Adriatica von Massimo Gezzi

Adriatica von Massimo Gezzi

Adriatica
Erscheinungsjahr: 2026
Seiten: 200
Verlag: nonsolo Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3947767366
Kaufen: Amazon.de

Zwei Gestrandete am Ufer der Nacht

Bewertung: 6/10 ⭐

Inhalt:

Emilie und Tullio treffen zufällig an der Strandpromenade aufeinander. Zwei Generationen, zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten: eine wütende junge Frau voller Träume, die aufbegehrt gegen ihr Umfeld, und ein fast Siebzigjähriger, der sein ungelebtes Leben Revue passieren lässt. Doch ihre tiefe Einsamkeit verbindet sie. Ihre Begegnung findet in einer imaginären Stadt an der adriatischen Küste statt, die beispielhaft ist für das Lebensgefühl in der italienischen Provinz.

Review:

Die Adria kennt keine Gnade, wenn sich die Nacht über kaputte Existenzen legt, und in Massimo Gezzis Debütroman "Adriatica" wird das Meer selbst zum heimlichen Hauptdarsteller, während zwei Menschen am Rand ihres Lebens aneinander vorbei und doch ineinander finden.

Neunzehn ist Emilie, und sie hat für sich längst entschieden, dass sie eine Verliererin ist. Die Mutter hält mit Härte nicht hinterm Berg, der Vater ist kriminell geworden, und als die beste Freundin Giada ihr eigenes Geheimnis offenbart, zerbricht die letzte verlässliche Bindung in einer einzigen Mainacht am Hafen. Tullio dagegen ist über sechzig, raucht gegen jeden ärztlichen Rat seit seinem Schlaganfall und trauert einer Liebe nach, die Cinzia hieß und längst zur Reliquie geworden ist. Zwei Uhrwerke, aus der Zeit gefallen, begegnen sich auf der Hafenpromenade jener fiktiven Küstenstadt, die dem Buch seinen Titel gibt, und reden, bis der Morgen graut.

Gezzi verzichtet auf jede dramaturgische Volte und baut stattdessen auf das leise Nebeneinander zweier Monologe, die sich langsam zum Dialog verdichten. Das ist redlich gemacht, streckenweise anrührend, fast filmisch in seiner Konzentration auf einen nächtlichen Schauplatz, doch dieses Verfahren hat seinen Preis. Wo das Rauschen der Adria als Resonanzraum für Einsamkeit und Erinnerung funktioniert, gerät der Roman zu stiller, dichter Meditation. Wo er sich mit der bloßen Behauptung von Gefühl begnügt, kippt die Meditation ins Klischee, und man wartet vergeblich auf eine Wendung, die dieses Kammerspiel aus seiner Vorhersehbarkeit befreien könnte.

Vor allem das Ende bleibt halbherzig, als hätte der Autor sich nicht entscheiden können, ob er Trost spenden oder Ratlosigkeit stehen lassen will, und lässt mehr Fäden offen, als man einem so schmalen Buch zumuten sollte. Wer freilich lieber Stimmungen als Handlung liest, findet in "Adriatica" eine kleine, melancholische Volte, die noch lange nachklingt wie eine ferne Brandung.

Mein Urteil: ein achtbares, atmosphärisch überzeugendes Debüt, das seine Ambition zur leisen Prosa nicht durchweg in erzählerische Substanz übersetzt. Solide drei von fünf Muscheln.

Adriatica von Massimo Gezzi Adriatica von Massimo Gezzi Reviewed by Darkybald on Dienstag, Juli 14, 2026 Rating: 5

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