Die Seele suchen: Freud, Wien und die Erfindung der Psychoanalyse von Frank Tallis
Die Seele suchen: Freud, Wien und die Erfindung der Psychoanalyse von Frank Tallis
Nicht Freud ist der Star. Es ist Wien.
Inhalt:
»Faszinierend ... das beste Buch, das ich je über Freud und Wien gelesen habe. Hellsichtig, skeptisch, klug.« Times Literary Supplement-Books of the YearDer Romanautor und klinische Psychologe Frank Tallis beleuchtet auf brillante Weise Sigmund Freud und seine Zeit. Er nimmt die Leser mit in die Gedankenwelt eines der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts, zeichnet die Entwicklung der Psychoanalyse nach. Tallis erklärt, dass wohl nur wenige große Denker mehr verunglimpft worden sind als Sigmund Freud (1856-1939). Dem »extremen Freud-Bashing« stünden jedoch ebenso wenig hilfreiche, allzu ehrfürchtige Anhänger gegenüber. Als Bewunderer, aber definitiv nicht als Verehrer, liefert Tallis das sachkundige Porträt einer brillanten, obsessiven und rücksichtslosen Persönlichkeit. Als ehrgeiziger junger Neurologe in einer Zeit, in der psychische Störungen als Erkrankungen des Gehirns angesehen wurden, war Freud nicht der erste, der sie als Folge traumatischer Erinnerungen betrachtete oder die »sprechende Heilung« anwandte, aber sein Charisma, seine Energie und seine literarischen Fähigkeiten brachten »eine neue Art des Verständnisses von Geist, Beziehungen, Geschichte und Kultur« hervor, wie sie vielleicht nur in der Zeit des Goldenen Wiens um die Wende zum 20. Jahrhundert möglich war. So bietet Frank Tallis nicht nur einen äußerst fundierten Blick auf die Ikone Sigmund Freud, sondern zugleich auch auf das Kultur- und Geistesleben einer Stadt zwischen Tradition und Moderne, die einen besonderen Nährboden für Kunst und Architektur, Philosophie, Musik und Literatur bot.
Review:
Sigmund Freud ist eine jener Figuren, an denen sich jede Generation aufs Neue abarbeitet. Die einen verehren ihn als Entdecker des Unbewussten, die anderen würden seine Theorien am liebsten gemeinsam mit den Zigarren in einem Wiener Aschenbecher entsorgen. Frank Tallis versucht gar nicht erst, diesen Streit zu schlichten. Er schlägt einen klügeren Weg ein: Er erklärt, weshalb ein Mann wie Freud ausgerechnet im Wien der Jahrhundertwende entstehen konnte. Das ist die eigentliche Leistung dieses Buches.
Mich hat dabei weniger Freud fasziniert als die Stadt, die Tallis heraufbeschwört. Dieses Wien erscheint wie ein überhitzter Dampfkessel aus Größenwahn, Dekadenz, Antisemitismus, Kunstbesessenheit und intellektuellem Hochmut. Kaffeehäuser werden zu Denkfabriken, Salons zu Versuchslaboren der Moderne und Neurosen fast schon zum guten Ton. Man versteht plötzlich, warum ausgerechnet hier jemand auf die Idee kommen konnte, Träume als Landkarten der Seele zu lesen.
Genau dort ist Tallis am stärksten. Immer wenn er den Blick von Freud hebt und die Kulisse betrachtet, beginnt das Buch zu leuchten. Dann wird aus einer Biografie ein kulturhistorisches Panorama, das weit interessanter ist als die ewige Frage, ob Freud nun ein Genie, ein Scharlatan oder beides zugleich war.
Weniger überzeugt hat mich Tallis dort, wo er historische Persönlichkeiten mit einer Selbstsicherheit psychologisiert, die ausgerechnet einem Buch über Psychoanalyse schlecht zu Gesicht steht. Manche Diagnosen wirken eher wie elegante Gedankenspiele als wie belastbare Schlussfolgerungen. Hinzu kommt ein irritierender Blick auf einige Frauenfiguren, der modern wirken möchte, sich aber erstaunlich häufig in Klischees verfängt. Das lässt Zweifel daran aufkommen, ob hier wirklich historische Einordnung betrieben wird oder gelegentlich doch die Fantasie des Autors Regie führt.
Auch strukturell ist das Buch nicht frei von Schwächen. Tallis verliert sich immer wieder in Exkursen, die für sich genommen brillant geschrieben sind, den eigentlichen Erzählfluss aber ausbremsen. Ich hatte mehrfach den Eindruck, ein Gast würde auf einer Party ständig neue Anekdoten beginnen, bevor die vorherige überhaupt zu Ende erzählt ist. Unterhaltsam? Ja. Diszipliniert? Eher nicht.
Und trotzdem habe ich dieses Buch gern gelesen. Nicht, weil es Freud rehabilitiert oder endgültig demontiert, sondern weil es etwas viel Spannenderes tut: Es zeigt, wie Ideen entstehen. Nicht im Elfenbeinturm, sondern zwischen politischen Umbrüchen, gesellschaftlichen Neurosen und persönlichen Eitelkeiten. Tallis erinnert daran, dass auch große Denker Kinder ihrer Zeit bleiben. Das ist weder revolutionär noch neu, aber selten so anschaulich erzählt.
Wer eine nüchterne Einführung in die Psychoanalyse sucht, wird hier nicht immer glücklich werden. Wer jedoch verstehen möchte, weshalb Wien um 1900 zum Epizentrum einer geistigen Explosion wurde, findet ein ebenso kenntnisreiches wie streitbares Buch. Nicht jede These trägt, nicht jede Interpretation überzeugt. Aber ein Buch, das Widerspruch provoziert, ist mir allemal lieber als eines, das sich in der Harmlosigkeit akademischer Ausgewogenheit einrichtet. Gerade darin liegt sein Reiz.













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