Die Reise nach Pandora von Frank Herbert
Gott aus Schaltkreisen: Frank Herbert denkt sich ins Unendliche
Inhalt:
Der Auftakt des Pandora-Zyklus – neben »DUNE: Der Wüstenplanet« das zweite große Epos von Frank HerbertDie Menschheit bricht ins All auf. An Bord der gigantischen Raumschiffe liegen tausende Siedler im Kälteschlaf. Nur ein kleines Team an Wissenschaftlern bleibt wach, um die Arbeit der organisch-mechanischen Gehirne, die das Schiff steuern, zu überwachen. Als weit jenseits der Plutobahn die Gehirne versagen und sterben, beginnt für die Crew ein Wettlauf gegen die Zeit. Sie können nicht zur Erde zurückkehren, also bleibt ihnen nur, eine künstliche Intelligenz zu entwickeln. Doch ist das überhaupt möglich?Frank Herbert, der Autor von »DUNE – Der Wüstenplanet«, schrieb einen der ersten KI-Romane überhaupt – der atemberaubende Auftakt zum vierbändigen Pandora-Zyklus liegt erstmals vollständig übersetzt auf Deutsch vor!
Review:
„Die Reise nach Pandora“ ist für mich eines dieser Bücher, bei denen Bewunderung und Erschöpfung erstaunlich friedlich nebeneinander existieren. Frank Herbert nimmt eine grandiose Science Fiction Idee, sperrt sie mit vier Menschen in ein Raumschiff und beschließt anschließend, daraus weniger ein Abenteuer als ein philosophisches Verhör zu machen.
Die Ausgangslage gefällt mir außerordentlich: Der Bordcomputer versagt, Tausende Menschen befinden sich im Kälteschlaf und die verbliebene Besatzung muss etwas erschaffen, das eigentlich nicht erschaffen werden kann: echtes künstliches Bewusstsein. Also nicht bloß eine besonders flinke Rechenmaschine, sondern etwas, das denkt, erkennt und vielleicht irgendwann selbst entscheidet, was richtig und falsch ist.
Herbert interessiert dabei vor allem eine Frage: Was passiert, wenn der Mensch plötzlich Gott spielen muss, aber nicht einmal genau erklären kann, was Bewusstsein eigentlich ist?
Das ist faszinierend. Und manchmal mörderisch anstrengend.
Denn Herbert schreibt stellenweise so, als wolle er gleichzeitig einen Roman, eine Vorlesung über Kybernetik und ein Seminar über Metaphysik abhalten. Die Figuren reden über Mathematik, Psychologie, Religion und künstliche Intelligenz, bis ich gelegentlich das Gefühl hatte, nicht mehr einen Roman zu lesen, sondern versehentlich in eine Diskussion geraten zu sein, für die ich drei Semester Vorbereitung gebraucht hätte.
Trotzdem hat mich das Buch gepackt. Gerade die Enge funktioniert hervorragend. Fast alles spielt sich innerhalb des Raumschiffs ab, jeder misstraut jedem, jeder scheint etwas zu wissen, das die anderen nicht wissen, und hinter jeder Wahrheit wartet bereits die nächste Manipulation. Dieses permanente gegenseitige Belauern erzeugt eine beinahe klaustrophobische Spannung. Man könnte sagen: Sartre im Weltraum, nur mit mehr Technik und schlechteren Fluchtmöglichkeiten.
Besonders spannend finde ich, wie modern Herbert dabei wirkt. Künstliche Intelligenz ist hier kein futuristisches Spielzeug, sondern ein moralisches Problem. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir eine denkende Maschine bauen können. Herbert fragt vielmehr, ob wir überhaupt begreifen, was wir da erschaffen, wenn es uns tatsächlich gelingt.
Genau darin liegt für mich die Stärke des Romans. Herbert liefert keine gemütliche Zukunftsvision. Er bohrt. Er provoziert. Er zwingt seine Figuren und damit auch den Leser dazu, Begriffe wie Bewusstsein, Identität und Verantwortung nicht einfach hinzunehmen.
Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass er gelegentlich daran denkt, dass ein Roman auch erzählen darf. Manche Dialoge sind brillant, andere wirken wie intellektuelle Hindernisparcours. Wer hier einfach nur wissen möchte, wie es weitergeht, könnte irgendwann einen Schraubenschlüssel suchen, um den Bordcomputer persönlich auszuschalten.
Ich halte „Die Reise nach Pandora“ deshalb nicht für Herberts zugänglichstes Buch, aber für eines seiner interessanteren. Es ist sperrig, überambitioniert, gelegentlich selbstverliebt und genau deshalb faszinierend.
Ein Roman, der mir nicht immer Spaß gemacht hat, über den ich aber deutlich länger nachgedacht habe als über viele Bücher, die sich wesentlich leichter lesen lassen. Und vielleicht ist das am Ende das größere Kompliment.
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