Odyssee von Homer

Odyssee von Homer

Odyssee
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 384
Verlag: Anaconda Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3730616234
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Weinrotes Meer, schillernder Schurke

Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Von Sirenen, Seeungeheuern und einäugigen RiesenDie »Odyssee« ist eines der ältesten Meisterwerke der Weltliteratur und ihr Name längst zum geflügelten Wort avanciert. Erzählt wird die zehnjährige Irrfahrt des tapferen und schlauen Königs Odysseus, die im kleinasiatischen Troja beginnt und nach zahllosen gefahrvollen Abenteuern mit seiner Heimkehr nach Ithaka endet. In einem grandiosen Finale befreit er seine mutige und treue Gattin Penelope aus den Fängen ihrer aufdringlichen Freier und feiert das Wiedersehen mit seinem Sohn Telemachos.»Die Mutter aller Irrfahrten« WDRHomers Epen begründen die Literaturgeschichte und sind Vorlage für immer neue monumentale Verfilmungen: Als nächstes von Star-Regisseur Christopher Nolan, ab Juli 2026 im Kino!Mit Homers antiker Dichtung beginnt die eurpäische Literatur»Geschrieben von Homer, übersetzt von Johann Heinrich Voß. Und was für eine Übersetzung: singend wie ein Gedicht, die fremdartigen Hexameter so geschmeidig, als seien sie von Anfang an auf Deutsch geschrieben.« WDR

Review:

Ich gebe es zu: Als ich die Odyssee zum ersten Mal las, war ich fünfzehn, hielt Homer für einen überbewerteten Toten und fand das weinrote Meer bestenfalls malerisch. Ich hatte Unrecht. Nicht über das Meer, das ist tatsächlich eine der schönsten Formulierungen der Weltliteratur, aber über alles andere.
Denn die Odyssee ist kein Heldenepos. Sie ist ein Kriminalroman, in dem der Täter gleichzeitig der Detektiv ist. Odysseus lügt. Odysseus betrügt. Odysseus schläft sich durch den halben Götterhimmel, testet anschließend seine Sklaven auf Loyalität und kehrt heim, um anstatt seiner Frau schlicht zu sagen "Hallo, ich bin's" zunächst einen Bogenwettbewerb zu veranstalten, der in einem Massaker endet. Hundertzwanzig Männer. Erschossen, erstochen, aufgehängt. Danach lässt er Mägde hinrichten, die sich mit den Freiern eingelassen haben. Wer das einen Helden nennt, hat ein entspanntes Verhältnis zum Begriff.
Homer weiß das. Er nennt seinen Protagonisten schon im ersten Vers polytropos, einen Mann der vielen Wendungen, der vielen Masken. Emily Wilson, die erste Frau, die den Text ins Englische übertragen hat, übersetzt schlicht: "a complicated man". Das ist keine Verharmlosung, das ist Präzision. Odysseus ist kompliziert wie ein Messer kompliziert ist: funktional, gefährlich, kalt.
Was mich bei dieser Wiederlektüre wirklich erschüttert hat, ist die Erkenntnis, dass wir diesem Mann die ganze Geschichte aus seinem eigenen Mund verdanken. Die berühmten Bücher neun bis zwölf, Kyklop, Sirenen, Skylla, Charybdis, die ganze mythologische Prachtentfaltung, erzählt Odysseus selbst, als Gast am phäakischen Königshof, um großzügige Gastgeschenke zu erwirken. Kein einziger Zeuge ist dabei. Und wer jemals beobachtet hat, wie ein begabter Geschichtenerzähler eine Tischrunde unterhält, weiß: Je größer das Publikum, desto größer der Einäugige. Odysseus ist nicht nur der erste Held der Weltliteratur, er ist auch ihr erster unzuverlässiger Erzähler.
Penelope hingegen, die in seiner zwanzigjährigen Abwesenheit mit stiller Raffinesse eine Meute rüpelhafter Freier in Schach hält und nachts heimlich ihr eigenes Gewebe aufribbt, um Zeit zu gewinnen, bekommt in der Rezeptionsgeschichte nie jene Aufmerksamkeit, die ihr gebührt. Das ist eine literarische Ungerechtigkeit von antiken Ausmaßen. Während ihr Mann sich durch Nymphen und Göttinnen schläft, hält sie einen ganzen Staat zusammen. Wenn das kein Roman werden soll, weiß ich nicht, was einer ist. Margaret Atwood hat das begriffen. Madeline Miller auch. Höchste Zeit, dass die Leser es endlich tun.
Das Epos endet bekanntlich mit Blut, das die Wände der Festhalle hinunterläuft, und einem kurzen, fast schüchternen Wiedersehen zwischen Ehemann und Ehefrau. Kein Triumphmarsch, kein Festmahl, kein Happy End im modernen Sinne. Nur zwei Menschen, die sich nach zwanzig Jahren misstrauisch beäugen, und eine Zivilisation, die auf diesem Misstrauen gebaut ist. Wäre Homer Drehbuchautor in Hollywood gewesen, hätte er gut mit Coppola und Tarantino zusammengearbeitet. Gut möglich, dass er das bereits war, nur dreitausend Jahre früher.
Die Odyssee ist das älteste Buch, das ich kenne, und eines der modernsten. Wer es mit fünfzehn gelesen und gehasst hat: Lesen Sie es noch einmal. Das weinrote Meer wartet. Und diesmal werden Sie es sehen.

Odyssee von Homer Odyssee von Homer Reviewed by Darkybald on Sonntag, Juli 05, 2026 Rating: 5

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