Die Blechtrommel: Konzertlesung nach Günter Grass von Grass, Günter 🎧 Hörbuch
Die Blechtrommel: Konzertlesung nach Günter Grass von Grass, Günter 🎧 Hörbuch
Der schönste Lärm der deutschen Literatur
Handlung:
Bei der Konzertlesung Die Blechtrommel verschmilzt Günter Grass‘ Jahrhundertroman aus dem Jahr 1959 mit klassischer Schlagwerkmusik. Ausgewählte Szenen des Buches werden musikalisch untermalt; dabei bekommen die vielfältigen Schlaginstrumente auch ihren solistischen Platz.
Sprache und Musik erzählen das Leben Oskar Matzeraths, der mit drei Jahren sein Wachstum einstellt und aus scheinbarer Kinderperspektive die Welt der Erwachsenen erlebt. Eine Lebensgeschichte – von der Geburt 1924 in Danzig bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. So wie Oskar seine Stimme zum Trommelspiel erhebt, kombinieren Devid Striesow und Stefan Weinzierl die Ausdruckskraft von Grass‘ Roman mit den facettenreichen Klangfarben von Vibraphon, Marimba, Percussion und Elektronik – ein einzigartiges, intensives Text-Musik-Erlebnis.
Review:
Mit der sogenannten Konzertlesung von Die Blechtrommel geschieht etwas Seltenes: Ein kanonisiertes Monstrum deutscher Nachkriegsliteratur verliert seinen musealen Staub und beginnt wieder zu atmen. Nicht brav, nicht ehrfürchtig, sondern lärmend, schillernd und unerquicklich lebendig. Wer Grass bislang wie eine drohende Gewitterfront im Bücherregal betrachtet hat, bekommt hier keinen Literaturunterricht, sondern einen sinnlichen Überfall.
Denn diese Fassung versucht gar nicht erst, den Roman zu „erklären“. Zum Glück. Wer glaubt, man könne die fiebrige Obszönität, die groteske Komik und die moralische Verwahrlosung von Oskar Matzeraths Welt in hundert Minuten ordentlich zusammenfalten, hat weder Grass noch die deutsche Geschichte verstanden. Statt einer Nacherzählung liefert diese Inszenierung etwas viel Klügeres: Atmosphäre. Rhythmus. Wucht. Einzelne Szenen tauchen auf wie Erinnerungsfetzen aus einem kollektiven Fiebertraum, dann verschwinden sie wieder im Trommelwirbel.
Gerade darin liegt die Stärke dieses Projekts. Die Musik illustriert nicht, sie infiziert den Text. Percussion wird hier zur zweiten Erzählebene: mal höhnisch, mal bedrohlich, mal fast kindlich verspielt. Wenn die Trommel marschiert, lacht oder droht, begreift man plötzlich, dass Grass nie ein realistischer Erzähler war, sondern ein anarchischer Klangkünstler. Seine Sprache arbeitet mit Übertreibung, Ekel, Verzerrung und barocker Maßlosigkeit. Und genau diese Überfülle entfaltet im gesprochenen Wort eine Kraft, die man beim stillen Lesen leicht unterschätzt.
Hinzu kommt die eigentümliche Erfahrung, dass Oskar Matzerath einem gleichzeitig unerträglich und faszinierend erscheint. Diese Figur ist keine Identifikationsmaschine, sondern ein moralischer Störsender. Ein bösartiges Kind, ein Narr, ein Chronist des Irrsinns. Man möchte ihn schütteln, zum Schweigen bringen — und hört ihm doch gebannt zu. Grass zwingt sein Publikum seit jeher dazu, Schönheit im Abstoßenden zu suchen. Das ist unbequem. Aber große Literatur war nie dazu gedacht, dekorativ zu sein.
Gerade deshalb funktioniert die Konzertlesung so hervorragend. Sie glättet nichts. Sie macht Grass nicht „zugänglich“ im Sinne heutiger kulturpädagogischer Wohlfühlprogramme. Stattdessen öffnet sie einen Resonanzraum für das Groteske, das Schrille und moralisch Uneindeutige dieses Romans. Man verlässt die Aufnahme nicht mit dem Gefühl, die „Blechtrommel“ verstanden zu haben. Man verlässt sie aufgewühlt, irritiert und merkwürdig berauscht.
Und vielleicht ist genau das die angemessenste Form, diesem Jahrhundertroman zu begegnen. Nicht als Pflichtlektüre deutscher Bildungshaushalte, sondern als verstörendes Kunstwerk, das trommelnd daran erinnert, wie dünn die Haut ist, die Vernunft von Wahnsinn trennt.












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