Wir haben keine Antimemetik-Abteilung von Sam Hughes
Wir haben keine Antimemetik-Abteilung von Sam Hughes
Was bleibt, wenn die Erinnerung verschwindet
Inhalt:
Willkommen in der Antimemetik-Abteilung!
Ein Antimeme ist eine Idee, die sich selbst zensiert – ein Gedanke, der von Natur aus verhindert, dass Menschen ihn mit anderen teilen wollen oder können. Passwörter zum Beispiel fallen ebenso darunter wie schmutzige Geheimnisse, komplexe mathematische Gleichungen, langweilige Geschichten, zufällige Zahlenkombinationen oder der Inhalt Ihrer Träume. Das sind normale Antimemes.
Anomale Antimemes hingegen sind eine ganze andere Sache. Wie behält man etwas unter Kontrolle, von dem man keine Aufzeichnungen erstellen und an das man sich nicht erinnern kann? Wie kämpft man gegen einen Feind, der sich so perfekt tarnt, dass man nicht einmal mitbekommt, dass man sich im Krieg befindet?
Um das herauszufinden, haben wir die Abteilung für Antimemetik.
Nein, das ist nicht Ihr erster Arbeitstag hier.
Review:
Es gibt Bücher, die man liest, und solche, die einen lesen. Wir haben keine Antimemetik-Abteilung gehört entschieden zur zweiten Kategorie. Sam Hughes legt hier kein wohltemperiertes Science-Fiction-Narrativ vor, sondern ein intellektuelles Minenfeld, das sich mit jeder Seite neu verlegt. Wer nach Orientierung sucht, wird sie verlieren; wer bereit ist, sie aufzugeben, gewinnt etwas Seltenes: das Gefühl, dass Literatur noch in der Lage ist, das Denken selbst anzugreifen.
Hughes’ zentrale Idee ist so schlicht wie beunruhigend: Was, wenn es Informationen gibt, die sich ihrer eigenen Wahrnehmung entziehen, Gedanken, die gelöscht werden, sobald sie gedacht werden? Aus diesem Gedanken spinnt der Autor ein Geflecht aus Fragmenten, Protokollen, Erinnerungslücken und erzählerischen Aussetzern. Das ist kein stilistischer Spleen, sondern Methode. Die Form sabotiert den Leser genauso wie der Inhalt. Man stolpert, vergisst, liest zurück, zweifelt an dem, was man gerade verstanden zu haben glaubt. Das Buch zwingt zur aktiven Mitarbeit, und es tut das mit einer fast sadistischen Konsequenz.
Besonders wirkungsvoll ist dabei, dass der Horror nicht primär aus Monstern oder Effekten entsteht, sondern aus Erkenntnis. Die eigentliche Bedrohung ist epistemologisch: Wenn Wissen selbst zum Feind wird, kollabiert jede Gewissheit. Hughes trifft damit einen Nerv unserer Zeit, in der Wirklichkeit zunehmend verhandelbar erscheint und Wahrnehmung zur manipulierbaren Ressource wird. Die Schrecken, die hier verhandelt werden, sind kosmisch, ja, aber sie sind vor allem zutiefst menschlich. Immer dann, wenn das Buch sich auf einzelne Figuren konzentriert, auf ihre Verwirrung, ihre Opfer, ihre verzweifelte Pflichterfüllung, gewinnt es eine emotionale Schärfe, die lange nachwirkt.
Gleichzeitig ist dieses Buch alles andere als makellos. Die Prosa wirkt stellenweise roh, manchmal ungezügelt, als hätte ein strenger Lektor gutgetan. Erklärpassagen häufen sich, Figuren bleiben Skizzen, und das große Finale überschreitet für manchen Leser womöglich die Grenze vom Kühnen zum Willkürlichen. Doch gerade diese Unordnung passt unheimlich gut zu einem Text, der von ausgelöschten Zusammenhängen und zerfallender Kohärenz handelt. Die Schwächen sind nicht immer entschuldbar, aber sie sind produktiv.
Am Ende bleibt ein Buch, das man nicht einfach zuklappt und beiseitelegt. Es nistet sich ein, arbeitet weiter, stellt Fragen, die sich nicht beantworten lassen, ohne neue Abgründe zu öffnen. Wir haben keine Antimemetik-Abteilung ist keine gefällige Lektüre, kein literarisch poliertes Schmuckstück. Es ist ein riskantes, forderndes, manchmal widerspenstiges Werk, das dort erfolgreich ist, wo es wehtut. Und genau deshalb ist es eines der klügsten und verstörendsten Science-Fiction-Bücher der letzten Jahre.












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