Qwert von Walter Moers
Qwert von Walter Moers
Helden wider Willen und andere zamonische Zumutungen.
Inhalt:
Nach einem Sturz durch ein Dimensionsloch erwacht Qwert, der Gallertprinz aus der 2364. Dimension, in der Parallelwelt Orméa. Irritiert stellt er fest, dass er im Körper und der Rüstung eines attraktiven Ritters steckt, den er aus Trivialromanen kennt: Prinz Kaltbluth. Kein Wunder also, dass er zunächst eine gefesselte Schönheit befreien muss, die von einem dreiköpfigen Ungeheuer bewacht wird. Mit Hilfe seines unsichtbaren Degens Tarnmeister gelingt die Befreiung – doch die Gerettete entpuppt sich als gefährliche Janusmeduse, die alles Leben mit ihrem bösen Blick in Stein verwandeln will. Von nun an hat Prinz Kaltbluth eine ritterliche Verpflichtung: Er muss Orméa von der entfesselten Meduse erlösen. Ungünstig nur, dass er sich gerade unsterblich in sie verliebt hat.
Walter Moers schickt uns auf eine rasante Reise durch eine wahnwitzige Welt, die aus nichts als Abenteuern, Spannung, Ritterromantik, dialoglustigem Humor und reiner Fabulierlust besteht. In diesem atemlosen Pageturner, wo nichts ist, wie es scheint, und immer alles anders kommt, als man denkt, kreuzen sich die abenteuerlichsten Ideen und Bilder unserer Kultur, von antiken Mythen und Ritterromanen bis zu Fantasyfilmen; von den Nibelungen und der griechischen Sagenwelt über Don Quichote und König Artus´ Tafelrunde bis hin zu Monty Python.
Review:
Walter Moers hat es wieder getan: Er lässt uns in eine Welt stürzen, die sich gleichermaßen wie ein alter Bekannter und wie ein anarchisch schillernder Neuzugang anfühlt. Qwert ist ein Roman, der sich nicht damit begnügt, an das große Zamonien-Panorama anzuknüpfen. Er will mehr. Er will die Statik des eigenen Universums aufbrechen und in einem literarischen Spiegelkabinett vorführen, wie viel Spaß Literatur machen kann, wenn sie sich selbst nicht zu ernst nimmt und gleichzeitig über sich hinauswächst.
Im Zentrum steht ein Held, der eigentlich keiner ist. Qwert Zuiopü, Gallertprinz und Dauerfreund des Blaubären, findet sich nach einem Dimensionssturz im Körper eines Ritters wieder, dessen Ruhm auf den feingepressten Seiten zamonischer Groschenhefte gedeiht. Dieser Identitätswechsel ist nicht nur ein erzählerischer Kniff, er wird zum Motor einer Handlung, die immer dann glänzt, wenn Qwert mit sanfter Verpeiltheit an den Ansprüchen scheitert, die man an einen strahlenden Helden stellt. Die Ventile dieser Komik öffnen sich beständig: Moers spielt mit Ritterromanzen, Heldensagen, antiken Mythen, popkulturellen Versatzstücken, ja sogar mit der Frage, ob eine Welt eigentlich jemanden braucht, der sie „erdacht“ hat. Jede Szene wirkt, als hätte Moers einen ganzen Bücherschrank geplündert, die Essenzen destilliert und daraus einen Zamonien-Likör gebrannt, der gleichermaßen berauscht und gelegentlich schwindlig macht.
Diese Überfülle ist Fluch und Segen. Die 43 Aventiuren rasen in hoher Frequenz vorüber, oft mit unverhohlenem Vergnügen am eigenen Erzählschwung. Das ergibt Momente purer Wunderbarkeit, etwa wenn rostige Gnome oder kristalline Skorpione auftreten oder wenn der unsichtbare Degen Tarnmeister seine Launen auslebt. Zugleich spürt man die Mechanik dieses rasanten Episodenbetriebs. Manchmal wirkt das romaninterne Trivialwelt-Setting wie eine raffinierte Ausrede, um sich hemmungslos von Abenteuer zu Abenteuer zu werfen, ohne sich allzu lange mit Übergängen aufzuhalten. Das kann man originell finden oder ein wenig bequem. Vermutlich ist es beides.
Am stärksten ist Qwert, wenn der Roman seine ironische Oberfläche perforiert und der eigentliche Kern freiliegt: die Tragikomik eines Helden, der in eine Rolle gepresst wird, die ihm nicht passt, und der ausgerechnet die Kreatur lieben lernt, die er vernichten soll. Diese Spannung zwischen Pflicht und Begehren trägt Moers mit leichter Hand, aber sie verleiht dem Buch eine Tiefe, die über das reine Abenteuerspiel hinausreicht. Die Liebesgeschichte zwischen Ritter wider Willen und Janusmeduse besitzt eine fast zärtliche Albernheit, die man zunächst belächelt und dann, zu seiner eigenen Überraschung, ernst nimmt.
Ich habe Qwert nicht nur gelesen, sondern auch als Hörbuch erlebt, gelesen von Andreas Fröhlich. Seine Stimme trifft den Ton dieses Romans mit bemerkenswerter Präzision. Der Sprachwitz, die verschachtelten Satzgirlanden und die unzähligen Kofferwörter entfalten im Vortrag eine zusätzliche Musikalität. Dialoge gewinnen an Tempo und Pointierung, groteske Einfälle an plastischer Präsenz. Fröhlich liest nicht vor, er inszeniert, ohne sich in den Vordergrund zu drängen, und macht hörbar, wie sehr dieser Text vom Rhythmus lebt.
Moers’ Sprache bleibt dabei das, was sie immer war: ein Fest aus Wortlust, Übertreibung und kontrollierter Maßlosigkeit. Nicht jede Idee sitzt perfekt, nicht jede Eskalation wirkt notwendig, aber selbst die Überfülle ist Teil des Konzepts. Wer Moers liest oder hört, sucht keinen Minimalismus, sondern ein literarisches Feuerwerk. Qwert liefert dieses Feuerwerk mit sichtbarer und hörbarer Freude.
Der Roman ist weder der neue Blaubär noch eine zweite Stadt der träumenden Bücher. Er ist ein Werk des heutigen Moers: verspielt, eruptiv, gelegentlich selbstverliebt, aber getragen von einer ungebrochenen Lust am Erzählen. Für langjährige Leser ist Qwert ein Wiedersehen mit vertrauten Motiven und Figuren, für Neueinsteiger ein Kaleidoskop, das neugierig macht. Und für alle, die sich darauf einlassen, eine Erinnerung daran, dass Fantasie dann am stärksten ist, wenn sie sich nicht zähmen lässt.












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