Zwei Väter von John Niven
Zwei Väter von John Niven
Zwei Männer, zwei Klassen, ein gemeinsamer Schmerz
Inhalt:
Zwei Väter aus verschiedenen Welten, die für ihre Söhne nur das Beste wollen - SPIEGEL-Bestseller-Autor John Niven mit einem grandiosen neuen RomanZwei Väter auf einer überfüllten Entbindungsstation in Glasgow: Hier treffen Dan, prominenter Fernsehautor, der zum ersten Mal Vater geworden ist, und Jada, Kleinkrimineller mit fünf (oder sind es inzwischen schon sechs?!) Kindern aufeinander. Ihre Leben könnten nicht unterschiedlicher sein. Während Dan vom literarischen Durchbruch träumt, plant Jada seinen letzten kriminellen Coup, um sich danach zur Ruhe zu setzen. Durch eine dramatische Wendung des Schicksals kreuzen sich die Lebenswege der beiden Männer immer wieder – und plötzlich werden sie fast so etwas wie Verbündete. Mit schwarzem Humor und gleichzeitig großer emotionaler Tiefe erzählt John Niven von Vaterschaft, Männlichkeit, Klassenunterschieden und Verlust. »Zwei Väter« ist ein scharfsichtiger, beißend komischer Gesellschaftsroman über zwei Männer, die alles verlieren müssen, um sich selbst zu finden.
Review:
John Niven hat ein Talent, das in der Gegenwartsliteratur selten geworden ist: Er kann Figuren erschaffen, die man nicht mögen muss, um ihnen gebannt zu folgen. In „Zwei Väter“ stellt er zwei Männer nebeneinander, die zunächst wirken, als stammten sie nicht nur aus verschiedenen Milieus, sondern aus verschiedenen moralischen Klimazonen. Dan, arrivierter Fernsehmensch aus dem wohlhabenden Glasgow, spätberufener Vater mit kontrolliertem Leben und teuer gepolsterter Zukunft. Jada, Kleinkrimineller, Drogenkonsument, Gewalttäter, Mehrfachvater mit der Verlässlichkeit eines kaputten Feuerzeugs. Zwei Männer also, die im wirklichen Leben vermutlich höchstens im Krankenhausflur aneinander vorbeigesehen hätten. Niven zwingt sie in eine Nähe, die nicht sentimental ist, sondern schmerzhaft, hässlich, manchmal grotesk komisch.
Das Buch beginnt als rabenschwarze Vaterschaftskomödie und entpuppt sich bald als Untersuchung darüber, was Elternschaft mit Menschen macht, die ohnehin schon Risse haben. Niven interessiert sich nicht für das dekorative Vaterglück, nicht für die Instagramvariante des ersten Kindes, sondern für die Panik dahinter: die Angst, zu versagen, die Unmöglichkeit, Kontrolle über das Leben eines anderen Menschen zu besitzen, und die schlichte Zumutung, plötzlich für jemanden verantwortlich zu sein, obwohl man sich selbst kaum zusammenhält. Dass er dabei tatsächlich komisch ist, gehört zu seinen größten Stärken. Der Witz ist hier kein Zuckerüberzug, sondern ein Skalpell. Er schneidet tiefer, gerade weil man lacht.
Besonders stark ist „Zwei Väter“, wenn Niven die soziale Distanz zwischen Dan und Jada nicht als moralische Rechenaufgabe behandelt. Dan ist nicht einfach der Gute, weil er liebt, plant und besitzt. Jada ist nicht einfach der Schlechte, weil er flucht, prügelt, säuft und sich durch ein Leben bewegt, das längst vor ihm verwahrlost ist. Niven zeigt vielmehr, wie Herkunft nicht entschuldigt, aber erklärt; wie Armut nicht automatisch adelt und Wohlstand nicht automatisch verdirbt; wie sehr der Zufall der Geburt darüber entscheidet, ob ein Mensch später Optionen oder nur Reflexe hat. In solchen Momenten gewinnt der Roman eine Härte, die nicht aus Schocklust besteht, sondern aus Genauigkeit.
Glasgow ist dabei nicht bloß Kulisse, sondern Resonanzraum. Die Stadt vibriert in Sprache, Milieu und Körperlichkeit. Man spürt den Dreck unter den Fingernägeln ebenso wie die schallisolierten Räume der besseren Viertel. Niven schreibt mit einer Direktheit, die manche Leser als derb, überdreht oder schlicht zu vulgär empfinden werden. Tatsächlich ist die Sprache stellenweise so grob, dass sie nicht mehr nur Charakterzeichnung ist, sondern auch Belastungsprobe. Wer literarische Zurückhaltung sucht, wird hier wenig Schonung finden. Wer aber begreift, dass Nivens Übermaß Methode hat, entdeckt darunter eine bemerkenswerte Empfindsamkeit.
Nicht alles gelingt. Der Roman braucht eine Weile, bis seine eigentliche Wucht sichtbar wird; gerade Jadas Welt kann anfangs repetitiv wirken, als drehe sich das Buch zu lange im Kreis aus Drogen, Aggression und Elend. Auch das Ende wirkt im Verhältnis zur zuvor aufgebauten moralischen Unordnung etwas zu sauber gefaltet. Niven, der vorher so gnadenlos auf Ambivalenz setzt, gönnt seinem Stoff zuletzt eine Ordnung, die fast zu tröstlich erscheint. Als hätte jemand nach einem Faustkampf noch rasch die Möbel geradegerückt.
Und doch bleibt „Zwei Väter“ haften. Weil es ein Roman über Vaterschaft ist, der nicht in Rührung ersäuft. Weil er die Frage stellt, ob Liebe genügt, wenn die Welt ungerecht verteilt ist. Weil er zeigt, dass Schuld, Klasse, Trauer und Zärtlichkeit keine getrennten Schubladen sind, sondern in denselben Menschen wohnen können. John Niven schreibt hier weniger schrill als in manchen seiner früheren Bücher, geerdeter, trauriger, vielleicht auch reifer. „Zwei Väter“ ist kein makelloser Roman, aber ein mutiger: böse komisch, brutal verletzlich und dort am besten, wo er seinen Figuren nicht verzeiht, sie aber trotzdem nicht aufgibt.













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