Panenka von Rónán Hession
Panenka von Rónán Hession
Rónán Hessions stille Verteidigung der Hoffnung
Inhalt:
Über Verletzlichkeit, Vergebung, kleine Glücksmomente und zweite Chancen.Vor 25 Jahren durfte Joseph beim FC Seneca den Elfmeter schießen – und traf direkt in die Arme des gegnerischen Torwarts. Von da an gewinnt sein Heimatverein nie wieder. Panenka, wie er seit dem Vorfall spöttisch genannt wird, ist zum Außenseiter im lokalen Pub, sogar zum Sündenbock der ganzen Stadt geworden, was ihm unerträgliche Kopfschmerzen bereit – nicht nur im übertragenen Sinne. Einzig die Beziehung zu seiner Tochter, die nach einer Trennung bei ihm eingezogen ist, und seinem 7-jährigen Enkel Arthur geben ihm Trost. Dann trifft Panenka die sanftmütige Esther. Die neue Besitzerin des Friseursalons sieht seine Verletzungen, denn auch sie wurde vom Leben enttäuscht. Zaghaft entwickelt sich zwischen ihnen eine Freundschaft, durch die es Esther gelingt, einige von Panenkas selbst auferlegten Mauern niederzureißen.
Review:
Fußball interessiert mich ungefähr so sehr wie die Tabellenstände der dritten norwegischen Handballliga. Und doch gibt es Bücher, die einen dazu bringen, sich plötzlich für Dinge zu interessieren, die außerhalb der eigenen Erfahrungswelt liegen. Panenka ist so ein Buch. Nicht, weil Rónán Hession die Faszination des Sports erklären würde, sondern weil er etwas viel Universelleres verhandelt: die lähmende Macht eines Fehlers und die Frage, wie lange ein Mensch sich selbst dafür bestrafen darf.
Joseph, von allen nur noch „Panenka“ genannt, lebt seit einem verschossenen Elfmeter im Schatten seines eigenen Versagens. Was mich an dieser Figur besonders beeindruckt hat, ist die erschreckende Plausibilität, mit der Hession zeigt, wie Menschen ihr gesamtes Leben um eine einzige Niederlage herum organisieren können. Natürlich denkt man als Leser gelegentlich: Nun rede doch endlich mit deiner Tochter. Öffne dich. Erkläre dich. Aber genau darin liegt die Wahrheit dieser Figur. Wir alle kennen Menschen, die lieber jahrzehntelang schweigen, als sich der Möglichkeit einer erneuten Verletzung auszusetzen. Vielleicht erkennen wir dabei sogar etwas von uns selbst.
Was ich an Panenka besonders schätze, ist seine Weigerung, aus Schmerz ein Spektakel zu machen. Hession interessiert sich nicht für große Enthüllungen oder künstlich herbeigeführte Dramatik. Er schreibt über Friseurbesuche, Gespräche in Kneipen, gemeinsame Mahlzeiten und die unbeholfenen Versuche, Nähe wieder zuzulassen. Das klingt auf dem Papier unerquicklich. Tatsächlich liegt genau darin die Stärke dieses Romans. Hession besitzt ein bemerkenswertes Gespür für die Würde des Alltäglichen. Er betrachtet seine Figuren mit einer Sanftheit, die niemals in Sentimentalität umschlägt.
Allerdings hat mich das Buch nicht durchgehend überzeugt. Gerade gegen Ende hatte ich das Gefühl, dass manche emotionalen Entwicklungen etwas mehr Raum verdient hätten. Einige Gespräche wirken erstaunlich ausgefeilt für Menschen, die ihr halbes Leben damit verbracht haben, Dinge unausgesprochen zu lassen. Ich hätte mir stellenweise mehr Reibung, mehr Unordnung gewünscht. Das Leben löst sich schließlich selten in wohlformulierten Erkenntnissen auf.
Und dennoch hat mich Panenka auf eine Weise berührt, die ich nicht erwartet hatte. Vielleicht gerade deshalb, weil Hession seinen Figuren keine Wunder schenkt. Niemand wird ein anderer Mensch. Alte Wunden verschwinden nicht plötzlich. Stattdessen zeigt er, dass Hoffnung oft in kleinen Entscheidungen liegt: in einem ehrlichen Satz, einem Anruf, dem Mut, jemanden an der eigenen Angst vorbeizulassen.
In einer Zeit, in der Literatur häufig entweder auf maximale Erschütterung oder maximale Ironie setzt, wirkt Panenka beinahe altmodisch. Und ich meine das als Kompliment. Dieses Buch glaubt an die Möglichkeit von Versöhnung, ohne die Realität menschlicher Schwächen auszublenden. Es erinnert daran, dass die meisten Menschen keine Helden sind, sondern schlicht versuchen, mit den Fehlern weiterzuleben, die sie gemacht haben.
Ich habe Panenka nicht wegen des Fußballs ins Herz geschlossen. Ich habe es ins Herz geschlossen, weil es von Menschen erzählt, die sich selbst längst aufgegeben haben und dennoch lernen, dass Liebe nicht Perfektion voraussetzt. Vielleicht ist das keine spektakuläre Erkenntnis. Aber manchmal sind die leisesten Wahrheiten die, die am längsten nachhallen.













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