Der Tote mit dem Silberzeichen von Robert Galbraith
Der Tote mit dem Silberzeichen von Robert Galbraith
Zu viel Ballast, zu wenig Fokus
Inhalt:
Ein brutaler Mord und eine mysteriöse Freimaurerloge – Der hochspannende achte Kriminalroman von SPIEGEL-Bestsellerautor Robert Galbraith, dem Pseudonym von J. K. Rowling!
Im Tresorraum eines Silberhändlers wird eine verstümmelte Leiche gefunden. Die Polizei geht davon aus, dass es sich um einen verurteilten Einbrecher handelt. Doch Decima Mullins, die Privatdetektiv Comoran Strike um Hilfe bittet, ist überzeugt davon, dass es sich bei der Leiche um ihren Freund handelt, der unter mysteriösen Umständen verschwand. Je tiefer Strike und seine Geschäftspartnerin Robin Ellacott in den Fall eintauchen, desto undurchsichtiger wird er. Denn der Silberladen neben der Freemasons' Hall ist kein gewöhnliches Geschäft: Er hat sich auf Freimaurersilber spezialisiert. Und es werden noch weitere Männer vermisst, die auf das Profil der Leiche passen könnten. Neben dem komplizierten Fall steht Strike vor einem weiteren Dilemma. Robins Beziehung zu ihrem Freund Ryan scheint immer ernster zu werden. Doch Strikes Wunsch, ihr endlich seine Gefühle zu gestehen, ist größer denn je ...
Review:
Manchmal öffnet man einen neuen Band einer etablierten Reihe und spürt schon nach wenigen Seiten, dass etwas aus dem Takt geraten ist. Genau dieses Gefühl überkam mich bei Der Tote mit dem Silberzeichen, Rowlings jüngstem Strike-Roman unter dem Namen Robert Galbraith. Die Serie, sonst getragen von erzählerischer Souveränität und kriminalistischer Eleganz, wirkt hier seltsam schwerfällig, als müsse sie ihr eigenes Gewicht schleppen. Rowling, die in den besten Momenten dieser Reihe scharf zeichnende Figurenporträts mit labyrinthartigen Rätseln zu verweben weiß, lässt ihre Stärken diesmal nur in kurzen, flüchtigen Passagen aufblitzen – während der Rest des Romans ungewohnt knarrt.
Natürlich blitzt hier und da das alte Können auf. Rowling versteht es noch immer, London mit ein paar Federstrichen atmosphärisch zu verdichten, Dialoge mit trockenem Humor zu schärfen und die Schattenzonen der britischen Gesellschaft auszuleuchten. Doch diese Momente wirken in diesem Roman wie verstreute Inseln im Nebel, während der Rest der Handlung sich in einem wirren Archipel verliert. Die zentrale Ermittlungsarbeit, sonst das pulsierende Herz der Serie, entfaltet sich diesmal wie ein genealogisches Labyrinth, in dem jeder Verdacht neue Figuren gebiert, die kaum Profil gewinnen, bevor sie wieder im Dickicht versinken. Statt detektivischer Finesse entsteht ein Gefühl fortwährender Überforderung, als müsste man sich durch Karteikästen kämpfen, die jemand unbarmherzig durcheinandergeworfen hat.
Erschwerend kommt hinzu, dass das eigentliche Drama diesmal weniger im Kriminalfall als im Innenleben der Protagonisten spielt. Was in früheren Bänden als reizvolles emotionales Unterströmchen diente, wird hier zum breiten, schwerfälligen Strom aus selbstbetrügerischen Gedankenschleifen, Missverständnissen und psychologischer Stagnation. Robin, sonst eine der überzeugendsten Figuren der jüngeren Krimiliteratur, wirkt, als habe sie unterwegs ihren Kompass verloren. Strike wiederum verharrt in einem Zustand pubertärer Blockade, der seine professionelle Schärfe stumpf erscheinen lässt. Der berühmte „Slow Burn“ zwischen beiden gleicht eher einem Kaminfeuer, das ständig neu entfacht werden soll, aber nicht recht brennen will. Statt Spannung entsteht Seufzen.
Am Ende bleibt ein Roman, der weniger eine Weiterentwicklung als eine Wiederholung ist und zwar eine jener Wiederholungen, die nicht vertiefen, sondern ausfransen. Die Fülle der Andeutungen wirkt wie das Aufschieben eines eigentlichen Höhepunkts, den die Autorin offenbar für spätere Bände reserviert. Das ist legitim, aber literarisch unbefriedigend: Niemand liest 900 Seiten, um am Ende wieder am Ausgangspunkt zu stehen.
Und doch: Ganz abschreiben möchte ich die Serie nicht. Dazu sind die Figuren trotz aller Regression zu lebendig angelegt, ist die Welt, die Rowling erschaffen hat, zu reich, zu eigenwillig, zu voller erzählerischer Möglichkeiten. Der Tote mit dem Silberzeichen ist kein Totalschaden, aber ein deutlicher Warnhinweis. Ein Roman, der zeigt, wie sehr selbst eine erfolgreiche Reihe unter ihrem eigenen Gewicht einknicken kann, wenn sie den Mut zur Konzentration verliert. Hoffen wir, dass der nächste Band die Metallplatte wieder poliert, statt weiter daran zu kratzen.
Zum Hörbuch:
Erwähnt werden muss allerdings das Hörbuch, gesprochen von Dietmar Wunder, das dieser schwerfälligen Textmasse stellenweise eine zweite, erstaunlich tragfähige Ebene verleiht. Wunder, dessen Stimme sonst Leinwänden und Agenten eine unverwechselbare Gravität schenkt, erweist sich hier als eigentlicher Strukturgeber. Mit präziser Modulation, klarem Rhythmus und einem feinen Gespür für ironische Untertöne rettet er Szenen, die auf dem Papier zu zerfasern drohen. Wo der Roman sich verzettelt, hält sein Vortrag die Fäden zumindest hörbar zusammen. Besonders in den Dialogen verleiht Wunder den Figuren Kontur und Temperament, das der Text selbst nicht immer einlösen kann. Man ertappt sich dabei, wie man weniger der Geschichte als der Stimme folgt – ein ungewöhnliches, aber durchaus wirksames Leseerlebnis auf Umwegen. Dass man diesen Roman als Hörbuch eher durchhält als als Lektüre, ist kein Verdienst der Autorin, sondern eine eindrucksvolle Demonstration interpretatorischer Souveränität.












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