausgabe mit GlanzprägungMan beraubt sie der Früchte ihrer Arbeit, sperrt sie ein, beutet sie aus. Die Tiere auf dem Gutshof haben genug und proben den Aufstand – für eine bessere Welt, in der alle Tiere gleich und frei sind. Doch bald zeigt sich: Gleich heißt nicht gleich, und Freiheit ist ein kurzer Traum … George Orwells berühmte Allegorie über den Aufstand der Tiere ist bis heute der vielleicht klarste literarische Weckruf vor dem korrumpierenden Effekt von Macht. Wie schnell sich unsere Visionen von einer besseren Welt in einen totalitären Albtraum verwandeln können, das ist die zeitlose Warnung dieser Fabel.Schmuckausgabe der weltberühmten Polit-Fabel von George Orwell»›Animal Farm‹ ist eine Fabel, die auf jedes totalitäre System passt. Damit ist sie [...] nicht alt geworden.« Deutsche Welle»Zeitlose Parabel über Macht: George Orwell hat mit ›Animal Farm‹ einen Klassiker der politischen Literatur geschrieben.« DeutschlandfunkOrwell »wollte mit seiner Geschichte erklären, wie es dazu kommen konnte, dass aus einer an sich guten Idee ein totalitärer Alptraum geworden war.« BR

Review:

George Orwells "Farm der Tiere" ist ein bemerkenswert kleines Buch für eine derart große Anklage. Kaum mehr als eine Fabel über Schweine, Pferde und eine heruntergewirtschaftete Farm und doch steckt darin mehr politische Erkenntnis als in manchem tausendseitigen Theoriegebäude.

Die Geschichte ist bekannt: Die Tiere vertreiben ihren Besitzer, übernehmen die Farm und wollen endlich frei und gleich leben. Das funktioniert ungefähr so lange, bis einige entdecken, dass Gleichheit besonders angenehm ist, wenn man selbst ein bisschen gleicher sein darf als die anderen.

Natürlich zielt Orwell auf Stalinismus und Russische Revolution. Mich beeindruckt aber viel stärker, wie mühelos sich das Buch von diesem historischen Hintergrund löst. Denn eigentlich beschreibt Orwell einen Mechanismus, der erschreckend universell ist: Macht verändert Regeln, Sprache verändert Erinnerung und irgendwann weiß niemand mehr so genau, was ursprünglich überhaupt versprochen wurde.

Gerade diese Langsamkeit macht das Buch so böse. Die Tyrannei marschiert nicht mit Fanfaren auf. Sie kommt in kleinen Korrekturen. Ein Gebot wird angepasst, ein Privileg erklärt, ein Gegner zum Schuldigen gemacht. Und schon bald erscheint das Ungeheuerliche vollkommen vernünftig.

Am meisten trifft mich dabei Boxer. Dieses treue Arbeitspferd glaubt, jedes Problem lasse sich dadurch lösen, dass es einfach noch härter arbeitet. Eine wunderbar traurige Figur. Seine Loyalität macht ihn nicht zum Gewinner des Systems, sondern zu dessen perfektem Opfer. Orwell zeigt hier mit brutaler Klarheit, dass Fleiß ohne Zweifel eine gefährliche Tugend sein kann.

Dass Orwell selbst Sozialist war, gehört für mich zu den entscheidenden Punkten des Buches. "Farm der Tiere" ist eben keine simple Abrechnung mit der Idee gesellschaftlicher Gleichheit. Es ist eine Abrechnung mit denen, die Gleichheit predigen und Privilegien meinen.

Und dann dieses Ende: Schweine und Menschen sitzen gemeinsam am Tisch, und draußen weiß niemand mehr, wer eigentlich wer ist. Ein perfekter Schluss, weil Orwell dafür keine weitere Erklärung benötigt. Die Revolution hat ihre Gegner nicht besiegt. Sie hat sie kopiert.

Für mich ist "Farm der Tiere" deshalb kein Klassiker, den man pflichtschuldig in der Schule lesen und anschließend vergessen sollte. Das Buch wird mit jedem Wiederlesen unangenehmer, weil man irgendwann nicht mehr nur Stalin erkennt, sondern Mechanismen, die einem erstaunlich vertraut vorkommen.

Ein Bauernhof, ein paar Schweine, knapp über hundert Seiten. Mehr braucht Orwell nicht, um zu zeigen, wie schnell aus einem Versprechen von Freiheit eine Herrschaft werden kann.

Dienstag, 25. August 2026

Ins fahle Herz des Sommers von Andreas Eschbach

Ins fahle Herz des Sommers von Andreas Eschbach

Ins fahle Herz des Sommers
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 240
Verlag: Lübbe
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 375770200X
Kaufen: Amazon.de

Eine Dystopie, die in ihrer eigenen Glut stehen bleibt

Bewertung: 4/10 ⭐

Inhalt:

Was, wenn die Zukunft längst begonnen hat - nur ohne uns?Seit Jahren brennt die Sonne erbarmungslos vom Himmel. Die Hitze ist unerträglich, der Süden unbewohnbar, der Staat nur noch Fassade. Wer es sich leisten konnte, ist rechtzeitig nach Nordschottland, Grönland, Kanada oder Sibirien gezogen. Nur wenige Menschen sind in ihrer Heimat geblieben. Fausto ist einer von ihnen. In einem weitgehend aufgegebenen Dorf kämpfen er und einige wenige Nachbarn ums Überleben. Der Alltag ist hart und wenig abwechslungsreich. Bis eines Tages eine schöne, schweigsame junge Frau auftaucht, der die Hitze beneidenswert wenig auszumachen scheint. Fausto verliebt sich und schöpft Hoffnung. Er ahnt nicht, welch unerhörtes Geheimnis mit Valérie verbunden ist ...Ein eindringlicher Roman um ein hochaktuelles Thema und ein beklemmendes Gedankenexperiment

Review:

Andreas Eschbach gehört für mich zu den wenigen deutschsprachigen Autoren, bei denen ein neuer Roman fast automatisch Vorfreude auslöst. Seine besten Bücher verbinden große Ideen mit erzählerischer Präzision und schaffen es, wissenschaftliche oder gesellschaftliche Fragestellungen in packende Geschichten zu verwandeln. Umso ernüchternder war für mich Ins fahle Herz des Sommers. Selten habe ich ein Buch gelesen, das so viel Potenzial besitzt und gleichzeitig so wenig daraus macht.

Dabei ist die Ausgangslage ausgesprochen reizvoll. Eine Welt, die unter unerträglicher Hitze kollabiert, in der Wasser kostbarer ist als Geld und ganze Landstriche aufgegeben wurden, bietet den idealen Nährboden für eine intensive Dystopie. Die bedrückende Atmosphäre gelingt Eschbach durchaus. Man spürt die sengende Sonne, die Trostlosigkeit verlassener Ortschaften und die Müdigkeit einer Gesellschaft, die längst aufgehört hat, an eine bessere Zukunft zu glauben. Diese Bilder bleiben im Gedächtnis.

Doch Atmosphäre allein trägt keinen Roman.

Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto deutlicher wurde mein Eindruck, dass sich die Handlung kaum vom Fleck bewegt. Ereignisse wirken eher aneinandergereiht als entwickelt, Konflikte verlaufen im Sand und selbst die geheimnisvollen Elemente erzeugen kaum Neugier. Statt Spannung stellt sich Monotonie ein. Immer wieder hatte ich das Gefühl, auf den Moment zu warten, in dem der Roman endlich beginnt.

Auch die Figuren bleiben erstaunlich blass. Fausto entwickelt kaum Profil, Valérie bleibt trotz ihrer rätselhaften Präsenz vor allem ein erzählerisches Versprechen, das nie eingelöst wird. Emotional entstand für mich kaum eine Bindung. Wenn den Charakteren etwas zustößt oder sich ihre Situation verändert, bleibt das erstaunlich folgenlos. Gerade für einen Roman, der von Isolation, Verlust und Überleben erzählt, ist das eine gravierende Schwäche.

Besonders enttäuscht hat mich jedoch, wie wenig Konsequenz Eschbach seinem eigenen Szenario zugesteht. Viele interessante Fragen werden lediglich angerissen, zahlreiche Entwicklungen bleiben unvollendet und das Ende wirkt weniger offen als unfertig. Offenheit kann zum Nachdenken anregen. Hier hinterließ sie bei mir vor allem den Eindruck, dass der Geschichte entscheidende Kapitel fehlen. Als ich die letzte Seite erreicht hatte, fühlte es sich nicht an, als wäre der Roman abgeschlossen, sondern als hätte er einfach aufgehört.

Natürlich besitzt Ins fahle Herz des Sommers Qualitäten. Die Grundidee ist beklemmend aktuell, die Welt glaubwürdig beschrieben und Eschbach beweist erneut sein Gespür für eindrucksvolle Zukunftsbilder. Doch starke Kulissen ersetzen weder interessante Figuren noch eine fesselnde Handlung. Am Ende bleibt ein Roman, der mich emotional kaltließ und dessen großes Gedankenexperiment nie die erzählerische Tiefe erreicht, die ich von seinem Autor erwartet habe.

Gerade weil Andreas Eschbach die Messlatte mit seinen früheren Werken so hoch gelegt hat, fällt diese Enttäuschung umso stärker ins Gewicht. Für mich gehört Ins fahle Herz des Sommers zu seinen schwächsten Veröffentlichungen. Eine faszinierende Idee, die in einer überraschend leblosen Geschichte versandet.

Freitag, 21. August 2026

Die große Jules-Verne-Box: Reise zum Mittelpunkt der Erde, Robur der Sieger, In 80 Tagen um die Welt von Jules Verne 🎧 Hörbuch

Die große Jules-Verne-Box: Reise zum Mittelpunkt der Erde, Robur der Sieger, In 80 Tagen um die Welt von Jules Verne 🎧 Hörbuch

Die große Jules-Verne-Box: Reise zum Mittelpunkt der Erde, Robur der Sieger, In 80 Tagen um die Welt
🎙️ Gesprochen von: Rufus Beck
Erscheinungsjahr: 2026
Laufzeit: 11h 39min
Auflage: Gekürzte Lesung
Verlag: cbj audio
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3759905498
Kaufen: Amazon.de

Mit Jules Verne auf großer Fahrt, aber leider nur in Kurzfassung

Bewertung: 7/10 ⭐

Handlung:

Rufus Beck und Jules Verne - ein unschlagbares Team.Der Schauspieler Rufus Beck gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Hörbuchsprechern Deutschlands. In dieser Hörbuch-Box liest er die berühmten Jugend-Klassiker von Jules Verne, „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“, „Robur der Sieger“ und „In 80 Tagen um die Welt“. Kein anderer Autor versteht es, Wissenschaft und Abenteuer auf so spannende Weise zu kombinieren.Gekürzte Lesung/Ungekürzte Lesung mit Rufus Beck3 MP3-CDs, 11h 39min

Review:

Diese Box hat mir vor allem eines wieder vor Augen geführt: Jules Verne kann noch immer verdammt unterhaltsam sein. Seine Romane besitzen diese herrlich unverschämte Mischung aus Abenteuerlust, Technikbegeisterung und wissenschaftlicher Fantasie, bei der man selbst dann weiterhört, wenn einem längst klar ist, dass die Wissenschaft gelegentlich höflich zur Seite treten muss, damit das Abenteuer passieren kann.

„Reise zum Mittelpunkt der Erde“ und „In 80 Tagen um die Welt“ kannte ich natürlich bereits. Die eigentliche Überraschung war für mich „Robur der Sieger“, den ich hier tatsächlich zum ersten Mal gelesen beziehungsweise gehört habe. Und gerade dieser etwas weniger prominente Verne hat mir Spaß gemacht. Robur ist größenwahnsinnig, die Technikbegeisterung grenzenlos und manches aus heutiger Sicht wunderbar kurios. Aber genau darin steckt der Reiz: Verne schreibt Zukunft nicht mit angezogener Handbremse, sondern mit Vollgas.

Rufus Beck passt dazu hervorragend. Er liest mit Tempo, Spielfreude und genügend Charakter in der Stimme, um auch Passagen lebendig zu halten, denen man ihr literarisches Alter durchaus anmerkt. Gerade jüngere Hörer dürften damit einen ziemlich guten Zugang zu Verne bekommen.

Mein größter Kritikpunkt ist allerdings kaum wegzudiskutieren: Die Fassungen sind gekürzt. Für eine familienfreundliche Hörbuchbox mag das sinnvoll sein, für mich bleibt trotzdem das Gefühl, nur eine besonders hübsch angerichtete Portion statt des ganzen Menüs bekommen zu haben. Wer Verne wirklich entdecken möchte, sollte irgendwann zu den vollständigen Ausgaben greifen.

Trotzdem hat mir die Box gefallen. Sie ist kein Ersatz für die ungekürzten Romane, aber eine ausgesprochen charmante Einladung in Vernes Welt. Und „Robur der Sieger“ allein war für mich schon Grund genug, mich erneut von diesem alten Zukunftsträumer mitreißen zu lassen.

Montag, 17. August 2026

Voidverse von Damien Ober

Voidverse von Damien Ober

Voidverse
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 432
Verlag: Heyne Verlag
Sprache: Deutsch
Originaltitel: Voidverse
ISBN-10: 3453323718
Kaufen: Amazon.de

Der Abgrund ist tief, die Figuren bleiben flach

Bewertung: 6/10 ⭐

Inhalt:

Bildgewaltig und mit erzählerischer Wucht – Damian Ober schreibt die Geschichte der Science-Fiction neu. Mit Farbschnitt in limitierter Erstauflage. Lieferung je nach Verfügbarkeit.In einem Kosmos ohne Sonnen oder Planeten lebt die Menschheit zerstreut auf schwebenden Felsinseln. Jeder Felsen in der Leere ist eine Welt für sich, und jeder Mensch versucht, im Luftstrom zwischen den Inseln weiter hinaufzukommen, einem sagenumwobenen Zentrum entgegen. Bis eines Tages eine Frau auftaucht, die in umgekehrter Richtung unterwegs ist – eine Sinkende. Ihr Ziel: das Konstrukt, eine riesige Maschine, die ganze Felsinseln und alles darauf Lebende zerstört – und die diese Frau aufhalten will. Doch ihre Zeit wird knapp …

Review:

Damien Ober hat mit „Voidverse“ eine jener Ideen gehabt, bei denen man sich fragt, warum noch niemand früher darauf gekommen ist. Menschen leben auf vereinzelten Felsbrocken, die durch einen endlosen Abgrund stürzen. Wer andere Welten erreichen will, muss sich fallen lassen. Aufstieg gilt als Tugend, Sinken als Tabu. Das ist so schlicht wie brillant und origineller als vieles, was derzeit unter Science Fiction firmiert.

Ich habe diesen Roman deshalb zunächst vor allem bewundert. Ober entwirft keinen gewöhnlichen Weltraum mit neuen Begriffen, sondern eine eigene, eigensinnige Kosmologie. Zeit wird in Atemzügen und Ruhephasen gemessen, jede Felswelt besitzt eigene Gesetze, Bräuche und Überlebensstrategien. Manche sind landwirtschaftliche Gemeinschaften, andere erinnern an Gladiatorenreiche. Über allem schwebt der Construct, eine monströse mechanische Welt, die andere Felsen verschlingt und verwertet. Eine imperiale Müllpresse als Endgegner: nicht subtil, aber eindrucksvoll.

Nur leider sind die Welten lebendiger als ihre Bewohner. Die Sinker, eine schweigsame und kampferprobte Wanderin, besitzt zwar Haltung, Vergangenheit und Schwert, bleibt für mich aber lange eine wirkungsvolle Silhouette. Auch große Verluste hinterlassen erstaunlich wenig emotionale Spuren. Menschen sterben, Kulturen verschwinden, Welten werden vernichtet, und dennoch fühlte ich mich oft eher wie ein interessierter Besichtigungstourist als wie ein erschütterter Leser.

Das ist das Grundproblem von „Voidverse“: Ober kann hervorragend Räume erfinden, aber nicht immer Menschen, die sie glaubwürdig bewohnen. Seine Figuren erfüllen ihre Aufgaben, doch nur selten entwickeln sie jene innere Widersprüchlichkeit, aus der literarische Nähe entsteht. Ich wollte wissen, was hinter dem nächsten Felsen wartet. Was in den Figuren vorging, interessierte mich deutlich weniger.

Auch die Sprache macht es einem nicht immer leicht. Manche Sätze stürzen seitenlang durch den Text, andere zerbrechen in kurzen, hektischen Fragmenten. Das kann den rauschhaften Fall durch den Void erstaunlich gut vermitteln. Gelegentlich wirkt es allerdings auch, als habe die Prosa selbst den Halt verloren. Hinzu kommt eine beachtliche Menge erfundener Begriffe. Ein Glossar wäre hier keine Kapitulation vor dem Leser gewesen, sondern ein Akt der Barmherzigkeit.

Nach einem langsamen Beginn gewinnt die Handlung spürbar an Tempo. Dann entwickelt der Roman tatsächlich einen Sog, der seinem Titel gerecht wird. Das Ende fällt jedoch erstaunlich glatt aus und lässt gleichzeitig genügend Fragen unbeantwortet, um den nächsten Band vorzubereiten. Erst spät zu erkennen, dass man den Auftakt einer Reihe liest, ist ungefähr so erfreulich, wie kurz vor der Landung zu erfahren, dass das Flugzeug keinen Flughafen ansteuert.

„Voidverse“ ist für mich ein faszinierender, aber unausgewogener Roman. Seine Welt ist mutig, fremdartig und voller Bilder, die im Gedächtnis bleiben. Seine Figuren sind es weniger. Ich habe dieses Buch häufiger bestaunt als geliebt. Der Abgrund besitzt Tiefe. Den Menschen darin hätte etwas mehr davon gutgetan.

Sonntag, 16. August 2026

Die Reise der Basilisk von Marie Brennan

Die Reise der Basilisk von Marie Brennan

Die Reise der Basilisk
Erscheinungsjahr: 2018
Seiten: 330
Verlag: Cross Cult
Sprache: Deutsch
Originaltitel: The Voyage of the Basilisk
ISBN-10: 395981660X
Kaufen: Amazon.de

Drachen, Darwin und eine gehörige Portion Größenwahn

Bewertung: 8/10 ⭐

Inhalt:

Die spannenden Abenteuer von Lady Trent werden in Marie Brennans „Die Reise der Basilisk“ fortgesetzt … Treue Leser der ersten Bände von Lady Trents Memoiren, „Die Naturgeschichte der Drachen“ und „Der Wendekreis der Schlangen“, glauben vielleicht, dass sie bereits mit den Details ihrer historischen Reise an Bord des Königlichen Forschungsschiffs Basilisk vertraut sind, doch die wahre Geschichte dieser bahnbrechenden, nervenaufreibenden und skandalösen Seereise wurde nie enthüllt – bis jetzt. Sechs Jahre nach ihren riskanten Aktionen in Eriga bricht Isabella zu ihrer bisher ehrgeizigsten Expedition auf: einer zwei Jahre langen Reise um die Welt, um Drachen an jedem Ort zu erforschen, wo man sie finden kann. Von gefiederten Echsen, die sich in den Ruinen einer vernichteten Zivilisation sonnen, bis zu den riesigen Seeschlangen der Tropen stellen diese Kreaturen eine Quelle sowohl endloser Faszination als auch häufiger Lebensgefahr dar. Begleitet wird Isabella nicht nur von ihrem jungen Sohn Jake, sondern auch von einem ritterlichen ausländischen Archäologen, dessen Interessen sich im professionellen und persönlichen Bereich mit denen von Isabella überschneiden. Die Forschung ist natürlich der Hauptzweck dieser Reise, aber Isabellas Leben ist selten so simpel. Sie muss mit Stürmen, sinkenden Schiffen, Intrigen und Kriegen zurechtkommen, gerade als sie eine Entdeckung macht, die eine revolutionäre neue Sichtweise auf die uralte Geschichte der Drachen eröffnet.

Review:

„Die Reise der Basilisk“ ist für mich bislang der Band, in dem Marie Brennan endlich ganz bei ihrer eigentlichen Stärke angekommen ist. Andere Autoren lassen ihre Drachen Feuer speien, Königreiche vernichten und Jungfrauen verschleppen. Brennan lässt sie sezieren. Und erstaunlicherweise ist das sehr viel interessanter.

Isabella Camherst reist diesmal zwei Jahre lang auf der Basilisk um die Welt, um Drachen zu beobachten, zu vermessen und möglichst zu verstehen. Das klingt ein wenig nach Charles Darwin mit Schuppen und Flügeln, und genau deshalb funktioniert dieser Roman für mich so gut. Brennan behandelt ihre Drachen nicht wie magische Requisiten, sondern wie Tiere. Sie besitzen Lebensräume, Verhaltensweisen und biologische Eigenheiten. Ich ertappte mich mehrfach dabei, wissenschaftliche Diskussionen über vollständig erfundene Spezies mit größerem Interesse zu lesen als so manchen Kampf in anderer Fantasy.

Leider bedeutet Forschungsreise nicht automatisch Spannung. Besonders in der ersten Hälfte schippert der Roman gelegentlich genauso gemächlich dahin wie die Basilisk selbst. Hier ein Hafen, dort eine neue Drachenart, anschließend noch ein kleiner ethnografischer Exkurs. Das ist alles angenehm zu lesen, aber dramaturgisch ungefähr so stürmisch wie ein Gartenteich. Erst später gewinnt die Geschichte deutlich an Fahrt.

Dass mich das erstaunlich wenig gestört hat, liegt vor allem an Isabella. Ich mag diese Frau inzwischen sehr. Nicht, weil sie besonders vernünftig wäre. Ganz im Gegenteil. Sie besitzt weiterhin das bemerkenswerte Talent, wissenschaftliche Neugier mit mangelndem Selbsterhaltungstrieb zu verwechseln. Aber genau darin liegt ihr Charme. Noch wichtiger ist, dass Brennan sie tatsächlich lernen lässt. Isabella irrt sich, zieht Schlüsse daraus und wird eine bessere Forscherin, ohne plötzlich zu einer anderen Figur zu werden.

Besonders gelungen fand ich ihre Beziehung zu ihrem Sohn Jake. Isabella wird hier nicht nachträglich zur vorbildlichen Mutter umgeschrieben. Sie bleibt eine Frau, deren Leidenschaft der Wissenschaft gilt und die mit Mutterschaft lange gefremdelt hat. Gerade deshalb wirken die gemeinsamen Momente glaubwürdig. Sie beginnt ihren Sohn nicht deshalb zu verstehen, weil irgendein sentimentaler Mutterinstinkt erwacht, sondern weil sie erkennt, dass Jake denselben Hunger nach Entdeckung besitzt wie sie selbst. Das ist viel schöner als jede kitschige Versöhnungsszene.

Auch Suhail gefällt mir ausgesprochen gut. Ein Archäologe, der Isabellas intellektuellen Enthusiasmus nicht nur erträgt, sondern erwidert, ist vermutlich ohnehin die einzig denkbare romantische Herausforderung für diese Frau. Ihre Annäherung bleibt erfreulich beiläufig und funktioniert gerade deshalb.

Ganz wohl fühle ich mich mit Brennans Welt allerdings weiterhin nicht. Der koloniale Blick lässt sich nicht einfach dadurch beseitigen, dass Isabella fremde Kulturen respektvoller behandelt als früher. Expedition, Forschung und imperialer Machtanspruch liegen manchmal unangenehm dicht beieinander. Der Roman reflektiert das teilweise, aber nicht immer konsequent genug. Gerade weil Brennan ansonsten so aufmerksam über Wissenschaft und gesellschaftliche Normen schreibt, fällt mir diese Blindstelle umso stärker auf.

Trotzdem ist „Die Reise der Basilisk“ für mich bisher wahrscheinlich der interessanteste Band der Reihe. Vielleicht nicht der spannendste, ganz sicher nicht der straffste, aber derjenige, bei dem ich am deutlichsten verstanden habe, warum ich diese Bücher so gern lese. Ich brauche hier keine Drachen, die Städte niederbrennen. Gebt mir Isabella Camherst mit Notizbuch, fragwürdiger Risikoeinschätzung und einer neuen Spezies vor der Nase.

Das reicht vollkommen.

Donnerstag, 13. August 2026

Der abenteuerliche Simplicissimus von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen

Der abenteuerliche Simplicissimus von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen

Der abenteuerliche Simplicissimus
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 672
Verlag: Anaconda Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3730616986
Kaufen: Amazon.de

Zwischen Barbarei und Bauernwitz: Ein Klassiker im Pulverdampf

Bewertung: 6/10 ⭐

Inhalt:

Der erste Schelmenroman der deutschen LiteraturInspiriert vom spanischen Schelmenroman à la »Don Quijote«, zum Bersten gefüllt mit Geschichten, Figuren und Schicksalen, »überauß lustig und männiglich nutzlich zu lesen«, hat Grimmelshausen den ersten deutschen Prosaroman von Weltrang geschaffen. Die Odyssee seines Helden Melchior Sternfels, genannt Simplicius, führt ihn hinaus in die Welt, durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges in zahlreiche Länder und wieder zurück in die Einsiedelei. Es ist ein Buch »von unwillkürlicher Großartigkeit, bunt, wild, roh, amüsant, verliebt und verlumpt, kochend vor Leben, mit Tod und Teufel auf Du und Du« (Thomas Mann).»Ein literarischer Paukenschlag« SRFZum 350. Todestag von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen»Lügen können Kriege in Bewegung setzen, Wahrheit hingegen kann ganze Armeen aufhalten.« aus Simplicissimus Teutsch»Kein größerer Schaden kann einer Nation zugefügt werden, als wenn man ihr den Nationalcharakter, die Eigenheit ihres Geistes und ihrer Sprache beraubt.« aus Simplicissimus Teutsch»Lieber ein Hofnarr – als Narren hofieren.« aus Simplicissimus Teutsch»Ein Nachtgespräch über Krieg und Frieden, Glauben und Geschäfte, Heimat und Fremde und über Liebe und Tod« Deutschlandfunk Kultur»Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch ist der berühmteste deutsche Roman der Barockzeit und ein Meilenstein der Literaturgeschichte. Er ist ein Kompendium barocken Weltwissens und barocker Weltanschauung und ein Lehrbuch für Verhaltensmuster in einer kriegerischen und hochreligiösen Zeit, in welcher Aberglaube noch mächtiger ist als aufgeklärter Rationalismus.« SRF»Einer der ersten Bestseller in deutscher Sprache« BR

Review:

„Der abenteuerliche Simplicissimus“ gehört zu den Klassikern, bei denen man schon nach wenigen Seiten merkt, dass das Etikett „Klassiker“ dem Buch eigentlich Unrecht tut. Das klingt nach ehrwürdigem Bildungsstoff. Grimmelshausens Roman dagegen ist schmutzig, brutal, grotesk, derb und erstaunlich lebendig. Hier wird geplündert, gemordet, gepredigt, betrogen und gefurzt, oft in erstaunlich enger Nachbarschaft.

Simplicissimus beginnt als beinahe vollkommen Ahnungsloser und gerät mitten in den Dreißigjährigen Krieg, also in eine Welt, in der Moral vor allem von denen beschworen wird, die gerade dabei sind, sie zu verletzen. Er wird Diener, Narr, Soldat, Abenteurer, Liebhaber, Betrüger und allerlei mehr. Eine klassische Entwicklung zum geläuterten Helden sollte man dabei nicht erwarten. Simplicissimus lernt viel über die Welt, aber erstaunlich wenig daraus. Selbst seine spätere Weltabkehr wirkt auf mich weniger wie Erkenntnis als wie die letzte Rolle eines Menschen, der sich sein ganzes Leben lang an neue Umstände angepasst hat.

Gerade das macht den Roman interessant. Grimmelshausen erzählt Krieg nicht als Bühne großer Feldherren, sondern als Zustand permanenter moralischer Verwahrlosung. Wer heute für die eine Seite kämpft, steht morgen eben auf der anderen. Religion liefert die Rechtfertigung, Macht den Anlass und Hunger häufig die eigentliche Motivation. Die Gewalt ist dabei nicht heroisch, sondern willkürlich und hässlich. Einige der Szenen aus dem verwüsteten Deutschland besitzen noch heute eine Wucht, die man manchem modernen historischen Roman wünschen würde.

Gleichzeitig weigert sich das Buch konsequent, ehrfürchtig zu sein. Auf Grausamkeiten folgen derbe Späße, auf religiöse Betrachtungen erotische Abenteuer, auf realistische Kriegsschilderungen Hexen und fantastische Wesen. Das kann großartig sein, weil diese wilde Mischung etwas von einer Welt vermittelt, die völlig aus den Fugen geraten ist. Es kann aber auch anstrengend werden. Die Handlung springt, mäandert und verliert gerade gegen Ende deutlich an Kraft. Nicht jede Episode hätte ich vermisst, wäre sie dem Rotstift zum Opfer gefallen.

Am stärksten fand ich „Simplicissimus“ immer dann, wenn der vermeintliche Narr die Vernünftigen vorführt. Besonders in religiösen Fragen reicht oft eine einfache Nachfrage, um die Selbstgewissheit der Gelehrten ziemlich lächerlich aussehen zu lassen. Grimmelshausens Skepsis gegenüber all jenen, die Gottes Wahrheit zufällig genau dort gefunden haben, wo sie selbst gerade stehen, ist eine der angenehmsten Bosheiten des Romans.

Leicht zu lesen ist dieses Buch trotzdem nicht. Es besitzt weder den Rhythmus noch die psychologische Geschlossenheit eines modernen Romans und verlangt Geduld. Wer sich darauf einlässt, bekommt allerdings weit mehr als ein literarhistorisches Museumsstück. Man bekommt ein chaotisches, komisches und bitteres Panorama einer Gesellschaft, in der die Zivilisation erstaunlich schnell zur dünnen Tapete über der Barbarei wird.

Ich habe „Der abenteuerliche Simplicissimus“ deshalb nicht durchgehend geliebt. Dafür ist er zu ausufernd und stellenweise zu ermüdend. Aber ich habe ihn mit deutlich mehr Respekt beendet, als ich ihn begonnen habe. Grimmelshausen erzählt den Dreißigjährigen Krieg nicht schön und auch nicht besonders ordentlich. Er erzählt ihn lebendig. Und vermutlich ist genau das der Grund, warum dieses merkwürdige, derbe Monstrum nach mehr als 350 Jahren noch immer funktioniert.

Mittwoch, 12. August 2026

Immortal Truths – Unsterbliche Wahrheiten von Rachelle Raeta 🎧 Hörbuch

Immortal Truths – Unsterbliche Wahrheiten von Rachelle Raeta 🎧 Hörbuch

Immortal Truths – Unsterbliche Wahrheiten
🎙️ Gesprochen von: Viola Müller
Erscheinungsjahr: 2026
Laufzeit: 13 Stunden und 37 Minuten
Auflage: Ungekürzte Ausgabe
Verlag: Argon Verlag
Sprache: Deutsch
Originaltitel: These Immortal Truths
ISBN-10: 3910522874
Kaufen: Amazon.de

Die Ewigkeit ist lang, besonders in der Mitte

Bewertung: 6/10 ⭐

Handlung:

„Habe ich es dir nicht gesagt, Anna? Der Tod wird dich nicht holen.“Für Anna war das Leben stets ein Kampf. Gezeichnet von blassen Schatten auf ihrer Haut, die man für Lepra hielt, wurde sie verstoßen und lernte, allein zu überleben.Bis ein Akt der Güte gegenüber einem geheimnisvollen Fremden ihr Schicksal wendet – und sie die Unsterblichkeit erhält. Plötzlich kann ihr weder Zeit noch Verletzung etwas anhaben. Und Anna wagt es, von einem Leben zu träumen, das mehr ist als Überleben: ein Leben voller Möglichkeiten.Doch die Jahre werden zu Jahrzehnten, die Jahrzehnte zu Jahrhunderten. Jede neue Heimat entgleitet ihr wieder, jeder Mensch, der ihr etwas bedeutet, bleibt zurück. Nur einer nicht: Khiran, der gestaltwandelnde Gott, der ihr immer wieder begegnet – in anderen Formen, an anderen Orten, aber stets dann, wenn sie ihn am meisten braucht.Doch Unsterblichkeit hat ihren Preis. Und je weiter Anna durch die Jahrhunderte reist, desto deutlicher erkennt sie, was es wirklich bedeutet, ewig zu leben – und was es bedeutet, wirklich zu leben.

Review:

Unsterblichkeit klingt zunächst wie ein Hauptgewinn. In der Literatur erweist sie sich zuverlässig als schlecht verpackter Fluch. Anna erhält in „Immortal Truths – Unsterbliche Wahrheiten“ ewiges Leben und wandert fortan durch mehr als sieben Jahrhunderte europäischer Geschichte. Eine großartige Ausgangslage. Umso bedauerlicher, dass sich der Roman oft damit begnügt, sie lediglich vorzuführen.

Ich habe die im Argon Verlag erschienene Hörbuchfassung gehört, gelesen von Viola Müller. Ihre ruhige, einfühlsame Interpretation passt hervorragend zur melancholischen Grundstimmung des Romans. Sie verleiht Anna Wärme und Verletzlichkeit, kann aber naturgemäß auch nicht verhindern, dass sich manche Passagen so endlos anfühlen wie das Leben ihrer Protagonistin.

Der Beginn hat mich sofort gewonnen. Anna lebt im England des zwölften Jahrhunderts, wegen ihrer Vitiligo ausgegrenzt und von einer Gesellschaft verdächtigt, die jede sichtbare Abweichung gern dem Teufel in die Schuhe schiebt. Dann begegnet sie Khiran, einem geheimnisvollen Gestaltwandler, isst eine besondere Frucht und kann nicht mehr sterben. Das besitzt Märchendunkel, Tragik und jene melancholische Schönheit, aus der große Geschichten entstehen können.

Am stärksten ist der Roman für mich dort, wo er den Preis der Unsterblichkeit zeigt. Anna überlebt Freunde, Kinder, Geliebte, Städte und ganze Weltordnungen. Sie kann nirgends lange bleiben, ohne Verdacht zu erregen, und niemanden lieben, ohne dessen Tod bereits mitzudenken. Diese Einsamkeit ist eindringlich. Leider interessiert sich das Buch bald stärker für Annas Reiseroute als für ihre Seele.

Nahezu jedes Kapitel springt in eine andere Epoche. Anna arbeitet als Hebamme, Heilerin oder Pflegerin, erlebt Pest, Kriege und gesellschaftliche Umbrüche. Geschichte wird dabei jedoch weniger erfahren als pflichtbewusst abgehakt. Kaum hat ein Ort Konturen gewonnen, sind schon wieder Jahrzehnte vergangen. Das Ergebnis erinnert stellenweise an einen historischen Bildkalender: hübsch gestaltet, informativ beschriftet, emotional aber erstaunlich flach.

Noch schwerer wiegt, dass Anna trotz mehrerer Jahrhunderte kaum innere Entwicklung zeigt. Sie sammelt Wissen und Identitäten, bleibt in ihren Gedanken jedoch bemerkenswert statisch. Ihre Güte ist bewundernswert, aber dramaturgisch monoton. Wer achthundert Jahre lebt, sollte am Ende mehr gelernt haben, als dass Menschen grausam sein können und Liebe gefährlich ist.

Auch Khiran bleibt lange mehr Versprechen als Figur. Er soll geheimnisvoll, mächtig und tragisch sein, wirkt aber häufig wie ein Mann, der jede vernünftige Frage mit einem bedeutungsschweren Kalenderspruch beantwortet. Die Liebe zwischen ihm und Anna besitzt durchaus schöne Momente. Nur sind diese Momente so selten, dass man zwischendurch beinahe vergisst, auf welche große Romanze der Roman eigentlich hinauswill.

Erst im letzten Drittel gewinnt die Geschichte jene Spannung und emotionale Schärfe, die ich mir von Beginn an gewünscht hätte. Plötzlich werden Konflikte konkret, die Beziehung glaubwürdiger und die größeren Zusammenhänge sichtbar. Diese Schlussphase rettet viel. Sie kann jedoch nicht vollständig darüber hinwegtäuschen, dass der Weg dorthin über erstaunlich viele Jahrhunderte und erstaunlich wenig Handlung führt.

„Immortal Truths – Unsterbliche Wahrheiten“ ist schön geschrieben, melancholisch und voller guter Ideen. Viola Müller trägt mit ihrer sensiblen Lesung viel dazu bei, dass man Anna dennoch gern durch die Jahrhunderte begleitet. Doch der Roman besitzt mehr Atmosphäre als Tiefe, mehr Geschichte als Entwicklung und mehr Sehnsucht als überzeugende Liebe. In seiner endlosen Mitte habe ich die Unsterblichkeit erstmals als persönliche Drohung verstanden.

3 von 5 Sternen

Montag, 10. August 2026

A Stage set for Villains von Shannon J. Spann

A Stage set for Villains von Shannon J. Spann

A Stage set for Villains
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 640
Verlag: Mayhem x Piper
Sprache: Deutsch
Originaltitel: A Stage set For Villains
ISBN-10: 3912332142
Kaufen: Amazon.de

Großes Theater, wacklige Kulissen

Bewertung: 6/10 ⭐

Inhalt:

Die Götter sind tot. Übrig bleiben nur das Schauspielhaus ... und seine unsterblichen Spieler.Bösartig, gottgleich und tödlich zugleich sind die sogenannten Spieler, die mit ihren im Wortsinne „bezaubernden“ Shows Herzen, Gedanken und sogar die Realität selbst beeinflussen können. In der Stadt Theatron werden sie ebenso verehrt wie gefürchtet. Die achtzehnjährige Riven kennt die Gefahren besser als alle anderen, nachdem ihre Begegnung mit einem Spieler zu einem Fluch geführt hat, der sie langsam tötet.Als das Schauspielhaus ein einmaliges Spektakel ankündigt – ein Casting, in dem Sterbliche die Chance erhalten, einem Spieler die Unsterblichkeit zu rauben –, sieht Riven darin ihre letzte Chance zu überleben. Sie trifft dort auf Jude, den brillanten und gnadenlosen Ersten Spieler des Theaters, dessen Charme ebenso gefährlich ist wie seine Schauspielkunst. Um ihr Leben zu retten, schließt sie einen tödlichen Pakt mit ihm, der Wahrheit und Illusion verschwimmen lässt … Und plötzlich ist sie sich nicht mehr sicher, wer die Rolle des Helden und wer den Bösewicht spielt.»Düstere Fantasy vom Feinsten. Shannon Spann entführt uns in eine Welt, in der Götter nach Applaus gieren, Sterbliche für die Liebe bluten und jede Wahrheit wie ein Fluch erscheint. Ich war völlig fasziniert.« Jennifer L. Armentrout, Nr. 1-»New York Times«-Bestsellerautorin

Review:

Schon der Einfall ist besser als vieles, was derzeit unter dem Etikett Romantasy durch die Buchhandlungen geistert: Eine magische Wanderbühne, deren Darsteller nicht bloß Rollen spielen, sondern von ihnen vereinnahmt werden. Kostüme verändern Identitäten, Geschichten schreiben Wirklichkeit um, und niemand kann sicher sein, ob er gerade handelt oder längst nach einem fremden Text funktioniert. Shannon Spann baut sich mit „A Stage Set for Villains“ kein weiteres Schloss voller Schattenprinzen, sondern gleich ein eigenes Theater. Leider hat sie hinter den prachtvollen Kulissen gelegentlich vergessen, die Statik zu prüfen.

Riven trägt seit ihrer Kindheit einen Fluch. Um ihn zu brechen, schleicht sie sich in das geheimnisvolle Schauspielhaus ein, einen Ort zwischen Bühne, Falle und lebendig gewordenem Märchenbuch. Dort muss sie an einem tödlichen Spiel teilnehmen und trifft auf Jude, den ebenso grausamen wie charmanten "erster Spieler".

Die formale Gestaltung hat mir ausgesprochen gut gefallen. Der Roman ist in Akte gegliedert, Dialoge erscheinen wie in einem Theaterstück, Regieanweisungen ersetzen klassische Erzählkonventionen. Das ist nicht bloß hübsche Typografie, sondern eine kluge Verbindung von Form und Inhalt. Man liest nicht nur von einer Inszenierung, man sitzt beinahe selbst im Zuschauerraum. Figuren treten ins Licht, liefern ihre Pointe und verschwinden wieder in den Kulissen. Allein dafür verdient dieses Debüt Aufmerksamkeit.

Auch sprachlich ist Spann erfreulich sicher. Ihre Dialoge besitzen Tempo, die Nebenfiguren Witz, und die Atmosphäre schillert dunkel genug, um über manche dramaturgische Schwäche hinwegzutäuschen. Der Roman lebt von seinem Ton, seinem Bühnenzauber und seinem Schlagabtausch. Das ist viel. Nur eben noch keine vollständig überzeugende Geschichte.

Besonders Jude funktioniert. Er ist kein weiterer schweigsamer Dunkelmann mit maßgeschneidertem Drohblick und jener emotionalen Verstopfung, die im Genre gern mit Tiefe verwechselt wird. Jude ist Spieler, Spötter und charmant unzuverlässiger Bühnenpartner. Sobald er auftritt, gewinnt das Buch an Leichtigkeit. Seine Wortgefechte mit Riven gehören zu den stärksten Passagen des Romans.

Als Liebesgeschichte hat mich das allerdings weniger überzeugt. Das Buch behauptet zwischen Riven und Jude eine große Verbindung, bevor es sie wirklich entwickelt. Ihre Nähe entsteht häufig, weil die Dramaturgie sie an dieser Stelle benötigt. Gerade in einer Geschichte über Rollen, Spieler und fremdbestimmte Gefühle wäre das eine faszinierende Frage: Lieben sich diese beiden Menschen, lieben sich ihre Figuren oder spielen sie lediglich eine Romanze, weil das Skript sie verlangt? Leider ist die Frage spannender als die Antwort.

Mit Riven hatte ich noch größere Schwierigkeiten. Über weite Strecken trifft sie Entscheidungen, die nicht mutig, sondern schlicht lebensmüde wirken. Sie ignoriert Warnungen, vertraut den falschen Personen und entwirft Pläne, denen bereits das Wort Planung schmeichelt. Ich habe mich mehrfach gefragt, ob ihre Strategie darin besteht, jede erkennbare Falle persönlich auf ihre Funktionsfähigkeit zu überprüfen.

Der späte Twist erklärt einiges davon und zwingt dazu, Riven neu zu bewerten. Das ist geschickt. Spann beherrscht den dramatischen Enthüllungsmoment und weiß, wann sich eine Falltür öffnen muss. Trotzdem heilt die nachträgliche Erklärung nicht jede vorherige Frustration. Eine Hauptfigur über Hunderte Seiten absichtlich törichter erscheinen zu lassen, als sie tatsächlich ist, bleibt ein riskanter Kunstgriff. Der Roman gewinnt dadurch rückwirkend an Raffinesse, aber nicht automatisch an Eleganz.

Mein größtes Problem war jedoch das Magiesystem. Die Verbindung aus Geschichten, Liedern, Kostümen und Spielern klingt faszinierend, bleibt aber erstaunlich unscharf. Wo endet Riven und wo beginnt ihre Rolle? Welche Macht besitzt das Kostüm? Was kann das Schauspielhaus tatsächlich verändern? Welche Konsequenzen sind endgültig? Der Roman präsentiert eindrucksvolle Effekte, verweigert aber häufig die Regeln dahinter. So entsteht zwar Staunen, aber nicht immer Spannung. Gefahr funktioniert schließlich besser, wenn man versteht, was genau auf dem Spiel steht.

Auch der Umfang hätte strenger kontrolliert werden dürfen. Mehr als sechshundert Seiten sind viel Raum für einen Roman, der seine Welt gleichzeitig so auskunftsscheu behandelt. Vor allem im Mittelteil werden Geheimnisse angedeutet, Bündnisse verschoben und neue Bedrohungen aufgebaut, ohne dass die Handlung wirklich vorankommt. Das Buch möchte rätselhaft sein und wird dabei gelegentlich bloß unübersichtlich. Im letzten Viertel drängen dann Enthüllungen, Wendungen und Erklärungen auf die Bühne, bis die Kulissen hörbar zu knarren beginnen.

Trotzdem habe ich „A Stage Set for Villains“ gern gelesen. Nicht immer wegen der Handlung, häufig eher wegen des Tons, der Atmosphäre und des formalen Einfallsreichtums. Das Buch weiß, wie man einen Auftritt inszeniert. Es trägt prachtvolle Kostüme, spricht gute Dialoge und wirft eindrucksvolle Schatten. Nur wenn das Licht angeht, erkennt man, dass manche Wände lediglich bemalte Pappe sind.

Als Debüt ist das dennoch bemerkenswert. Shannon Spann besitzt Fantasie, Mut und ein Gespür für starke Bilder. Was ihr noch fehlt, ist erzählerische Disziplin. Sie müsste ihren Ideen weniger Raum zum Herumstreunen und mehr Struktur geben. Dann könnte aus diesem faszinierenden Bühnenzauber tatsächlich großes Theater werden.

Für mich ist „A Stage Set for Villains“ ein origineller, atmosphärischer und unterhaltsamer erster Akt, der seine besten Ideen nicht vollständig beherrscht. Ich habe gestaunt, gelacht und mich gelegentlich gefragt, ob ich gerade ein Rätsel nicht verstehe oder ob der Roman selbst die Antwort vergessen hat.

3,5 von 5 Sternen