Der Tod in Venedig von Thomas Mann
Der Tod in Venedig von Thomas Mann
Maskerade vor dem Abgrund
Inhalt:
Am Lido von Venedig macht Urlaub, wer es sich leisten kann. Hier blickt der berühmte Schriftsteller Gustav von Aschenbach auf das muntere Treiben am Strand. Und hofft auf das Erscheinen dieses überaus schönen Jungen mit dem langen Haar, der im selben Hotel wie er logiert. Was für eine seltsame Leidenschaft treibt ihn da mit einem Mal um? Im Bann des Jungen zerrinnen dem alternden Autor die Gewissheiten seiner Existenz. Vor der Kulisse der morbiden Lagunenstadt erzählt Thomas Mann eine abgründige, zeitlos gültige Geschichte vom Schmerz der Selbsterkenntnis.
Review:
Venedig ist bei Thomas Mann kein Sehnsuchtsort, sondern ein Sezierlabor. Wer hier ankommt, betritt keinen Urlaub, sondern eine Versuchsanordnung. Gustav von Aschenbach, geadelter Schriftsteller, Zuchtmeister seiner selbst, lebt von Disziplin wie andere von Brot und Wein. Seine Kunst ist aus Askese gewonnen, aus der systematischen Austrocknung alles Triebhaften. Und dann gerät er in diese Stadt, die zugleich Parfum und Verwesung ausdünstet, halb Märchen, halb Fieberphantasie – und erblickt am Strand von Lido einen Knaben von einer Schönheit, die nicht einfach gefällt, sondern befiehlt.
Tadzio ist weniger Figur als Erscheinung. Ein ästhetischer Schock. Mann beschreibt ihn mit einer geradezu skulpturalen Präzision, als sei er aus parischem Marmor geschlagen, als trüge er das Erbe antiker Götter in sich. Das ist kein Zufall. Die Novelle ist durchzogen von mythologischen Anrufungen, von Eros bis Phaidros, von antiker Metaphysik bis platonischer Liebeslehre. Wer hier nur eine Geschichte über eine verbotene Obsession liest, unterschätzt das Projekt. Mann inszeniert den Zusammenstoß zweier Prinzipien: apollinische Formstrenge gegen dionysische Entgrenzung. Aschenbach hat sein Leben lang das Maß verehrt – nun wird er vom Maßlosen heimgesucht.
Das eigentlich Verstörende ist nicht das Begehren selbst, sondern die tektonische Verschiebung im Inneren dieses Mannes. Aus dem moralisch gepanzerten Künstler wird ein Späher, ein Nachschleicher, ein Beobachter, der sich selbst beim Fallen zusieht. Er handelt kaum, er träumt, fantasiert, projiziert. Gerade diese Passivität macht die Sache unheimlich. Die Leidenschaft bleibt einseitig, sublimiert, aber sie frisst sich durch alle Sicherungssysteme. Mann legt dabei eine beunruhigende These nahe: Kreativität und Obsession sind Geschwister. Wer sich radikal der Schönheit aussetzt, setzt auch seine Würde aufs Spiel.
Parallel dazu kriecht die Cholera durch die Gassen. Ein „Miasma“, das offiziell geleugnet wird, aber süßlich in der Luft hängt. Die Stadt verfault, während Aschenbach innerlich zerfällt. Dass er bleibt, obwohl er um die Gefahr weiß, ist der entscheidende Akt. Nicht Unwissenheit, sondern willentliche Verblendung führt ihn in den Tod. Schönheit wird zur Droge, Venedig zur Bühne eines selbstgewählten Untergangs. Der letzte Akt – der geschminkte Greis mit gefärbtem Haar, lächerlich und tragisch zugleich – gehört zu den grausamsten Szenen der deutschen Literatur. Hier kippt Pathos in Farce, Würde in Maskerade.
Man kann dieser Novelle einen Vorwurf machen: Sie ist kühl. Sie lässt ihre Leser bewundernd am Rand stehen. Die Konstruktion ist so präzise, die Symbolik so dicht, dass man bisweilen eher analysiert als empfindet. Doch vielleicht ist genau das der Punkt. „Der Tod in Venedig“ will keine Identifikation, sondern Erkenntnis. Es ist ein Text über die Gefahr der Extreme. Wer nur Vernunft lebt, wird von der Leidenschaft überwältigt. Wer sich der Leidenschaft ausliefert, verliert die Form. Maßlosigkeit – in welcher Richtung auch immer – endet tödlich.
Ist das angenehm zu lesen? Keineswegs. Ist es groß? Ohne Zweifel. Diese schmale Novelle enthält mehr ästhetische Sprengkraft als mancher tausendseitige Roman. Sie ist eine Meditation über Kunst, Begehren und Vergänglichkeit, geschrieben in einer Prosa von kristalliner Härte und gefährlicher Schönheit. Man bewundert sie vielleicht mehr, als man sie liebt. Aber gerade darin liegt ihre verstörende Größe.












Post a Comment