Die besten Geschichten von Thomas Mann
Die besten Geschichten von Thomas Mann
Die Kunst der kurzen Form
Inhalt:
Ausgewählte Erzählungen aus Thomas Manns vielschichtigem Œuvre - von den frühen Anfängen bis zum Gipfel seiner ErzählkunstWas Thomas Mann in dicke Romane gepackt hat, wusste er auch in kürzerer Form zu erzählen. Die sechs Geschichten in diesem Band bilden einen Querschnitt seiner großen Themenvielfalt und Sprachmagie: Von berührenden Kindheitsgeschichten wie »Unordnung und frühes Leid« (1925) über die Nöte von Außenseitern (»Der kleine Herr Friedemann«, 1897) und Künstlern (»Tonio Kröger«, 1903) bis hin zur zart ironischen Neufassung des biblischen Stoffes um Moses und die Zehn Gebote in »Das Gesetz« (1944). Außerdem enthalten sind die Erzählungen »Das Wunderkind« (1903) und »Mario und der Zauberer« (1930). Ausgewählte Prosatexte zum Kennenlernen.Neu zusammengestellt - nur bei AnacondaDer ideale Zugang zu einem der größten deutschsprachigen Autoren»Thomas Manns Werk gehört zum herausragenden Schatz deutscher Literatur.« Deutschlandfunk»Wer sich seine Werke wieder vornimmt, stellt verwundert fest, dass die Klischees, die sich über die Romane und Erzählungen angesammelt haben, mit dieser Literatur selbst wenig zu tun haben. Sie ist von satter, überraschender Gegenwärtigkeit.« Die Zeit»Thomas Mann genießt eine posthume Berühmtheit, an die heute weder Goethe noch Brecht, weder Ingeborg Bachmann noch Christa Wolf, weder Kleist noch Kafka heranreichen.« Die Zeit
Review:
Thomas Mann gilt vielen noch immer als Autor monumentaler Romane, deren Ruf ebenso ehrfurchtgebietend wie abschreckend ist. Dabei offenbart sich seine eigentliche Meisterschaft oft gerade dort, wo er sich beschränkt. Eine gute Erzählung zwingt einen Schriftsteller zur Präzision. Jeder Satz muss sitzen, jede Figur mit wenigen Strichen Kontur gewinnen. Kaum jemand beherrscht diese Kunst so souverän wie Thomas Mann. Der Anaconda Verlag versammelt in Die besten Geschichten sechs Texte aus unterschiedlichen Schaffensphasen und macht damit vor allem eines sichtbar: wie erstaunlich vielseitig dieser Autor tatsächlich war.
Den eindrucksvollsten Moment liefert für mich Mario und der Zauberer. Was zunächst wie eine harmlose Urlaubsschilderung beginnt, entwickelt sich beinahe unmerklich zu einer beklemmenden Studie über Macht, Verführung und die freiwillige Unterwerfung des Menschen. Mann schrieb die Erzählung lange bevor Europa endgültig in den Faschismus stürzte. Gerade deshalb wirkt sie heute beinahe unheimlich hellsichtig. Der Zauberer Cipolla ist keine bloße Figur, sondern die Verkörperung eines Mechanismus, der bis heute erschreckend aktuell geblieben ist: Charisma ersetzt Argumente, Demütigung wird zur Unterhaltung und die Masse applaudiert, obwohl sie längst ihre Freiheit eingebüßt hat.
Ganz anders, aber nicht weniger eindringlich, begegnet einem Der kleine Herr Friedemann. Mann erzählt hier keine große Tragödie, sondern die leise Zerstörung eines Menschen, der sein Leben mühsam um seine Verletzlichkeit herum organisiert hat. Friedemann glaubt, sich mit seiner Einsamkeit arrangiert zu haben. Erst die Begegnung mit einer Frau lässt diese fragile Ordnung zusammenbrechen. Ohne Sentimentalität und ohne moralische Belehrung beschreibt Mann, wie Sehnsucht einen Menschen zugleich beleben und vernichten kann. Gerade diese Zurückhaltung macht die Novelle so schmerzhaft.
Mit Das Gesetz überrascht Mann dann noch einmal auf ganz andere Weise. Seine Neuerzählung der Moses-Geschichte ist weder religiöse Nacherzählung noch historische Illustration. Sie ist eine faszinierende Reflexion darüber, wie Moral überhaupt entsteht. Mann interessiert sich weniger für göttliche Offenbarung als für die zivilisierende Kraft von Regeln. Die Zehn Gebote erscheinen hier nicht als starre Dogmen, sondern als Voraussetzung dafür, dass aus einer Horde von Individuen überhaupt erst eine Gesellschaft werden kann. Diese philosophische Tiefe entfaltet die Erzählung mit einer Eleganz, die nie belehrend wirkt.
Etwas stiller fällt Unordnung und frühes Leid aus. Vordergründig schildert Mann den Alltag einer bürgerlichen Familie während der Inflationsjahre der Weimarer Republik. Doch hinter den familiären Beobachtungen liegt eine Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs, deren Spannungen in jeder Szene spürbar bleiben. Gerade weil Mann auf große politische Gesten verzichtet, entsteht ein bemerkenswert feines Bild einer Epoche, die ihre Stabilität bereits verloren hat.
Fast heiter wirkt dagegen Das Wunderkind. Hier genügt Mann ein Klavierkonzert, um mit feinem Humor den gesamten Kulturbetrieb zu sezieren. Nicht das musikalische Genie steht im Mittelpunkt, sondern die Menschen, die es betrachten, bewundern und für ihre eigenen Bedürfnisse vereinnahmen. Mit wenigen Beobachtungen entlarvt Mann Eitelkeit, Bildungspathos und bürgerliche Selbstinszenierung. Die Erzählung besitzt eine Leichtigkeit, die man mit dem Autor oft gar nicht verbindet.
Über Tonio Kröger viele Worte zu verlieren, wäre an dieser Stelle überflüssig. Die Novelle gehört zu den bekanntesten Werken Thomas Manns und zählt für mich weiterhin zu seinen größten literarischen Leistungen. Wer meine ausführliche Besprechung bereits gelesen hat (Tonio Kröger und andere Erzählungen von Thomas Mann - GosuReviews), weiß, weshalb sie ihren festen Platz im Kanon der deutschsprachigen Literatur verdient.
Gerade diese Vielfalt macht den Reiz der Sammlung aus. Der Band springt mühelos zwischen psychologischer Studie, politischer Parabel, philosophischer Reflexion und feinsinniger Gesellschaftssatire. Natürlich erreichen nicht alle Texte dieselbe Wucht. Manche wirken eher wie literarische Skizzen als vollendete Meisterwerke. Doch selbst in seinen kleineren Arbeiten besitzt Mann eine sprachliche Präzision und intellektuelle Eleganz, an der viele Autoren mit deutlich umfangreicheren Romanen scheitern.
Wer Thomas Mann bislang nur als Verfasser einschüchternder Klassiker wahrgenommen hat, findet hier den vielleicht besten Einstieg in sein Werk. Und wer ihn bereits kennt, wird daran erinnert, dass seine eigentliche Größe nicht allein in monumentalen Romanen liegt, sondern in seiner Fähigkeit, auf wenigen Seiten ganze Welten zu entwerfen. Diese Sammlung ist deshalb weit mehr als eine beliebige Anthologie. Sie ist ein überzeugender Querschnitt durch das Schaffen eines Autors, dessen Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis auch ein Jahrhundert später kaum etwas von ihrer Schärfe verloren haben.













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