Immortal Truths – Unsterbliche Wahrheiten von Rachelle Raeta 🎧 Hörbuch
Immortal Truths – Unsterbliche Wahrheiten von Rachelle Raeta 🎧 Hörbuch
Die Ewigkeit ist lang, besonders in der Mitte
Handlung:
„Habe ich es dir nicht gesagt, Anna? Der Tod wird dich nicht holen.“Für Anna war das Leben stets ein Kampf. Gezeichnet von blassen Schatten auf ihrer Haut, die man für Lepra hielt, wurde sie verstoßen und lernte, allein zu überleben.Bis ein Akt der Güte gegenüber einem geheimnisvollen Fremden ihr Schicksal wendet – und sie die Unsterblichkeit erhält. Plötzlich kann ihr weder Zeit noch Verletzung etwas anhaben. Und Anna wagt es, von einem Leben zu träumen, das mehr ist als Überleben: ein Leben voller Möglichkeiten.Doch die Jahre werden zu Jahrzehnten, die Jahrzehnte zu Jahrhunderten. Jede neue Heimat entgleitet ihr wieder, jeder Mensch, der ihr etwas bedeutet, bleibt zurück. Nur einer nicht: Khiran, der gestaltwandelnde Gott, der ihr immer wieder begegnet – in anderen Formen, an anderen Orten, aber stets dann, wenn sie ihn am meisten braucht.Doch Unsterblichkeit hat ihren Preis. Und je weiter Anna durch die Jahrhunderte reist, desto deutlicher erkennt sie, was es wirklich bedeutet, ewig zu leben – und was es bedeutet, wirklich zu leben.
Review:
Unsterblichkeit klingt zunächst wie ein Hauptgewinn. In der Literatur erweist sie sich zuverlässig als schlecht verpackter Fluch. Anna erhält in „Immortal Truths – Unsterbliche Wahrheiten“ ewiges Leben und wandert fortan durch mehr als sieben Jahrhunderte europäischer Geschichte. Eine großartige Ausgangslage. Umso bedauerlicher, dass sich der Roman oft damit begnügt, sie lediglich vorzuführen.
Ich habe die im Argon Verlag erschienene Hörbuchfassung gehört, gelesen von Viola Müller. Ihre ruhige, einfühlsame Interpretation passt hervorragend zur melancholischen Grundstimmung des Romans. Sie verleiht Anna Wärme und Verletzlichkeit, kann aber naturgemäß auch nicht verhindern, dass sich manche Passagen so endlos anfühlen wie das Leben ihrer Protagonistin.
Der Beginn hat mich sofort gewonnen. Anna lebt im England des zwölften Jahrhunderts, wegen ihrer Vitiligo ausgegrenzt und von einer Gesellschaft verdächtigt, die jede sichtbare Abweichung gern dem Teufel in die Schuhe schiebt. Dann begegnet sie Khiran, einem geheimnisvollen Gestaltwandler, isst eine besondere Frucht und kann nicht mehr sterben. Das besitzt Märchendunkel, Tragik und jene melancholische Schönheit, aus der große Geschichten entstehen können.
Am stärksten ist der Roman für mich dort, wo er den Preis der Unsterblichkeit zeigt. Anna überlebt Freunde, Kinder, Geliebte, Städte und ganze Weltordnungen. Sie kann nirgends lange bleiben, ohne Verdacht zu erregen, und niemanden lieben, ohne dessen Tod bereits mitzudenken. Diese Einsamkeit ist eindringlich. Leider interessiert sich das Buch bald stärker für Annas Reiseroute als für ihre Seele.
Nahezu jedes Kapitel springt in eine andere Epoche. Anna arbeitet als Hebamme, Heilerin oder Pflegerin, erlebt Pest, Kriege und gesellschaftliche Umbrüche. Geschichte wird dabei jedoch weniger erfahren als pflichtbewusst abgehakt. Kaum hat ein Ort Konturen gewonnen, sind schon wieder Jahrzehnte vergangen. Das Ergebnis erinnert stellenweise an einen historischen Bildkalender: hübsch gestaltet, informativ beschriftet, emotional aber erstaunlich flach.
Noch schwerer wiegt, dass Anna trotz mehrerer Jahrhunderte kaum innere Entwicklung zeigt. Sie sammelt Wissen und Identitäten, bleibt in ihren Gedanken jedoch bemerkenswert statisch. Ihre Güte ist bewundernswert, aber dramaturgisch monoton. Wer achthundert Jahre lebt, sollte am Ende mehr gelernt haben, als dass Menschen grausam sein können und Liebe gefährlich ist.
Auch Khiran bleibt lange mehr Versprechen als Figur. Er soll geheimnisvoll, mächtig und tragisch sein, wirkt aber häufig wie ein Mann, der jede vernünftige Frage mit einem bedeutungsschweren Kalenderspruch beantwortet. Die Liebe zwischen ihm und Anna besitzt durchaus schöne Momente. Nur sind diese Momente so selten, dass man zwischendurch beinahe vergisst, auf welche große Romanze der Roman eigentlich hinauswill.
Erst im letzten Drittel gewinnt die Geschichte jene Spannung und emotionale Schärfe, die ich mir von Beginn an gewünscht hätte. Plötzlich werden Konflikte konkret, die Beziehung glaubwürdiger und die größeren Zusammenhänge sichtbar. Diese Schlussphase rettet viel. Sie kann jedoch nicht vollständig darüber hinwegtäuschen, dass der Weg dorthin über erstaunlich viele Jahrhunderte und erstaunlich wenig Handlung führt.
„Immortal Truths – Unsterbliche Wahrheiten“ ist schön geschrieben, melancholisch und voller guter Ideen. Viola Müller trägt mit ihrer sensiblen Lesung viel dazu bei, dass man Anna dennoch gern durch die Jahrhunderte begleitet. Doch der Roman besitzt mehr Atmosphäre als Tiefe, mehr Geschichte als Entwicklung und mehr Sehnsucht als überzeugende Liebe. In seiner endlosen Mitte habe ich die Unsterblichkeit erstmals als persönliche Drohung verstanden.
3 von 5 Sternen













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