Wir. Tagebuch des Untergangs von Dmitry Glukhovsky

Wir. Tagebuch des Untergangs von Dmitry Glukhovsky



Seiten: 304
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453218922
Amazon: Amazon.de








"Propaganda, Macht und Resignation: Ein Blick in Russlands Abgründe"

Rating: 8/10


Inhalt:

Ein Kaleidoskop voller akkurater, hellsichtiger und ungeschönter Beobachtungen des Bestsellerautors zur politischen und gesellschaftlichen Entwicklung Russlands während der letzten 10 Jahre bis heute. Glukhovskys scharfer Blick auf die Ereignisse bietet eine erhellende Analyse der inneren und äußeren Verfasstheit des Landes und zeigt, warum Russland sehenden Auges in den Untergang steuert ― und wie lange sich das schon abzeichnete. Ein klarer Blick auf die frühen Signale und den Sog des russischen Niedergangs und zugleich ein brillantes Panorama der Gegenwart von einem Meister der satirischen, scharfzüngigen Erzählkunst.

Review:

Dmitry Glukhovsky „Wir. Tagebuch des Untergangs“ ist ein Buch, das man nicht einfach so lesen, sondern das man ertragen muss. Und genau darin liegt seine literarische Großartigkeit. Es ist die Art von Werk, die ich all jenen Menschen in die Hand drücken möchte, die immer noch glauben, politische Literatur sei langweilig oder irrelevant. Glukhovsky beweist das Gegenteil mit jedem Satz, jeder Seite, jeder Analyse.

Dieses Buch hat die Wucht eines Vorschlaghammers, gepaart mit der Treffsicherheit eines Chirurgenmessers. Glukhovsky legt nicht einfach dar, was in Russland schiefgelaufen ist – er nimmt uns an der Hand und führt uns durch die Abgründe eines politischen Systems, das sich selbst zerstört, während es seine Menschen in Geiselhaft hält. Seine Essays, geschrieben über zwanzig Jahre hinweg, zeigen die Verwandlung eines Landes, das von einer Hoffnung auf Reformen in die totale Stagnation abrutschte. Dabei ist sein Blick ebenso analytisch wie persönlich.

Glukhovsky schreibt über Propaganda, Machtmissbrauch, und die psychologische Faszination für den starken Mann – und er tut das in einer Sprache, die so scharf ist, dass man sich an ihr schneiden könnte. Besonders bewegend fand ich seine Reflexionen über eigene Irrtümer. Immer wieder gesteht er ein, dass er die Resilienz der korrupten Oligarchie und den Fatalismus seiner Landsleute unterschätzt hat. Diese Selbstkritik macht ihn zu einem glaubwürdigen Erzähler, dessen Beobachtungen tief ins Mark gehen.

Besonders beeindruckend ist die literarische Eleganz, mit der Glukhovsky selbst die härtesten Themen umrahmt. Seine Essays haben den Biss eines investigativen Journalisten und die emotionale Tiefe eines Schriftstellers, der weiß, dass Sprache eine Waffe ist. Besonders beeindruckend ist die Struktur des Buches: Jedes Essay beginnt mit einem historischen Kontext und endet mit einer bitteren, oft resignierten Erkenntnis. Diese Wiederholungen schaffen eine beklemmende Atmosphäre, die den Leser packt und nicht mehr loslässt.

Wer also behauptet, politische Literatur sei trocken, hat dieses Buch nicht gelesen. Es ist unbequem, ja, geradezu schmerzhaft – aber genau das ist seine Qualität. Glukhovsky zeigt uns ein Russland, das nicht nur geopolitisch isoliert ist, sondern auch moralisch und geistig. Und das schockierendste dabei ist: Man erkennt in seinen Beschreibungen Mechanismen, die auch anderswo in der Welt zu beobachten sind.

Fazit: Dmitry Glukhovskys „Wir. Tagebuch des Untergangs“ ist ein Buch, das man nicht lesen sollte, wenn man sich einen angenehmen Abend machen will – aber eines, das man lesen muss, wenn man die Welt verstehen möchte. Es ist brillant, es ist schonungslos, und es ist unvergesslich. Ein literarisches Ereignis, das ich nur wärmstens ans Herz legen kann. Lest dieses Buch! Aber seid gewarnt: Es wird euch nicht unberührt lassen.

Wir. Tagebuch des Untergangs von Dmitry Glukhovsky Wir. Tagebuch des Untergangs von Dmitry Glukhovsky Reviewed by Darkybald on Donnerstag, Januar 23, 2025 Rating: 5

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