Denial of Service von Aiki Mira
Denial of Service von Aiki Mira
Zukunft ohne Erläuterungen, aber mit Nachhall
Inhalt:
Vollautomatisiert, supersmart … und tödlich. Aiki Miras visionärer SF-Thriller über die Zukunft unserer Städte.
In Frankfurt am Main sind Dank der ersten Krypto-Milliardärin Deutschlands Polizei, Transport und Stadtverwaltung privatisiert. Ein künstliches neuronales Netzwerk unterstützt alle Institutionen und ist auch Teil des Hirn-Stadt-Interface: implantierte Chips, die eine intuitive Interaktion mit Gebäuden, Straßen und Transportsystemen der Stadt ermöglichen. Das KNN sorgt für ein reibungsloses Funktionieren der Infrastruktur und das größtmögliche Glück aller Bürger. Als es zu Problemen kommt und ein obdachloser Teenager stirbt, machen sich eine Coderin und ein Bot auf die Suche nach der Ursache für seinen Tod. Sie stoßen auf Ungeheuerliches, doch bevor sie irgend jemandem davon erzählen können, schaltet sich das Militär ein …
Review:
Denial of Service ist ein Roman, der nicht um Aufmerksamkeit bittet, sondern sie einfordert. Aiki Mira schreibt kein gefälliges Zukunftspanorama, sondern ein literarisches Störsignal. Wer dieses Buch aufschlägt, betritt kein bequem ausgeleuchtetes Szenario, sondern eine Stadt, die pulsiert, rauscht, knistert. Frankfurt erscheint hier nicht als Kulisse, sondern als Zustand: vernetzt, reguliert, optimiert bis zur Selbstvergessenheit. Alles funktioniert. Und genau das ist das Problem.
Mira interessiert sich weniger für Handlung im klassischen Sinn als für Reibung. Die Geschichte entfaltet sich fragmentarisch, in schnellen Schnitten, aus Perspektiven, die eher Antennen als Identifikationsangebote sind. Figuren tauchen auf, verschwinden wieder, bleiben bewusst unscharf, fast wie Avatare eines Systems, das Menschen nur noch als Datenpunkte kennt. Das kann distanzieren, ja. Aber diese Distanz ist kein Mangel, sondern Methode. Wer hier emotionale Nähe sucht, wird enttäuscht. Wer begreift, dass Entfremdung das eigentliche Thema ist, liest plötzlich ein sehr präzises Buch über Gegenwart, nicht Zukunft.
Sprachlich arbeitet Mira mit Rhythmus statt Ornament. Kurze Sätze, harte Übergänge, eine Prosa mit Beat. Man spürt, dass diese Stadt im Takt eines neuronalen Netzes atmet. Vieles wird nicht erklärt, manches nur angedeutet. Der Text vertraut darauf, dass Leserinnen und Leser mitdenken, Lücken füllen, Unbehagen aushalten. Das macht die Lektüre anspruchsvoll, gelegentlich sperrig, aber auch ungewöhnlich produktiv. Hier wird Science Fiction nicht als Technikschau betrieben, sondern als Denkraum, in dem Fragen wichtiger sind als Antworten. Kontrolle, Privatisierung, Verantwortung, Ethik werden nicht ausformuliert, sondern ins System eingespeist und sich selbst überlassen. Wie in der Stadt selbst.
Am Ende bleibt kein befriedigender Abschluss, sondern ein Nachhall. Denial of Service schließt nicht, es bricht ab, wie ein Signal, das plötzlich unterbrochen wird. Wer darin ein Versäumnis sieht, hat möglicherweise recht. Wer darin Konsequenz erkennt, ebenfalls. Dieses Buch will nicht gefallen, sondern wirken. Es ist keine Wohlfühllektüre und kein sauber gebautes Lehrstück, sondern ein literarischer Angriff auf unsere Vorstellung von Fortschritt. Aiki Mira liefert kein Meisterwerk im klassischen Sinn, aber einen der eigenwilligsten und relevantesten deutschsprachigen Science-Fiction-Romane der letzten Jahre. Ein Buch, das man nicht unbedingt liebt, das man aber ernst nehmen muss.












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