Moby-Dick von Herman Melville
Moby-Dick von Herman Melville
Der große Roman, der sich hartnäckig gegen seine Leser wehrt
Inhalt:
“Call me Ishmael”On the vast, unpredictable oceans, Captain Ahab of the whaling vessel “Pequod” is a man possessed. Haunted by the loss of his leg to the elusive white whale who claimed it, Ahab's thirst for revenge knows no bounds. Heedless of any consequences, he and his crew pursue his ghostlike nemesis: Moby Dick. Herman Melville's classic tale is a thrilling maritime adventure novel as well as a powerful allegory on the untamable essence of nature and fate.»Better to sleep with a sober cannibal than a drunk Christian ...« IshmaelMoby Dick gilt als das Meisterwerk der amerikanischen Literatur»Think not, is my eleventh commandment; and sleep when you can, is my twelfth.« Captain Ahab
Review:
Klassiker haben einen unfairen Vorteil: Ihr Rang steht meist schon fest, bevor man die erste Seite aufschlägt. Herman Melvilles Moby-Dick gehört zu jenen Büchern, denen der Ruf Jahrzehnte voraussegelt. Gelesen habe ich den Roman im englischen Original, und gerade dort offenbart sich seine eigentliche Natur. Melville schreibt nicht einfach Englisch. Er schreibt eine Sprache, die halb Bibel, halb Shakespeare und halb nautisches Fachlexikon ist. Dass diese Rechnung mathematisch nicht aufgeht, ist durchaus symptomatisch für dieses Buch.
Der eigentliche Roman wäre nämlich grandios. Ein von Hass zerfressener Kapitän jagt den weißen Wal, der ihm einst ein Bein nahm, und macht seine Mannschaft zur Geisel einer Obsession, die längst jede Vernunft verschlungen hat. Ahab zählt zu den großen Monomanen der Weltliteratur, ein Mann, der das Universum zwingend als persönliche Beleidigung missversteht. Der Wal hingegen bleibt wohltuend frei von jeder Symbolik, die ihm sein Verfolger aufbürdet. Moby Dick ist kein Dämon. Er ist ein Wal. Die eigentliche Bestie dieses Romans trägt einen Holzschaft als Bein.
Melville besitzt die seltene Gabe, Sätze zu schreiben, die einen förmlich vom Stuhl heben. Dann entfaltet seine Prosa eine biblische Wucht, die bis heute ihresgleichen sucht. Plötzlich scheint das Meer selbst zu sprechen, und man versteht, weshalb Generationen von Schriftstellern dieses Buch ehrfürchtig verehrten. In solchen Momenten ist Moby-Dick kein Roman mehr, sondern Literatur im denkbar größten Maßstab.
Leider verwechselt Melville Größe allzu häufig mit Umfang.
Zwischen diese sprachlichen Sternstunden schiebt er seitenlange Abhandlungen über Harpunen, Walarten, Tauwerk, Tranverarbeitung und die Anatomie von Pottwalen. Nicht als beiläufige Ausschmückung, sondern mit der Ausdauer eines Dozenten, der fest entschlossen ist, seine Vorlesung bis zur letzten Fußnote zu halten. Man liest irgendwann nicht mehr einen Roman, sondern ein schwimmendes Handbuch des Walfangs. Dass diese Exkurse symbolisch aufgeladen sind und philosophische Funktionen erfüllen, steht außer Frage. Dass sie den Lesefluss regelmäßig kielholen, allerdings ebenso.
Gerade im englischen Original wird diese Ambivalenz besonders deutlich. Die archaische Sprachgewalt entfaltet dort eine Faszination, die jede Übersetzung zwangsläufig nur annähernd einfangen kann. Gleichzeitig trifft einen die schiere Dichte der nautischen Terminologie mit ungebremster Wucht. Mehr als einmal hatte ich den Eindruck, weniger Leser als unfreiwilliger Lehrling auf der Pequod zu sein.
Erstaunlich modern wirkt dagegen Ishmaels Beziehung zu Queequeg. Ihre Freundschaft besitzt eine Wärme und Selbstverständlichkeit, die einem Roman von 1851 überraschend gut zu Gesicht steht. Überhaupt ist Melvilles Blick auf Herkunft, Religion und kulturelle Unterschiede oft differenzierter, als man es von einem Werk dieses Alters erwarten würde. Hier zeigt sich ein Autor, der seiner Zeit gelegentlich weit voraus war.
Moby-Dick ist deshalb eines jener seltenen Bücher, die man gleichzeitig bewundern und verfluchen kann. Seine literarische Bedeutung ist völlig verdient. Sein Einfluss auf die Weltliteratur, die Popkultur und unser Verständnis von Besessenheit lässt sich kaum überschätzen. Als Leseerlebnis bleibt der Roman jedoch ein widerspenstiger Koloss. Wer ihn ausschließlich nach seinem Unterhaltungswert beurteilt, wird vermutlich kapitulieren. Wer bereit ist, sich auf seine Eigenwilligkeit einzulassen, entdeckt ein Werk von ungeheurer geistiger Kraft, das sich allerdings immer wieder selbst im Weg steht.
Moby-Dick ist kein Roman, den ich jedem Leser bedenkenlos empfehlen würde. Wohl aber einer, den jeder leidenschaftliche Leser zumindest einmal bezwungen haben sollte. Nicht weil jede Seite Vergnügen bereitet, sondern weil nur wenige Bücher eindrucksvoller demonstrieren, wie schmal der Grat zwischen literarischem Genie und selbstverliebter Maßlosigkeit sein kann.













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