King Sorrow I von Joe Hill

King Sorrow I von Joe Hill

King Sorrow I
Seiten: 592
Verlag: Heyne Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453275780
Kaufen: Amazon.de

Das Monster, das wir selbst erschaffen

Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Der große Roman von Platz-1-»New York Times«-Bestsellerautor Joe HillDas renommierte Rackham College in Maine: Als Vorzeigestudent Arthur Oakes und seine Freunde in einem alten okkulten Text aus der Universitätsbibliothek ein Ritual entdecken, mit dem man angeblich einen Drachen beschwören kann, beschließen sie in einer rauschhaften Silvesternacht, die Probe aufs Exempel zu machen. Was als Spiel beginnt, wird schon bald zum Albtraum: Eine uralte und mächtige Wesenheit erwacht. Und sie ist hungrig ...Der Originalroman »King Sorrow« erscheint auf Deutsch in zwei Teilen »King Sorrow 1« und »King Sorrow 2«.

Review:

Man könnte versucht sein, diesen Roman als modischen Drachenritt im Fahrwasser aktueller Fantasy-Trends abzutun. Doch King Sorrow I ist kein gefälliges Spektakel, sondern ein Werk, das sich sperrt, ausfranst und mit einer fast schon altmodischen Ernsthaftigkeit in die Abgründe seiner Figuren hineinbohrt. Joe Hill schreibt hier keinen Roman über ein Monster – er schreibt über die verheerende Konsequenz, eines zu erschaffen.

Im Zentrum steht Arthur Oakes, ein junger Mann, dessen moralischer Kompass durchaus intakt ist – nur leider nicht stabil genug, um ihn durch eine Lage zu tragen, in der Angst, Loyalität und Erpressung eine unheilvolle Allianz eingehen. Was als studentischer Ausnahmezustand beginnt, kippt schnell in eine Tragödie von erstaunlicher Reichweite. Die Beschwörung eines Drachen, zunächst ein Akt verzweifelter Selbstermächtigung, entpuppt sich als lebenslange Hypothek. Hill interessiert sich dabei weniger für das Spektakel des Übernatürlichen als für dessen Nachwirkungen. Der Drache ist kein Ereignis, sondern ein Zustand.

Gerade hierin liegt die eigentliche Stärke des Romans. Die fantastische Setzung wird mit einer Nüchternheit behandelt, die beinahe dokumentarisch wirkt. Schuld wird nicht symbolisch abgearbeitet, sondern verwaltet, verschleppt, rationalisiert. Die Figuren altern, ihre Beziehungen verschieben sich, und das, was einst wie ein gemeinsames Geheimnis zusammenschweißte, wird zur schleichenden Erosion jeder Form von Nähe. Hill gelingt es, diese Dynamik mit bemerkenswerter Präzision auszuleuchten. Seine Figuren sind keine Stellvertreter für Ideen, sondern widersprüchliche, oft unerquicklich reale Menschen, die sich in einem moralischen Dauerprovisorium eingerichtet haben.

Formal bewegt sich der Roman dabei auf einem schmalen Grat zwischen epischer Breite und erzählerischer Selbstüberschätzung. Hill liebt die Ausdehnung, das Ausschweifen, das Auskosten von Nebenlinien. Nicht jede dieser Volten ist zwingend, doch viele tragen zur dichten, beinahe greifbaren Atmosphäre bei. Das Neuengland-Setting, durchzogen von akademischem Dünkel, sozialer Reibung und latentem Unbehagen, wirkt dabei wie der ideale Nährboden für eine Geschichte, in der Bildung nicht vor Dummheit schützt, sondern sie mitunter erst legitimiert.

Auffällig ist zudem, wie sehr sich Hill hier in einen literarischen Dialog begibt, der unübersehbar in Richtung Stephen King weist. Die Parallelen sind kein Zufall, sondern Programm. Doch wo King oft das Grauen aus der Provinz heraus destilliert, verlegt Hill es tiefer ins Innere seiner Figuren. Der Horror entsteht weniger durch das, was geschieht, als durch das, was hingenommen wird.

Dass die deutsche Ausgabe diesen wuchtigen Roman künstlich teilt, wirkt vor diesem Hintergrund wie ein editorischer Fehlgriff. Dieses Buch denkt in großen Bögen, nicht in Etappen. Die erzwungene Zäsur unterbricht einen Erzählfluss, der gerade von seiner Unausweichlichkeit lebt.

Am Ende bleibt ein Roman, der sich weigert, bequem zu sein. „King Sorrow I“ ist ausladend, manchmal überbordend, aber durchzogen von einer gedanklichen Konsequenz, die man im Genre selten findet. Hill erzählt von Schuld nicht als einmaligem Ereignis, sondern als Lebensform – und trifft damit einen Nerv, der weit über das Fantastische hinausreicht. Wer bereit ist, sich auf diese düstere, vielschichtige Reise einzulassen, wird reich belohnt. Wer nur Drachen erwartet, bekommt etwas Unangenehmeres: einen Spiegel.

King Sorrow I von Joe Hill King Sorrow I von Joe Hill Reviewed by Darkybald on Sonntag, April 26, 2026 Rating: 5

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