Messias von Andreas Brandhorst

Messias von Andreas Brandhorst

Titel des Buches
Seiten: 576
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453274431
Kaufen: Amazon.de
Viel Macht, wenig Spannung
Bewertung: 4/10 ⭐

Inhalt:

Als eines Tages ein Mann ins Licht der Öffentlichkeit tritt und behauptet, die Menschheit zu erlösen, weiß niemand, wie damit umzugehen ist. Als er sogar echte Wunder zu vollbringen scheint, geraten die Regierungen und Religionen der Welt in Panik. Ist es der Messias? Woher kommt dieser Mann, der sich Simon nennt? Währenddessen steht Nathan, ein Auftragskiller, kurz vor dem Ruhestand. Bis er von einem mächtigen Konsortium einen geradezu unglaublichen Auftrag erhält: Töten Sie Gott! Doch das ist leichter gesagt als getan …

Review:

Messias von Andreas Brandhorst ist kein monumentales Weltraumepos, kein techniktriefender Zukunftsentwurf von der Sorte, mit der der Autor einst seine Leserschaft elektrisierte. Stattdessen legt er einen First-Contact-Roman vor, der die metaphysische Frage nach Gott, Macht und Manipulation in die unmittelbare Gegenwart zerrt. Ein übermächtiges, offenbar außerirdisches Wesen erscheint auf der Erde, demonstriert Fähigkeiten, die jedes physikalische Gesetz verhöhnen, und beginnt, die Menschheit wie ein Versuchslabor zu behandeln. Regierungen geraten in Panik, Religionsgemeinschaften in Verzückung oder Abwehr, Geheimdienste wittern Bedrohung. Mitten im globalen Taumel agieren mehrere Figuren, unter ihnen der professionelle Killer Nathan, der in dieses kosmische Schachspiel hineingezogen wird.

Man kann diesem Roman eines nicht absprechen: Er entwickelt eine beträchtliche Sogwirkung. Ich habe ihn an einem Tag gelesen, weniger aus Begeisterung als aus einer eigentümlichen Hoffnung heraus, der Autor möge im letzten Drittel doch noch die narrative Kurve kriegen. Brandhorst beherrscht das Handwerk, er weiß, wie man Szenen taktet, Perspektiven wechselt, Spannungsschrauben anzieht. Doch Technik ersetzt keine Dramaturgie. Wenn ein Wesen mit quasi göttlicher Allmacht die Bühne betritt, schrumpfen menschliche Protagonisten zu Statisten. Genau das geschieht hier. Es gibt zu keinem Zeitpunkt eine reale Möglichkeit, dass die handelnden Figuren Einfluss auf den Ausgang nehmen könnten. Sie reagieren, sie fliehen, sie zweifeln, aber sie gestalten nicht. Das Resultat ist eine Geschichte, die im Grunde auch ohne ihre Beteiligung exakt gleich verlaufen wäre.

Am interessantesten gerät noch der Handlungsstrang um Nathan. Wann immer Brandhorst den Fokus auf den Profi-Killer legt, gewinnt der Text an Kontur. Hier blitzt ein Gespür für kühle Präzision und psychologische Zuspitzung auf. Doch gerade dieser Strang macht schmerzlich bewusst, wie viel stärker eine konsequent auf solche Figuren konzentrierte Erzählung hätte sein können. Wer literarisch wirklich erfahren möchte, wie man einen Auftragsmörder mit Stil und erzählerischer Disziplin in Szene setzt, dem sei die Victor-Reihe von Tom Wood ans Herz gelegt. Dort herrscht eine sprachliche und strukturelle Stringenz, die hier nur in Ansätzen aufscheint.

Die Idee, die Reaktionen der Weltreligionen auf ein scheinbar göttliches Wesen durchzuspielen, besitzt durchaus satirisches und philosophisches Potenzial. Einige Passagen sind sogar von feiner Ironie durchzogen. Doch diese Einfälle bleiben Skizzen. Statt einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Glauben, Macht und Anthropozentrismus erhält man eine Abfolge von Demonstrationen übernatürlicher Überlegenheit. Und wenn eine Handlung konsequent darauf hinausläuft, dass menschliche Akteure chancenlos sind, bleibt als Schlussstein fast zwangsläufig der deus ex machina. Der Roman endet entsprechend nicht mit einer erkämpften Lösung, sondern mit einer erzählerischen Notbremse.

Brandhorst kann große Räume denken, das hat er mehrfach bewiesen. Hier jedoch wirkt die Fallhöhe zwischen Anspruch und Ausführung besonders schmerzhaft. Ein First-Contact-Szenario, das die existenziellen Grundfesten der Menschheit erschüttern will, darf seine Figuren nicht zu bloßen Statthaltern degradieren. Für mich bleibt „Messias“ deshalb ein enttäuschender Roman: handwerklich routiniert, konzeptionell ambitioniert, dramaturgisch jedoch unausgewogen – und am Ende erstaunlich kraftlos für eine Geschichte über ein Wesen mit gottgleichen Kräften.

Messias von Andreas Brandhorst Messias von Andreas Brandhorst Reviewed by Darkybald on Samstag, Februar 28, 2026 Rating: 5

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