Wir Kinder der offenen See von Virginia Tangvald
Wir Kinder der offenen See von Virginia Tangvald
Freiheit mit tödlichem Wellengang
Inhalt:
»Das großartige und schwindelerregende Debüt einer Tochter des Meeres, die sich endlich verankern kann: im festen Boden der Literatur.« ElleVirginia wird 1986 im Karibischen Meer geboren. Wie schon ihre Geschwister vor ihr erblickt sie das Licht der Welt an Bord der Artemis. Das Segelschiff ist der ganze Stolz ihres Vaters Peter Tangvald: Neun Jahre hat er daran gebaut und fährt nun mit seiner Familie von Hafen zu Hafen. Doch an seinem großen Freiheitstraum wird er schließlich zugrunde gehen: Vor der Insel Bonaire erleidet die Artemis Schiffbruch, Virginias Vater und Schwester kommen ums Leben. Ihr Bruder ist der einzige Überlebende – bis er später selbst auf hoher See verschwindet. Obwohl Virginia das Schiff schon als Zweijährige mit ihrer Mutter verließ, haben die Tragödie und das Leben auf See sie nie losgelassen. Wie kann sie dem Schatten ihres Vaters entkommen? Wie die eigene Herkunft zwischen den Weltmeeren fixieren? Eine unglaubliche Familiengeschichte von Freiheit um jeden Preis, eine bewegende Irrfahrt von Bonaire über Puerto Rico nach Paris – und eine Hommage an die Kraft des Erzählens.
Review:
Manche Familiengeschichten wirken wie sorgfältig komponierte Romane. Andere lesen sich wie Aktenordner voller Unglücke, deren Zufälligkeit so unwahrscheinlich erscheint, dass man an Fiktion glauben möchte. Wir Kinder der offenen See gehört zur zweiten Kategorie. Virginia Tangvald erzählt keine Abenteuergeschichte über ferne Ozeane und legendäre Segler. Sie schreibt über den langen Schatten eines Mannes, dessen Leben von Freiheit besessen war und dessen Umfeld den Preis dafür bezahlen musste.
Im Zentrum steht Per Tangvald, ein norwegischer Segler, der auf den Weltmeeren einen beinahe mythischen Ruf genoss. Doch je weiter die Autorin den Spuren ihres Vaters folgt, desto stärker zerbröckelt die romantische Vorstellung vom kompromisslosen Freigeist. Aus dem Helden der Seefahrergeschichten wird eine Figur von verstörender Ambivalenz: charismatisch, furchtlos und faszinierend, zugleich aber rücksichtslos gegenüber den Menschen, die ihm am nächsten standen. Der Ozean erscheint dabei nicht als Ort der Freiheit, sondern als Bühne eines Lebensentwurfs, der jede Grenze verachtete, selbst die zwischen Mut und Verantwortungslosigkeit.
Was dieses Buch von einer bloßen Familienchronik unterscheidet, ist die Frage, die unter jeder Seite vibriert: Wie viel eines Menschen lebt in seinen Kindern weiter, selbst wenn sie ihn kaum gekannt haben? Tangvald untersucht nicht nur die Biografie ihres Vaters, sondern auch die eigenen inneren Bruchlinien. Ihre Recherche wird zu einer Art Selbstvermessung. Die Toten, die Vermissten, die Zurückgelassenen bilden dabei kein Rätsel, das gelöst werden soll, sondern ein Erbe, das verstanden werden möchte.
Besonders gelungen ist die Art, wie das Buch den Begriff der Freiheit demontiert. Was zunächst nach grenzenloser Unabhängigkeit klingt, offenbart sich zunehmend als zerstörerische Obsession. Die Autorin nähert sich dieser Erkenntnis ohne moralischen Zeigefinger. Sie urteilt nicht, sondern beobachtet. Gerade dadurch entfaltet die Geschichte ihre Wirkung. Der Leser wird gezwungen, selbst Stellung zu beziehen: Bewundert man diesen Mann für seinen Mut oder verurteilt man ihn für die Verwüstungen, die er hinterließ? Die Antwort bleibt unbequem.
Literarisch bewegt sich das Buch allerdings nicht immer auf demselben hohen Niveau wie seine Geschichte. Es lebt stärker von der Wucht der Ereignisse als von sprachlichen Kunststücken. Manche Passagen besitzen die Sogkraft eines Thrillers, andere wirken eher wie Stationen einer dokumentarischen Spurensuche. Wer eine stilistische Meisterleistung erwartet, könnte gelegentlich Distanz verspüren. Wer jedoch bereit ist, sich auf die emotionale Wahrheit dieser Suche einzulassen, wird davon kaum gestört werden.
Am Ende bleibt weniger die Geschichte eines legendären Seefahrers als die einer Tochter, die sich weigert, von den Gespenstern ihrer Herkunft beherrscht zu werden. Wir Kinder der offenen See ist ein Buch über Verlust, Identität und die gefährliche Verführung radikaler Freiheit. Es hinterlässt keine wohlige Wärme, sondern ein leichtes Frösteln. Genau deshalb bleibt es im Gedächtnis.













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