Wörterbuch der Sprache der Blumen von António Lobo Antunes
Wörterbuch der Sprache der Blumen von António Lobo Antunes
Ein Roman wie ein Echo – Stimmen, Blumen und ein verschwundener Mensch
Inhalt:
23 Erzähler*innen, 23 Geschichten und ein Menschenleben.
Er ist gebildet, elegant und zurückhaltend. Er ist der Sohn einer verarmten Großgrundbesitzerfamilie. Und er ist aktives Mitglied der Kommunistischen Partei Portugals. Letzteres wird ihn in die Fänge der Polizei und schließlich in die entsetzlichen Gefängnisse des Salazarregimes bringen. Dass die Partei nicht zu ihm stehen wird - vermutlich wegen seiner Homosexualität -, ist nur eines von vielen weiteren Hindernissen auf seinem Lebensweg.
Der Roman »Das Wörterbuch der Sprache der Blumen« setzt Júlio Melo Fogaça, einer bedeutenden, aber in Vergessenheit geratenen Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts ein Denkmal. In dreiundzwanzig Kapiteln erzählen dreiundzwanzig Menschen, die ihm begegnet sind, die ihn gekannt, ihn geliebt haben, von ihrem Leben und von der Rolle, die er darin gespielt hat. Es ist die Erinnerung an ein Menschenleben und eine Geschichte von Sehnsucht und Hoffnung, Armut und Einsamkeit, Schönheit und Natur, die Weltliterat António Lobo Antunes in seiner einzigartig kunstvollen Sprache heraufbeschwört.
Review:
Man kann António Lobo Antunes vieles vorwerfen, aber gewiss nicht, dass er es seinen Lesern leicht macht. „Wörterbuch der Sprache der Blumen“ ist kein Roman, den man liest, sondern einer, in den man gerät wie in eine Strömung. Wer versucht, sich an Handlung oder Orientierungspunkten festzuhalten, wird rasch merken, dass dieser Text andere Absichten verfolgt. Er will nicht erzählen. Er will erinnern. Und Erinnerungen, das weiß jeder, folgen keiner Chronologie.
Im Zentrum dieses eigentümlichen literarischen Labyrinths steht Júlio Fogaça, eine reale Figur der portugiesischen Geschichte, Kommunist, politischer Gefangener, ein Mann, über den offenbar viel gesprochen wurde und den doch niemand wirklich kannte. Antunes nähert sich ihm nicht frontal, sondern umkreist ihn mit Stimmen. Dreiundzwanzig Menschen treten auf, manche nur flüchtige Bekanntschaften, andere näher, und jeder fügt dem Porträt eine Nuance hinzu. Doch je mehr Stimmen sich melden, desto deutlicher wird die paradoxe Pointe des Buches: Die Figur in der Mitte bleibt ein Schatten.
Antunes komponiert diese Stimmen wie ein musikalisches Stück. Gedankenströme, Erinnerungsfetzen, halbe Sätze, wiederkehrende Motive treiben durch die Kapitel, als hätte jemand die inneren Monologe der Figuren direkt aus ihrem Bewusstsein abgeschrieben. Ein verstimmtes Klavier taucht immer wieder auf, Kindheitserinnerungen flackern auf, Krankheiten, Einsamkeit, Verlust. Die Sätze mäandern durch Zeiten und Gedanken, springen von Gegenwart zu Vergangenheit, von Beobachtung zu Assoziation, oft innerhalb einer einzigen langen Atembewegung der Sprache. Man liest das nicht so sehr, man hört es beinahe.
Das hat eine eigentümliche Wirkung. Einerseits entfaltet sich eine melancholische Sogkraft, die typisch für Antunes ist: diese tiefe, portugiesische Traurigkeit, in der die Kindheit wie ein verlorenes Land aufscheint. Andererseits verlangt die Prosa Geduld. Wer lineare Erzählung erwartet, wird sich durch Schichten von Sprache graben müssen, bis sich so etwas wie eine Geschichte abzeichnet. Manche Leser werden darin eine hypnotische Schönheit entdecken, andere eher eine ermüdende Wiederholung, ein Kreisen um Motive, das gelegentlich droht, sich selbst zu genügen.
Und doch besitzt dieses Buch eine merkwürdige Eleganz. Die Blumen des Titels schweben durch den Text wie ein geheimnisvoller Code, erscheinen und verschwinden wieder, ohne je vollständig entschlüsselt zu werden. Vielleicht ist genau das die Pointe. Menschen lassen sich nicht wie Wörter in einem Lexikon definieren. Sie existieren in den Erinnerungen anderer, fragmentarisch, widersprüchlich, flüchtig wie ein Duft.
„Wörterbuch der Sprache der Blumen“ ist daher kein geeigneter Einstieg in das Werk von António Lobo Antunes. Wer seine Literatur kennenlernen will, sollte vermutlich anders beginnen. Doch für Leser, die sich auf seinen eigentümlichen Rhythmus einlassen können, entfaltet dieser Roman eine seltene literarische Erfahrung. Man verlässt ihn nicht mit Klarheit über Júlio Fogaça, sondern mit etwas Interessanterem: dem Gefühl, dass menschliche Identität vielleicht immer nur aus den Stimmen der anderen besteht. Und dass diese Stimmen, wie Blumen in einer Vase, langsam verwelken, während ihre Farben noch einen Moment in der Erinnerung nachleuchten.












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