Die unendliche Geschichte von Michael Ende

Die unendliche Geschichte von Michael Ende

Die unendliche Geschichte
Erscheinungsjahr: 2019
Seiten: 480
Verlag: Thienemann
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3522202600
Kaufen: Amazon.de

Michael Endes gefährlich schönes Plädoyer für die Fantasie

Bewertung: 8/10 ⭐

Inhalt:

Bastian Balthasar Bux entdeckt in einer Buchhandlung ein geheimnisvolles Buch, „Die unendliche Geschichte“. Begeistert liest er von den Abenteuern des Helden Atréju und seinem gefährlichen Auftrag: Phantásien und seine Herrscherin, die Kindliche Kaiserin, zu retten. Zunächst nur Zuschauer, findet er sich unversehens selbst in Phantásien wieder. TU WAS DU WILLST lautet die Inschrift auf dem Symbol der unumschränkten Herrschaftsgewalt. Doch was dieser Satz in Wirklichkeit bedeutet, erfährt Bastian erst nach einer langen Suche. Denn seine wahre Aufgabe ist es nicht, Phantásien zu beherrschen, sondern wieder herauszufinden. Wie aber verlässt man ein Reich, das keine Grenzen hat?• Hochwertiges Hardcover mit Schutzumschlag• Zeitloser Jugendbuchklassiker• Perfekt für alle, die Fantasy, Abenteuer und fantastische Welten lieben

Review:

Michael Endes Die unendliche Geschichte gehört zu jenen Büchern, bei denen man fast automatisch davon ausgeht, sie irgendwann in der Kindheit aufgesogen zu haben, zwischen Bettdecke, Taschenlampe und verregneten Nachmittagen. Umso erstaunlicher war meine eigene Begegnung mit diesem Roman: Weder hatte ich ihn als Kind gelesen, noch je Wolfgang Petersens berühmte Verfilmung gesehen. Ich betrat Phantásien also vollkommen unvorbelastet, ohne nostalgischen Schutzschirm, ohne jene wohlige Rückversicherung früher Kindheitsgefühle, die viele Leser mit diesem Stoff verbinden. Vielleicht war genau das ein Vorteil. Denn so blieb nur der Text selbst und der muss erstaunlich viel leisten.

Er tut es zunächst mit beeindruckender Souveränität. Schon nach wenigen Seiten entwickelt der Roman jene eigentümliche Sogwirkung, die nur Bücher erzeugen können, die das Lesen selbst zum Thema machen. Bastian liest ein Buch, wir lesen mit ihm, und Michael Ende verschiebt die Grenzen zwischen Leser, Figur und Erzählung so elegant, dass man beinahe vergisst, wie raffiniert diese Konstruktion eigentlich ist. Das ist kein bloßes Fantasyabenteuer. Es ist ein Roman über die Macht von Geschichten, über die existenzielle Bedeutung von Fantasie in einer Welt, die zunehmend verlernt, innerlich zu sehen.

Dabei überrascht vor allem, wie wenig anbiedernd dieses Buch geschrieben ist. Die Sprache besitzt einen altmodischen, bisweilen fast feierlichen Klang. Manche Formulierungen wirken, als seien sie aus einer anderen literarischen Epoche herübergerettet worden. Das mag junge Leser gelegentlich fordern, manchmal vielleicht sogar überfordern. Doch gerade dieser leicht verstaubte Ton verleiht dem Roman seine merkwürdige Gravität. Phantásien klingt hier nicht geschniegelt und massenkompatibel, sondern tatsächlich wie ein Ort außerhalb der gewöhnlichen Welt.

Die erste Hälfte des Romans ist nahezu makellos komponiert. Das „Nichts“, das sich durch Phantásien frisst, gehört zu den stärksten Metaphern der modernen Kinderliteratur: die Auslöschung von Fantasie durch Gleichgültigkeit, innere Leere und den Verlust von Vorstellungskraft. Gerade als erwachsener Leser entfaltet diese Idee eine fast unangenehme Aktualität. Michael Ende schrieb kein harmloses Märchen, sondern eine erstaunlich präzise Kulturdiagnose.

Und dann geschieht etwas, das viele Leser irritiert: Der Roman verweigert sich dem klassischen Abenteuerbogen. Statt auf einen großen finalen Triumph zuzusteuern, beginnt das Buch nach seinem eigentlichen Höhepunkt noch einmal neu. Die Erzählung wird ausufernder, philosophischer, mitunter sogar anstrengend. Bastian gerät zunehmend in den Mittelpunkt und mit ihm all die unangenehmen Seiten menschlicher Sehnsucht. Eitelkeit, Machtfantasien, Selbstverleugnung. Plötzlich wird aus der märchenhaften Rettungsgeschichte eine psychologische Studie über Identität.

Genau darin liegt allerdings die eigentliche literarische Größe dieses Romans. Ende interessiert sich nicht für eskapistische Fantasie als hübsche Fluchtmöglichkeit. Er zeigt vielmehr, wie gefährlich Fantasie werden kann, wenn sie nur noch der Selbsttäuschung dient. Bastian verliert sich in seinen Wünschen, weil er nie gelernt hat, sich selbst anzunehmen. Sein Weg durch Phantásien ist deshalb weniger eine Heldenreise als eine schmerzhafte Suche nach innerer Wahrhaftigkeit.

Freilich bezahlt der Roman diesen Anspruch mit erzählerischer Disziplin. Manche Passagen der zweiten Hälfte wirken zu lang, zu verspielt, fast selbstvergessen. Hier entsteht tatsächlich der Eindruck einer Geschichte, die ihren eigenen Titel allzu wörtlich nimmt. Doch selbst in ihren ausschweifenden Momenten bleibt diese Erzählung faszinierend, weil sie sich konsequent weigert, einfach nur gefällig zu sein.

Vielleicht war es sogar ein Glück, dieses Buch erst als Erwachsener gelesen zu haben. Ohne nostalgische Verklärung tritt deutlicher hervor, wie ungewöhnlich radikal Michael Ende eigentlich schreibt. Die unendliche Geschichte ist kein Kinderbuch, das Erwachsene zufällig mitlesen können. Es ist ein literarischer Grenzgänger zwischen Märchen, Philosophie und psychologischem Roman. Und möglicherweise ist genau das der Grund, weshalb dieses Buch bis heute weiterlebt: weil es seine Leser nicht bloß unterhalten, sondern verändern will.

Die unendliche Geschichte von Michael Ende Die unendliche Geschichte von Michael Ende Reviewed by Darkybald on Dienstag, Juni 09, 2026 Rating: 5

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