Der abenteuerliche Simplicissimus von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen
Der abenteuerliche Simplicissimus von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen
Zwischen Barbarei und Bauernwitz: Ein Klassiker im Pulverdampf
Inhalt:
Der erste Schelmenroman der deutschen LiteraturInspiriert vom spanischen Schelmenroman à la »Don Quijote«, zum Bersten gefüllt mit Geschichten, Figuren und Schicksalen, »überauß lustig und männiglich nutzlich zu lesen«, hat Grimmelshausen den ersten deutschen Prosaroman von Weltrang geschaffen. Die Odyssee seines Helden Melchior Sternfels, genannt Simplicius, führt ihn hinaus in die Welt, durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges in zahlreiche Länder und wieder zurück in die Einsiedelei. Es ist ein Buch »von unwillkürlicher Großartigkeit, bunt, wild, roh, amüsant, verliebt und verlumpt, kochend vor Leben, mit Tod und Teufel auf Du und Du« (Thomas Mann).»Ein literarischer Paukenschlag« SRFZum 350. Todestag von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen»Lügen können Kriege in Bewegung setzen, Wahrheit hingegen kann ganze Armeen aufhalten.« aus Simplicissimus Teutsch»Kein größerer Schaden kann einer Nation zugefügt werden, als wenn man ihr den Nationalcharakter, die Eigenheit ihres Geistes und ihrer Sprache beraubt.« aus Simplicissimus Teutsch»Lieber ein Hofnarr – als Narren hofieren.« aus Simplicissimus Teutsch»Ein Nachtgespräch über Krieg und Frieden, Glauben und Geschäfte, Heimat und Fremde und über Liebe und Tod« Deutschlandfunk Kultur»Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch ist der berühmteste deutsche Roman der Barockzeit und ein Meilenstein der Literaturgeschichte. Er ist ein Kompendium barocken Weltwissens und barocker Weltanschauung und ein Lehrbuch für Verhaltensmuster in einer kriegerischen und hochreligiösen Zeit, in welcher Aberglaube noch mächtiger ist als aufgeklärter Rationalismus.« SRF»Einer der ersten Bestseller in deutscher Sprache« BR
Review:
„Der abenteuerliche Simplicissimus“ gehört zu den Klassikern, bei denen man schon nach wenigen Seiten merkt, dass das Etikett „Klassiker“ dem Buch eigentlich Unrecht tut. Das klingt nach ehrwürdigem Bildungsstoff. Grimmelshausens Roman dagegen ist schmutzig, brutal, grotesk, derb und erstaunlich lebendig. Hier wird geplündert, gemordet, gepredigt, betrogen und gefurzt, oft in erstaunlich enger Nachbarschaft.
Simplicissimus beginnt als beinahe vollkommen Ahnungsloser und gerät mitten in den Dreißigjährigen Krieg, also in eine Welt, in der Moral vor allem von denen beschworen wird, die gerade dabei sind, sie zu verletzen. Er wird Diener, Narr, Soldat, Abenteurer, Liebhaber, Betrüger und allerlei mehr. Eine klassische Entwicklung zum geläuterten Helden sollte man dabei nicht erwarten. Simplicissimus lernt viel über die Welt, aber erstaunlich wenig daraus. Selbst seine spätere Weltabkehr wirkt auf mich weniger wie Erkenntnis als wie die letzte Rolle eines Menschen, der sich sein ganzes Leben lang an neue Umstände angepasst hat.
Gerade das macht den Roman interessant. Grimmelshausen erzählt Krieg nicht als Bühne großer Feldherren, sondern als Zustand permanenter moralischer Verwahrlosung. Wer heute für die eine Seite kämpft, steht morgen eben auf der anderen. Religion liefert die Rechtfertigung, Macht den Anlass und Hunger häufig die eigentliche Motivation. Die Gewalt ist dabei nicht heroisch, sondern willkürlich und hässlich. Einige der Szenen aus dem verwüsteten Deutschland besitzen noch heute eine Wucht, die man manchem modernen historischen Roman wünschen würde.
Gleichzeitig weigert sich das Buch konsequent, ehrfürchtig zu sein. Auf Grausamkeiten folgen derbe Späße, auf religiöse Betrachtungen erotische Abenteuer, auf realistische Kriegsschilderungen Hexen und fantastische Wesen. Das kann großartig sein, weil diese wilde Mischung etwas von einer Welt vermittelt, die völlig aus den Fugen geraten ist. Es kann aber auch anstrengend werden. Die Handlung springt, mäandert und verliert gerade gegen Ende deutlich an Kraft. Nicht jede Episode hätte ich vermisst, wäre sie dem Rotstift zum Opfer gefallen.
Am stärksten fand ich „Simplicissimus“ immer dann, wenn der vermeintliche Narr die Vernünftigen vorführt. Besonders in religiösen Fragen reicht oft eine einfache Nachfrage, um die Selbstgewissheit der Gelehrten ziemlich lächerlich aussehen zu lassen. Grimmelshausens Skepsis gegenüber all jenen, die Gottes Wahrheit zufällig genau dort gefunden haben, wo sie selbst gerade stehen, ist eine der angenehmsten Bosheiten des Romans.
Leicht zu lesen ist dieses Buch trotzdem nicht. Es besitzt weder den Rhythmus noch die psychologische Geschlossenheit eines modernen Romans und verlangt Geduld. Wer sich darauf einlässt, bekommt allerdings weit mehr als ein literarhistorisches Museumsstück. Man bekommt ein chaotisches, komisches und bitteres Panorama einer Gesellschaft, in der die Zivilisation erstaunlich schnell zur dünnen Tapete über der Barbarei wird.
Ich habe „Der abenteuerliche Simplicissimus“ deshalb nicht durchgehend geliebt. Dafür ist er zu ausufernd und stellenweise zu ermüdend. Aber ich habe ihn mit deutlich mehr Respekt beendet, als ich ihn begonnen habe. Grimmelshausen erzählt den Dreißigjährigen Krieg nicht schön und auch nicht besonders ordentlich. Er erzählt ihn lebendig. Und vermutlich ist genau das der Grund, warum dieses merkwürdige, derbe Monstrum nach mehr als 350 Jahren noch immer funktioniert.













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