Andere als diese Welten von Stephen King, Peter Straub
Andere als diese Welten von Stephen King, Peter Straub
Stephen Kings letzte Reise zum Dunklen Turm
Inhalt:
Wenn Welten kollidieren – das gigantische neue Epos von Stephen King in der Saga um den Dunklen Turm
Jack Sawyer lebt seit Jahren in der Anderwelt, die er die Territorien nennt, von der er nun jedoch weiß, dass sie Teil des größeren Reiches Mittwelt ist. Er hat sich an die seltsamen Gepflogenheiten dort und die mystische Geschichte gewöhnt, die von dem sagenumwobenen Revolvermann Roland handelt, der Mittwelt vor der Zerstörung des Dunklen Turms bewahrt hat. Jack kann zwischen den Welten wechseln, in unserer aber nicht lange verweilen, weil sie auf die Dauer für ihn tödlich ist. Als eine marodierende Mördersekte seine Freunde in Amerika in Gefahr bringt und anschließend in Mittwelt auftaucht, erkennt er, dass die Welten zu kollidieren beginnen. Eine dunkle Macht, die alles – alle Welten – zu verschlingen droht, gewinnt zusehends an Bewusstsein und Stärke.
Mit dem Segen von Peter Straub verwebt Stephen King die Talisman-Reihe mit der Dunkler-Turm-Saga.
Review:
Manche Geschichten enden. Andere wissen einfach nicht, wann sie aufhören sollen. Stephen King gehört zweifellos zu den größten Geschichtenerzählern unserer Zeit. Doch auch ein literarischer König kann sich in seinem eigenen Reich verlaufen. Mit „Andere als diese Welten“ kehrt King ein letztes Mal zu Jack Sawyer zurück und verbindet dessen Schicksal endgültig mit dem Kosmos des Dunklen Turms. Das Ergebnis ist ein monumentaler Abschied, ebenso faszinierend wie ermüdend, ebenso melancholisch wie erzählerisch überladen.
Mehr als vier Jahrzehnte nach „Der Talisman“ begegnen wir einem gealterten Jack Sawyer. Der einstige Junge, der zwischen den Welten wanderte, ist ein müder Mann geworden, gezeichnet von Verlusten und Erinnerungen. Doch der Ruhestand ist in Stephen Kings Universum bekanntlich eine Illusion. Als eine rätselhafte Bedrohung die Ordnung der Welten gefährdet, muss Jack erneut aufbrechen. Was folgt, ist eine Reise durch verwüstete Landschaften, vorbei an grotesken Kreaturen und den Ruinen einer Mythologie, die King über Jahrzehnte errichtet hat.
Und genau hier liegt das Problem. King liebt sein Universum inzwischen so sehr, dass er gelegentlich vergisst, darin eine spannende Geschichte zu erzählen. Die Handlung verliert sich in ausgedehnten Reiseetappen, wiederholten Erklärungen und Begegnungen, deren Bedeutung nicht immer ihrem Umfang entspricht. Besonders enttäuschend sind die Gegenspieler. Wo King früher mit wenigen Sätzen menschliche Abgründe öffnen konnte, bleiben seine mörderischen Jugendlichen erstaunlich konturlos. Auch Jacks Gefährten erreichen nie jene emotionale Wucht, die Rolands Ka-Tet einst so unvergesslich machte. Wenn Figuren sterben, sollte das schmerzen. Hier nimmt man es bisweilen lediglich zur Kenntnis.
Dabei blitzt immer wieder jener brillante King auf, dem ich seit Jahren gerne folge. Seine größte Stärke liegt nicht in kosmischen Bedrohungen oder spektakulären Schlachten, sondern in den kleinen, beinahe beiläufigen Beobachtungen menschlicher Verletzlichkeit. Jack Sawyer ist als alternder, desillusionierter Held interessanter denn je. Seine Müdigkeit besitzt eine Glaubwürdigkeit, die vielen der fantastischen Elemente abgeht. Und sobald King über Erinnerung, Freundschaft und die Unumkehrbarkeit des Verlustes schreibt, gewinnt der Roman eine Tiefe, die ihm auf seinen endlosen Reisen gelegentlich abhandenkommt.
Besonders berührend ist dabei die unsichtbare Anwesenheit Peter Straubs. Der 2022 verstorbene Schriftsteller hatte gemeinsam mit King die ersten beiden Bände geschaffen und noch Ideen für diesen Abschluss beigesteuert. So liest sich das Buch nicht zuletzt wie ein literarischer Nachruf auf eine jahrzehntelange Freundschaft. Hinter all den Monstern, Portalen und apokalyptischen Visionen verbirgt sich ein sehr menschlicher Gedanke: Irgendwann müssen wir lernen, ohne jene weiterzugehen, die uns auf unserem Weg begleitet haben.
Für Kenner des Dunklen Turms ist dieser Roman ohnehin ein Fest der Wiedererkennung. Vertraute Orte, Figuren und Motive tauchen auf, die Grenzen zwischen den Geschichten verschwimmen. Doch Nostalgie ist kein Ersatz für Dramaturgie. Wer Rolands Reise nicht kennt, dürfte manches Achselzucken ernten, wo langjährige Leser ehrfürchtig nicken. Und selbst für Eingeweihte stellt sich irgendwann die Frage, ob wirklich jede Erinnerung noch einmal beschworen werden muss.
Das Finale hingegen besitzt jene bittersüße Konsequenz, die King seinen Figuren nicht immer gönnt. Über einzelne erzählerische Entscheidungen lässt sich streiten, doch die emotionale Absicht ist unübersehbar. Hier schreibt kein junger Autor, der die Welt erobern möchte. Hier blickt ein alter Meister auf das zurück, was er geschaffen hat, und versucht, die Türen hinter sich behutsam zu schließen.
Mein Fazit: „Andere als diese Welten“ ist kein Meisterwerk, wohl aber ein bemerkenswert persönlicher Roman. Zu lang, zu behäbig, mit zu vielen blassen Nebenfiguren und zu wenig erzählerischer Dringlichkeit. Aber auch voller Fantasie, Melancholie und jener unverwechselbaren Menschlichkeit, die Stephen King selbst dann auszeichnet, wenn seine Geschichte ins Stolpern gerät. Als eigenständiges Abenteuer nur bedingt überzeugend, als Abschiedsbrief an Jack Sawyer, Peter Straub und den Dunklen Turm durchaus bewegend.
Der Dunkle Turm steht noch. Aber vielleicht ist es tatsächlich an der Zeit, den Revolver niederzulegen.













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