Das letzte Einhorn von Peter S. Beagle

Das letzte Einhorn von Peter S. Beagle

Das letzte Einhorn
Erscheinungsjahr: 2023
Seiten: 256
Verlag: Klett-Cotta
Sprache: Deutsch
Originaltitel: The Last Unicorn
ISBN-10: 3608987169
Kaufen: Amazon.de

Das schönste traurige Märchen der Fantasy-Literatur

Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

»Das letzte Einhorn ist das beste Buch, das ich je gelesen habe.« Patrick RothfussLängst gehört »Das letzte Einhorn« zum Kanon der Weltliteratur für Leserinnen und Leser jeder Altersklasse und es hat bis heute nichts von seiner Faszination verloren. Unzählige Fans hat dieses Buch an die Fantasy herangeführt. Eine einzigartige Geschichte über Freiheit und ihre Bedrohung, am Beispiel eines aussterbenden Fabelwesens.Das Einhorn lebte in einem fliederfarbenen Wald, und es lebte ganz allein. Eines Tages wagte es sich aus der Sicherheit des verwunschenen Waldes hinaus auf die Suche nach anderen seiner Art. Zusammen mit dem wenig talentierten Zauberer Schmendrick und der unbeugsamen Molly Grue, lernt das Einhorn die Freuden und Leiden des Lebens und der Liebe kennen, bevor es im Schloss eines verzagten Monarchen seinem Schicksal begegnet - und dem Wesen, das seine Art in den Untergang treiben will... In kaum einem anderen Buch drückt sich so sehr die Sehnsucht nach Freiheit und die Sehnsucht nach einer immerwährenden Natur und Schönheit aus wie in »Das letzte Einhorn«. »Das helle Funkeln der Hörner. Wie regenbogenschimmernde Masten auf silbernen Schiffen kamen die Hörner aus dem Meer geritten. Jede Woge trug Hunderte heran, sie bäumten sich auf und stampften und bogen ihre langen wolkigen Hälse weit zurück.«

Review:

Peter S. Beagles Das letzte Einhorn gehört zu jener seltenen Sorte von Büchern, die sich hartnäckig jeder eindeutigen Einordnung entziehen. Es ist ein Fantasyroman, gewiss. Doch wer hier auf eine klassische Abenteuergeschichte mit klaren Regeln, detailliertem Weltenbau und heroischen Schlachten hofft, wird überrascht sein. Beagle interessiert sich für etwas anderes: für Sehnsucht, Vergänglichkeit und die Frage, was ein Leben erst bedeutsam macht. Das Einhorn mag die Hauptfigur sein, doch eigentlich erzählt dieser Roman von Menschen.

Schon nach wenigen Seiten wird deutlich, dass hier kein gewöhnlicher Erzähler am Werk ist. Beagles Sprache besitzt eine eigentümliche Musikalität. Seine Bilder funkeln, seine Metaphern schillern, und viele Sätze wirken, als wären sie eher komponiert als geschrieben worden. Das kann bezaubern, manchmal aber auch herausfordern. Nicht jede sprachliche Pirouette landet elegant, gelegentlich scheint der Autor so verliebt in seine Formulierungen zu sein, dass die Klarheit darunter leidet. Dennoch entfaltet der Roman gerade durch diese poetische Eigenwilligkeit einen Reiz, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Besonders beeindruckt hat mich, wie Beagle mit seinen Figuren umgeht. Das Einhorn selbst ist keine moderne Heldin mit ironischen Kommentaren und demonstrativer Stärke. Ihre Kraft liegt in ihrer Unnahbarkeit, ihrer Würde und ihrer völligen Gewissheit über das, was sie ist. Noch faszinierender erscheint jedoch Molly Grue. Während Fantasyromane oft junge Auserwählte oder strahlende Helden ins Zentrum rücken, schenkt Beagle einer vom Leben gezeichneten Frau einige der stärksten und bewegendsten Momente des Buches. Ihre Enttäuschungen, ihre Wut und ihre verbliebene Hoffnung verleihen der Geschichte eine menschliche Tiefe, die weit über das Märchenhafte hinausreicht.

Unvergesslich sind auch die frühen Kapitel rund um Mommy Fortunas wandernden Jahrmarkt. Hier zeigt sich Beagle von seiner stärksten Seite: grotesk, melancholisch und voller dunkler Schönheit. Die Begegnungen mit den vermeintlich magischen Kreaturen, die in Wahrheit nur Illusionen sind, gehören zu den eindrucksvollsten Szenen des Romans. Sie machen deutlich, worum es in diesem Buch immer wieder geht: um die Sehnsucht nach Wundern und um die Traurigkeit, die entsteht, wenn Menschen sich mit Nachahmungen zufriedengeben.

Nicht alles hat für mich gleichermaßen funktioniert. Manche humorvollen Anachronismen wirken heute etwas aus der Zeit gefallen. Wenn moderne Anspielungen plötzlich in diese märchenhafte Welt hineinplatzen, entsteht gelegentlich ein Bruch, der eher irritiert als bereichert. Auch die Handlung folgt oft einer traumartigen Logik. Wer jede Entwicklung rational erklärt haben möchte, wird hier vermutlich ungeduldig. Beagle schreibt kein Fantasy-Abenteuer im modernen Sinn. Er schreibt eine Fabel, und Fabeln gehorchen anderen Gesetzen.

Was Das letzte Einhorn jedoch über Jahrzehnte hinweg lebendig gehalten hat, sind nicht seine Handlung oder seine Schauplätze. Es ist die emotionale Wahrheit, die unter der märchenhaften Oberfläche verborgen liegt. Kaum ein Fantasyroman beschreibt so eindringlich die Erfahrung von Verlust, die Angst vor dem Vergehen der Zeit und die Erkenntnis, dass Schönheit ihren Wert gerade aus ihrer Vergänglichkeit bezieht. Das Einhorn sucht seine Artgenossen, doch auf dem Weg entdeckt die Geschichte etwas viel Interessanteres: die Zerbrechlichkeit des Glücks.

Nach der letzten Seite bleibt weniger das Gefühl, einen Roman beendet zu haben, als vielmehr die Erinnerung an einen seltsamen Traum, der noch lange nachwirkt. Manche Passagen sind brillant, andere wirken etwas zu verspielt oder zu selbstverliebt. Doch selbst dort, wo das Buch stolpert, besitzt es mehr Seele und Eigenständigkeit als viele perfekt konstruierte Fantasyromane der Gegenwart. Das letzte Einhorn ist kein Buch, das jedem gefallen wird. Aber für jene Leser, die bereit sind, sich auf seine Melancholie, seine Poesie und seine leise Weisheit einzulassen, wartet hier ein Werk, das seinen Klassikerstatus vollkommen verdient.

Das letzte Einhorn von Peter S. Beagle Das letzte Einhorn von Peter S. Beagle Reviewed by Darkybald on Sonntag, November 01, 2026 Rating: 5

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