Wenn die Kraniche nach Süden ziehen von Lisa Ridzén

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen von Lisa Ridzén 

Titel des Buches
Seiten: 384
Verlag: btb
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3442762960
Kaufen: Amazon.de
Ein stilles Buch von unerbittlicher Wahrhaftigkeit
Bewertung: 7/10 ⭐

Inhalt:

Bo ist 89, und ihm läuft die Zeit davon. Andererseits ist Zeit wenigstens etwas, das er noch zur Genüge hat. Denn seit seine Frau in einem Pflegeheim für Demenzkranke lebt, sind Bos Tage viel zu lang. Sein Kontakt beschränkt sich auf seinen Hund Sixten und die täglichen Besuche vom Pflegedienst. Hans, sein Sohn, kommt dagegen nur selten vorbei und traut ihm vor allem gar nichts mehr zu. Jetzt will er ihm auch noch den Hund wegnehmen. Dabei braucht Bo seinen geliebten Vierbeinigen so dringend wie noch nie. Warum versteht das niemand? Der drohende Verlust seines Hundes bringt Bo dazu, die Schlüsselmomente seines Lebens zu überdenken. Wenn die Kraniche nach Süden ziehen ist ein brillant geschriebener, weltweit gefeierter Roman voller Witz und Wärme über das, was im Leben wichtig ist und uns mit Zuversicht erfüllt.

Review:

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen von Lisa Ridzén ist ein stilles, unerbittliches Buch. Es hebt nicht an, um den Leser zu verführen, sondern um ihn festzuhalten. Wer sich auf diese Geschichte einlässt, tut gut daran, sich innerlich zu rüsten, denn hier wird nichts beschönigt, nichts abgefedert. Alter erscheint nicht als milde Lebensphase, sondern als schleichender Entzug: von Würde, von Autonomie, von Selbstverständlichkeiten.

Im Zentrum steht ein Mann, dessen Körper sich von Tag zu Tag weiter zurückzieht, während sein Inneres wach, erinnerungssatt und empfindsam bleibt. Diese Diskrepanz ist der eigentliche Schmerzpunkt des Romans. Bo ist nicht dement, nicht entrückt, nicht abwesend. Er ist präsent, zu präsent vielleicht, um das eigene Verschwinden ertragen zu können. Die Welt um ihn herum jedoch beginnt, ihn bereits wie einen Abwesenden zu behandeln. Pflegekräfte, Protokolle, gut gemeinte Fürsorge und ein Sohn, der schützen will und dabei nimmt, was dem Vater Halt gibt. Ridzén beschreibt diese Konstellation mit großer Präzision: Das Böse tritt hier nie als Bösartigkeit auf, sondern als Rationalität ohne Zärtlichkeit.

Besonders eindringlich ist die innere Ansprache an die abwesende Ehefrau, die längst nicht mehr teilhat an dem gemeinsamen Leben. Dieses „Du“, das sich durch den Text zieht, ist kein literarischer Kunstgriff, sondern ein Überlebensmechanismus. Erinnerung wird hier zur letzten Form von Gegenwart. Gleichzeitig offenbart der Roman eine bittere Wahrheit über familiäre Beziehungen: Nähe entsteht nicht automatisch durch Verwandtschaft, sondern muss immer wieder neu errungen werden. Zwischen Vater und Sohn steht nicht nur die aktuelle Krise, sondern ein ganzes, nie ganz geklärtes Leben voller Versäumnisse und unausgesprochener Sätze.

Der Hund, um den sich der Konflikt zuspitzt, ist dabei weit mehr als ein sentimentales Accessoire. Er verkörpert das letzte Stück Selbstbestimmung, den letzten Beweis, dass Verantwortung und Liebe noch möglich sind. Die Frage, was Fürsorge wirklich bedeutet, wird hier nicht theoretisch verhandelt, sondern existenziell zugespitzt. Ist es menschlich, jemandem das zu nehmen, was ihm Sinn gibt, um ihn zu schützen? Oder ist genau das der Moment, in dem Schutz in Entmündigung kippt?

Dieses Buch ist keine tröstliche Lektüre, aber eine notwendige. Es zwingt dazu, über das eigene Altern nachzudenken, über die Eltern, über die Rolle des Kindes, über die eigene Fähigkeit, rechtzeitig zu sprechen, solange Sprache noch möglich ist. Das Ende ist konsequent und von einer stillen Schönheit, die nicht erlöst, aber aufrichtet. Wenn die Kraniche nach Süden ziehen ist ein Roman, der weh tut, weil er wahr ist, und der lange nachhallt, weil er den Mut hat, den Blick nicht abzuwenden.

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen von Lisa Ridzén Wenn die Kraniche nach Süden ziehen von Lisa Ridzén Reviewed by Darkybald on Dienstag, Januar 27, 2026 Rating: 5

Keine Kommentare