The shadow of what was lost von James Islington
The shadow of what was lost von James Islington
Zwischen Schicksal und Zeitbruch: Wie James Islington der klassischen Fantasy neues Leben einhaucht
Inhalt:
„Eine erzählerische Sicherheit, die für ein Debüt selten ist ... Fans von Robert Jordan und Brandon Sanderson werden viel Bewundernswertes finden“ GuardianWENN DAS SCHICKSAL RUFT, BEGINNT EINE REISEEs sind zwanzig Jahre vergangen, seit die gottgleichen Auguren gestürzt und getötet wurden. Nun werden diejenigen, die ihnen einst dienten – die Begabten – nur verschont, weil sie die Vier Prinzipien der Rebellion, die ihre eigenen Kräfte stark einschränken, akzeptiert haben.Als junger Begabter leidet Davian unter den Folgen eines Krieges, der verloren war, noch bevor er geboren wurde. Er und andere wie er werden verachtet. Aber als Davian entdeckt, dass er die verbotenen Kräfte der Auguren besitzt, setzt er eine Kette von Ereignissen in Gang, die alles verändern wird.Im Westen wacht ein junger Mann, dessen Schicksal mit Davians verbunden ist, im Wald auf, bedeckt mit Blut und ohne jede Erinnerung daran, wer er ist...Und im fernen Norden beginnt ein uralter Feind, der längst besiegt geglaubt war, sich zu regen.
Review:
James Islington betritt mit „The Shadow of What Was Lost“ ein Terrain, das eigentlich längst vermint sein müsste. Die großen Gebirge der epischen Fantasy scheinen seit Jahrzehnten kartografiert: Robert Jordan hat die Kontinente vermessen, Brandon Sanderson die Magiesysteme industrialisiert, Patrick Rothfuss die poetische Selbstinszenierung perfektioniert. Und doch gelingt Islington etwas Überraschendes: Er schreibt keinen bloßen Nachruf auf die klassische High Fantasy, sondern ihre Frischzellenkur.
Der Roman beginnt zunächst mit vertrauten Versatzstücken. Ein junger Außenseiter, eine Akademie, verbotene Kräfte, drohende Dunkelheit am Horizont. Man könnte an dieser Stelle bereits innerlich seufzen und sich auf den nächsten „Auserwählten“-Parcours einstellen. Doch Islington zieht dem Leser relativ früh den Boden unter den Füßen weg. Aus der scheinbar geradlinigen Coming-of-Age-Erzählung entwickelt sich ein raffinierter Mechanismus aus Erinnerung, Manipulation, Zeitparadoxien und moralischer Ungewissheit. Die Handlung windet sich wie eine Spirale immer enger zusammen, und gerade wenn man glaubt, das Muster erkannt zu haben, öffnet sich die nächste Falltür.
Bemerkenswert ist dabei weniger die schiere Komplexität als die Kontrolle, mit der Islington sie organisiert. Viele Fantasyromane verwechseln Umfang mit Tiefe. Hier hingegen entsteht das Gefühl, dass hinter jeder Enthüllung tatsächlich ein Plan steht. Informationen werden präzise dosiert, nie wahllos ausgeschüttet. Das erzeugt einen beinahe süchtig machenden Lesesog. Man liest nicht, um zu erfahren, was passiert. Man liest, um zu verstehen, was überhaupt real ist.
Besonders stark wird der Roman dort, wo er seine Figuren nicht als Spielfiguren der Handlung missbraucht, sondern als emotionale Orientierungspunkte nutzt. Davian, Asha, Wirr und vor allem der rätselhafte Caeden tragen jeweils eigene Wahrheiten in sich. Gerade Caeden gehört zu jener Sorte Fantasyfigur, die man nicht mehr loswird: ein Mann ohne Erinnerung, aber mit einer Vergangenheit, die wie ein drohendes Gewitter über jeder Szene hängt. Seine Kapitel besitzen jene seltene Mischung aus Melancholie und Bedrohung, die aus Fantasy plötzlich Literatur macht.
Dabei bleibt Islington erstaunlich zugänglich. Wo andere Autoren ihre Welten hinter Bergen aus Exposition verstecken, entfaltet sich diese Welt organisch. Die Magie wirkt durchdacht, ohne steril zu werden. Die Geschichte der untergegangenen Auguren und die politischen Spannungen des Kontinents verleihen dem Roman Gewicht, ohne den Leser unter Lore-Schutt zu begraben. Das ist vielleicht die größte Stärke des Buches: Es respektiert die Intelligenz seiner Leser, ohne sie permanent prüfen zu wollen.
Natürlich ist nicht alles makellos. Die Dialoge neigen gelegentlich zu einer merkwürdigen Förmlichkeit, als hätten selbst Menschen auf der Flucht noch Zeit für höfliche Verwaltungsrhetorik. Manche Formulierungen wiederholen sich auffällig, und sprachlich erreicht Islington noch nicht die Eleganz jener Autoren, mit denen er oft verglichen wird. Aber gerade darin liegt auch eine gewisse Ehrlichkeit dieses Debüts. Der Roman will nicht durch stilistische Artistik beeindrucken, sondern durch narrative Wucht. Und das gelingt ihm eindrucksvoll.
Interessant ist außerdem, wie sehr sich „The Shadow of What Was Lost“ gegen den gegenwärtigen Zynismus vieler Fantasyreihen stemmt. Trotz Verrat, Krieg und moralischer Grauzonen bleibt hier ein Kern von Hoffnung erhalten. Freundschaft, Loyalität und Vertrauen sind keine naiven Relikte, sondern zentrale Kräfte der Geschichte. Das verleiht dem Roman eine fast altmodische Wärme, ohne ihn jemals harmlos wirken zu lassen.
Am Ende bleibt vor allem eines zurück: dieser gefährliche Hunger nach Antworten. Islington versteht die hohe Kunst des Cliffhangers nicht als billigen Schockeffekt, sondern als intellektuelle Verführung. Man klappt das Buch zu und hat sofort das Gefühl, dass die eigentliche Geschichte gerade erst begonnen hat.
Für ein Debüt ist das fast unverschämt souverän. „The Shadow of What Was Lost“ ist keine Revolution der Fantasyliteratur. Aber ein Roman muss das auch nicht sein. Es genügt manchmal völlig, ein altes Genre plötzlich wieder lebendig wirken zu lassen. Genau das gelingt James Islington.













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