Im Augenblick von Karl Ove Knausgård
Im Augenblick von Karl Ove Knausgård
Vom Hotelzimmer zur Metaphysik
Inhalt:
Es geht um Faust und den Teufel, um skandinavische Malerei und den Tod, russische Tankstellen und die amerikanische Prairie: Das Essayistische ist eine treibende Kraft in Karl Ove Knausgårds schriftstellerischem Werk, seine preisgekrönten Romane sind undenkbar ohne essayistische Einschübe, in der sich die großen Fragen zur menschlichen Existenz mit dem alltäglichen Leben seiner Protagonisten verbinden. Knausgårds Interesse ist dabei breit gefächert, gesucht und verhandelt wird immer das Große im Kleinen, und vermeintlich Nebensächliches entpuppt sich nicht selten als das eigentlich Wesentliche. Was sind die Bedingungen für kreatives Schaffen – und was ist es, was unsere Welt und letztendlich unsere Wahrnehmung formt? Das sind die Fragen, um die sein Schreiben kreist und denen er sich auf verschiedene Weise nähert.
In dieser Sammlung seiner wichtigsten Texte, die eigens für die deutschen Leser und Leserinnen zusammengestellt wurden, begleiten wir Karl Ove Knausgård auf einer Reise durch Amerika und zu einem Operationssaal in Albanien, gewinnen u.a. Einblicke in norwegische Mentalität, in Malerei und Literatur – und werden Zeuge dessen, was ihn antreibt, Romane zu schreiben, und immer wieder zu versuchen, hinter die unerklärlichen Mechanismen des Lebens zu schauen.
Review:
Im Augenblick von Karl Ove Knausgård ist ein Paradox in Buchform: eine Sammlung kürzerer Texte von einem Autor, der literarische Monumentalbauten gewohnt ist. Und doch bringt es dieser Band auf beinahe 850 Seiten. Wer hier asketische Miniaturen erwartet, verkennt Knausgårds Temperament. Selbst im Essay kennt er kein wirkliches Maß, sondern nur Intensität.
Was diesen Band zusammenhält, ist weniger ein Thema als eine Haltung. Knausgård schreibt über Reisen, über Literatur, über Malerei, über Computer, über Neurochirurgie. Er reist nach Russland und fragt sich bereits am ersten Tag, was ihn hierhergetrieben hat. Er folgt den Spuren der Wikinger in Amerika und landet gedanklich bei einer verstopften Hoteltoilette. Er denkt über Flauberts Emma Bovary nach, über Dostojewskis Brüder, über Bergmans Arbeitsnotizen. Und immer wieder landet er bei sich selbst. Nicht aus Narzissmus, sondern aus methodischer Konsequenz. Für ihn ist das Ich kein Ornament, sondern das Messinstrument, mit dem Welt vermessen wird.
Seine große Obsession bleibt die Differenz zwischen Wirklichkeit und ihrer symbolischen Form. Warum bleiben wir vor einem gemalten Baumstamm stehen, aber nicht vor einem echten? Warum vermag ein Roman mehr über uns auszusagen als ein Erlebnis? Knausgård denkt solche Fragen nicht abstrakt, sondern tastend, schreibend, manchmal umständlich, aber immer mit einer existenziellen Dringlichkeit. Er betreibt keine Literaturtheorie, sondern Literaturerfahrung. Wenn er über Die Brüder Karamasow schreibt, dann nicht als akademischer Kommentator, sondern als jemand, der wissen will, warum der Roman als Form überlebt hat. Seine Antwort ist kein Manifest, sondern ein implizites Bekenntnis: Weil im Roman das Banale und das Absolute denselben Ernst erfahren.
Überhaupt liegt die eigentliche Stärke dieses Bandes in dem, was man einen Heroismus des Alltäglichen nennen könnte. Knausgård macht aus einer Hoteltoilette, einem sibirischen Kuhhirten oder einem ABBA-Hologramm keine Anekdoten, sondern Versuchsanordnungen. Er prüft an ihnen die Endlichkeit des Menschen, die Macht der Geschichten, die Frage, wie sehr eine Gesellschaft von einer dominanten Erzählung zusammengehalten oder deformiert wird. Seine Beobachtung, dass autoritäre Systeme eine einzige Geschichte über alle anderen stellen, liest sich heute wie eine stille Warnung.
Nicht alles überzeugt in gleichem Maß. Manche philosophischen Passagen geraten spröde, manche Texte wirken im Vergleich zu seinen großen Romanprojekten fast gezügelt. Die erneute Veröffentlichung bereits bekannter Vorlesungen hinterlässt zudem einen leicht redaktionellen Beigeschmack. Und doch bleibt der Eindruck einer intellektuellen Großzügigkeit. Knausgård will nicht recht behalten, er will verstehen. Er schreibt, um sich selbst beim Denken zuzusehen.
Am Ende ist „Im Augenblick“ weniger eine Essaysammlung als ein Labor des Bewusstseins. Wer stringente Thesen sucht, wird mitunter Geduld aufbringen müssen. Wer jedoch bereit ist, sich auf diese mäandernde Bewegung zwischen Außenwelt und Innenraum einzulassen, erlebt, wie aus scheinbar flüchtigen Momenten existentielle Verdichtungen werden. Knausgård zeigt einmal mehr, dass Literatur nicht Antworten liefert, sondern Wahrnehmung schärft. Und dass ohne das Bewusstsein der Endlichkeit weder Kunst noch Mensch zu haben sind.












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