Erddämmerung – Schwarzes Glas von James Rollins
Erddämmerung – Schwarzes Glas von James Rollins
Groß gedacht, zu breit erzählt
Inhalt:
In ferner Zukunft hat die Erde aufgehört, sich zu drehen. Jetzt droht ihr eine weitere Katastrophe: Der Mond wird auf sie herabstürzen und alles Leben vernichten. Nyx, die blinde Seherin, hat versucht, die Herrschenden zu warnen, doch niemand glaubte ihren Visionen – bis auf ihre Gefährten, mit denen sie sich jetzt auf den Weg in die Wüste macht. Dort, wo die Sonne erbarmungslos vom Himmel brennt, liegt eine Waffe aus uralter Zeit verborgen, die die Apokalypse verhindern kann. Doch Nyx‘ Feinde sind ihr dicht auf den Fersen, und ihr bleibt nicht mehr viel Zeit …
Review:
Manchmal ist es nicht die Apokalypse, die ein Epos ins Wanken bringt, sondern sein eigenes Übergewicht. James Rollins, als Thriller-Autor seit Jahren ein Garant für Tempo und technische Raffinesse, hat sich mit seiner Moonfall-Saga in ein ambitioniertes Fantasy-Unternehmen gestürzt. Der Mond droht auf die Urth zu stürzen, Kontinente beben, Reiche zerfallen, und irgendwo unter ewigem Eis schlummert eine Waffe aus schwarzem Glas, die Rettung oder Untergang bedeuten könnte. Das ist der Stoff, aus dem große Mythen gemacht sind.
Und tatsächlich: Rollins beherrscht das große Besteck des Worldbuildings. Luftschiffe segeln über Sandmeere, uralte Drachen wachen über vergessene Geheimnisse, politische Intrigen durchziehen die Kronlande wie Haarrisse im Gestein. Seine Welt ist detailverliebt konstruiert, mit eigenen Mythen, Völkern, Sprachen und einem Figurenarsenal, das problemlos eine Opernbühne füllen könnte. Dass dem Roman ein mehrseitiges Personenverzeichnis vorangestellt ist, ist weniger Gimmick als Überlebenshilfe.
Im Zentrum steht Nyx, jene junge Heldin, deren Gabe des Bridle-Song sie ebenso zur Hoffnungsträgerin wie zur potenziellen Gefahr macht. Sie ist die eigentliche Energiequelle des Romans. Wo sie zweifelt, hadert, Verantwortung trägt, gewinnt der Text an Kontur. Auch die moralische Kontrastfolie zu Prinz Kanthe, der bereit scheint, alles zu opfern, verleiht der Handlung philosophische Spannung: Rettet man die Welt um den Preis der Menschlichkeit oder gerade durch sie?
Doch so kraftvoll die Prämisse ist, so unerquicklich gerät ihre Ausfaltung. Der Roman verzettelt sich in Nebenkriegsschauplätzen, die wie lose Gerölllawinen vom eigentlichen Plot ablenken. Schlachten werden mit einer Ausführlichkeit zelebriert, die weniger dramatisch als ermüdend wirkt. Man spürt förmlich, wie sich das Erzähltempo im Sand der Wüste festfährt. Ganze Passagen ließen sich streichen, ohne dass das Schicksal der Welt auch nur einen Millimeter näher rückte.
Hinzu kommt eine Figurenführung, die nicht immer glücklich ist. Charaktere, die einst eigenständig und vielversprechend eingeführt wurden, verkommen zu Statisten im Schatten stärkerer Persönlichkeiten. Andere, namentlich gewisse Antagonisten, wirken eher wie dramaturgische Störgeräusche denn wie ernstzunehmende Gegenspieler. Die Vielzahl an Perspektiven erzeugt zwar ein Panorama, aber kein Brennglas. Man sieht viel – doch fühlt man weniger, als man sollte.
Das eigentliche Problem jedoch liegt in der Dramaturgie des Gesamtprojekts. Was als Trilogie angekündigt war, entpuppt sich nun als Vierteiler. Dieser Band hätte, mit straffer Komposition, durchaus als Finale funktionieren können. Stattdessen bleibt vieles in der Schwebe, als würde der drohende Mond nicht nur die Urth, sondern auch die Geduld der Leserschaft in Mitleidenschaft ziehen. Der Eindruck, dass hier erzählerisch gedehnt wird, um Raum für ein weiteres Buch zu schaffen, ist schwer zu verdrängen.
Und dennoch: Man legt das Buch nicht gleichgültig aus der Hand. Rollins’ Grundidee ist schlicht zu stark. Die Vorstellung einer Welt im kosmischen Ungleichgewicht, einer Zivilisation am Rand des Stillstands, besitzt eine fast archaische Wucht. Wer sich einmal auf Nyx’ Reise eingelassen hat, will wissen, ob sie Retterin oder Verderberin sein wird. Diese Neugier ist das Kapital des Romans.
Erddämmerung – Schwarzes Glas ist ein widersprüchliches Werk. Ein Roman voller Einfälle, dessen erzählerische Disziplin nicht immer mit seiner Imagination Schritt hält. Ein Fantasy-Epos, das zwischen Größe und Übermaß schwankt. Wer opulente Welten und epische Dimensionen liebt, wird reich belohnt. Wer jedoch narrative Straffheit und konsequente Dramaturgie erwartet, muss Geduld mitbringen – und vielleicht die Hoffnung, dass der finale Band das Versprechen einlöst, das hier allzu großzügig in die Zukunft verschoben wird.












Post a Comment