King Sorrow II von Joe Hill
King Sorrow II von Joe Hill
Das wahre Monster ist die Gewöhnung
Inhalt:
Mit seinen Romanen erobert Joe Hill regelmäßig die Spitze der internationalen BestsellerlistenJahr für Jahr fordert der mächtige Drache King Sorrow von Arthur Oakes, der inzwischen Professor für Englische Literatur ist, und seinen Freunden ein Menschenopfer. Die Folgen ihrer Wahl werden immer drastischer, immer mehr unschuldige Menschen kommen bei King Sorrows Beutezügen ums Leben. Arthur ist klar, dass sie den Drachen zurück in die Große Dunkelheit verbannen müssen. Doch einer seiner Freunde spielt ein falsches Spiel ...Der Originalroman »King Sorrow« erscheint auf Deutsch in zwei Teilen »King Sorrow 1« und »King Sorrow 2«.
Review:
Nach dem ersten Teil war ich gespannt, ob Joe Hill die enorme Fallhöhe seines Romans tatsächlich würde halten können. Solche Geschichten neigen dazu, sich in ihrem eigenen Anspruch zu verlieren. Umso erfreulicher war für mich, dass „King Sorrow II“ genau das nicht tut. Im Gegenteil: Erst hier entfaltet der Roman seine eigentliche Wucht.
Mich hat vor allem beeindruckt, wie konsequent Hill seine Grundidee zu Ende denkt. Der Drache ist längst nicht mehr das eigentliche Monster. King Sorrow bleibt zwar eine faszinierende, bedrohliche Figur, doch der wahre Schrecken entsteht dort, wo seine Beschwörer anfangen, mit seiner Existenz zu leben. Schuld wird zur Routine, moralische Grenzen verschieben sich beinahe unmerklich, und irgendwann diskutieren die Figuren nicht mehr darüber, ob etwas falsch ist, sondern nur noch darüber, wer den Preis bezahlen soll. Genau dort entwickelt der Roman seine größte Stärke.
Besonders gelungen finde ich, dass Hill seine Figuren nie zu bloßen Symbolen degradiert. Arthur und seine Freunde altern, scheitern, lieben, hassen und treffen Entscheidungen, die sich selten eindeutig bewerten lassen. Gerade Donna hat mich überrascht. Aus einer Figur, die zunächst fast klischeehaft wirkt, entwickelt Hill einen der komplexesten Charaktere des gesamten Romans. Diese Ambivalenz zieht sich durch das ganze Buch und macht es deutlich interessanter als viele Fantasyromane, die ihre Figuren vorschnell in Gut und Böse aufteilen.
Natürlich bleibt Hill ein Autor, der gern ausschweift. Auch im zweiten Teil hätte ich auf einige Umwege verzichten können. Manche Episoden wirken eher wie Demonstrationen erzählerischer Lust als erzählerischer Notwendigkeit. Gleichzeitig musste ich mir eingestehen, dass gerade diese Breite den Figuren erlaubt, glaubwürdig über Jahrzehnte hinweg zu wachsen. Vieles, was zunächst nebensächlich erscheint, gewinnt später überraschendes Gewicht.
Das Finale empfand ich als ausgesprochen gelungen. Hill setzt stärker auf Spektakel als zuvor, verliert dabei aber nie aus dem Blick, worum es eigentlich geht. Nicht der Kampf gegen den Drachen steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, was Macht, Schuld und Verantwortung aus Menschen machen. Genau deshalb funktioniert das Ende für mich nicht nur als spannender Abschluss, sondern auch als logische Konsequenz der gesamten Geschichte.
Bereits beim ersten Teil habe ich die Entscheidung kritisiert, den Roman für die deutsche Ausgabe künstlich in zwei Bände zu zerlegen. Nach der Lektüre des zweiten Teils bin ich davon noch überzeugter. „King Sorrow“ ist als ein großer Roman gedacht. Die Trennung unterbricht einen Erzählbogen, der gerade von seiner Langsamkeit und Unausweichlichkeit lebt.
Für mich ist „King Sorrow“ eines der ambitioniertesten Werke, die Joe Hill bislang geschrieben hat. Nicht jede Seite ist notwendig, nicht jede Episode trifft ins Schwarze. Doch die Mischung aus Fantasy, Horror und moralischem Roman besitzt eine gedankliche Tiefe, die im Genre selten geworden ist. Wer sich auf diese Reise einlässt, bekommt weit mehr als eine Geschichte über Drachen. Er bekommt einen Roman darüber, wie erschreckend leicht der Mensch lernt, mit dem Ungeheuer zu leben.













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