Oscar Wilde Das Bildnis des Dorian Gray

Oscar Wilde Das Bildnis des Dorian Gray

Titel des Buches
Seiten: 288
Verlag: Anacondagb
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3730615254
Kaufen: Amazon.de
Die Kunst, sich selbst zu verlieren: Über Oberfläche, Verführung und Verwesung
Bewertung: 8/10 ⭐

Inhalt:

Oscar Wildes Dorian Gray ist eine der berühmtesten Figuren der Weltliteratur: So staunenswert schön er ist, so unverdorben und naiv ist sein Blick auf die Welt. Verführt durch den geistreichen Zyniker Lord Wotton, stürzt Dorian sich haltlos ins lüsterne Londoner Nachtleben. Ausschweifung und Genuss wecken in ihm den innigen Wunsch nach unvergänglicher Jugend – und auf wundersame Weise altert fortan nicht mehr er selbst, sondern ein Porträt von ihm. Doch Dorians unbedachter Pakt mit dunklen Mächten hat grausame Folgen ...

Review:

Man kann „Das Bildnis des Dorian Gray“ lesen wie eine elegant vergiftete Praline: außen glatt poliert, innen eine Füllung aus Abgrund. Was daran bis heute so unangenehm gut funktioniert, ist nicht die Mechanik des Pakts, dieses literarisch vertraute „Ich gebe dir dies, und du gibst mir jenes“, sondern die Art, wie Wilde die Sehnsucht nach Straflosigkeit in eine gesellschaftsfähige Form gießt. Dorian bekommt nicht einfach ewige Jugend. Er bekommt die Illusion, sein Leben könne ohne Bilanz geführt werden, als sei Moral ein Rechenfehler, den man an ein Stück Leinwand delegiert.

Wilde ist dabei kein Moralist im Talar, eher ein Ästhet mit Skalpell. Er schneidet den schönen Schein auf, bis darunter die feuchte Anatomie der Eitelkeit sichtbar wird. Dorian ist nicht bloß „verführt“, er ist empfänglich, und diese Empfänglichkeit ist sein eigentlicher Makel: ein Selbst, das sich nur im Spiegel der Bewunderung erkennt. Aus dieser Leerstelle wächst jene grässliche Logik, die den Roman antreibt: Wenn Schönheit der höchste Wert ist, wird der Mensch zur bloßen Trägerfolie; Beziehungen werden zu Accessoires, Gefühle zu Dekoration. Dorians Grausamkeit ist deshalb so kalt, weil sie nicht einmal als Grausamkeit empfunden werden muss. Sie erscheint ihm als Stilfrage. Der Roman lässt einen spüren, wie leicht „Leben“ in „Kuratorenroutine“ kippt: das Sammeln von Eindrücken, das Jagen nach Sensationen, die kultivierte Gier nach dem nächsten ästhetischen Kick.

Lord Henry ist dabei der funkelnde Brandbeschleuniger. Seine Sätze sind so brillant gebaut, dass man beim Lesen manchmal ertappt, wie man ihnen zustimmt, noch bevor man merkt, wozu man gerade genickt hat. Wilde macht aus ihm eine Maschine für geistreiches Gift, ein Salon-Alchemist, der aus Zynismus Parfum destilliert. Gerade weil Henry selten handelt und vor allem spricht, wirkt er so modern: Er ist das Prinzip Einfluss als Unterhaltung, die Verführungskraft einer Haltung, die sich jederzeit aus der Verantwortung stehlen kann. Basil hingegen ist der Roman in seiner verletzlichen, vielleicht ehrlichsten Form: die Liebe, die sich als Bewunderung tarnt und doch mehr will als ein Objekt. In diesem Dreieck liegt Wildes eigentliche Präzision. Er schreibt nicht „Gut gegen Böse“, sondern zeigt, wie sich das Gute in Schwärmerei verausgabt, während das Böse sich als Charme verkleidet und das Opfer am Ende beides wird: Täter und Ausstellungsstück.

Dass „Dorian Gray“ oft im Schaufenster des Horrors steht, ist verständlich, aber ein wenig bequem. Der Schrecken kommt nicht aus dunklen Fluren, sondern aus hell erleuchteten Räumen, in denen man über Kunst und Tugend plaudert, während man Menschen ruiniert wie man ein Glas fallen lässt. Das Gemälde ist keine Spukattraktion, sondern ein buchstäbliches Gewissen, das nicht mehr wehtut, weil es ausgelagert wurde. Darin steckt eine Bosheit, die der Roman genial ausspielt: Wer die Konsequenzen nicht mehr spürt, verliert nicht nur Scham, sondern auch Wirklichkeitssinn. Dorian wird zur perfekt erhaltenen Oberfläche, hinter der alles fault. Und Wilde, der große Entertainer, lässt uns bei diesem Verfall nicht in düsterer Schwere versinken, sondern in einem Feuerwerk aus Dialog, Witz und glänzendem Stil. Genau das macht die Lektüre so gefährlich verführerisch: Man genießt, wie man sich entsetzt.

Am Ende bleibt für mich ein Urteil, das man dem Buch kaum hoch genug anrechnen kann: Es ist nicht bloß ein Roman über Eitelkeit, sondern über die Bankrotterklärung eines Lebens, das nur noch aus Wirkung besteht. Dorian ist die radikale Fantasie, keine Rechnung mehr zu bekommen, und zugleich die Strafe dafür, sie haben zu wollen. Wildes Kunst besteht darin, dass er die Moral nicht predigt, sondern ästhetisch zwingend macht: Man sieht das Verderben, man versteht es, und man ertappt sich dabei, wie man für einen Moment trotzdem mitgehen möchte. Ein Klassiker, ja, aber einer, der nicht ehrfürchtig im Museum hängt, sondern einem im eigenen Wohnzimmer den Spiegel so hinhält, dass man unwillkürlich wegschaut.

Oscar Wilde Das Bildnis des Dorian Gray Oscar Wilde Das Bildnis des Dorian Gray Reviewed by Darkybald on Donnerstag, Januar 22, 2026 Rating: 5

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