Die letzte Fahrt der Enora Time von Andreas Gruber

Die letzte Fahrt der Enora Time von Andreas Gruber

Die letzte Fahrt der Enora Time
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 336
Verlag: Goldmann Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3442497426
Kaufen: Amazon.de

Zwischen Sternenstaub und Zigarettenrauch

Bewertung: 6,5/10 ⭐

Inhalt:

Elf faszinierende Science-Fiction-Kurzgeschichten in attraktiver überarbeiteter Neuausgabe.August 2578. Das Raumschiff »Enora Time« ist zu seiner letzten Fahrt aufgebrochen, doch über das wahre Ziel ihrer Mission hat man die Crew im Dunkeln gelassen – und es übersteigt die Grenzen ihrer Vorstellungskraft. Wie so vieles in den Geschichten, mit denen Bestsellerautor Andreas Gruber in diesem faszinierenden Sammelband überrascht. Hier verschwinden Raumschiffe spurlos vom Radar, Menschen verschmelzen mit Computern, ein mysteriöses Autobahnmotel widersetzt sich aller Logik, ein Obdachloser am Würstelstand offenbart die Zukunft der Menschheit, und eine seltsame Firma aus dem Berlin des Jahres 1939 bietet Zeitreisen an – ohne Rücktrittsrecht ...

Review:

Manche Bücher sind wie alte Raumanzüge: Sie sitzen nicht mehr ganz perfekt, aber die Spuren, die sie tragen, erzählen von Abenteuern, die kein modernes Equipment je ersetzen könnte. Andreas Grubers Kurzgeschichtensammlung „Die letzte Fahrt der Enora Time", ursprünglich im Jahr 2001 erschienen und damals prompt mit dem Deutschen Phantastik-Preis ausgezeichnet, ist genau so ein Objekt: nostalgisch aufgeladen, handwerklich solide, und mit einem Charme begabt, der sich dem Zeitgeist beharrlich verweigert.

Gruber reist nicht in die Zukunft, er reist in eine bestimmte Vorstellung davon, jene nämlich, die sich in den Kinosälen und Taschenbüchern der 1970er und 80er Jahre sedimentiert hat. Wer hier auf das nervöse Flackern eines Black Mirror hofft, wird enttäuscht die Lektüre beiseitelegen. Wer aber bereit ist, sich auf Raumfahrerspelunken einzulassen, in denen noch geraucht wird, auf Roulette-Duelle auf fremden Planeten und auf KI-Konstrukte, die sich mit einer fast rührenden Direktheit gegen ihre Schöpfer auflehnen, der wird feststellen, dass Grubers Universum eine eigentümliche Gravitationskraft besitzt. Man gleitet hinein, bevor man es merkt.

Die elf Erzählungen entfalten eine bemerkenswerte thematische Bandbreite: Near-Future-Szenarien und galaktische Space-Operas, dystopische Schrecken und leise Liebesgeschichten, Zeitreiseparadoxa und formale Experimente mit Interviewprotokollen. Nicht alle dieser Schichten tragen gleich viel Gewicht. Einige Geschichten enden, kaum dass sie begonnen haben, andere, wie etwa „Rendezvous", dehnen sich über ihre erzählerische Substanz hinaus. Doch dann gibt es Perlen wie „Zeitreise Inc. – Wir korrigieren alles", eine Geschichte, die im Deutschland des Jahres 1939 spielt und die große Geschichte durch ein kleines, menschliches Schicksal bricht; der Ausgang überrascht, ohne zu täuschen. Oder „Das Planspiel", eine knapp gehaltene Kneipenvision mit einem allwissenden Obdachlosen, dessen Weltbild so beiläufig wie erschütternd serviert wird. Und schließlich „Joyce", eine Liebesgeschichte, die das Fantastische nicht erklärt, sondern einfach geschehen lässt. Eine Qualität, die zu selten ist.

Was den Band über das Mittelmaß hebt, ist weniger die Originalität der Einzelideen als die Persönlichkeit des Autors, die sich in kurzen Vorworten vor jeder Geschichte manifestiert. Gruber tritt als Erzähler hervor, der seine Einflüsse nicht versteckt, sondern benennt, diskutiert, reflektiert. Das schafft eine Intimität zwischen Schreibendem und Lesendem, die in der Science-Fiction eher selten anzutreffen ist. Man liest nicht nur seine Geschichten, man lernt den Mann dahinter kennen, was ihn auch dort sympathisch macht, wo die Geschichte selbst nicht ganz zündet.

„Die letzte Fahrt der Enora Time" ist kein revolutionäres Werk, und es will keines sein. Es ist das Buch eines Autors, der sein Handwerk beherrscht, der Figuren mit klaren Konturen zu zeichnen weiß und der das Kürzeste Format des Erzählens, die Kurzgeschichte, mit einem Gespür für unmittelbaren Einstieg und atmosphärische Dichte bedient. Die Sammlung macht Lust auf mehr: nicht auf eine Fortsetzung, sondern auf einen Roman. Grubers Science-Fiction-Universum verdient mehr Raum, als die Kurzform ihm zugestehen kann. Bis dahin ist dieser Band ein gepflegtes Intermezzo: aufgewärmt aus der Retorte einer schönen, vergangenen Zukunft, und dennoch mit echtem Herzschlag.

Die letzte Fahrt der Enora Time von Andreas Gruber Die letzte Fahrt der Enora Time von Andreas Gruber Reviewed by Darkybald on Freitag, September 11, 2026 Rating: 5

Keine Kommentare