Kälte von Tom Rob Smith
Kälte von Tom Rob Smith
"Wenn die spannendsten Geschichten ungeschrieben bleiben"
Inhalt:
Unsere Erde in naher Zukunft. Eines Tages tauchen am Himmel gewaltige Raumschiffe auf, die der Menschheit eine Botschaft übermitteln: »Ihr habt 30 Tage Zeit, um die Antarktis zu erreichen. Jeder, der es bis dahin nicht schafft, wird vernichtet.« Diejenigen, die diesen Wettlauf gegen die Zeit gewonnen haben, erwartet ein hartes Schicksal in der eisigen Kälte. Doch einige Wissenschaftler in der McMurdo-Station fassen einen Plan: Sie wollen menschliche und tierische DNA vermischen, um eine neue Art von Mensch zu erschaffen, der in der brutalen Umgebung überleben kann. Mit fatalen Folgen für das, was von der Menschheit noch übrig geblieben ist …
Review:
Tom Rob Smith weiß, wie man Leser an die Seiten fesselt, aber manchmal fragt man sich, ob er sich dabei in seinem eigenen Netz verheddert. "Kälte" ist ein Roman, der die Erwartungen bewusst unterläuft. Wer einen klassischen Thriller mit Aliens erwartet, wird möglicherweise stirnrunzelnd das Buch zuklappen und sich fragen, ob die Wesen vom anderen Stern nicht ebenso irritiert über ihr mangelndes Auftreten sind.
Die Prämisse ist zweifellos vielversprechend: Aliens setzen der Menschheit ein Ultimatum – wer nicht binnen 30 Tagen die Antarktis erreicht, wird ausgelöscht. Das ist der Stoff, aus dem Hollywood-Blockbuster gemacht sind. Doch Tom Rob Smith schickt seine Leser auf einen völlig anderen Trip. Die Aliens, die die Handlung ins Rollen bringen, verschwinden nach wenigen Kapiteln weitgehend von der Bildfläche. Was folgt, ist weniger ein Survival-Thriller und mehr ein Gesellschaftsexperiment unter Extremsituationen.
Der Fokus verschiebt sich bald auf die Frage, wie eine neue Zivilisation in der unwirtlichsten Region des Planeten entstehen könnte. Was passiert, wenn Menschen ihre bisherigen sozialen, politischen und moralischen Konstrukte hinter sich lassen und von Null beginnen müssen? Liza und Atto, das Protagonistenpaar, stehen stellvertretend für diesen Neuanfang. Ihre Beziehung ist nachvollziehbar, aber wenig überraschend. Viel spannender ist Yotam, eine Nebenfigur, die mit ihrer leisen Präsenz fast alles überstrahlt. Während Liza und Atto oft wie Spielfiguren in einem großen Experiment wirken, bringt Yotam die emotionale Tiefe, die dem Roman an vielen Stellen fehlt.
Das größte Problem von "Kälte" ist allerdings nicht die Abwesenheit von Aliens, sondern die allzu häufige Abwesenheit von Konsequenz. Smith ist ein brillanter Erzähler, der grandiose Ideen in den Raum wirft, sie aber nur zögerlich zu Ende denkt. Ein Zeitsprung von zwanzig Jahren raubt dem Leser die Möglichkeit, den eigentlichen Aufbau dieser neuen Welt mitzuerleben. Stattdessen steht man plötzlich vor einer Gesellschaft, die bereits funktioniert – eine vertane Chance, die fesselnden Herausforderungen des Neuanfangs greifbar zu machen.
Immerhin, sprachlich bleibt Smith auf gewohnt hohem Niveau. Seine Beschreibungen der eisigen Antarktis sind so lebendig, dass man beim Lesen fast zur Daunenjacke greifen möchte. Doch stilistische Brillanz allein kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass man als Leser zu oft das Gefühl hat, den Kern der Geschichte nur gestreift zu haben. Es ist, als würde man durch ein Schaufenster blicken, hinter dem sich faszinierende Szenarien abspielen – doch die Tür bleibt verschlossen.
"Kälte" ist kein schlechtes Buch, aber eines, das hätte so viel mehr sein können. Vielleicht ist es dieser unterschwellige Frust, der am Ende bleibt: das Bewusstsein, dass hier gleich mehrere großartige Romane in einem stecken – und keiner davon sich wirklich entfalten darf. Wer bereit ist, sich auf dieses halb erzählte Experiment einzulassen, wird dennoch belohnt. Wer klare Antworten sucht, sollte besser nach etwas anderem greifen. Drei von fünf Sternen – und der leise Wunsch, dass Tom Rob Smith sich beim nächsten Mal für eine Geschichte entscheidet und diese vollendet.
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