Der Zauberberg von Thomas Mann

Der Zauberberg von Thomas Mann 

Titel des Buches
Seiten: 992
Verlag: Anaconda
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3730615319

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Im Sanatorium der europäischen Seele
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Drei Wochen will Hans Castorp in Davos verbringen, zu Besuch bei seinem lungenkranken Vetter im Sanatorium. Bald beginnt er selbst zu husten und wird als Patient etwas länger bleiben müssen. Nicht so schlimm, denn der komfortable Berghof steckt voller unterhaltsamer Menschen. Von Krankheit und Tod umgeben und doch wie in einem eigenen Universum aufgehoben, taucht der junge Mann ein in tiefsinnige Gespräche über Politik, Philosophie oder die Künste und verliebt sich in eine schöne Madame. Europas Zivilisation am Scheitelpunkt ihres Niedergangs: In diesem großen Zeitroman hat Thomas Mann sie so farbenreich wie feinsinnig geschildert wie wohl niemand vor oder nach ihm.

Review:

Wer sich auf Der Zauberberg einlässt, sollte das Wort „Handlung“ vorübergehend aus seinem Wortschatz streichen. Dieser Roman von Thomas Mann ist kein Ereignis, sondern ein Zustand. Ein junger Ingenieur namens Hans Castorp reist für drei Wochen nach Davos, um seinen Vetter in einem Lungensanatorium zu besuchen, und bleibt sieben Jahre. Mehr geschieht – äußerlich betrachtet – nicht. Innerlich hingegen explodiert ein ganzes Zeitalter.

Das Berghof-Sanatorium ist kein Ort der Heilung, sondern ein Labor. Hier wird an der europäischen Seele seziert, lange bevor die Granaten von 1914 das endgültige Präparat liefern. Die Welt „da unten“ glaubt an Arbeit, Fortschritt und Produktivität. „Hier oben“ wird gemessen, geröntgt, palavert, gefiebert – und vor allem gedacht. Zeit verliert ihre lineare Strenge und dehnt sich zur zähen Gegenwart. Mann gelingt dabei ein Kunststück: Der Roman vollzieht formal, was er thematisch behauptet. Die Erzählung wird langsam, wenn die Tage zerrinnen, sie beschleunigt sich, wenn das Bewusstsein ins Taumeln gerät. Der Leser erlebt am eigenen Leib, was Hans theoretisch durchdringt: Zeit ist kein Maßband, sondern ein Zustand.

Natürlich ist das alles ungeheuer gescheit. Humanismus, Radikalismus, Aufklärung, Mystik – sie treten in Davos wie Debattierclubs gegeneinander an. Settembrini, der wortmächtige Verfechter des Fortschritts, Naphta, sein dialektischer Gegenspieler, der das Mittelalter mit messerscharfer Intelligenz rehabilitiert, sie sind weniger Figuren als Prinzipien. Und doch bewahrt Mann sie vor bloßer Allegorie, indem er ihnen Eitelkeit, Komik und Temperament zugesteht. Wer hier nur philosophische Traktate erwartet, verkennt den feinen Humor dieses Romans. Hans Castorp ist kein Titan des Geistes, sondern ein staunender Durchschnittsmensch, ein unheroischer Held, der seine Bonmots selbst bewundert und im nächsten Moment relativiert. Gerade diese ironische Brechung verhindert, dass der Roman in ideologische Monotonie kippt.

Und dann ist da die Krankheit. Tuberkulose als Initiationsritus. Die Patienten kultivieren ihre Schwäche wie ein Privileg. Krankheit wird zur Identität, zum Ausweis einer gesteigerten Sensibilität. Der gesunde Mensch erscheint fast vulgär in seiner Betriebsamkeit. In dieser Umwertung liegt etwas zutiefst Modernes und zugleich Gefährliches. Eros und Thanatos umarmen sich hier mit beunruhigender Selbstverständlichkeit. Die berühmte Schneeszene führt Hans in eine Vision, in der Humanität und Grausamkeit unauflöslich verschränkt sind. Leben erscheint als flackernde Episode im Angesicht der Auflösung. Mann schreibt mit einer Kühle, die nie gefühllos wird, und mit einer Sinnlichkeit, die nie ins Sentimentale kippt.

Ja, dieses Buch verlangt Geduld. Es fordert Konzentration, intellektuelle Beweglichkeit und die Bereitschaft, sich auf lange Gedankengänge einzulassen. Wer atemlose Dramaturgie sucht, wird hier frustriert. Doch wer sich auf die hermetische Welt des Berghofs einlässt, erlebt einen Roman, der wie ein Hochgebirgsmarsch funktioniert: anstrengend im Aufstieg, überwältigend im Ausblick. Am Ende steht kein tröstlicher Schlussakkord, sondern eine Frage – und mit ihr der jähe Absturz in die Geschichte. Die Zeit, die in Davos scheinbar stillstand, marschiert plötzlich im Gleichschritt in den Krieg.

Ist Der Zauberberg ein Roman für das Herz? Nur indirekt. Er ist vor allem ein Roman für den Geist, aber einer, der begreift, dass Denken ohne Leidenschaft steril bleibt. Mann hat ein Monument errichtet, das zugleich ironisch unterhöhlt ist. Man kann sich in seinen Debatten verlieren, man kann an seiner Dichte verzweifeln, man kann sich über seine epische Ausführlichkeit beklagen. Doch wer ihn bezwingt, wird reich belohnt. Nicht mit Antworten, sondern mit einer geschärften Wahrnehmung für die Zerbrechlichkeit jener Zivilisation, die sich einst so gesund wähnte.

Der Zauberberg von Thomas Mann Der Zauberberg von Thomas Mann Reviewed by Darkybald on Samstag, Februar 14, 2026 Rating: 5

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